Seit über 700 Jahren Hochfest Fronleichnam: Der auferstandene Christus ist mitten unter uns

Katholische Christen auf der ganzen Welt ziehen durch die Straßen

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Von Jan Bentz

ROM, 7. Juni 2012 (ZENIT.org). - Als eines der wichtigsten liturgischen Feste bezeichnet Papst Benedikt XVI. das heutige Fronleichnamsfest. Während wir anbetend die konsekrierte Hostie betrachteten, begegneten wir dem Geschenk der Liebe Gottes, der Passion und dem Kreuz Jesu und seiner Auferstehung. Indem wir anbetend auf ihn schauten, ziehe uns der Herr zu sich, in sein Geheimnis, um uns zu verwandeln, so wie er Brot und Wein verwandle. So der Papst am Fronleichnamsfest im Jahr 2006.

 „Ohne Illusionen, ohne ideologische Utopien gehen wir auf den Straßen dieser Welt. In uns tragen wir den Leib des Herrn, wie die Jungfrau Maria im Geheimnis der Heimsuchung. In der Demut des Wissens, dass wir einfache Weizenkörner sind, hüten wir die feste Überzeugung, dass die Liebe Gottes, Mensch geworden in Christus, stärker als das Böse, die Gewalt und der Tod ist“, erklärte der Heilige Vater in seiner Fronleichnamspredigt am 23. Juni letzten Jahres, in der er den großen Bogen schlug zwischen dem Geschehen im Abendmahlssaal am Gründonnerstag und dem Fronleichnamsfest.

„Während am Abend des Gründonnerstags das Geheimnis Christi begangen wird, der sich für uns im gebrochenen Brot opfert und im Wein schenkt, wird das Volk Gottes heute, am Gedenktag des Hochfestes des Leibes und Blutes Christi, zur Anbetung und zur Meditation eingeladen. Das Allerheiligste Sakrament wird in Prozessionen durch die Straßen der Städte und Dörfer getragen, um zu zeigen, dass der auferstandene Christus mitten unter uns ist und uns zum Himmelreich führt“, so der Papst.

Das mittelhochdeutsche „vronlichnam" bedeutet „Herrenleib". In Gestalt der geweihten Hostie wird Christus selbst durch die Städte, Felder und Wälder geführt. Der auferstandene Christus ist mitten unter uns, er verlässt die Kirche und durchzieht das „profanum“ (das dem Allerheiligsten Vorgelagerte). Zu diesem Zweck entstand die Monstranz,  in die die Hostie eingesteckt wird; auch der Baldachin, das Herrschaftszeichen eines Monarchen, wurde für diesen Zweck übernommen.

Das seit 1264 von Papst Urban IV. als gebotenes Fest am Donnerstag nach Pfingsten für die Gesamtkirche eingesetzte „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“ geht auf die hl. Juliana von Cornillon, auch als hl. Juliana von Lüttich bekannt, zurück.  Der spätere Papst war als Jakob von Troyes bis 1251 Erzdiakon in Lüttich, Beichtvater und einer der wenigen Vertrauten Julianas. In der Einsetzungsbulle, betitelt „Transiturus de hoc mundo" vom 11. August heißt es: „Aber obwohl die Eucharistie jeden Tag feierlich zelebriert wird, halten wir es doch für richtig, wenigstens einmal im Jahr dieses Gedächtnis besonders würdevoll und festlich zu begehen. Die anderen Dinge, an die wir uns erinnern, gehen uns im Geist und im Verstand sehr nahe, aber wir nehmen nicht ihre Realpräsenz an. Dagegen ist in dieser sakramentalen Gedächtnisfeier Christi, wenn auch unter anderer Gestalt, Jesus Christus selbst in seiner Substanz bei uns zugegen.“

Die belgische Augustinerin war bereits im Alter von fünf Jahren als Waisenkind im Kloster erzogen worden. Sie war außerordentlich wissbegierig und eignete sich eine beeindruckende Bildung an: Sie las die Werke der Kirchenväter auf Lateinisch, vor allem die des hl. Augustinus und des hl. Bernhard.

Juliana hatte neben ihrem wachen Verstand eine besondere Neigung zur Kontemplation, wobei sie besonders die Worte „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20) bei der eucharistischen Anbetung meditierte.

