Selbstbewusste Mystikerin: Der Spielfilm „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“

Detailverliebte Ausstattung, große schauspielerische Leistung

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Von José García

WÜRZBURG, 24. September 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Im Essener Kino „Lichtburg" sitzen am 17. September im Zuschauerraum auffällig viele katholische Ordensfrauen und etliche Benediktinermönche. Der Anlass: die Deutschlandpremiere des Spielfilmes „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" von Margarethe von Trotta am 830. Todestag der Mystikerin, die zwar nie formell heiliggesprochen, aber als „Volksheilige" verehrt und im liturgischen Kalender als „Äbtissin, Mystikerin, Gründerin von Rupertsberg und Eibingen" verzeichnet wird.

Nach den „Lehrjahren" der achtjährigen Hildegard bei Jutta von Sponheim (Mareile Blendl) beleuchtet „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" unterschiedliche Aspekte aus dem Leben der Hildegard von Bingen (Barbara Sukowa): Die „Magistra" lehrt die ihnen anvertrauten Nonnen im Gemeinschaftskloster Disibodenberg die heilende Bedeutung von Kräutern und Pflanzen, aber auch von Musik und Gesang. Ein schmerzliches Ereignis bestärkt Hildegard in ihrer Überzeugung, allen Widerständen zum Trotz ein eigenes Kloster auf dem Ruppertberg bei Bingen zu gründen.

Entsprechend dem Filmtitel konzentriert sich jedoch von Trottas Film auf die Niederschrift der Visionen, die Hildegard heimsuchen. Sie vertraut dem ihr gegenüber stets wohlwollenden Priester Volmar (Heino Ferch) an, dass sie „Gesichter" hat. Nach anfänglichen Bedenken seitens der kirchlichen Autorität findet Hildegard die Unterstützung von Bernard von Clairvaux. Hildegard beginnt, mit Hilfe Volmars und der jungen Richardis von Stade (Hannah Herzsprung) ihre Visionen niederzuschreiben.

Regisseurin von Trotta findet den Zugang zu Hildegard von Bingen über die Frauenbewegung (siehe Interview). In ihrem Film wird die Mystikerin denn auch als selbstbewusste Frau gezeichnet, die sich in einer von Männern dominierten Welt durchsetzen musste.

So nehmen die Verhandlungen mit den Kirchen- und Reichsoberen, etwa in einem Gespräch mit dem kürzlich zum deutschen König gekrönten Friedrich I. Barbarossa (Devid Striesow), zwar einen beträchtlichen Platz ein. Dem Film gelingt es aber auch, weitere Aspekte der Persönlichkeit Hildegards zu beleuchten, so etwa ihre Facetten als Naturheilkundige und Musikkomponistin.

Zu den berührendsten Momenten des Films gehört darüber hinaus die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Richardis und Hildegard, die auf eine harte Probe gestellt wird, nachdem Richardis als Schwester des Bischofs von Bremen zur Äbtissin des Klosters Bassum ernannt wurde. „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" verschweigt indes keineswegs die religiöse Grundhaltung, ihr Gebetsleben, das den dargestellten Aktivitäten der Äbtissin zugrunde liegt.

Die detailverliebte Ausstattung etwa in den Gewändern, aber auch in den Wandmalereien des Klosters steht in einem gewissen Gegensatz zur Darstellung von Hildegards Visionen. Margarethe von Trotta verzichtet wohl aus Budget-Gründen fast vollständig auf deren Bebilderung.

Obwohl sich die Inszenierung über weite Strecken sehr konventionell, ja manchmal ungelenk ausnimmt, überzeugen vor allem die Schauspieler, gerade in den gelungenen kammerspielartigen Sequenzen: Über die bestechende Darstellung von Barbara Sukowa und Hannah Herzsprung hinaus ragen Heino Ferch als Volmar und insbesondere auch der Schauspieler Alexander Held als Abt Kuno heraus.

