Seelsorger in der Hölle: Priesterseminar hinter Stacheldraht

Große Ausstellung über Franz Stock im Sauerland-Museum Arnsberg

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Von Jan Bentz

ROM, 23. Mai 2012 (ZENIT.org). - Das Sauerland-Museum in der Stadt Arnsberg zeigt vom 20. Mai bis zum 26. August 2012 eine große Ausstellung über Franz Stock (1904-1948), einen deutschen Seelsorger in den Nazi-Gefängnissen von Paris, den so genannten „Seelsorger in der Hölle“,  unter dem Titel „Franz Stock und der Weg nach Europa". Der deutsche Botschafter in Paris, Reinhard Schäfers, sowie der französische Botschafter in Berlin, Maurice Gourdault-Montagne, haben die Schirmherrschaft übernommen. Den Festvortrag zur Ausstellungseröffnung hielt Kardinal Erzbischof Paul Josef Cordes (Rom).

Franz Stock wird als geistiger Wegbereiter der Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland und der Einheit Europas verehrt.

Papst Johannes XXIII., der als Nuntius in Frankreich Stocks Priesterseminar dreimal besuchte, habe es 1946 so formuliert: „Das Seminar von Chartres gereicht sowohl Frankreich wie Deutschland zum Ruhme. Es ist sehr wohl geeignet, zum Zeichen der Verständigung und Versöhnung zu werden… Franz Stock ist kein Name, sondern ein Programm", zitierte Landrat Dr. Karl Schneider bei der Eröffnungsveranstaltung den damaligen Nuntius Roncalli und späteren Papst.

Franz Stock wird 1904 als erstes von neun Kindern im Arnsberger Stadtteil Neheim geboren. Nach Abitur, Studium und Priesterseminar in Paderborn wird er zum Priester geweiht.

Als Seelsorger in den Nazi-Gefängnissen von Paris gibt er den von den Nazis zum Tode Verurteilten Beistand und versucht, nach Kräften den Inhaftierten und ihren Familien zu helfen. Er wird „Seelsorger in der Hölle" genannt. Über 2.000 Inhaftierte begleitet er auf ihrem letzten Weg zu den Erschießungen auf dem Mont Valérien in Paris. Gegen den Willen der Nazis beerdigt Franz Stock ihre Leichname und informiert ihre Familien.

Nach dem Krieg gerät Franz Stock in Kriegsgefangenschaft und gründet in Chartres in den Jahren 1945 und 1947 für kriegsgefangene deutsche Theologiestudenten ein „Priesterseminar hinter Stacheldraht“. Das Priesterseminar im Kriegsgefangenenlager in Chartres wird zum größten Priesterseminar der Welt. 1948 stirbt Franz Stock an Herzversagen.

Für viele Franzosen ist der Sauerländer Franz Stock ein überzeugendes Beispiel dafür, dass sich nicht alle Deutschen dem verbrecherischen System des Nationalsozialismus angeschlossen hatten und sich stattdessen aus christlicher Überzeugung und Nächstenliebe für Menschlichkeit und Versöhnung eingesetzt haben. Dies gilt insbesondere für die Überlebenden der Pariser Gefängnisse und die Familien der Hingerichteten.

Stock habe ein festes Fundament der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland geschaffen, sein Wirken sei als Grundpfeiler des zusammenwachsenden Europas zu bewerten, so der Landrat in seiner Ansprache.

Hans-Josef Vogel, der Bürgermeister der Stadt Arnsberg, wies bei der Ausstellungseröffnung darauf hin, dass der sel. Papst Johannes Paul II. bei seinem Deutschlandbesuch im Jahr 1980 Franz Stock in eine Reihe mit Elisabeth von Thüringen, Albertus Magnus, Edith Stein, Alfred Delp und sogar in eine Reihe mit den Vätern Israels, mit Noah, Abraham, Isaak, Jakob und Mose gestellt habe: „Wirklich, ihre Verdienste sind nicht vergessen worden. Ihr Leib ist in Frieden bestattet, ihr Name lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht. Von ihrer Weisheit erzählt die Gemeinde, ihr Lob verkündet das versammelte Volk“, zitierte er Johannes Paul II.

Wer die Ausstellung über „Franz Stock und den Weg nach Europa“ besuche, möge daran denken, dass „wir heute immer noch in einer historischen Ausnahmesituation des Friedens und der Freiheit leben, weil Europa in erster Linie eine Wertegemeinschaft ist, nach der sich so viele Menschen außerhalb Europas sehnen in Syrien, in den nordafrikanischen Länder, im Iran, überall, wo die „Königswürde des Menschen“ (Johannes Paul II.) nicht respektiert wird“, so Vogel.

Die Franz-Stock-Vereinigung hat mit dieser Initiative eine eigenständige, neue Ausstellung entwickelt, die aussagekräftige und interessante Texte und Gegenstände aus der Dauerausstellung im Fresekenhof sowie Einrichtungsgegenstände und anderes aus dem Nachlass von Franz Stock enthält, die mit Zustimmung des Kuratoriums des Elternhauses Stock gezeigt werden. Es gibt eine interessante Sammlung von Photos, Briefen und anderen Dokumenten aus dem Besitz von Theresia Stock, der jüngsten Schwester von Franz Stock. Auch aus Frankreich stellte die dortige Franz-Stock-Vereinigung einige Gegenstände zur Verfügung, u.a. einen Rest der Paneele aus der Kapelle auf dem Mont Valerien.

Zum Nachdenken bringen sollen der Sarg und der Erschießungspfahl vom Mont Valérien – beides Originale, die erstmals Frankreich verlassen haben. Zu sehen ist auch der Tragealtar von Franz Stock, auf dem er mit den zum Tode Verurteilten die letzte Messe gefeiert hat. Weiterhin wurde der Schlaf- und Essenssaal im Lager Chartres nachgebaut, damit sich die Betrachter die damalige Lebenssituation besser vorstellen können.

Die Präsentation hat sich auch zum Ziel gesetzt, „jungen Menschen den Weg von Franzosen und Deutschen vom Erbfeind zum Duzfreund" nahe zu bringen. Die Franz-Stock-Vereinigung stellt Material für Schule und Unterricht zur Verfügung.

Das Seligsprechungsverfahren ist im November 2009 eröffnet worden. Erzbischof Hans-Josef Becker sagte seinerzeit nach dem Pontifikalamt zum Beginn des kirchenrechtlichen Untersuchungsverfahrens:  „Unermüdlich und unerschrocken, tapfer und geduldig folgte Franz Stock seiner Berufung in die Nachfolge des Menschensohnes Jesus Christus. Als treuer Zeuge dessen, der gekommen war, die Menschen aller Völker und Nationen, aller Rassen und Sprachen zu Gott zu führen, hat sich Abbé Franz Stock als Arzt der Seelen, als „Seel-Sorger“ im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Rücksicht auf seine eigenen Bedürfnisse und Kräfte buchstäblich aufgeopfert.“

Zur Ausstellung ist ein informatives Buch „Franz Stock und der Weg nach Europa" erschienen.