"Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!"

Die Worte des Papstes beim Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 458 klicks

Der Heilige Vater Franziskus zeigte sich heute um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern das Angelus-Gebet zu sprechen.

Nach dem marianischen Gebet richtete der Heilige Vater noch einige ermutigende Worte an die Migranten und Flüchtlinge, denen heute ein eigener Gedenktag gewidmet ist.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Mit dem Fest der Taufe des Herrn, das wir am vergangenen Sonntag gefeiert haben, sind wir in die liturgische „Zeit im Jahreskreis“ eingetreten. An diesem zweiten Sonntag im Jahreskreis beschreibt uns das Evangelium die Szene der Begegnung zwischen Jesus und Johannes dem Täufer am Jordanufer. Der Erzähler ist ein Augenzeuge dieser Begegnung: Johannes der Evangelist, der, bevor er Jesus folgte, ein Jünger des Täufers war, zusammen mit seinem Bruder Jakobus, mit Simon und Andreas; alle aus Galiläa, alle Fischer. Der Täufer sieht Jesus unter der Menschenmenge auf sich zukommen und erkennt in ihm, dank einer Eingabe des Himmels, den Gesandten Gottes. Deshalb zeigt er auf ihn mit den Worten: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29).

Das Verb, das hier mit „hinwegnehmen“ übersetzt wird, bedeutet wörtlich „aufheben“, „auf sich nehmen“. Jesus ist mit einer genauen Mission in die Welt gekommen: sie von der Knechtschaft der Sünde zu befreien und die Sünden der Menschheit auf sich zu nehmen. Wie? Durch seine Liebe. Es gibt keine andere Möglichkeit, das Böse und die Sünde zu besiegen, als durch die Liebe, die uns dazu führt, unser Leben für die anderen hinzugeben. Im Zeugnis von Johannes dem Täufer trägt Jesus die Züge des Gottesknechts, der „unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen“ hat (Jes 53,4), bis hin zum Tod am Kreuz. Er ist das wahre Osterlamm, das in den Fluss unserer Sünden steigt, um uns zu reinigen.

Der Täufer sieht einen Mann vor sich, der sich mit den Sündern in eine Reihe stellt, um die Taufe zu empfangen, obwohl er sie nicht nötig hat. Einen Mann, den Gott als Opferlamm in die Welt geschickt hat. Im Neuen Testament finden wir das Wort „Lamm“ öfters, und immer ist Jesus damit gemeint. Dieses Sinnbild des Lammes könnte uns verwundern, denn wie sollte dieses wirklich nicht kräftig gebaute Tier eine so drückende Last auf seine Schultern nehmen? Die ungeheure Masse des Bösen wird von einem schwachen, zierlichen Tier angenommen und fortgetragen; von einem Tier, das als Symbol für Gehorsamkeit, Fügsamkeit und schutzlose Liebe steht, die bis zur Selbstopferung geht. Das Lamm ist kein Beherrscher, es ist fügsam; es ist nicht aggressiv, sondern friedlich; es zeigt, wenn es angegriffen wird, keine Zähne oder Krallen, sondern erträgt alles mit Geduld. Und genau so ist Jesus! So ist Jesus: wie ein Lamm.

Was bedeutet es für die Kirche, für uns heute, Jünger Jesu, des Lammes Gottes zu sein? Es bedeutet, Unschuld vor List zu stellen, Liebe vor Gewalt, Demut vor Hochmut, Dienstbereitschaft vor Prestige. Das bedeutet viel Mühe! Aber genau das müssen wir Christen tun: Unschuld vor List stellen, Liebe vor Gewalt, Demut vor Hochmut, Dienstbereitschaft vor Prestige. Jünger des Lammes sein bedeutet, nicht zu leben wie eine belagerte Burg, sondern wie eine auf dem Hügel gelegene Stadt, die offen, gastfreundlich, aufnahmebereit ist. Es bedeutet, uns nicht zu verschließen, sondern das Evangelium allen Menschen als Modell vorzustellen und durch unser Leben zu bezeugen, dass die Nachfolge Jesu uns freier und fröhlicher macht.

[Nach dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern,

Heute begehen wir den Welttag der Migranten und Flüchtlinge, mit dem Motto: „Migranten und Flüchtlinge: unterwegs zu einer besseren Welt“. Darüber habe ich in der bereits vor einiger Zeit veröffentlichten Botschaft gesprochen. Ich grüße von Herzen die Vertreter der verschiedenen ethnischen Gruppen, die heute hier zusammengekommen sind, und ganz besonders die katholischen Gemeinden der Stadt Rom. Liebe Freunde, ihr seid dem Herzen der Kirche nahe, denn die Kirche ist ein Volk, das unterwegs ist zum Reich Gottes, das Jesus Christus unter uns getragen hat. Verliert nie die Hoffnung auf eine bessere Welt! Ich wünsche euch ein friedliches Leben in den Ländern, die euch aufnehmen werden, und bewahrt euch die Werte eurer Ursprungskulturen! Ich möchte denen danken, die für die Migranten arbeiten, sie aufnehmen und in ihren schwersten Momenten begleiten, um sie vor denen zu schützen, die der selige Scalabrini als „Menschenhändler“ bezeichnete, die die Migranten zu Sklaven machen möchten! Ein ganz besonderer Dank geht an die Missionare vom Heiligen Karl Borromäus, die Scalabrini-Missionare und Missionarinnen, die der Kirche so viel Gutes tun und sich zu Migranten unter den Migranten machen.

Lasst uns jetzt an die zahllosen Migranten und Flüchtlinge denken, an ihr Leid, ihr Leben; daran, dass sie oft ohne Arbeit und ohne Ausweis sind; an ihre Schmerzen. Alle zusammen wollen wir jetzt ein Gebet für die Migranten und Flüchtlinge sprechen, die die schwersten und leidvollsten Situationen erleben: Ave Maria…

Ebenfalls von Herzen grüße ich alle Gläubigen, die aus den verschiedenen Pfarreien Italiens und anderer Länder gekommen sind, und auch die Vereine und Gruppen. Ein besonderer Gruß geht an die spanischen Pilger aus Pontevedra, La Coruña, Murcia, sowie an die Studenten aus Badajoz. Ich grüße die ehemaligen Schüler der „Opera Don Orione“, den Verein „Laici dell’Amore Misericordioso“ und die Choral „San Francesco“ aus Montelupone.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag und gesegnete Mahlzeit. Auf Wiedersehen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]