Schweizer Bischöfe zum Eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag 2007

Gott ist unter uns gegenwärtig

| 1078 klicks

FRIBOURG, 15. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Hirtenbrief, den die Schweizer Bischofskonferenz zum diesjährigen Eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag (15./16. September) verfasst hat. Das Schreiben soll während der Gottesdienste im Idealfall von drei Lektoren vorgetragen werden.


* * *
Gott ist unter uns gegenwärtig.
Die Jugendlichen sind unterwegs – mit IHM: «Freut euch!»

Für den Vortrag sind drei Lektoren/Lektorinnen vorgesehen

Erste Stimme


Einleitung

Liebe Brüder und Schwestern, am heutigen Dank-, Buss- und Bettag richten wir unser Augenmerk besonders auf die Jugendlichen. Warum das?

Viele stellen sich Fragen über die heutige Jugend, über deren Leben, über deren Zukunft. Viele haben Mühe, mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen und zu verstehen, was in ihnen vorgeht. Viele denken, dass die Jugendlichen Gott vergessen haben.

Wir möchten heute mit Ihnen über die Gewissheit sprechen, die in uns lebt und uns zuversichtlich stimmt: Gott ist unterwegs mit den Jugendlichen, und die Jugendlichen suchen IHN, heute vielleicht intensiver als in vergangenen Zeiten. Gott ist unterwegs mit den Jugendlichen, und die Jugendlichen sind unterwegs mit IHM. Was man auch immer sagen und denken mag: Die Jugendlichen haben Gott nicht vergessen. Das erfüllt uns mit Freude.

Die drei Gleichnisse, die wir eben gehört haben, bekräftigen uns in dieser Zuversicht. Gott begleitet den Menschen mit großer Aufmerksamkeit. Er hat Freude am Mensch, ganz besonders freut er sich, wenn der Mensch zu IHM kommt oder zu IHM zurückkommt. Gott freut sich, wenn er uns in seinem Namen versammelt sieht. Aber auch der Mensch wird mit Freude erfüllt, wenn er Gott entdeckt und sich mit IHM auf den Weg macht. Die Freude des Menschen ist das Echo auf die Freude Gottes. Die Freude der Jugendlichen ist ein Echo auf die Freude Gottes.

Wir möchten heute gemeinsam über drei Themen nachdenken, die uns besonders am Herzen liegen:
1. Die Situation der Jugendlichen in unserer Welt. 2. Die Suche der Jugendlichen nach Sinn: Sie suchen Gott, sie entdecken Gott. 3. Die Begleitung der Jugendlichen auf ihrem Weg: Sie liegt in der Verantwortung der Familie, der Gesellschaft, der Kirche.

Wir möchten mit unserem Hirtenbrief auch besonders euch ansprechen, liebe Jugendliche, und euch Mut machen. Deshalb werden wir uns wiederholt direkt an euch wenden, die ihr uns zuhört oder vielleicht lest.

1. Die aktuelle Situation der Jugendlichen in der Welt
Die Welt stellt uns viele Fragen, sie ist uns nicht gleichgültig. Auf der Welt-Bühne spielt der Mensch die Hauptrolle. Er hat tagtäglich seine Existenz zu bewältigen. Sein Leben pendelt zwischen glücklichen Stunden und schweren Schicksalsschlägen.

Wir denken an das Glück, das uns zuteil wird,
-- wenn eine intensive menschliche Beziehung entsteht,
-- wenn wir Hilfe erfahren, besonders in schwierigen Stunden, im Leiden,
-- wenn mit dankbarer Anerkennung die täglich geleistete Arbeit des Mitmenschen belohnt wird,
-- wenn wir mit freudigem Staunen ein neu geborenes Kind in die Arme nehmen,
-- wenn eine betagte Person im Frieden zu Gott heimkehren darf,
-- wenn der Mensch zu immer größerer innerer Einheit und Harmonie heranreift.

Wir denken an die Last, die wir zu tragen haben,
-- wenn wir Spannungen und Konflikte mit unseren Mitmenschen erleben,
-- wenn die Sorge um die Zukunft uns ängstigt und in die Depression treibt,
-- wenn wir Stress und Druck am Arbeitsplatz ausgesetzt sind,
-- wenn Unsicherheit und Gewalt im persönlichen Leben, in der Familie oder im Beruf uns quälen.

