"Seid Zeugen der Hoffnung": Begegnung Benedikts XVI. mit der polnischen Jugend im Krakauer Blonie-Park (27. Mai 2006)

"Wer ganz auf die gekreuzigte Liebe des fleischgewordenen Wortes setzt, kann nicht verlieren"

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ROM, 31. Mai 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Samstag während des Jugendtreffens im Krakauer Blonie-Park gehalten hat.



Der Heilige Vater nützte die Gelegenheit, um rund einer Million junger Menschen ausführlich zu erklären, was es heißt, dass Haus des eigenen Leben auf Fels zu bauen, auf Christus.

"Wenn ihr beim Bau des Hauses eures Lebens auf diejenigen trefft, die das Fundament verachten, auf dem ihr baut, werdet nicht mutlos! Ein starker Glaube muss Prüfungen bestehen. Ein lebendiger Glaube muss immer größer werden. Unser Glaube an Jesus Christus muss sich, um authentisch zu bleiben, häufig mit dem Glaubensmangel der anderen auseinandersetzen."

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Liebe junge Freunde!

Ich grüße euch recht herzlich! Eure Gegenwart erfüllt mich mit Freude. Ich bin dem Herrn für die Begegnung mit der Wärme eurer Herzlichkeit dankbar. Wir wissen, dass er dort, wo zwei oder drei im Namen Jesu vereint sind, mitten unter ihnen ist (vgl. Mt 18,20). Ihr aber seid heute hier viel zahlreicher [erschienen]! Dafür danke ich jedem einzelnen von euch. Jesus ist also hier mitten unter uns. Er ist unter den Jugendlichen Polens gegenwärtig, um ihnen von einem Haus zu sprechen, das niemals einstürzen wird, weil es auf Fels errichtet ist. Das ist das Wort des Evangeliums, das wir gerade gehört haben (vgl. Mt 7,24-27).

Jeder Mensch, liebe Freunde, trägt in seinem Herzen die Sehnsucht nach einem Haus. Umso mehr ist im Herzen eines jungen Menschen das große Verlangen nach einem eigenen soliden Haus vorhanden, in das man nicht nur mit Freude einkehren kann, sondern in dem auch jeder Gast, der kommen mag, freudig aufgenommen werden kann. Da gibt es also das Heimweh nach einem Haus, in dem das tägliche Brot die Liebe, die Vergebung, die Notwendigkeit des Verständnisses ist; in dem die Wahrheit jene Quelle ist, aus der der Friede des Herzens fließt. Da gibt es das Heimweh nach einem Haus, auf das man stolz sein kann, dessen man sich nicht zu schämen braucht und dessen Einsturz nie beweint werden muss. Dieses Heimweh ist nichts anderes als die Sehnsucht nach einem erfüllten, glücklichen, gelungenen Leben. Habt keine Angst vor dieser Sehnsucht! Lauft nicht vor ihr weg! Werdet nicht mutlos angesichts der eingestürzten Häuser, der frustrierten Sehnsüchte, der verdunsteten Nostalgien. Der Schöpfergott, der die unendliche Sehnsucht nach Glück in das junge Herz eingießt, verlässt uns nicht, wenn es darum geht, dieses Haus, das Leben heißt, mühsam aufzubauen.

Meine Freunde, eine Frage drängt sich auf: "Wie kann dieses Haus gebaut werden?" Das ist eine Frage, die sich sicher schon viele Male in eurem Herzen geregt hat und die noch viele Male wiederkehren wird. Es ist eine Frage, die man sich selbst nicht nur einmal stellen muss. Jeden Tag muss sie vor den Augen des Herzens erscheinen: Wie kann dieses Haus, das Leben heißt, gebaut werden?

Jesus, dessen Worte wir in der Fassung des Evangelisten Matthäus gehört haben, ermahnt uns, unser Haus auf Fels zu bauen. Nur so wird es nicht einstürzen. Was aber will heißen, das Haus auf Fels zu bauen? Auf Fels bauen will vor allem heißen, auf Christus und mit Christus zu bauen. Jesus sagt: "Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute" (Mt 7,24). Hier handelt es sich nicht um leere Worte, die irgendjemand gesprochen hat, sondern um die Worte Jesu. Es geht also nicht darum, irgendjemandem zuzuhören, sondern eben Jesus. Es handelt sich nicht darum, irgendetwas zu machen, sondern die Worte Jesu zu erfüllen.

