Schweigen und Demut

Pflichtbewusstsein und menschliche Fragilität

Rom, (ZENIT.org) Bruno Forte | 960 klicks

Msgr. Bruno Forte, Erzbischof von Chieti-Vasto (Abruzzen), hat in einem Leitartikel vom 12. Februar in der italienischen Tageszeitung Il Sole 24 Ore seine Gedanken über die Nachricht vom Rücktritt Papst Benedikts XVI. veröffentlicht.

[Wir veröffentlichen den Beitrag in eigener Übersetzung:]

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Tief bewegt habe ich die Nachricht vom Rücktritt Papst Benedikts XVI. als Bischof von Rom vernommen. Ich hatte die Freude, am letzten Donnerstag mit ihm am Ende der Audienz, die den zu einer Plenarsitzung versammelten Mitgliedern des Päpstlichen Rates der Kultur gewährt worden war, zu sprechen. Wie immer waren sein Gedächtnis ausgezeichnet und glänzend, sein Geist strahlend in dem nur kurzen Wortwechsel, den ich mit ihm hatte. Dennoch überraschte es mich nicht, den Ausdruck von Besorgnis einiger anwesender Kardinäle und Bischöfe aus verschiedenen Teilen der Welt zu vernehmen. Der Papst hatte uns den Eindruck körperlicher Zerbrechlichkeit vermittelt. Gerade in diesem Paradox liegt der Schlüssel zum Verständnis des angekündigten Rücktritts: auf der einen Seite das klare Bewusstsein um die eigenen Pflichten, die Verantwortung und die gewaltigen Herausforderungen, denen sich die Kirche in dieser sich so schnell ändernden Welt stellen muß; auf der anderen Seite die Wahrnehmung der physischen Schwächung, die in deutlichem Ungleichgewicht zu dem zu tragenden Gewicht erscheint.

Bewegend sind die Worte, mit denen der Papst folgendes äußerte:„Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe“, so erklärte Benedikt XVI. in einer Botschaft an die Kardinäle eines Heiligsprechungskonsistoriums, „bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr ausreichen, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben. Ich bin mir dessen sehr bewusst, dass dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger auch durch Leiden und durch Gebet. Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten bei mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.“

In dieser Äußerung tritt die Größe eines spirituellen Menschen hervor, der alles in der Wahrheit vor Gott betrachtet und am Ende wählt, was nach seinem Gewissen mehr mit dem zu erbringenden Dienst der Liebe übereinstimmt. Das klare Bewusstsein über die Aufgabe und das nicht minder klare Bewusstsein über das Nachlassen der körperlichen Kräfte vereinen sich in dieser Geste aus Liebe zu Christus und zur Kirche, deretwegen der Papst auf das Papstamt verzichtet und den Weg des betenden Schweigens und der beichtenden Demut wählt: „Was mich selbst betrifft, so möchte ich auch in Zukunft der Heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen.“

So tritt in dieser einfachen und feierlichen Geste, historisch wegen ihrer Bedeutung, auch wenn sie nicht einzigartig ist in der 2000-jährigen Geschichte der Katholischen Kirche, der wahre Geist der acht Jahre des Pontifikats zu Tage: die spirituelle Reform der Kirche, im Licht des absoluten Primats des Glaubens an Gott. Spontan kommt der Vergleich mit Coelestin V., dem heiligen Papst, auf, der auf den Stuhl Petri nach gerade einem Monat im Papstamt verzichtete, weil er glaubte, dem Volk Gottes besser mit dem Gebet und seinem Opfer dienen zu können.

Im Zeichen des Gehorsams und der Wahrheit, was ihm nur zur Ehre gereicht, stellte sich Papst Benedikt XVI. und lenkte die schmerzhaften Vorfälle sexuellen Missbrauchs, die bei einigen Mitgliedern des Klerus, vor allem in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vorkamen. Überzeugt von der Kraft des Wortes Jesu „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh. 8,32), wollte dieser Papst die absolute Wahrheit, vor allem zur Unterstützung der Opfer und dann, um den mutigen Weg der Reinigung und der Erneuerung zu beschreiten. Mit demselben Gottvertrauen verfolgte Papst Ratzinger entschieden das Verhältnis der besonderen Freundschaft zum jüdischen Volk, dessen Glaube die heilige Wurzel mit dem christlichen gemeinsam hat; ebenso verfolgte er den offenen und unbeschwerten Dialog mit den Universalreligionen, insbesondere mit dem Islam, in der Sicherheit, dass der einzige Gott die wahren Gläubigen auf den Weg des Friedens führe. Auf dem Gebiet der Ökumene herrscht Offenheit gegenüber den unterschiedlichen Konfessionen, auch durch die mutigen Vorschläge gegenüber den Anhängern Msgr. Lefebvres, wobei man auch hier in das Bedürfnis eines jeden wahren Gläubigen vertraute, Gott zu gefallen und nicht den jeweiligen weltlichen Vertretern.

Im Innern der Katholischen Kirche förderte der Papst die spirituelle Reform, die er mit der kontinuierlichen und tiefgehenden Lehre über die Notwendigkeit der Bekehrung der Herzen und der Erneuerung der Bräuche verfolgte, die unabdingbare Prämisse jeder möglichen strukturellen Reform. Die Reform, wie er als junger Professor geschrieben hatte, „besteht darin, einzig und vollständig der Brüderlichkeit Jesu Christi anzugehören… Erneuerung bedeutet, einfach zu werden, sich an jene wahre Einfachheit zu wenden… die im Grunde ein Echo der Einfachheit des einzigen Gottes ist. Das ist die wahre Erneuerung für uns Christen, für jeden von uns und die ganze Kirche“ (Das neue Volk Gottes – Il nuovo popolo di Dio, Brescia 1971, 301. 303).

Die wahre Reform, die von diesem Papst gewollt war, war die Bekehrung zum Evangelium, die einzige, die in der Lage ist, die Kirche zu einem glaubwürdigen Zeichen des Lichts und der Hoffnung für alle werden zu lassen. Die Anerkennung der Vorrangstellung Gottes, in Bekenntnis und Liebe, wird den neuen Frühling bringen, dessen das Volk Gottes und alle Menschen wahrhaft bedürfen. „Was wir vor allem in diesem Moment der Geschichte benötigen – sagte er, bevor er einige Wochen später Papst wurde – sind Menschen, die durch einen erleuchteten und gelebten Glauben Gott glaubwürdig machen in dieser Welt… Wir brauchen Menschen, die den Blick gerade auf Gott richten und von dort die wahre Menschlichkeit lernen. Wir brauchen Menschen, deren Verstand erleuchtet ist vom Licht Gottes und denen Gott das Herz öffnet, so dass sich ihr Verstand dem Verstand der anderen mitteilen und ihr Herz das Herz der anderen öffnen kann. Nur durch von Gott berührte Menschen kann Gott zu den Menschen zurückkehren“ (Subiaco, 1. April 2005).

Mit seinem Pontifikat und in besonderer Weise mit dieser demütigen und großen Geste des Verzichts aus Liebe zu Christus und zur Kirche hat Papst Benedikt XVI. gezeigt – jenseits jeglichen Unverständnisses – ein solcher Mensch zu sein. Und dank Menschen wie ihm, - wie er selbst vor 30 Tagen den Seminaristen von Rom sagte, - „ist der Baum der Kirche kein sterbender Baum, sondern ein Baum, der immer von neuem wächst.“