Selbstverleugnung oder Gender-Ideologie?

Impuls zum 24. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 14. September 2012 (ZENIT.org). - Im Evangelium des heutigen 24. Sonntags im Jahreskreis sagt Jesus ein Wort, das auch seine heutige Tagesaktualität hat: „der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden“ (Mk 8,31).

An vielen wichtigen und weniger wichtigen Ereignissen erleben wir auch heute, dass Gott von den Menschen „verworfen“ wird.

Überdeutlich in den Ideen einer vor kurzem mit dem Theodor-Adorno-Preis ausgezeichneten „Schriftgelehrten“, der Amerikanerin Judith Butler, die eine wichtige Theoretikerin des modernen Mainstream-Genderismus ist. Was ist mit diesem Wort Gender (Geschlecht) gemeint? Der Gebrauch dieses Begriffes unterstellt, dass die Kategorien Mann und Frau nicht aufgrund biologischer Gegebenheiten existieren, sondern lediglich eine Sache der sprachlichen Formulierung sind: „Worte besitzen die Macht, Dinge wie etwa den biologischen Körper aus einer Begriffssubstanz heraus zu schaffen“ (vgl. Hannelore Bublitz: Judith Butler zur Einführung. 3. Auflage, Hamburg 2010. - Interessanterweise scheint sich hier jene seltsame Auffassung der antiken Gnosis wieder zu finden, nach der die materielle Welt durch ein geistiges Fehlverhalten entstanden ist). Einfacher ausgedrückt: ob ein Mensch Mann oder Frau sein wird, entscheidet sich nicht aufgrund körperlicher Voraussetzungen, sondern ist eine Frage der Erziehung. Auf den ersten Blick wird manch einer sagen: das ist doch Unsinn, die tägliche Erfahrung spricht doch dagegen. Aber so leicht wollen wir es uns nicht machen. Es gibt sicher Menschen, die sich in ihrem Geschlecht eigentlich nicht wohl fühlen (Das ist auch der Titel eines der Werke von Judith Butler: „Das Unbehagen der Geschlechter“ im Original: „Gender trouble“). Aber die Tatsache, dass dies ganz seltene Ausnahmen sind, ist ja gerade eine Bestätigung. Denn das Sprichwort von der Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist eine tiefe Wahrheit, die der Lebenserfahrung jedes Menschen entspricht. Nur da, wo bei einer Serie alle Einzelexemplare immer gleich ausfallen und eine Veränderung nie vorkommt, haben wir es nicht mit der Welt des Lebens zu tun, sondern mit der Welt der Maschinen. 

Tatsache ist außerdem, dass in der Zeit der Pubertät bei einigen jungen Menschen eine Phase der Unsicherheit in der sexuellen Orientierung vorkommt, die aber wieder überwunden wird, falls nicht gewisse Faktoren diese Stabilisierung verhindern (z.B. fehlendes Vaterbild, ideologisierte Erziehung, extreme Umwelteinflüsse etc.). Die Behauptung der Gender-Ideologie, dass man Kinder im frühen Alter durch entsprechende Erziehung zu Jungen oder Mädchen „machen“ kann, erweist sich im Experiment als haltlos. Im Gegenteil: Schon bei ganz kleinen Kindern gibt es – ohne jede Manipulation – ganz klare Hinweise, ob die kleine Person männlich oder weiblich ist.

Manche Auffassungen sind so abseitig, dass sie sich am besten durch ein befreiendes Lachen lösen lassen. So gibt es seit kurzem auf YouTube ein Video „The Gender Equality Paradox“ von Harald Eia, einem norwegischen Journalisten, der in zahlreichen Interviews die verschiedenen Standpunkte zum Thema Gender darstellt. Der Film wurde Mitgliedern des norwegischen Parlaments vorgestellt, das daraufhin etwa 55 Millionen Euro, die für die Gender-Forschung bereit gestellt waren, wieder cancelte.

Im heutigen Sonntagsevangelium erleben wir, wie Jesus sehr heftig auf eine Bemerkung des Petrus reagiert, auf den ersten Blick unbegreiflich: „Weg mit dir, Satan!“, dabei hat Petrus es nur gut gemeint. Er wollte verhindern, dass Jesus ein Leid geschieht. Warum dann so ein hartes Wort?

Der Fehler des Petrus wird auch heute häufig gemacht: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen!“ (Mk 8,32)

Sicher wäre der Gedankenfehler des Gender-Mainstreams zu korrigieren, wenn die Verantwortlichen nicht eine nur irdische Sicht der Dinge anstrebten. Aber das Denken der Menschen muss notwendigerweise vom bloß Menschlichen (das noch nicht falsch sein muss) zum Irrtum hin gelangen, wenn man so beharrlich Gott außen vor lässt. Das II. Vatikanische Konzil sagt (in Gaudium et Spes): „Nur Christus macht dem Menschen den Menschen offenbar“.

Und das ist letztlich die Frage: Was ist der Mensch? Seit Menschengedenken hat man diese Frage immer wieder gestellt. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedächtest?“ fragt der Psalmist (Ps 8,5). Ohne den Blick auf seinen Schöpfer wird der Mensch diese Frage nie befriedigend beantworten können.

Dieser Sonntag wird eingeleitet durch zwei Feste, die uns auf die Notwendigkeit des übernatürlichen Blicks hinweisen. Am Freitag das Fest Kreuzerhöhung und am Tag darauf das Fest der Sieben Schmerzen Mariens. Beide Feste geben uns konkrete Auskunft darüber, was Jesus meint, wenn er im Sonntagsevangelium sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ (Mk 8,34)

Ein größerer Gegensatz zu der Ideologie des Gender-Mainstreams ist kaum vorstellbar. Hier das bis zum Exzess getriebene Streben nach Selbstverwirklichung, das sogar die Schöpfungs-ordnung ablehnt, dort der Vorschlag, sich selbst nicht nur nicht zu suchen, sondern sich auch noch selbst zu verleugnen.

Und obendrein sein Kreuz auf sich zu nehmen!

Der Mensch will aber doch glücklich sein!

Das Wort vom Kreuz hat es allerdings in sich. Wer es ernst nimmt, versteht sofort: das Kreuz ist sowieso da, es gibt kein Menschenleben, in dem Leid nicht vorkommt (Krankheit, Enttäuschung, seelisches Leid etc). Wer nun aber dieses Kreuz nicht versucht wegzuschieben – was sowieso nicht geht – sondern es im Blick auf Christus auf sich nimmt, in dem Wissen, dass es dann sogar sehr sinnvoll wird, der hat gewonnen.

Und vor allem: er lebt in der Realität.

Maria, die das Kreuz ganz bewusst mit Christus trägt, zeigt uns wieder einmal das Paradoxon des Christentums:

wer sich selbst sucht, verliert sich,
wer sich selbst verliert, wird sich finden. Und das Glück obendrein.

Die Schmerzen Mariens, sie sind, genau wie das Kreuz, nicht das letzte Wort. Am Ende steht Sieg und Freude ohne Ende.

Christus, um der Mutter Leiden
Gib mir einst des Sieges Freuden
Nach des Erdenlebens Streit.

Jesus, wann mein Leib wird sterben,
lass dann meine Seele erben
deines Himmels Seligkeit! Amen.

(aus dem Stabat Mater von Jacopone da Todi, + 1306)

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.