Auf Christus und mit Christus bauen bedeutet, auf einem Fundament zu bauen, das "gekreuzigte Liebe" heißt. Es bedeutet, mit jemandem zu bauen, der uns besser kennt als wir uns selbst, und der uns deshalb sagt: "Du bist in meinen Augen teuer und wertvoll, und ich liebe dich" (Jes 43,4). Es bedeutet, mit jemandem zu bauen, der immer treu ist – sogar dann, wenn wir es an Treue fehlen lassen –, weil er sich nicht selbst verleugnen kann (vgl. 2 Tim 2,13). Es bedeutet, mit jemandem zu bauen, der sich ständig über das verletzte Herz des Menschen beugt und sagt: "Ich verurteile dich nicht; geh und sündige fortan nicht mehr" (vgl. Joh 8,11). Es bedeutet, mit jemandem zu bauen, der von der Höhe des Kreuzes aus seine Arme ausbreitet, um für alle Ewigkeit zu wiederholen: "Ich gebe mein Leben für dich, Mensch, weil ich dich liebe." Auf Christus bauen heißt schließlich, alle eigenen Wünsche, Erwartungen, Träume, Vorstellungen und Ziele in seinem Willen zu gründen; zu sich selbst, zur Familie, zu den Freunden, der ganzen Welt und vor allem zu Christus zu sagen: "Herr, ich will im Laufe des Lebens nichts tun, was gegen dich gerichtet wäre, weil du weißt, was das beste für mich ist. Nur du hast Worte des ewigen Lebens" (vgl. Joh 6,68).

Meine Freunde, habt keine Angst, auf Christus zu vertrauen! Sehnt euch nach Christus als Fundament eures Lebens! Entzündet in euch das Verlangen, euer Leben mit ihm aufzubauen und für ihn zu leben. Wer ganz auf die gekreuzigte Liebe des fleischgewordenen Wortes setzt, kann nicht verlieren.

Auf Fels bauen heißt, auf Christus und mit Christus bauen, der der Fels ist. Im ersten Brief an die Korinther spricht der heilige Paulus über die Wanderung des auserwählten Volkes durch die Wüste und erklärt dabei, dass "alle aus dem Leben spendenden Felsen tranken, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus" (1 Kor 10,4). Die Väter des auserwählten Volkes wussten sicherlich nicht, dass dieser Fels Christus war. Sie waren sich nicht bewusst, dass sie von dem begleitet wurden, der beim Anbruch der Fülle der Zeiten Fleisch werden und einen menschlichen Leib annehmen sollte. Sie brauchten nicht zu verstehen, dass ihr Durst direkt von der Quelle des Lebens gestillt wurde, die imstande ist, lebendiges Wasser anzubieten, das den Durst aller Herzen löscht. Sie tranken dennoch von diesem geistlichen Felsen, der Christus ist, weil sie sich nach dem Wasser des Lebens sehnten: Sie brauchten es.

Unterwegs auf den Straßen des Lebens sind wir manchmal vielleicht nicht der Gegenwart Jesu gewahr. Gerade aber diese lebendige und treue Gegenwart, die Gegenwart im Werk der Schöpfung, die Gegenwart im Wort Gottes und in der Eucharistie, in der Gemeinschaft der Gläubigen und in jedem Menschen, der vom kostbaren Blut Christi erlöst worden ist – diese Gegenwart ist die unerschöpfliche Quelle menschlicher Kraft. Jesus von Nazareth, der Mensch gewordene Gott, steht in guten und in schlechten Zeiten an unserer Seite und dürstet nach dieser Verbundenheit, die in Wirklichkeit der Grund des authentischen Menschseins ist. In der Offenbarung des Johannes lesen wir diese bedeutsamen Worte: "Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir" (Off 3,20). Meine Freunde, was heißt das, auf Fels zu bauen? Auf Fels zu bauen bedeutet auch, auf jemandem zu bauen, der abgewiesen wurde.