Zuschauer, denen das Mittelalter und Hildegard von Bingen eher fremd sind, werden zwar ihre Schwierigkeiten haben, aus von Trottas Film die Bedeutung der Mystikerin für unsere Zeit zu erkennen. Denjenigen, die über eine gewisse Vorkenntnis besitzen, vermittelt „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" jedoch ein anschauliches Bild der wohl größten Mystikerin Deutschlands.

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Sie vermittelt Glauben und Liebe, Vertrauen und Hingabe

Mit Regisseurin Margarethe von Trotta sowie den Schauspielerinnen Barbara Sukowa und Hannah Herzsprung führte José García folgendes Interview.

Frau von Trotta, in Ihrem Film zeigen Sie ein anderes Bild von Hildegards Zeit als das klischeebeladene finstere Mittelalter ...

Margarethe von Trotta: Für mich war das Mittelalter nie finster. Hildegard von Bingen wurde sogar in den achtziger Jahren zu einer Leitfigur der Frauenbewegung, als wir nach starken Frauen in der Vergangenheit suchten. Als sich 1979 ihr Todestag zum 800. Mal jährte, geriet sie in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, zunächst hauptsächlich wegen der Kräuter- und Heilkunde. Später kamen auch die von ihr komponierten Gesänge ans Tageslicht. Trotzdem war dies alles nicht das Herausragende. Als bedeutungsvoller würde ich eher ihre Visionen bezeichnen.

Wann haben Sie zum ersten Mal daran gedacht, einen Film über Hildegard von Bingen zu drehen?

Margarethe von Trotta: Schon damals, Anfang der achtziger Jahre, habe ich den Beginn eines Drehbuchs geschrieben. Allerdings glaubte ich, dass ein solches Projekt kaum finanziert werden könnte und habe es sehr rasch wieder aufgegeben. Es war mein Produzent, Markus Zimmer, der nach dem Erfolg von „Die große Stille" im Jahre 2008 darauf zurückkam.

Was hat die Schauspielerin Barbara Sukowa an der Rolle der Hildegard besonders interessiert? Welche Charakterzüge würden Sie an ihr herausheben?

Barbara Sukowa: Hildegard von Bingen war eine mutige Frau, die etwas tat, was man von ihr nicht erwartete. Als ich mich eingehender mit ihr beschäftigte, fand ich am schwierigsten ihren Glauben, diesen absoluten Glauben an Gott, den Himmel und die Hölle. Für sie waren es Realitäten, die nicht in Frage gestellt wurden. Eine Herausforderung bestand natürlich auch darin, mich in einen Menschen des Mittelalters zu versetzen, der alles, was wir kennen, nicht erlebt hat. Dies wirkte faszinierend auf mich.

Wie haben Sie sich einer solchen Figur angenährt?

Barbara Sukowa: Zunächst einmal mit Vorstellungskraft, mit Fantasie, das ist ja mein Beruf. Ich habe die Benediktinerregel und auch viel in der Bibel, insbesondere in den Psalmen gelesen. Außerdem bin ich während der Drehzeit viel alleine durch das Kloster gegangen. Wenn man sich innerhalb dieser romanischen Mauern bewegt, kann man auch einiges von der Atmosphäre einatmen.

Hannah Herzsprung: Allein die Tatsache, jeden Morgen eine Kutte anzulegen, und mich in diesen Raum hineinzubegeben, bedeutete eine große Hilfe. Allerdings bleibt bei allen Bemühungen, mich in diese Zeit hinein zufühlen, ein großer Respekt vor einer solchen Rolle: Ist es möglich, sie authentisch darzustellen? Denn es ist eine Art Zeitreise.

Wie haben Sie den religiösen Zugang zu der Geschichte gefunden?