Die Jugendlichen stehen mitten drin in diesem hektischen und unruhigen Leben. Sie wissen oder ahnen, dass sie darin ihren Platz finden müssen; sie suchen ihren ganz persönlichen Weg, den Weg ihres eigenen Lebens.

Zweite Stimme (wenn möglich eine junge erwachsene Person)

Euch, liebe Jugendliche, stellen wir die Frage: Was denkt ihr über die Reaktion des jungen Menschen, von dem wir eben im Gleichnis vom verlorenen Sohn gehört haben: „Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen?“

Im täglichen Leben werdet ihr mit den Schwierigkeiten und Konflikten konfrontiert, von denen wir eben gesprochen haben. Eure eigenen Erfahrungen sagen euch, dass euch das Leben nicht schont. Wir wollen die Augen vor dieser Tatsache nicht verschließen. Wir ermuntern euch, euren Maßstab zu finden!

Lernt euren Maßstab zu finden. Habt den Mut, manchmal, vielleicht sogar oft gegen den Strom zu schwimmen

-- in einer Welt, die dem Gewinn nachjagt,
-- in einer Welt, wo Konkurrenz und Wettbewerb den Ton angeben,
-- in einer Welt, in der Macht und Besitz faszinieren.

Verschleudert nicht den Reichtum eures Herzens! Achtet auf die Worte unseres Papstes Benedikts XVI. Als er noch Kardinal war, schrieb er: „In der Tat liegt immer dieselbe Frage zugrunde: Wir erfahren eine Welt, die nicht so ist, dass sie einem guten Gott entspricht. Armut, Unterdrückung, Unrechtsherrschaft aller Art, das Leid der Gerechten und der Unschuldigen sind die Zeichen der Zeit – aller Zeit. Und jeder einzelne leidet, keiner kann einfach zu dieser Welt und zu seinem eigenen Leben sagen: Verweile doch, du bist so schön.“ (1)

Diese Analyse unseres Oberhirten rüttelt uns auf.

Ihr habt den Wert des Lebens erkannt. Ihr habt auch die Erfahrung gemacht, dass das Leben Forderungen stellt, dass es uns herausfordert. Diese Erkenntnis ist uns allen gemeinsam, darin wurzelt unsere tiefe Gemeinschaft.


Wir denken ganz besonders an euch, liebe Jugendliche, die ihr unter Mutlosigkeit, Vereinsamung, Hoffnungslosigkeit leidet. Ihr seid nicht allein. Der „verlorene Sohn“ des Evangeliums weckt unser Mitgefühl. Trotzdem möchten wir euch dazu ermutigen, es ihm nicht gleich zu tun; lasst euch nicht ins Elend gleiten.

Nicht nur ihr, auch wir möchten, dass ihr Frauen und Männer werdet, die grad stehen und aufrecht gehen dürfen in dieser Welt.

Erste Stimme

Liebe Brüder und Schwestern, wir sehen uns mit einer unausweichlichen Tatsache konfrontiert, über die es nachzudenken gilt: Unsere Jugendlichen leben mitten in dieser Welt. Sie wollen wissen, wer sie sind und wohin sie gehen. Unzählige junge Menschen sind auf der Suche nach Sinn. Sie finden Gott und machen ihren Lebensweg mit IHM.

2. Die Jugendlichen fragen nach dem Sinn. Sie suchen Gott und entdecken ihn

Der Mensch ist nicht ein Gegenstand. Er ist jemand, eine Person. Das ist eine Tatsache, die uns allen einleuchtet. Trotzdem müssen wir uns dieser Tatsache immer wieder neu bewusst werden. Viele menschliche Tragödien führen uns vor Augen, dass der Mensch oft wie ein Objekt behandelt wird. Welches auch immer seine Lebensgeschichte sein mag, der Mensch bleibt eine unveräußerliche Person, begabt mit der Fähigkeit zu denken und zu lieben, sich auszudrücken und zu handeln. Wenigstens einmal in seinem Leben stellt sich jeder Mensch die Frage: „Welches ist der Sinn meines Lebens?“

Sehr viele Jugendliche beschäftigen sich umso intensiver mit dieser Frage, als sie das Leben vor sich haben. Was ihnen ihre gegenwärtige Situation bietet, genügt nicht, um ihre Erwartungen zu erfüllen. Sie spüren im Grunde ihres Herzens Unzufriedenheit, Leere. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass diese jungen Menschen sich nicht mit dem Minimum, mit Oberflächlichem und Vergänglichem zufrieden geben.

