Schwimmt gegen den Strom: Benedikt XVI. predigt vor 500.000 Jugendlichen

Papstgottesdienst in Loreto (Italien)

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LORETO, 3. September 2007 (ZENIT.org).- Die Begegnung der katholischen Jugend Italiens mit den Heiligen Vater fand gestern, Sonntag, in der Heiligen Messe auf der Ebene von Montroso bei Loreto ihren feierlichen Abschluss. Benedikt XVI. beendete damit auch die erste Etappe des dreijährigen Weges der „Agorá“ der italienischen Jugend. Die „Agorá“ („Marktplatz“) besteht in einem groß angelegten Erziehungs- und Missionsprogramm der italienischen Bischöfe, um das Christentum zum ersten und erstrangigen konkreten Bezugspunkt der Jugend in der modernen Gesellschaft zu machen.



Zu den 400.000 Jugendlichen, die den Heiligen Vater am Samstag zur Gebetsvigil begrüßt und anschließend auf dem Feld von Montroso übernachtet hatten, kamen am Sonntagmorgen weitere 100.000 junge Gläubige dazu. Der große Zustrom stellte die sorgfältige Organisation, bei der Polizei und Zivilschutz mitarbeiteten, auf eine harte Probe. Insgesamt gab es in 319 Fällen die Notwendigkeit, auf die ärztliche Unterstützung der mobilen Ambulanzen zurückzugreifen. Große Hitze und Überanstrengung führten zu kleineren Schwächanfällen. Ein 47-jähriger Mann erlitt einen Herzinfarkt.

Papst Benedikt XVI. rief die Jugend in seiner Predigt dazu auf, den Mut zu haben, gegen den Strom zu schwimmen. Die wahre Alternative sei der Weg der Demut. Nicht der Schein und auch nicht das Haben dürften im Mittelpunkt des Lebens stehen, sondern das Sein – das wahre Leben, das durch das Licht Christi erhellt werde.

Er sprach von dem Gottesgeschenk eines wahren Gnadentags, da die Feier der Eucharistie „im Schatten des Heiligen Hauses“ beziehungsweise beim „Heiligtum der Demut“ Gelegenheit biete, die Freude zu erfahren, dass sich alle „vor Gott, dem Richter aller, vor den Geistern der schon vollendeten Gerechten, einfinden.

Der Heilige Vater verwies auf Christus als den „Mittler des Neuen Bundes“, den Gott den Menschen angeboten hat. Dieser Bund sei endgültig und unwiderruflich und mit dem Blut seines eingeborenen Sohnes besiegelt worden. „Jesus Christus, der Mensch gewordene Gott, hat in Maria unser Fleisch angenommen. Er hat an unserem Leben teilgenommen und an unserer Geschichte Anteil haben wollen. Um seinen Bund zu verwirklichen, hat Gott ein junges Herz gesucht, und er hat es in Maria, der ‚jungen Frau‘ gefunden.“

Auch heute suche Gott junge Herzen, die ihm Raum geben, um „Protagonisten des Neuen Bundes zu sein“. Um vom faszinierenden Vorschlag Christi angesprochen zu werden, sei es notwendig, „innerlich jung zu sein“ und zusammen mit Christus diesen neuen Weg einzuschlagen.

Christus habe eine Vorliebe für junge Menschen, fuhr Benedikt XVI. fort: „Er respektiert ihre Freiheit, er wird es jedoch nie müde, ihnen höhere Ziele für das Leben vorzuschlagen: die Neuheit des Evangeliums und die Schönheit eines heiligen Lebenswandels.“ In der Nachfolge Christi sei die Kirche den jungen Menschen in besonderer Weise nahe und wolle ihnen in Freude und Leid zur Seite stehen.

Der Papst rief die Jugendlichen dazu auf, sich in das neue Leben hinein nehmen zu lassen, das aus der Begegnung mit Christus hervorströmt, und legte in diesem Zusammenhang dar, was es heißt, jung zu sein: Maria sei dafür das Vorbild. Ihre „Niedrigkeit“ – ihre Demut – habe Gott mehr als alles andere an ihr geschätzt. Das Heiligtum von Loreto, das Heilige Haus der Verkündigung, sei somit auch das Heiligtum der Demut.