Margarethe von Trotta: Wir sind doch alle christlich erzogen worden. In unserem christlichen Europa ist es unser Background gewesen, da braucht man nicht lange zu suchen. Man kann sich damit beschäftigen, tief gläubig werden oder sich davon abwenden, aber zumindest wissen wir, dass dies Basis unserer Kultur ist.

Hannah Herzsprung: Um das Leben der Hildegard oder auch der Richardis zu verstehen, muss man davon ausgehen, dass beide einen inneren Ruf spürten und verfolgten. Wahrscheinlich wird man mit einer solchen „Berufung" bereits geboren, oder man spürt diesen Drang schon in jungen Jahren.

Meinen Sie, dass diese Welt, trotz aller Unterschiede zur unseren, uns Heutigen etwas sagen kann?

Margarethe von Trotta: Ein großer Unterschied besteht darin, dass damals der Tod nicht verdrängt wurde. Heute wollen die Menschen mit dem Tod nicht konfrontiert werden, weil sie Angst davor haben. Damals hatten sie auch Angst, und zwar vor der Hölle, aber sie haben akzeptiert, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Er wurde immer wieder dargestellt, als Knochenmann mit der Sense oder als Totenkopf. Aber sie konnten eben auch auf ein Leben danach bei Gott hoffen. Diese Perspektive, die den Menschen half weiterzuleben, haben heute viele Menschen verloren. Ich finde es traurig, denn der Tod ist die einzige Gewissheit, die wir haben. Vielleicht sind wir uns nicht sicher, ob es Gott gibt. Wir wissen auch nicht, wie die Welt entstanden ist. Aber dass wir sterben, das wissen wir. Und der Moment vor dem Sterben ist der letzte Moment des Lebens, und den sollten wir bewusst erleben, finde ich.

Barbara Sukowa: Wir sind heute so zugeschüttet mit Informationen und mit Produkten, dass wir unser Glück in immer neuen Technologien und Besitztümern suchen. Wir rasen in der Welt, wir sind getrieben, wir treiben uns selber. Dieser Film zeigt eine Welt, die viel karger, viel stiller war. Im Kloster herrscht Stille, da ist der Mensch auf sich allein und auf Gott gestellt. Wenn der Film nur ein Moment bedeutet, ein Fenster öffnet, ein Innehalten bringt, „Sei doch still, halt einmal an, schau auf Dich und stellt Dir Fragen", dann hat er sich gelohnt.

Glauben Sie persönlich, dass es mehr Dinge gibt zwischen Himmel und Erde?

Barbara Sukowa: Ich halte die Trennung von Wissen und Glauben für einen Irrtum. Denn was wir „Wissen" nennen, ist ja auch nur ein Glaube. Denn was uns als Wissen angeboten wird, wird alle zehn oder fünfzig Jahre wieder umgestoßen. Wir glauben der Wissenschaft oder wir glauben der Kirche.

Welche Werte transportiert in diesem Zusammenhang die Rolle der Richardis?

Hannah Herzsprung: Sie vermittelt Glauben und Liebe, Vertrauen und Hingabe. Werte, die auch für mich wichtig sind.

Wenn Sie es in einem Satz zusammenfassen würden, wie würden Sie Hildegard von Bingen bezeichnen? Wie möchten Sie mit Ihrem Film Hildegard zeigen?

Margarethe von Trotta: Ein solches Leben kann man nicht in einem Satz ausdrücken. Hildegard ist eine Frau, über die man ein Verständnis fürs Mittelalter finden kann. Und gleichzeitig ist sie in Vielem ihrer Zeit voraus. In ihrer Einstellung zur Natur etwa: Dass man die Natur schützen muss, anstatt sie zu zerstören. Und sie sagt, sie habe den Auftrag, die Menschen zu ermahnen, sie zu Gott zurückzuführen, weil diese vom Weg abgekommen sind, weil sie korrupt, macht- und geldgierig sind. Wenn uns das nicht an unsere heutige Zeit erinnert!


[© Die Tagespost vom 24. September 2009]