Sel. Thomas von Olera - Bruder von Tirol

Predigt von Msgr. Manfred Scheuer bei der Dankmesse für die Seligsprechung des Kapuzinerbruders

Rom, (ZENIT.org) | 593 klicks

Wir dokumentieren im Folgenden die Predigt von Msgr. Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck, bei der Dankmesse für die Seligsprechung des Kapuzinerbruders Thomas von Olera (1563-1631), die am 21. September im Dom von Bergamo, Italien, stattfand.

Olera ist ein kleines Bergdorf im Seriana-Tal in der Gegend von Bergamo.

Die Predigt wurde in zwei Sprachen gehalten, Deutsch und Italienisch (in Kursivschrift).

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Br. Thomas der Bettler

„Es ist nötig, dass Ihr lernt, den Bettler zu machen und wenn Ihr diese Kunst nicht könnt, wird Gott sie Euch lehren.“ (Br. Thomas von Olera) Das hohe Ideal der Kapuziner[1]: In Armut und Demut Gott dienen! Es geht nicht allein um „Almosen betteln“ für die Klostergemeinschaft und die Armen, die an der Klosterpforte um Hilfe bitten. Es war Bruder Thomas ein großes Anliegen durch gute Worte, durch sein Gebet und demütiges Dienen, durch Wort und Beispiel den Familien Christus zu verkünden, die Kinder zu belehren und ermahnen zum Gebet, zur Gottesliebe. Anzuklopfen und um eine gute Gabe zu bitten, das fordert von jedem Sammelbruder Demut, Bescheidenheit, Freundlichkeit und Dankbarkeit. Bruder Thomas erfreute sich großer Zuneigung und Liebe beim einfachen Volk und beim Landesfürsten. Es entstand eine vertrauliche Volksverbundenheit. Als Sammelbruder brachte er Freude und Segen in die Familien. Seine Bettelgänge verstand Bruder Thomas als Apostolat, als Botschaft des Glaubens für die Familien und die Kinder.

In den vergangenen Jahren und auch in den letzten Tagen gab es in Österreich und auch in Tirol Diskussionen über das Bettelverbot. Natürlich ist es nicht menschenwürdig, wenn Kinder auf die Straßen geschickt werden und betteln müssen. Es sei so demütigend, nicht über eigenes Geld verfügen zu können und bei allem den Sachwalter fragen zu müssen, so eine Frau, die mit der Zeitung der Obdachlosen in der Fußgängerzone der Stadt steht (Irmgard K.). Für Bruder Thomas ist Betteln eine Übung der Demut, aber nicht demütigend. Betteln ist für ihn eine Kunst, die der Freiheit entspringt und ihn ganz nahe an die Leute bringt. Thomas von Olera hat seine Zeitgenossen im Herzen berührt und ihnen Hoffnung vermittelt. Viele haben Vertrauen zu ihm gewonnen. Thomas ist als Seliger ein Freund, ein Ermutiger, ein Anstifter zum Glauben, einer der die Liebesfähigkeit weckt. Das geht nicht mit Strategien und Plänen, schon gar nicht mit Manipulation und Unterwerfung. Und käuflich sind die Herzen der Menschen auch nicht. Es wäre fatal, wenn Menschen hohe Schwellen überwinden müssen, um mit kirchlichen Amtsträgern in Kontakt zu kommen oder wenn Bürokratie und Institution sich zwischen die Leute und Gott stellen.

Natürlich sind Betteln und Bitte auch eine Mangelbewältigung, mehr noch aber ein Weg der Freiheit. Betteln ist für Br. Thomas die offene Tür, wie er in Kommunikation mit den Menschen tritt und wie er damals in einer religiös und sittlich verwahrlosten Zeit das Evangelium von der Liebe verkündet. Die Bitte ist grundsätzlich ist der unüberholbare Modus, wie Freiheiten füreinander da sind. Diese Symbolhandlung macht radikal klar, dass wir in unserer Freiheit Empfangende sind, von der Gnade und von der Freiheit anderer leben. Im Betteln und im Bittgebet erscheint der Schmerz des Anders-Seins. Das franziskanische Experiment mit dem Betteln setzt genau auf das Risiko des Anders-Seins. Als prophetische Zeichenhandlung erregt es die Aufmerksamkeit auf die Urgestalt der Freiheit, erinnert an die Würde des Menschen in Abhängigkeit und Not und zeigt hin auf die Weise Gottes, der sich in Jesus der Ohnmacht der Freiheit aussetzt und ein Bittender wird. Betteln ist letztlich auch eine Gebetsschule: der Verzicht auf die Verfügung über Gott, den absolut Anderen, die Kontemplation seiner Andersheit und der Ruf an seine Freiheit.[2]

Die Lektion der Einfachheit

Sicher kann man die pastorale Methode von Br. Thomas im Jahr 1630 nicht auf 2013 einfach übertragen, aber die Seligsprechung ist vielleicht doch so etwas wie eine Lektion für uns: „Das Ergebnis der pastoralen Arbeit stützt sich nicht auf den Reichtum der Mittel, sondern auf die Kreativität der Liebe. Die Kirche darf sich nicht von der Einfachheit entfernen, andernfalls verlernt sie die Sprache des Mysteriums und bleibt außerhalb der Tür zum Mysterium und kann offensichtlich nicht Zugang zu denen gewinnen, die von der Kirche das verlangen, was sie sich selber nicht geben können, nämlich Gott. Ohne die Grammatik der Einfachheit beraubt sich die Kirche der Bedingungen, die es ermöglichen, Gott in den tiefen Wassern seines Mysteriums zu „fischen“.[3] Papst Franziskus spricht davon, dass Priester und Bischöfe mit der Herde gehen und den „Geruch der Herde“ annehmen sollen. Entscheidend und unverzichtbar sei die Präsenz. Priester und Bischöfe sollen mitten unter ihre Leute gehen, „auch in die Randgebiete und in all jene existentiellen Randgebiete, wo es Leid, Einsamkeit, menschliche Erniedrigung gibt“.

Wider die Angst

30 Jahre hindurch wurde Br. Thomas von schrecklichen Vorstellungen und inneren Anfechtungen gequält. Die „Dunkle Nacht der Seele“, innere Kämpfe und Leiden waren tagtägliche Begleiter. Bruder Thomas war oft mutlos. Es überkamen ihn viele Ängsten und große Furcht und Ratlosigkeit. Jede Hoffnung auf Rettung verdunkelte sich. Der Gedanke, einmal ewig verloren zu sein in der Verdammnis der Hölle quälte ihn unaufhörlich. Der Dämon gaukelte ihm vor, alle seine Gebete, Bußwerke, Nachtwachen und Fasten sind vergebens, haben keinen übernatürlichen Wert; am Ende werde er doch verdammt! Diese Qual nahm plötzlich ein Ende. Völlig niedergeschlagen und trostlos kniete er im Chor vor dem Allerheiligsten und flehte zu Jesus und Maria, der Gottesmutter, sie mögen ihn doch unter die Auserwählten zählen und nicht ewig verdammen. In diesem Augenblick vernahm er eine Stimme: „Ecco, il Padre Brindisi!“ (P. Laurentius von Brindisi, Ordensgeneral, gestorben 19. Juli 1619). Br. Thomas beneidete seinen ehemaligen Provinzial und Ordensgeneral ob seiner Himmelsherrlichkeit, während er selbst sich der Verdammung nahe glaubte.Laurentius sprach: „No figliolo! - Nein, mein Sohn!“[4]

„Nel 1629, verso la metà di febbraio, mandato ad Hall per l'elemosina fra i duri rigori invernali e rimasto offeso, come si legge nella dodicesima profezia, tanto da non poter tornare al convento ma da doversi fermare da me il giorno dopo, mentre stavamo seduti a chiacchierare nel mio Studio, accanto al focolare, ci mettemmo a parlare della predestinazione. Allora il frate amante di Dio mi disse in confidenza, per la seconda volta , che questo argomento Io aveva angosciato molto e per lungo tempo. Ma alla fine, per grazia particolare di Dio, si era completamente liberato di quell' angoscia. ‘Te spiegherò in confidenza - soggiunse - assillato e afflitto, prostra-to da queste miserie, davanti al venerabile sacramento pregavo perche la beata Vergine si degnasse di intercedere per me presso Dio, che annoverasse me, poveretto, tra i suoi prescelti e non mi deslinasse tra i dannati e, mentre imploro queste cose - dice - ecco il Padre Brindesi che uscisce di sacristia alla volta mia, ed io vedendolo e cognossendolo li dissi 'Ah, Padre Brindesi, sette voi! ne vero?'. Subito il padre di Brindisi gli rispose: ‘Si, che son io’. E di nuovo a lui fra Tommaso: ‘Ah, Padre, felice voi! avete bon tempo voi in Paradiso, ed io poverello sarò forse dannato!’. Allora Lorenzo da Brindisi, udite queste parole, si avvicinò a lui che era in ginocchio, e con il palmo della mano destra lo colpi sulla guancia sinistra per tre volte, e ad ogni schiaffo che infliggeva con forza moderata aggiungeva queste parole: ‘no fiòl, no fiòl, no fiòl’. … Lorenzo da Brindisi scomparve, mentre fra Tommaso da quel momento si sentì risollevato da una grande speranza di salvezza.“[5]

Vermutlich sind die Ängste verdammt zu werden gegenwärtig nicht mehr so häufig. Die Aufklärung hat vielleicht die Angst vor der Hölle ausgetrieben, aber durch die Hintertür sind andere Ängste wieder herein gekommen[6]: Angst vor der Zukunft, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor bestimmten Menschen und vor Nähe und Bindung, vor Zuneigung und Hingabe, Ängste in Bezug auf Krankheiten, Ängste vor sich selbst, vor dem eigenen Subjektsein vor dem Du, vor Gott, Angst vor Spontaneität und Wandel, Angst vor dem Leben…

Br. Thomas war mit den Menschen in ihren Ängsten und Nächten solidarisch. In seiner Angst wollte er aber nicht andere ängstigen, im Gegenteil. Es geht bei seiner Solidarität nicht um Angleichung; eine Verdoppelung wirkt nicht befreiend. Nicht Anpassung, sondern Verständnis ist gefragt. Und Br. Thomas hat in seiner Angst gebetet. Das Gebet darf freilich nicht zum Abbau von Angst instrumentalisiert werden. Aber die Frucht des Gebetes kann es sein, weniger von Furcht und Angst befallen zu sein. „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der Geduldige, und wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt.“ (Teresa von Avila) Br. Thomas hat etwas von der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils gelebt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. … Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“ (GS 1) Und er ist - um mit den Worten von Papst Franziskus zu sprechen - an die Wegkreuzungen und Kreuzungspunkte gegangen. Gott erscheint an den Wegkreuzungen. „Es braucht eine Kirche, die keine Angst hat, in die Nacht dieser Menschen hinein zu gehen. Es braucht eine Kirche, die fähig ist, ihnen auf ihren Wegen zu begegnen. Es braucht eine Kirche, die sich in ihr Gespräch einzuschalten vermag.“[7]

Bruder von der reinen Liebe

Liebe ist heute ein ziemlich verbrauchtes und auch missbrauchtes Wort. Thomas sucht gegen den damaligen und heutigen Zeitstrom die reine, selbstlose Liebe. Diese Liebe befreit ihn von jeder Angst und macht ihn frei. Und er provoziert mit der Lehre, mehr noch mit seinem Beispiel, dass Gott um seiner selbst geliebt werden kann. Er hat Liebe und Erehrbietung gegenüber allen gelebt und verbindet dabei Einfühlungsvermögen, Sensibilität und Herzenskenntnis.

“Per piacere a Dio bisogna fare ogni cosa in Dio, e per Dio. PER essere il desiderio mio cosi grande, che il mio Dio, e Signore GIESU Christo sia sommamente amato, e servitor; non hò possuto lasciare di dar' alcuni avertimenti à tutti li servi di Dio molto necessarij, quali con perfetto amore desiderano servire Dio; perche trà tutte le virtù, l'amore tiene il primo luogo nel Cuore del nostro Innamorato Giesù Christo.

Se dunque vogliamo fare cosa grata a Dio, dobbiamo vigilare entro e fuori di noi, havendo Dio nell' anima per amore, e fuori in tutte le cose; facendo, & operando ogn' attione, tanto corporale, come spirituale, tanto interna, come esterna con una rettitudine di mente, e cuore, la quale rimiri al solo Dio, operando tutte le cose per la sola Gloria di Dio, scordandoci del proprio interesse; non rimirado alla gloria, nè al Paradiso, nè alla pena dell' inferno, nè alli comodi, e gusti, nè alla destra, nè alla sinistra, ma alla sola pupilla degli occhi di Chrifto caminando con sentimento interno nella, via di Dio; mortificando le proprie passioni, tenendole in freno, sottoposte allo Spirito, mortificando l'amor proprio, il proprio parere, la propria estimatione; vigilando sopra li sentimenti, tanto interni, come esterni, volendo tutte le cose in Dio, e per Dio: seguendo il nostro Innamorato Dio per via d' amor filia!e, e riverentiale, renuntiando l'amor servile, e proprietario: non volendo fare cosa alcuna fuor di Dio, ma tutte le cose in Dio, e per Dio; amando quel Dio, che ci amò co tutto il cuore, e con tanto amore, havendo non solo un' amore virtuale, ma attuale, che ci muova attualmente à far tutte le cose, non per il proprio interesse, ma per la sola gloria di Dio; sentendo attualmente nel cuore, che Dio ci muove ad operare tutte le cose per lui, e con amore della sua Divina Maestà.”[8]

“L'ottava moralità del pio fra Tommaso era l'attenzione alla salvezza degli uomini, per cui, come bramava che tutti ardessero d'amore di Dio, cosi bramava che tutti si salvassero per amore, e anche se - come si è detto nelle profezie - era molto angosciato per la propria salvezza a causa della predestinazione, tuttavia non per-metteva che la stessa cosa valesse per gli altri.”[9]

+ Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck

LITERATUR

Ippolito Guarinoni, Detti e fatti, profezie e segreti del frate capuccino Tommaso da Bergamo, a cura di Daniela Marroni, Brescia 2007.

Tommaso da Bergamo, Fuoco d’amore. Mandato da Christo in terra per esser acceso, Napoli 1683, Brescia 2013.

P. Gaudentius Walser OFMCap, Bruder Thomas von Olera-Bergamo, Innsbruck 1968.

P. Gaudentius Walser OFMCap, Diener Gottes Thomas Acerbis von Olera-Bergamo, Kapuziner, 2005.

Br. Gaudentius Walser OFMCap, Bruder Thomas Acerbis von Olera-Bergamo, Kapuziner, in: Kapuzinerprovinz Österreich - Südtirol: Kultur und Geschichte 6.Jg. (2/2012).

Br. Gaudentius Walser OFMCap, Informativprozess für Bruder Thomas Acerbis von Olera-Bergamo (+1631) in Innsbruck, 17.3.2012, in: Kapuzinerprovinz Österreich - Südtirol: Kultur und Geschichte 6.Jg. (4/2012)

P. Gaudentius Walser OFMCap, Br. Thomas Acerbis aus Olera-Bergamo. Seligsprechung am 21. September 2013 in Bergamo, Bruder Thomas-Archiv im Provinzarchiv der Kapuziner in Innsbruck.

Papst Franziskus, Ansprache an die Bischöfe Brasiliens, Apareicida 27. Juli 2013.

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FUSSNOTEN

[1] P. Gaudentius Walser OFMCap, Br. Thomas Acerbis aus Olera-Bergamo. Seligsprechung am 21. September 2013 in Bergamo, Bruder Thomas-Archiv im Provinzarchiv der Kapuziner in Innsbruck, 6f.

[2] Vgl. dazu Gottfried Bachl, Thesen zum Bittgebet, in: Theodor Schneider/ Lothar Ullrich (Hg.), Vorsehung und Handeln Gottes (QD 115), Freiburg/Br.: Herder (1987) 192-207.

[3] Papst Franziskus, Ansprache an die Bischöfe Brasiliens, Apareicida 27. Juli 2013.

[4] P. Gaudentius Walser, Bruder Thomas von Olera-Bergamo, Innsbruck 1968, 21.

[5] Ippolito Guarinoni, Detti e fatti, profezie e segreti del frate capuccino Tommaso da Bergamo, a cura di Daniela Marroni, Brescia 2007, 117-119.

[6] Vgl. dazu Fritz Riemann, Grundformen der Angst, München 1983.

[7] Papst Franziskus, Ansprache an die Bischöfe Brasiliens, Apareicida 27. Juli 2013.

[8] Tommaso da Bergamo, Fuoco d’amore. Mandato da Christo in terra per esser acceso, Napoli 1683, Brescia 2013, 267f.

[9] Ippolito Guarinoni, Detti e fatti, profezie e segreti del frate capuccino Tommaso da Bergamo, a cura di Daniela Marroni, Brescia 2007, 141.