Schwester Emmanuelle, Mutter der Müllmenschen verstorben

Zionsschwester wäre am 15. November 100 Jahre alt geworden

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ROM, 20. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Die beim Volk als Schwester Emmanuelle von Kairo bekannte 99-jährige Ordensschwester von der Kongregation Unserer Lieben Frau vom Zion ist in der Nacht zum Montag in Callian im Altersheim ihres Ordens in Südfrankreich verstorben, teilte ihr Orden mit. Die Beisetzung werde im kleinsten Kreis stattfinden, wie die Nonne es gewünscht habe; in Paris werde es „demnächst" eine Trauerfeier für sie geben.

Die „Mutter der Müllmenschen“ von Kairo, Schwester Emmanuelle, hätte am 16. November ihr 100. Lebensjahr vollendet. Sr. Emmanuelle, Angehörige des Ordens von „Notre Dame de Sion“, hatte 1971, nach ihrer Pensionierung als Lehrerin, in den Slums von Kairo ein neues Leben begonnen.

Sie lebte dort mit den „Müllmenschen“, den zumeist koptischen Abfallsammlern und -verwertern der ägyptischen Hauptstadt, und baute mehrere „Sozialzentren“ mit Krankenhäusern und Schulen auf. Seit 1985 half sie auch im Sudan, seit 1987 im Libanon.

Sr. Emmanuelle wurde 1908 als Madeleine Cinquin, so ihr bürgerlicher Name, in Brüssel als Tochter einer belgischen Mutter und eines französischen Vaters geboren. Schon sehr früh wurde sie Waise. Mit 20 Jahren trat sie 1931 in die Ordensgemeinschaft „Notre Dame de Sion“ ein und nahm den Namen Schwester Emmanuelle an. Sie studierte französische Literatur, Philosophie und Theologie in Istanbul und an der Sorbonne in Paris.

Anschließend unterrichtete sie in den Schulen ihres Ordens in der Türkei, in Tunesien und Ägypten 40 Jahre Kinder vor allem begüterter Eltern. Ihr Apostolat begann mit Philosophie- und Literaturunterricht in der Türkei, Tunesien und Ägypten. 1971 beendete sie ihre Unterrichtstätigkeit und übersiedelte in die Müllsiedlung „Ezbeth-El-Nakhl“, in einen Ziegenstall, um dort das Leben der „Müllmenschen“ zu teilen.

Schwester Emmanuelle lebte während zwölf Jahren mit den Ärmsten der Not leidenden Bevölkerung Ägyptens, in einem armen Vorort von Kairo, zwischen Abfall- und Lumpensammlern. Diese leben am Rande der Gesellschaft und vom Abfall, den sie jeden Tag in der Stadt sammeln. Es ist eine furchtbare Barackensiedlung, in die sich kein Polizist hineintraut. An diesem Ort vereint sich all das Elend der Welt: Einheimische Krankheiten, Verbrechen, Unwissenheit und Aberglaube scheinen zusammenzukommen, um es zu einem Platz des Grauens und Verzweifelns zu machen.

Und dennoch ist dies der Ort, an dem Schwester Emmanuelle leben wollte, in Frieden mit sich selbst und mit ihren Nachbarn. In jedem sah sie das Bild des gütigen und barmherzigen Gottes. Und eines Tages entschied sich Schwester Emmanuelle, etwas Dauerhaftes zu schaffen, um dieser Gemeinschaft menschliche Würde zu verleihen.

Aus diesem Grund begann sie 1979 eine Welttournee, um ihre erste Million Dollar für ihre ägyptischen Schützlingen mit Hilfe der Organisationen zu sammeln, die in Frankreich, Belgien, der Schweiz und Österreich auf ihre Bitte hin entstanden sind. Seit damals wurde ihre Stimme von Tausenden von Spendern in Europa gehört, und ihre Erfolge in Ägypten, Sudan, Libanon, den Philippinen, Haiti und anderen Ländern waren bemerkenswert.

1993 kehrte sie auf Geheiß der Oberin nach Paris zurück, um ihre Gesundheit zu schonen. Ihre Bücher und Interviews spielen in der öffentlichen Meinung ihrer Heimat Frankreich bis heute eine nicht unbedeutende Rolle. Hier gehörte Schwester Emmanuelle seit vielen Jahren zu den beliebtesten Persönlichkeiten. Nur der Armenpriester Abbé Pierre und der Fußballer Zinedine Zidane waren ähnlich populär wie die „Mutter der Müllmenschen“. Filme und Bücher, die ihr Leben nachzeichnen, wurden Bestseller. Es gibt sogar Comic-Hefte, die bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen beliebt sind.

Was ist das Geheimnis dieser Frau, die mit dem blauen Waschkittel berühmt wurde? Schwester Sara, ihre Nachfolgerin in den Müllbergen Kairos, erklärt das so: „Sie liebt Gott, und sie liebt es, für die Menschen alles zu geben.“

Im Jahr 2002 empfing sie den Orden „Légion D´Honneur" der französischen Republik. Mit dieser Auszeichnung wollte ihre Heimat die Verdienste der Ordensfrau hervorheben, die sich 20 Jahre lang um die Ärmsten der Armen gekümmert habe, hieß es damals bei ZENIT. Das Dekret dieser Ehrung wurde am 1. Januar 2002 von Präsident Jacques Chirac unterzeichnet.

Ihre Mission wird heute von verschiedenen Hilfswerken weitergeführt. Die Schweizerische Vereinigung der Freunde von Schwester Emmanuelle (ASASE) ist als öffentliche Wohlfahrtsorganisation anerkannt, stützt sich nur auf Freiwilligenarbeit und ist keine religiöse Vereinigung. Gegründet wurde sie 1979, um Schwester Emmanuelles Arbeit in Kairos Slums zu unterstützen. Seit 1986 kümmert sich die Organisation fast nur noch um den Sudan, besonders um die Straßenkinder.

In den letzten Jahren ihres Lebens schrieb Schwester Emmanuelle einige Bücher mit autobiographischem Inhalt, aber auch, um ihre Botschaft zu vermitteln. Im Jahr 2005 erschien ihr Werk „Schwester Emmanuelle, Wofür es sich zu leben lohnt. Die Mutter der Müllmenschen von Kairo“, im Pattloch-Verlag.

Von ihrem Kloster aus, wo sie den Rest ihres Lebens im Gebet für ihre zahllosen Freunde rund um die Welt verbrachte, erhob sie mehr als einmal ihre Stimme, um besonders jene Menschen wachzurütteln, die einen guten Willen haben.

Von Angela Reddemann