"Sein letztes Rennen"

Tragikomödie über die fiktive Lauflegende Paul Averhoff ist nicht zuletzt eine Hommage auf die lebenslange Ehe

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 789 klicks

Bei den Olympischen Spielen Melbourne 1956 gewann Paul Averhoff (Dieter Hallervorden) im Marathonlauf die Goldmedaille und wurde so zu einer Lauflegende. Nun lebt er zusammen mit seiner Frau Margot (Tatja Seibt) zurückgezogen. Das Siegerfoto mit der Goldmedaille und seiner Frau steht zwar an prominenter Stelle im Wohnzimmer. Heute kümmert er sich jedoch eher um das Gartenobst. Als Margot Averhoff wieder einmal einen Schwächeanfall erleidet und in der Küche stürzt, steht es für die herbeigeeilte Tochter Birgit (Heike Makatsch) fest: Ihre Eltern müssen endlich einsehen, dass sie ins Altersheim gehören. Schließlich sei sie als Stewardess immer unterwegs und könne für ihre Eltern gar nicht genügend sorgen. So kommen Paul und Margot Averhoff in ein Heim. Gewöhnt sich seine Frau schnell an die neue Umgebung, so empfindet der ehemalige Leistungssportler das gemeinsame Singen und die Bastelstunden von Anfang an als eine Zumutung. Das Warten auf die nächste Veranstaltung mit der ach so verständnisvollen Frau Müller (Katharina Lorenz) wird ihm zur Qual: „Irgendwann hat man sich totgewartet.“ Dass Rudolf (Otto Mellies) in allem Frau Müller folgt und selbst die anderen Heimbewohner auf die Einhaltung der Hausregeln hinweist, ist Paul Averhoff besonders unangenehm. Am liebsten würde der rüstige Senior sofort wieder nach Hause fahren. Weil aber seine Frau doch noch im Heim bleiben will, entschließt er sich, den sinnlosen Beschäftigungsmaßnahmen zu entfliehen, indem er das tut, was er am besten kann („Andere machen Gedichte, ich laufe“). Die einstige Marathon-Legende fängt an, für den Berlin Marathon zu trainieren. Als Paul seine Frau bittet, das Training „nach demselben Programm wie vor Melbourne“ zu übernehmen, antwortet sie zunächst lakonisch: „Melbourne war aber 1956“, lässt sich aber schließlich dazu überreden. Angeführt von Rudolf, reagieren die anderen Heimbewohner darauf zunächst mit Spott. Dies ändert sich, als Fritzchen (Heinz W. Krückeberg) in seinen alten Sachen ein Foto mit Autogramm vom Olympiasieger findet, und Paul Averhoff den jungen Pfleger Tobias (Frederick Lau) zum Wettrennen auf 15 Parkrunden herausfordert. Pauls Traum von einem „letzten Rennen“ rückt immer näher. Bald bekommt er indes Probleme mit Heimleiterin Rita (Katrin Sass), die ihm vorwirft, mit seinem Training und vor allem mit seiner Einstellung unter den anderen Senioren Unruhe zu stiften.

Regisseur Kilian Riedhof und sein Drehbuch-Mitautor Marc Blöbaum haben große Sorgfalt auf die Figurenentwicklung verwendet. Dies gilt für die verschiedenen Altersheim-Bewohner von der eleganten Dame im Rollstuhl über die liebenswürdige, leicht demente Chaotin bis zu dem spießbürgerlichen Rudolf und dem angepassten Fritzchen, der aber seinen anarchischen Kern wiederfindet. Selbst wenn Rita als auf Effizienz achtende Heimleiterin und der idealistische junge Pfleger Tobias etwas klischeehaft anmuten, hauchen Katrin Sass und Frederick Lau diesen Charakteren genügend Leben ein, damit sie nicht zu holzschnittartigen Figuren verkommen. Auch Heike Makatsch überzeugt in der Rolle des Einzelkindes, das einen eigenen Lebensentwurf zu gestalten versucht, sich aber von den Eltern eingeengt fühlt. Erfreulicherweise reduziert das Drehbuch Birgit nicht auf die „Funktion Tochter“, sondern gesteht ihr genug Raum zur eigenen Entfaltung und zum Finden des eigenen Glücks zu. Tatja Seibt verkörpert Pauls Frau Margot glaubwürdig als die fürsorgliche Ehefrau und die einzige Person, die Paul wirklich antreiben kann. Tatja Seibt und Dieter Hallervorden wirken glaubwürdig als Ehepaar, das jahrzehntelang die Höhen und Tiefen des Lebens miteinander geteilt hat.

Bei allen hervorragend gezeichneten Nebenfiguren steht und fällt der Spielfilm „Sein letztes Rennen“ jedoch mit seinem Protagonisten. Wer Dieter Hallervorden bislang nur als den Fernseh-Komödie-Spezialisten „Didi“ Hallervorden kennt, wird überrascht sein, einen Schauspieler zu erleben, der eine „ernste“ Rolle mit solch emotionalen Nuancen verkörpert. Dazu führt Regisseur Kilian Riedhof aus: „Wir fanden die Idee ziemlich bestechend: Der Komiker Dieter Hallervorden in einer ernsten Rolle. Das passte perfekt zur Figur Paul, der bei allem ehrlichen Sportsgeist immer wieder einen fast kindlichen, anarchischen Schalk durchblitzen lässt. Dazu kommt: Dieter Hallervorden ist eine Legende der deutschen Unterhaltung so wie Paul Averhoff eine Sportlegende ist. Diese Melange hat einen schönen Zauber.“ Nicht nur in sportlicher Hinsicht verdient der 78-jährige Dieter Hallervorden allerhöchsten Respekt für seine erste abendfüllende Rolle seit mehr als zwei Jahrzehnten. 

Obwohl die Musik hin und wieder zu sehr auf die Tränendrüse drückt, inszeniert Kilian Riedhof „Sein letztes Rennen“ als Tragikomödie, wobei der Zuschauer stets mit den Figuren des Films lacht, nie über sie. Denn Riedhofs Film handelt nur vordergründig von einer schrulligen Idee, mit der Paul Averhoff gegen die infantile Beschäftigung im Altersheim Widerstand leisten möchte. „Sein letztes Rennen“ handelt auch dank der hervorragenden „alten“ Darsteller (Heinz W. Krückeberg beispielsweise ist Jahrgang 1927) von der Würde im Alter: „Das ganze Leben ist ein Marathon. Am Ende steht der Sieg“. Nicht zuletzt stellt aber Riedhofs Film eine Hommage auf die jahrzehnte-, ja lebenslange Ehe dar. 

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Filmische Qualität: Vier Sterne
Regie: Kilian Riedhof
Darsteller: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Katharina Lorenz, Otto Mellies, Heinz W. Krückeberg, Frederick Lau, Katrin Sass
Land, Jahr: Deutschland 2013
Laufzeit: 114 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
Im Kino: 10/2013 

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin