Seelsorge unter Lebensgefahr: März 1938, der Anschluss und das Stift Heiligenkreuz

Interview mit P. Karl Wallner OCist

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WIEN, 12. März 1938 (ZENIT.org).- Im Zuge des so genannten „Anschlusses“, der heute vor 70 Jahren mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich seinen Anfang nahm und durch die Annexion Hitler-Deutschlands am 13. März 1938 endgültig vollzogen wurde, war es im ganzen Land zur Aufhebung zahlreicher Klöster gekommen. Die Seelsorger arbeiteten damals unter Lebensgefahr, berichtete P. Karl Wallner OCist, Rektor der Päpstlichen Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, im ZENIT-Gespräch.

Eine hochkarätig besetzte Tagung, die in der vergangenen Woche im Zisterzienserstift stattfand, beleuchtete den „März 1938 und die Folgen für Kirche und Klöster in Österreich“.

Der emeritierte Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann etwa wies darauf hin, dass es in Österreich kaum eine Ordensgemeinschaft gegeben habe, „die von den Repressalien der Gestapo verschont blieb“: 26 große Stifte und Klöster wurden aufgehoben, 188 kleinere Klöster sowie rund 1.400 katholische Bildungsstätten, Heime und Schulen wurden geschlossen. Sieben von insgesamt 724 inhaftierten Priestern starben im Gefängnis, und 15 zum Tode verurteilte Priester wurden hingerichtet. Mehr als 300 Geistliche wurden des Landes verwiesen, 1.500 mit Predigt- und Unterrichtverbot belegt.

P. Karl Wallner OCist bewegte die Erforschung der Situation seines eigenen Klosters in der damaligen Zeit am meisten. „Die gesamtkirchlichen Hintergründe, die auch dargestellt worden sind, kannte ich ja zum Großteil schon“, erklärte er. „Natürlich auch die Situation, in die die Bischöfe geraten waren; diese unglückliche Situation, in der sie sich betrügen und belügen haben lassen, in der Hoffnung, mit Hitler doch zu einem Arrangement zu kommen.“

Wallner, der seit 26 Jahren in Heiligenkreuz lebt, hob hervor, dass der Wiener Historiker Gerhard Jagschitz die Situation des Klosters in der Zeit des Nationalsozialismus „sehr dramatisch“ geschildert habe.

„Gerhard Jagschitz hat gesagt – und er hat als einer der berühmtesten österreichischen Zeitgeschichtler einen Überblick auf die Situation zwischen 1938 und 1945 –, dass er keinen ähnlich fanatischen Nationalsozialisten und Kirchenhasser kennt wie den damaligen Bürgermeister von Heiligenkreuz, der wirklich alles versuchte: Er wollte das Kloster aufheben lassen, brachte mehrere Mitbrüder ins Gefängnis und einen Mitbruder nach Dachau. Mit großer Brutalität hat er einen Kirchenkampf geführt, der seinesgleichen sucht.“

Dass Bürgermeister und NS-Ortsgruppenleiter Martin Spörk „relativ erfolglos“ geblieben sei, grenze an ein Wunder, „denn viele andere Klöster in dieser Zeit haben ja einen hohen Blutzoll bezahlt“. 1940 hatte Störk einen Großteil des Stiftes beschlagnahmt, um dort Kriegsgefangene und „Umsiedler“ unterzubringen.

Die Situation in Heiligenkreuz sei „relativ gut“ gewesen, reümierte Pater Karl. Der Priester, der nach Dachau musste, sei wieder zurückgekehrt, „und Pater Cornelius Steffek, der in der Todeszelle am Morzinplatz gesessen ist, kam dann in den letzten Kriegstagen frei, weil das Schafott schon abtransportiert worden war. Für uns ist es also relativ glimpflich ausgegangen.“

Besonders bewegt habe ihn die Tatsache, dass seine damaligen Mitbrüder nach den Erkenntnissen von Professor Jagschitz „sich um keinen Preis von der Seelsorge haben abbringen lassen“. Sie hätten „vor allem im Inneren Widerstand gegen das Regime geleistet.

Sie haben sich sicherlich nicht politisch engagiert – das war damals nicht möglich –, aber sie haben ‚business as usual‘ im besten Sinn des Wortes gemacht. Das normale Geschäft des Seelsorgers war damals ja lebensgefährlich.“

Von Dominik Hartig