Im Alter von 16 Jahren hatte sie ihre erste Vision, die sich mehrere Male wiederholte. Sie sah den Mond als leuchtende Scheibe, aber mit einem dunklen Streifen, und ihr wurde gedeutet, dass darin das Kirchenjahr sichtbar wird mit seinem Glanz, aber dass etwas fehlt: ein Fest zur besonderen Verehrung der heiligen Eucharistie, um den Glauben zu vermehren, bei der Praktizierung des Tugendlebens voranzukommen und die Beleidigungen des Allerheiligsten Sakraments wiedergutzumachen.

Juliana hat zwanzig Jahre lang diese Vision, die immer wiederkam, geheim gehalten, um zu prüfen, ob dies wirklich von Gott stammt. Schließlich schloss sie einen geistlichen Bund mit Freundinnen unter der Führung eines Priesters, dem sie ihr Anliegen bekannte und der es den Verantwortlichen in der Kirche vortrug.

Diese Vorgehensweise ist kennzeichnend für das Leben vieler Heiligen. Um Sicherheit darüber zu erlangen, dass eine Eingebung von Gott stammt, ordneten sie sich vollkommen dem Urteil der Hirten der Kirche unter, versenkten sich ins Gebet und warteten geduldig.

Es war der Bischof von Lüttich selber, Robert de Thourotte, der nach anfänglichem Zögern den Vorschlag Julianas und ihrer beiden Gefährtinnen aufnahm und das Fronleichnamsfest in seiner Diözese einsetzte. Später eiferten ihm andere Bischöfe nach und führten das Fest in ihren Territorien ein.

Papst Urban selber feierte das Fest Fronleichnam in Orvieto. Auf seine Anweisung hin wird im Dom der Stadt heute noch das berühmte Korporale mit den Spuren des eucharistischen Wunders aufbewahrt, das sich im Vorjahr 1263 in Bolsena ereignet hatte. Der zelebrierende Priester war bei der Wandlung von starken Zweifeln am Sakrament der Eucharistie gepackt worden. Daraufhin fielen einige Tropfen Blut aus der konsekrierten Hostie.

Ebenfalls auf Veranlassung Urbans IV. verfasste der hl. Thomas von Aquin die Texte für das liturgische Offizium. Die berühmte Sequenz „Lauda Sion“ ist heute noch in Gebrauch, und ihre Verse werden in zahlreichen landessprachlichen Sakramentsliedern verwendet.

„Es sind Texte, die einen in der Wurzel des Herzens erzittern lassen, um Ehre und Dank dem Allerheiligsten Sakrament auszudrücken, während der Verstand in das Geheimnis eindringt, in der Eucharistie die wahre Realpräsenz Jesu erkennt“, so Papst Benedikt über die Dichtung.

Der sel. Johannes Paul II. erklärte in seiner Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia": „An vielen Orten nimmt dieAnbetung des heiligsten Sakramentes täglich einen weiten Raum ein und wird so zu einer unerschöpflichen Quelle der Heiligkeit. Die andächtige Teilnahme der Gläubigen an der eucharistischen Prozession am Hochfest des Leibes und Blutes Christi ist eine Gnade des Herrn, welche die teilnehmenden Gläubigen jedes Jahr mit Freude erfüllt. (Nr. 10).

Zunächst blieb das Fest auf einige Regionen in Frankreich, Deutschland, Ungarn und Zentralitalien beschränkt. Bereits in den 1270er Jahren verlief die erste Fronleichnamsprozession durch die Straßen von Köln. Papst Johannes XXII. erhob es im Jahre 1317 wiederum zu einem Fest für die ganze Kirche, und es erlebte seither eine wunderbare Entwicklung.

In der deutschen NS-Zeit war der Zug der Gläubigen durch die Stadt ein Akt passiven politischen Widerstands der Katholiken. Später wurde die Prozession vielerorts verboten. Auch in den kommunistischen Diktaturen war und ist sie nicht erlaubt. Martin Luther galt Fronleichnam als das „allerschädlichste Jahresfest"; Prozessionen waren für ihn Gotteslästerung.

Gerade die Fronleichnamsprozession versinnbildlicht auch lebendiges Christ-Sein: Am Ende des Osterfestkreises symbolisiert sie den christlichen Lebensvollzug, das gläubige „Pilgern“, das Ziehen durch die irdische Lebenszeit, mit Christus in der Mitte.