In der Ansprache an seine Landsleute, die zu seiner Amtseinsetzung nach Rom gekommen waren, sagte Papst Benedikt XVI.: „Es ist gar nicht wahr, dass die Jugend vor allem an Konsum und an Genuss denkt. Es ist nicht wahr, dass sie materialistisch und egoistisch ist. Das Gegenteil ist wahr: Die Jugend will das Große. Sie will, dass dem Unrecht Einhalt geboten wird. Sie will, dass die Ungleichheit überwunden und allen ihr Anteil an den Gütern der Welt zuteil wird. Sie will, dass die Unterdrückten ihre Freiheit erhalten. Sie will das Große. Sie will das Gute. Und deswegen ist die Jugend – seid Ihr – auch wieder ganz offen für Christus.“ (2)

Zweite Stimme

Liebe Jugendliche,
Gott ist mit euch unterwegs. Ganz besonders ist er mit uns auf unserem Weg, wenn er das verlorene Schaf oder die verlorene Drachme sucht. Das bewegendste Beispiel seiner Weggemeinschaft mit uns ist sein Warten auf die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Mit welcher Freude sieht er ihn zurückkommen!

Ihr habt Gott nicht vergessen. Ihr seid mit IHM unterwegs. Er taucht nicht in eurem Leben auf wie ein Rettungsring. Er ist vielmehr die Antwort auf eure tiefe Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Als Jesus wegen seiner Rede über das Brot des Lebens mit seinen Zuhörern in Konflikt geriet und diese sich von ihm abwendeten, fragte er seine Jünger: „Wollt auch ihr gehen?“ Wie hat Petrus darauf reagiert? „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6,68)

In unvergesslicher Erinnerung bleibt uns das schweizerische Jugendtreffen vom 5.-6. Juni 2004 in Bern. Obwohl von seiner Krankheit schon schwer gezeichnet, liess es sich Papst Johannes Paul II. nicht nehmen, persönlich nach Bern zu reisen, um zu den Jugendlichen zu sprechen. Jeden einzelnen von euch meinte er, als er sagte: „Steh auf!“

„Dies sind nicht bloß Worte“, fuhr der Papst fort, „ Jesus selbst steht euch gegenüber, das Mensch gewordene Wort Gottes.


-- Er ist ‚das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet’ (Joh 1, 9),
-- Er ist ‚die Wahrheit, die uns frei macht’ (vgl. Joh 14, 6),
-- ‚das Leben, das uns der Vater in Fülle gibt’ (vgl. Joh 10, 10).“ (3)

Mit den Worten dieses großen Papstes unserer Zeit laden auch wir euch ein, Christus zu begegnen und mit IHM aufzubrechen auf eurem Lebensweg, täglich mit IHM zu gehen, denn ER geht mit uns.

Die Welt fasziniert, sie kann euch in ihren Bann ziehen. Je mehr sie das tut, umso größer ist die Herausforderung. Ihr kommt um die Entscheidung nicht herum, entweder ein Leben, das euch immer wieder neu mit Begeisterung zu erfüllen vermag, zu wählen oder aber ein langsames Sterben, den Tod. Wir alle sind der Gefahr ausgesetzt, in irgendeine Form der Sucht abzugleiten oder in die Gewaltanwendung, die verletzt oder gar tötet.

Ihr müsst zwischen Leben und Tod wählen. Gott ist das Leben. Wählt Gott, wählt das Leben!

Euch, liebe Jugendliche, die ihr gestrauchelt und gestürzt seid, ermuntern wir, wieder aufzustehen. Tut es dem jüngeren Sohn gleich, der in seinem Elend, in der Fremde in sich gekehrt ist und beschloss: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater zurückkehren.“ Und das Gleichnis fährt fort: “Er brach auf und ging zu seinem Vater.“

Welche Freude wartete auf ihn! Steht auf, liebe junge Menschen, die ihr auf der Suche nach Gott seid, geht mit IHM, jeden Tag eures Lebens. Welche Freude wartet auf euch! Es ist die Freude Gottes, des Vaters, der nicht müde wird, auf euch zu warten.


Erste Stimme

Diese Überlegungen führen uns vor Augen, wie dringend notwendig es ist, den Jugendlichen beizustehen, sie zu begleiten. Dies ist insbesondere der Auftrag der Familie, der Gesellschaft und der Kirche.

3. Die Begleitung der Jugendlichen: eine Aufgabe der Familie, der Gesellschaft und der Kirche

Dritte Stimme
(jemand, der in der Pfarrei oder in der Gemeinschaft engagiert ist)

Zuerst wenden wir uns an Sie, liebe Familien.

Ihre Aufgabe ist schwierig und anspruchsvoll, wir sind uns dessen bewusst. Es ist aber auch eine schöne und vornehme Aufgabe. Die Zeit, die Sie täglich mit Ihren Jugendlichen verbringen, um ihnen zuzuhören, mit ihnen zu sprechen, ist nicht verlorene Zeit. Die Geduld und das immer wieder erneute Verzeihen ist nicht verlorene Mühe.

Unser Appell richtet sich aber auch an die Gesellschaft, vor allem an diejenigen, die in der Politik und Wirtschaft, in der Erziehung und Wissenschaft Verantwortung tragen. Es ist von hoher Dringlichkeit, dass Sie den jungen Menschen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft und ganz besonders in der Berufs- und Arbeitswelt zu finden. Es ist unerlässlich dahin zu wirken, dass die Jugendlichen sich nicht ungerecht behandelt oder gar ausgeschlossen fühlen. Sie brauchen Ihr Vertrauen, um Fortschritte machen zu können. Haben Sie Vertrauen: Die jungen Menschen haben ein großzügiges und offenes Herz.

Schließlich richten wir uns an alle, die im Dienst der Kirche stehen, besonders an die Verantwortlichen der Jugendpastoral. Vergessen Sie nie, dass die Jugendarbeit ein ganz wichtiger, vielleicht sogar ein privilegierter Teil Ihrer Arbeit ist. Wir wissen, dass diese Aufgabe zeitaufwendig ist und viel Einsatz fordert. Der Weg, den Sie mit den jungen Menschen gehen, ist ein hoffnungsvoller Weg.

Den Pfarreien und denjenigen, die für deren Finanzen zuständig sind, den Verantwortlichen der Jugendzentren und der Jugendseelsorge rufen wir nochmals in Erinnerung: Das Zeugnis, das Sie durch Ihr Leben und Ihren Glauben ablegen, möge die Jugendlichen dazu führen, dem Leben zu vertrauen. Dieser Appell richtet sich ganz besonders an uns, die wir Verantwortung in der Kirche tragen.

Wir möchten es nicht unterlassen, Ihnen allen, die Sie in der Familie, in der Gesellschaft oder im kirchlichen Dienst mit und für unsere Jugendlichen arbeiten, unsere hohe Anerkennung und unseren tief empfundenen Dank auszudrücken.

Erste Stimme

Schluss

Gott ist unter uns gegenwärtig. Er ist mit unserer Jugend unterwegs. Die jungen Menschen suchen IHN. Sie entdecken IHN und gehen mit IHM ihren Weg. Das ist die Freude Gottes, das ist die Freude der Jugendlichen, das ist unsere Freude.

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Jugendliche, freuen wir uns! Machen wir die Worte des heiligen Augustinus, mit denen er die tiefe Sehnsucht des Menschen ausdrückt, zu unseren eigenen Worten: „Ruhelos ist unser Herz, bis dass es seine Ruhe findet in DIR.“ (4) Möge diese Hoffnung in unseren Herzen immer größer werden.

Bitten wir den Herrn um die Gnade seines Segens für uns alle und für unsere Jugendlichen und die Jugendlichen der ganzen Welt.

Die Schweizer Bischöfe


Anmerkungen
(1) J. Ratzinger, Glaube – Wahrheit - Toleranz. (Herder 2005 4, S. 93)
(2) Ansprache Benedikts XVI. an die deutschen Pilger, die zu seiner Amtseinsetzung nach Rom gekommen waren (25. April 2005)
(3) Johannes Paul II. Treffen mit den katholischen Jugendlichen der Schweiz vom 5.-6. Juni 2004. BEA EXPO. Ansprache zur Eröffnung, Punkt 2
(4) Aurelius Augustinus, Bekenntnisse 1.1.

[Von der Schweizer Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]