Demut hat für den Heiligen Vater nichts mit Aufgeben, Verzicht oder Versagen zu tun. Die Demut findet in seinen Augen ihren Grund im Handeln Gottes: Das Heilige Haus ist der Ort, an dem sich die Demut Gottes, der Mensch werden wollte, und die Demut Mariens, die ihn in ihrem Schoß aufgenommen hat, vereinten - „die Demut des Schöpfers und die Demut des Geschöpfs“. Aufgrund dieser „Begegnung der Demut“ sei Jesus, Sohn Gottes und Sohn des Menschen, geboren worden.

Die Perspektive der Heiligen Schrift zeige auf, dass der Mensch desto mehr erhöht wird, je niedriger er ist, was für die heutige Kultur, die Demut mit Aufgeben und einfachem Verzicht identifiziere, und für die Sensibilität des modernen Menschen eine Provokation darstelle. Demut aber sei eine große menschliche Tugend. Vor allem bezeichne sie die Handlungsweise Gottes; den Weg, den Christus gewählt habe.

Benedikt XVI. rief die Jugend dazu auf, nicht dem Weg des Stolzes, sondern dem Weg der Demut zu folgen. „Schwimmt gegen den Strom: Hört nicht auf die gewinnsüchtigen und verlockenden Stimmen, die heute vielerorts Lebensmodelle propagieren, die von Arroganz und Gewalt geprägt sind, von Präpotenz und von einem Erfolgsstreben, das vor Nichts haltmachen, von Schein und Haben zum Schaden des Seins. Seid wachsam! Seid kritisch!“, rief der Papst der Jugend zu. Man dürfe nicht in der Welle mitschwimmen, die durch die mächtige Überzeugungsarbeit der Massenmedien verursacht werde.

„Habt keine Angst, liebe Freunde, die ‚alternativen‘ Wege zu bevorzugen, die die wahre Liebe weist: einen nüchternen und solidarischen Lebensstil; aufrichtige und reine Gefühlsbeziehungen; einen rechtschaffenen Einsatz im Studium und in der Arbeit; das tiefe Interesse für das Gemeinwohl. Habt keine Angst, anders zu erscheinen und für das kritisiert zu werden, was ohne Erfolg und altmodisch erscheinen mag. Eure Altergenossen, aber auch die Erwachsenen und insbesondere jene, die der Gesinnung und den Werten des Evangeliums am Entferntesten zu stehen scheinen, haben ein tiefes Bedürfnis danach, jemanden zu sehen, der es wagt, entsprechend der von Jesus Christus offenbarten Fülle des Menschseins zu leben.“

Der Weg der Demut besteht für Benedikt XVI. in einem Weg des Mutes, der das Ergebnis des Sieges der Liebe über den Egoismus, der Gnade über die Sünde ist. Viele Heilige hätten dafür Zeugnis abgelegt.

Es gelte, Christus „ohne Vorbehalte und kompromisslos nachzufolgen“. Dazu sei es notwendig, seine Jünger in der Kirche zu sein, in seinem Leib: „Die Kirche ist unsere Familie, in der die Liebe zum Herrn und zu den Brüdern, vor allem in der Teilnahme an der Eucharistie, uns die Freude erfahren lässt, schon jetzt das künftige Leben im Vorhinein kosten zu können, das ganz von der Liebe erleuchtet sein wird. Unser Einsatz im Alltag sei so, als lebten wir hier unten, als wären wir schon dort oben.“ Die Kirche sei die Schule der Liebe, Ort der Einheit der Gläubigen, der vom Guten motiviert ist, das gemeinsam geteilt wird.

Papst Benedikt sicherte den Jugendlichen sein Gebet zu und wünschte, dass der Weg der Agorá fortgesetzt werde – dieser „Weg des Hörens, des Dialogs und der Mission“.