Der heilige Petrus spricht zu seinen Gläubigen von Christus als einem "lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist" (1 Petr 2,4). Die unleugbare Tatsache der Wahl Jesu durch Gott verdeckt nicht das Geheimnis des Bösen, aufgrund dessen der Mensch dazu imstande ist, denjenigen abzuweisen, der ihn bis zum Ende geliebt hat. Diese vom heiligen Petrus erwähnte Ablehnung Jesu seitens der Menschen geht in der Geschichte der Menschheit bis in unsere Tage hinein weiter. Es bedarf keiner großen Scharfsichtigkeit, um die vielfältigen Manifestationen der Ablehnung Jesu auch dort auszumachen, wo Gott es uns erlaubt hat, zu wachsen. Oftmals wird Jesus ignoriert und verhöhnt und zu einem König der Vergangenheit erklärt, der heute und noch weniger morgen von Bedeutung wäre; er wird im Abstellraum jener Fragen und Personen verstaut, von denen man in der Öffentlichkeit nicht laut zu reden wagt. Wenn ihr beim Bau des Hauses eures Lebens auf diejenigen trefft, die das Fundament verachten, auf dem ihr baut, werdet nicht mutlos! Ein starker Glaube muss Prüfungen bestehen. Ein lebendiger Glaube muss immer größer werden. Unser Glaube an Jesus Christus muss sich, um authentisch zu bleiben, häufig mit dem Glaubensmangel der anderen auseinandersetzen.

Liebe Freunde, was heißt, auf Fels zu bauen? Auf Fels zu bauen heißt, sich bewusst zu sein, dass es Widersprüche geben wird. Christus sagt: "Ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen fluteten heran, die Stürme tobten und rüttelten an dem Haus…" (Mt 7,25). Diese Naturereignisse sind nicht nur ein Bild für die vielfältigen Anfeindungen des menschlichen Schicksals, sondern verweisen auch auf die gewöhnliche Vorhersehbarkeit. Christus verspricht nicht, dass über ein Haus, das gerade gebaut wird, niemals ein Wolkenbruch kommen werde; er verspricht nicht, dass keine zerstörerische Welle das hinwegfegen werde, was für uns das Wertvollste ist; er verspricht nicht, dass keine stürmischen Winde das fortwehen werde, was wir manchmal unter größter Mühsaal errichtet haben. Christus versteht nicht nur die menschliche Sehnsucht nach einem Haus, das Bestand hat, sondern ist sich auch all dessen völlig bewusst, was das Glück des Menschen ruinieren kann. Wundert euch also nicht über die Anfeindungen, welcher Art sie auch immer sein mögen! Werdet nicht mutlos durch sie! Ein auf Fels errichtetes Gebäude kommt nicht Gebäude gleich, das dem Spiel der natürlichen, in das Geheimnis des Menschen eingeschriebenen Mächte entzogen wäre. Auf Fels gebaut zu haben bedeutet, das Bewusstsein haben zu dürfen, dass in den schwierigen Augenblicken eine sichere Kraft da ist, auf die Verlass ist.

Meine Freunde, erlaubt es mir, zu insistieren: Was heißt, auf Fels zu bauen? Es will heißen, mit Weisheit zu bauen. Nicht ohne Grund vergleicht Jesus diejenigen, die auf seine Worte hören und sie in die Praxis umsetzen, mit einem weisen Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Es ist in der Tat Dummheit, auf Sand zu bauen, wenn man es auf Fels tun kann, um ein Haus zu besitzen, das vor einem Sturm gewappnet ist. Es ist Dummheit, das Haus auf einem Grund zu bauen, der keine Garantien dafür bietet, dass er in schwierigsten Augenblicken hält. Wer weiß, vielleicht ist es sogar leichter, sein Leben auf dem Treibsand der eigenen Weltanschauung zu gründen, seine Zukunft weit entfernt vom Wort Jesu – und manchmal sogar gegen dieses Wort – zu bauen. Nichtsdestoweniger steht fest, dass derjenige, der auf diese Weise baut, unklug ist – weil er sich selbst und die anderen davon überzeugen will, dass in seinem Leben nie ein Sturm losbrechen wird, dass keine Welle sein Haus treffen wird. Weise vorzugehen bedeutet zu wissen, dass die Festigkeit des Hauses von der Wahl des Fundaments abhängt. Habt keine Angst, weise zu sein, das heißt: Habt keine Angst, auf Fels zu bauen!

Meine Freunde, noch einmal: Was heißt, auf Fels zu bauen? Auf Fels bauen heißt auch, auf Petrus und mit Petrus zu bauen. Ihm sagte der Herr: "Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen" (Mt 17,18). Wenn Christus, der Fels, der lebendige und wertvolle Stein, seinen Apostel Fels ("Petrus") nennt, dann bedeutet das, dass er will, dass Petrus und zusammen mit ihm die ganze Kirche sichtbares Zeichen des einzigen Heilands und Herrn sind.

Hier in Krakau, der geliebten Stadt meines Vorgängers Johannes Paul II., verwundern die Worte über das Bauen mit und auf Petrus sicher niemanden. Deshalb sage ich euch: Habt keine Angst, euer Leben in der Kirche und mit der Kirche zu bauen! Seid stolz auf die Liebe zu Petrus und zur ihm anvertrauten Kirche. Lasst euch nicht von denen täuschen, die Christus und die Kirche gegenseitig ausspielen wollen! Es gibt einen einzigen Felsen, auf den es sich lohnt, das Haus zu bauen. Dieser Fels ist Christus. Es gibt einen einzigen Felsen, auf den es sich lohnt, alles hinzulegen. Dieser Fels ist derjenige, zu dem Christus gesagt hat: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen" (Mt 16,18). Ihr Jugendlichen habt den Petrus unserer heutigen Zeit gut gekannt. Vergesst deshalb nicht, dass weder jener Petrus, der unserer Begegnung vom Fenster des Hauses von Gott Vater aus zuschaut, noch dieser Petrus, der jetzt vor euch steht, noch irgendein anderer späterer Petrus je gegen euch oder gegen den Bau eines dauerhaften Hauses auf Fels sein wird. Im Gegenteil, er wird sein ganzes Herz und seine beiden Hände dafür geben, um euch beim Bau des Lebens auf Christus und mit Christus zu helfen.

Liebe Freunde, wenn wir die Worte Christi über den Felsen als angemessenes Fundament für das Haus betrachten, müssen wir hervorheben, dass das letzte Wort ein Wort der Hoffnung ist. Jesus sagt, dass trotz der Entfesselung der Elemente das Haus nicht eingestürzt ist, weil es auf Fels gründet. In diesem seinen Wort liegt ein außerordentliches Vertrauen in die Kraft des Fundaments, des Glaubens, der keinen Widerspruch fürchtet, weil er durch den Tod und die Auferstehung Christi Bestätigung erfahren hat. Das ist der Glaube, der vom heiligen Petrus in seinem Brief bekannt wird: "Seht her, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde" (1 Petr 2,6). Das stimmt: "Er geht nicht zugrunde."

Liebe junge Freunde, die Angst vor dem Misserfolg kann manchmal sogar die kühnsten Träume zunichte machen. Sie kann den Willen lähmen und unfähig für den Glauben daran machen, dass es ein auf Fels gebautes Haus gibt. Sie kann dazu überreden, dass das Heimweh nach einem solchen Haus bloß ein Jugendwunsch und kein Projekt für das Leben wäre. Zusammen mit Jesus erwidert dieser Angst: "Ein auf Fels gegründetes Haus kann nicht einstürzen!" Zusammen mit dem heiligen Petrus erwidert dieser Versuchung des Zweifels: "Wer an Christus glaubt, wird nicht untergehen!" Seid Zeugen der Hoffnung, jener Hoffnung, die keine Angst hat, das Haus des eigenen Lebens zu bauen, weil sie genau weiß, dass sie mit einem Fundament rechnen kann, das nie einstürzen wird, mit Jesus Christus unserem Herr.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen; © Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana]