„Selig die, die jetzt weinen“: Erste Adventspredigt vor dem Papst und dessen Mitarbeitern in der Römischen Kurie

Aus Tränen der Reue werden Tränen des Staunens und des Schweigens

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ROM, 15. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die erste Adventspredigt, die der Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa heute, Freitag, vor dem Heiligen Vater und dessen Mitarbeitern der Römischen Kurie gehalten hat.



Der Prediger des Päpstlichen Hauses betrachtete, wie verschiedene Formen von Trauer und Leid dank des Wirkens der Gnade Gottes allmählich zu Glückseligkeit gewandelt werden.

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P. Raniero Cantalamessa
Erste Adventspredigt 2006

„SELIG DIE, DIE JETZT WEINEN!“
Die Seligpreisung der Trauernden



Mit dieser Meditation beginnen wir einen Zyklus von Betrachtungen zu den Seligpreisungen, die wir, so Gott will, in der kommenden Fastenzeit fortsetzen werden. Die Seligpreisungen erfuhren eine Entwicklung und verschiedene Anwendungen, je nach der Theologie des einzelnen Evangelisten oder der neuen Bedürfnisse der jeweiligen Gemeinde. Auf sie kann das angewandt werden, was der heilige Gregor der Große von der ganzen Heiligen Schrift sagt: dass sie „cum legentibus crescit“ [1], also dass sie zusammen mit ihren Lesern wächst; dass sie immer neue Implikationen und reichere Inhalte offenbart, je nach den neuen Dringlichkeiten und Fragen, mit denen sie gelesen wird.

Diesem Prinzip treu zu bleiben bedeutet, dass wir auch heute die Seligpreisungen im Licht der neuen Situationen lesen müssen, in denen wir uns in unserem Leben vorfinden; allerdings freilich mit dem Unterschied, dass die Interpretationen der Evangelisten inspiriert und deshalb für alle normativen Wert besitzen und für immer gültig sind, während die heutigen Interpretationen nicht diesen Wert haben.

1. Eine neue Beziehung zwischen Vergnügen und Schmerz

Wir lassen die Seligpreisungen der Armen beiseite, die wir schon einmal in einer früheren Adventszeit betrachtet haben, und konzentrieren uns auf die zweite Seligpreisung: „Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden“ (Mt 5,4). Im Lukasevangelium, wo die vier Seligpreisungen in der Form der direkten Anrede stehen und durch Wehrufe verstärkt werden, hört sich dieselbe Seligpreisung so an: „Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ „Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen“ (Lk 6,21.25).

Die großartigste Botschaft ist gerade in der Struktur dieser Seligpreisung enthalten. Sie erlaubt es uns, die Revolution zu verstehen, die das Evangelium hinsichtlich des Problems des Vergnügens und des Schmerzens gewirkt hat. Der Ausgangspunkt, der sowohl dem religiösen als auch dem profanen Denken gemeinsam ist, besteht in der Feststellung, dass in diesem Leben Vergnügen und Schmerz untrennbar sind; sie folgen mit derselben Regelmäßigkeit aufeinander wie die einer der Erhebung einer Welle auf dem Meer, auf die ein In-sich-Zusammenfallen und eine Leere folgen, die den Schiffbrüchigen auf die hohe See hinaustreiben lassen.

Der Mensch versucht verzweifelt, diese siamesischen Zwillinge voneinander zu trennen, das Vergnügen vom Schmerz zu isolieren. Aber vergebens. Es ist das ungeordnete Vergnügen selbst, das sich gegen sich selbst kehrt und sich in Schmerz verwandelt – plötzlich und tragisch oder allmählich –, insofern es seinem Wesen nach vergänglich ist und schnell Müdigkeit und Übelkeit erregt. Dies ist eine Lehre, die wir der Chronik des Alltags entnehmen und die der Mensch auf tausenderlei Weisen in seiner Kunst und Literatur zum Ausdruck gebracht hat. „Denn mitten vom Strudel der Freuden erhebt sich“ – so schrieb der heidnische Dichter Lukrez – „plötzlich ein Wermutstropfen, der auch unter den Blumen ihn ängstet“ [2].

Die Bibel hat auf dieses wahre Drama der menschlichen Existenz eine Antwort. Von Anfang an war da eine Wahl des Menschen, die durch seine Freiheit möglich war und ihn dazu geführt hat, seine Fähigkeit zur Freude, mit der er ausgestattet worden war, um das unendliche Gut, das Gott ist, zu ersehnen, ausschließlich auf die sichtbaren Dinge hin auszurichten.

Gegenüber dem gegen das Gesetz Gottes gewählten und von Adam und Eva, die die verbotene Frucht kosten, symbolisierten Vergnügen hat Gott es erlaubt, dass ihm der Schmerz und der Tod folgen sollten, und das mehr als Heilmittel denn als Bestrafung. Das heißt, damit es nicht geschehe, dass der Mensch zügellos seinem Egoismus und seinen Instinkten folgt und so sich selbst und ein jeder seinen Nächsten zerstört. So sehen wir, dass dem Vergnügen das Leid gewissermaßen als Schatten anhaftet.

Christus hat endlich diese Fesseln gebrochen. Er hat „angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen“ (Hebr 12,2). Kurz: Er tat das Gegenteil von dem, was Adam getan hatte und was jeder Mensch tut. „Der Tod des Herrn“ – so schrieb der heilige Maximus Confessor – „war im Gegensatz zu dem der anderen Menschen keine für das Vergnügen bezahlte Schuld, sondern vielmehr etwas, was gegen das Vergnügen selbst geworfen war. Und so, durch diesen Tod, änderte er das verdiente Schicksal des Menschen“ [3].

Durch seine Auferstehung von den Toten hat er eine neue Art des Vergnügens eingeführt: das Vergnügen, das dem Schmerz nicht vorausgeht (als dessen Ursache), sondern das auf ihn folgt (als dessen Frucht).

All dies wird auf wunderbare Weise durch unsere Seligpreisung verkündet, die der Folge Lachen-Weinen die Folge Weinen-Lachen entgegensetzt. Es handelt sich nicht nur um eine einfache Umkehrung der Zeiten. Der unendliche Unterschied besteht in der Tatsache, dass in der von Jesus vorgeschlagenen Ordnung es das Vergnügen und nicht das Leiden ist, das das letzte Wort hat, und was noch mehr zählt: das letzte Wort, das ewig nicht vergeht.

2. „Wo ist dein Gott?“

Jetzt aber versuchen wir zu verstehen, wer genau die Trauernden und die Weinenden sind, die Christus selig preist. Die Exegeten schließen heute fast einmütig aus, dass es sich um nur in einem objektiven oder soziologischen Sinn Trauernde handelte, um Menschen, die Jesus nur deshalb selig preisen würde, weil sie leiden und weinen. Das subjektive Element, das heißt der Grund des Weinens, ist entscheidend.

Und was ist das für ein Grund? Der sicherste Weg dazu, um zu entdecken, welches Weinen und welche Trauer von Christus selig gepriesen werden, besteht darin zu sehen, warum in der Bibel geweint wird und warum Jesus geweint hat. So entdecken wir, dass es da ein Weinen der Reue gibt wie das des Petrus nach seinem Verrat, ein „Weinen zusammen mit dem, der weint“ (Röm 12,15), das heißt ein Weinen aus Mitleid vor dem Schmerz des anderen, so wie Jesus mit der Witwe von Nain weinte und mit den Schwestern des Lazarus; das Weinen der Verbannten, die sich nach der Heimat sehnen, wie das der Juden an den Flüssen Babylons… und viele andere.

Ich möchte zwei Gründe hervorheben, aufgrund derer in der Bibel geweint wird und weswegen Jesus geweint hat, über die nachzudenken es sich meines Erachtens gerade im historischen Moment lohnt, den wir erleben.

Im Psalm 42 lesen wir:

„Tränen waren mein Brot bei Tag und bei Nacht;
denn man sagt zu mir den ganzen Tag: ‚Wo ist nun dein Gott?‘…
Wie ein Stechen in meinen Gliedern
ist für mich der Hohn der Bedränger;
denn sie rufen mir ständig zu: ‚Wo ist nun dein Gott?‘“

Nie gab es für die Traurigkeit des Gläubigen wegen der dreisten Ablehnung Gottes um ihn herum mehr Grund als Heute! Nach einer Zeit des relativen Schweigens, die dem Ende des marxistischen Atheismus folgte, stehen wir heute vor einer Rückkehr der Flamme des militanten und aggressiven Atheismus, der wissenschaftlich oder szientistischer Art ist. Die Titel einiger jüngst veröffentlichten Bücher sprechen für sich: „Atheologischer Traktat“, „Die Illusion Gott“, „Das Ende des Glaubens“, „Schöpfung ohne Gott“, „Eine Ethik ohne Gott“… [4].

In einem dieser Traktate ist die folgende Erklärung zu lesen: „Die menschlichen Gesellschaften haben verschiedene gewöhnliche, im allgemeinen geteilte Mittel der Erkenntnis entwickelt, durch die etwas sichergestellt werden kann. Wer die Existenz eines mit diesen Instrumenten nicht erkennbaren Wesens behauptet, muss die Beweislast übernehmen. Aus diesem Grund scheint es mir berechtigt zu vertreten, dass Gott bis zum Beweis des Gegenteils nicht existiert“ [5].

Mit denselben Argumenten könnte man beweisen, dass auch die Liebe nicht existiert, angesichts der Tatsache, dass die mit den Instrumenten der Wissenschaft nicht feststellbar ist. Tatsache ist, dass sich der Beweis der Existenz Gottes nicht in den Büchern und in den Laboratorien der Biologie findet, sondern im Leben. Vor allem im Leben Christi, der Heiligen und der zahllosen Glaubenszeugen. Er findet sich auch im so sehr verachteten Beweis der Zeichen und Wunder, den Jesus selbst als Beweis seiner Wahrheit gab und den Gott weiterhin gibt, der jedoch von den Atheisten a priori zurückgewiesen wird, ohne sich die Mühe zu machen, ihn zu untersuchen.

Grund für die Traurigkeit des Gläubigen ist, wie für den Psalmisten, die Ohnmacht, die man angesichts der Herausforderung des „Wo ist dein Gott?“ verspürt. Mit seinem geheimnisvollen Schweigen ruft Gott den Gläubigen dazu auf, seine Schwäche und seine Niederlage mit ihm zu teilen; nur unter dieser Bedingung verspricht er den Sieg. „Das Schache an Gott ist stärker al die Menschen“ (1 Kor 1,25).

3. „Man hat meinen Herrn weggenommen“

Nicht weniger schmerzvoll ist heute für den gläubigen Christen die systematische Ablehnung Christi im Namen einer „objektiven“ historischen Forschung, die sich in bestimmten Formen auf das „subjektivste“ reduziert, das man sich vorstellen kann: „Fotografien der Autoren und ihrer Ideale“, wie der Heilige Vater in der Einleitung zu seinem bald veröffentlichten Buch über Jesus anmerkt. Wir wohnen einem Wettbewerb bei, bei dem es darum geht, Christus am meisten nach dem Maß des Menschen von heute darzustellen und ihn dabei jedweder transzendenten Ansprüche zu entkleiden. Auf die Frage der Engel: „Frau, warum weinst du?“, antwortete Maria von Magdala am Ostermorgen: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat“ (Joh 20,13). Ein Grund zu weinen, den wir uns zu Eigen machen könnten.

Es hat immer die Tendenz gegeben, Christus mit dem Gewand der eigenen Epoche oder der eigenen Ideologie zu bekleiden. In der Vergangenheit aber gab es dafür ernsthafte, wenngleich diskutierbare Gründe von großer Tragweite: der idealistische, romantische, liberale, sozialistische, revolutionäre Christus… Unsere vom Sex besessene Epoche vermag ihn sich nicht anders vorzustellen als einen, der in sentimentale Problemen verwickelt ist: „Wieder einmal wurde Jesus modernisiert, oder besser: postmodernisiert“ [6].

Es ist gut zu wissen, von woher diese neue Strömung kommt, die aus Jesus von Nazareth den Nährboden der postmodernen Ideale des absoluten ethischen Relativismus und Individualismus macht und die Romane, Filme und sogar historische Untersuchungen über ihn inspiriert. Es handelt sich um eine Bewegung, die in den letzten Jahrzehnten des vergangen Jahrhunderts in den USA entstanden ist und die im „Jesus-Seminar“ ihren aktivsten Sammelpunkt hat.

Der bekannteste lebende Gelehrte des Neuen Testaments definiert sie „Neoliberalismus“, und zwar wegen ihrer Rückkehr zum Jesus der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts, die weder mit dem Judentum, noch mit dem Christentum oder der Kirche in Verbindung stand; ein Jesus, der Verbreiter moralischer Ideen ist, die jedoch keinen großen Atem mehr besitzen, wie etwa im klassischen Liberalismus (Vaterschaft Gottes, unendlicher Wert der Seele des Menschen), sondern die sich durch Kleinwissen mehr von soziologischer als von theologischer Tragweite auszeichnen. Das Ziel dieser Gelehrten ist es nicht mehr, einfach zu korrigieren, sondern „jenen Irrtum, der Christentum genannt wird“, zu zerstören.

Sehr bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die programmatische Rede des Gründers dieser Bewegung aus dem Jahr 1985: „Wir sind dabei, ein weittragendes Unternehmen zu starten. Wir wollen uns einfach und kraftvoll auf die Suche nach der Stimme Jesu begeben, nach dem, was er wirklich gesagt hat. In diesem Prozess werden wir Fragen stellen, die in den Ohren vieler Menschen in unserer Gesellschaft an die Grenze des Heiligen und sogar der Gotteslästerung stoßen. Folglich könnte sich der Weg, den wir verfolgen, als gewagt offenbaren. Es könnte Feindseligkeit entstehen, aber wir werden trotz der Gefahren voranschreiten, weil das Problem Jesus da ist und uns herausfordert, so wie der Mount Everest die Seilschaft der Bergsteiger herausfordert“ [7].

Jesus wird hier nicht mehr nur losgelöst von den kirchlichen Dogmen betrachtet, sondern sogar losgelöst von der Heiligen Schrift und den Evangelien. Welche anderen Quellen bleiben an dieser Stelle denn überhaupt noch übrig, die etwas über ihn aussagen könnten, als nur die reine und einfache Phantasie? Natürlich: die Apokryphen, und an erster Stelle das Evangelium des Thomas, das ihnen zufolge sogar um die Jahre 30 bis 60 nach Christus datiert wird, noch vor allen kanonischen Evangelien und sogar vor den paulinischen Schriften; und dann die soziologischen Studien über die Lebensbedingungen in Galiläa zur Zeit Christi.

Was für ein Jesusbild erhält man dadurch? Ich zitiere einige der veröffentlichten Definitionen: „ein exzentrischer Galiläer“, „der sprichwörtliche Festegeher“, ein „weiser oder subversiver Vagabund“, der „Lehrmeister einer aphoristischen Weisheit“, „ein jüdischer Bauer, durchdrungen von einer zynischen Philosophie“ [8].

Was noch erklärt werden muss, ist das Geheimnis, wie ein so harmloses Wesen jemals am Kreuz hätte sterben und zu jenem Menschen hätte werden können, „der die Welt verändert hat“. Wirklich zu beweinen ist nicht sosehr, dass solche Dinge geschrieben werden (man muss ja auch etwas Neues erfinden, wenn man weiterhin Bücher schreiben will), sondern dass sich diese Bücher, wenn sie einmal veröffentlicht sind, in einer Auflage von Hunderttausenden, wenn nicht sogar Millionen Stück verkaufen.

Die Unfähigkeit der historisch-philologischen Forschung, eine Verbindung zwischen dem Jesus der Realität und dem Jesus der evangelischen Quellen und der Kirche herzustellen, kommt, so scheint mir, aus der Tatsache, dass sie die Dynamik der geistlichen und der übernatürlichen Phänomene ignoriert und sich nicht die Mühe macht, diese zu studieren. Das wäre so, als würde man einen Ton mit den Augen hören oder eine Farbe mit den Ohren sehen wollen.

Das Studium und die Erfahrung der mystischen Phänomene (auch diese sind ja eine Realität!) zeigt, wie im Leben des Betroffenen selbst oder in der Bewegung, die von ihm ausgeht, eine spätere Entwicklung in ihrer Fülle schon in einem Ereignis und manchmal sogar in einem einzigen Augenblick (wenn es sich um eine Begegnung mit dem Göttlichen handelt) enthalten sein kann, wobei sich die verborgenen, schon existierenden Voraussetzungen allerdings erst später offenbaren, in den Früchten. Die Soziologen nähern sich dieser Wahrheit mit Hilfe des Konzepts des „statu nascenti“ [9].

Das Kind oder der Erwachsene sehen völlig anders aus als der Embryo zu Beginn; dennoch aber war in diesem schon alles enthalten. In derselben Weise ist das Reich zunächst „das kleinste von allen Samenkörnern“, aber dazu bestimmt, zu wachsen und ein großer Baum zu werden (Mt 13,32).

Die Entstehung der Franziskanerbewegung bietet sich für einen Vergleich an, allerdings natürlich auf einer Ebene, die von anderer Qualität ist. Die franziskanischen Quellen bieten Meinungsverschiedenheit und widersprüchliche Aussagen hinsichtlich fast jeder Sichtweise des Poverello: über die Vision und die Worte des Gekreuzigten von San Damiano, über die Episode der Stigmata... Von keinem der Worte des Heiligen, ausgenommen derer, die er selbst verfasst hat, besitzt man die Sicherheit, dass sie wirklich aus seinem Mund gekommen sind. „Die kleinen Blumen” scheinen eine totale Idealisierung der Geschichte zu sein.

Allerdings hängt alles, was um Franz herum und nach ihm entstand – die franziskanische Bewegung und all ihre Ausdrucksformen in Spiritualität, Kunst und Literatur –, von ihm ab; es ist nichts anderes als eine Manifestation, ja sogar eine verarmte Manifestation jener spirituellen Kräfte, die durch seine Person und sein ganzes Leben freigesetzt wurden, oder besser noch durch das, was Gott in seinem Leben wirken wollte.

Viele Menschen, sogar unter den am meisten gebildeten Gläubigen, sehen es als selbstverständlich an, dass der echte Jesus viel weniger gewesen und vorzugeben bemüht gewesen wäre als das, was in den Evangelien über ihn geschrieben steht, dass er diese Eigenschaft oder jenen Titel gar nicht gehabt hätte. Die Wahrheit ist, dass er unendlich viel mehr ist als das, was über ihn geschrieben steht, nicht weniger! Wer der Sohn ist, dass weiß nur der Vater und dass wissen, in geringem Maße, auch diejenigen, denen es der Vater offenbaren will, im Allgemeinen nicht die Gelehrten und die Wissenschaftler, außer wenn auch sie sich ganz klein machen...

Paulus sagt, dass er über die Ablehnung Christi seitens seiner Landsleute „voll Trauer“ ist und dass sein Herz deshalb „unablässig“ leide (Röm 9,1f.). Wie könnte es also anders sein, als dass auch wir die Erfahrung desselben Schmerzes über seine Ablehnung seitens zahlreicher unserer Zeitgenossen in den ursprünglich christlichen Ländern machten? Aus einem ähnlichen Beweggrund heraus, weil sie ihn nicht als ihren persönlichen Freund und Retter erkannt hatten, weinte Jesus in Jerusalem...

Glücklicherweise hat es gerade den Anschein, dass ein Zyklus zu Ende geht und man bei den Nachforschungen über Jesus neue Seiten aufschlägt. In dem Werk „Die Anfänge des Christentums“ („Christianity in the Making“), das aus drei Bänden mit jeweils 1000 Seiten besteht und dazu bestimmt ist, genauso Epoche zu machen wie die vorangegangenen Untersuchungen dieser Art, kommt einer der größten lebenden Gelehrten in Sachen Neues Testament, James Dunn, nach einer pedantischen Analyse der Forschungsergebnisse der letzten drei Jahrhunderte zum Schluss, dass es zwischen dem Jesus, der predigte, und dem Jesus, der gepredigt wurde, niemals einen Bruch gegeben habe und somit auch keine zwischen dem Jesus der Geschichte und dem Jesus des Glaubens. Die zuletzt genannte Sicht entstand nicht nach Ostern, sondern mit den ersten Begegnungen der Jünger, die gerade deshalb zu Jüngern wurden, weil sie an ihn glaubten, auch wenn ihr Glaube anfänglich noch zerbrechlich gewesen war und nicht fähig, alle Folgen, die mit ihm verbunden sind, zu begreifen.

Der Gegensatz zwischen dem Christus des Glaubens und dem Jesus der Geschichte ist eher das Ergebnis einer „Flucht vor der Geschichte“ denn einer „Flucht vor dem Glauben“, beides eine Folge dessen, dass die Interessen und Ideale der jeweiligen Zeit in Jesus hineinprojiziert worden sind. Jesus wurde auf diese Weise zwar von den Kleidern der kirchlichen Dogmatik erlöst, aber nur, um ihm modische Gewänder überzuziehen, die in jeder Jahreszeit wechseln. Das ungeheure Bemühen, die Person Christi zu erforschen, ist dagegen aber nicht nutzlos geblieben, denn gerade ihm ist es zu verdanken, dass wir jetzt, nachdem alle alternativen Lösungen erforscht worden sind, in der Lage sind, auf kritische Weise diese Schlussfolgerung zu ziehen [10].

4. „Es weinen die Priester, die Diener des Herrn“

Es gibt auch ein zweites Wehklagen in der Bibel, über das wir nachdenken müssen. Die Propheten sprechen davon. Ezechiel erzählt von der Vision, die er eines Tages hatte. Gottes mächtige Stimme ruft zu einer geheimnisvollen Person, „die das leinene Gewand anhatte und an dessen Gürtel das Schreibzeug hing“: „Geh mitten durch die Stadt Jerusalem und schreib ein T auf die Stirn aller Männer, die über die in der Stadt begangenen Gräueltaten seufzen und stöhnen“ (Ez 9,4).

Diese Vision war für das Fortschreiten der Offenbarung und der Kirche prägend. Dieses Zeichen – tau –, der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets, wird aufgrund seiner Kreuzesförmigkeit im Buch der Offenbarung zum „Siegel des lebendigen Gottes“, das auf die Stirn derjenigen gedrückt ist, die gerettet werden (Offb 7,2f.).

Die Kirche hat in jüngerer Vergangenheit über die Abscheulichkeiten „geweint und geseufzt“, die von einigen ihrer Diener und Seelsorger in ihrem Schoß verübt wurden. Sie hat dafür einen sehr hohen Preis gezahlt. Sie hat sich mit aller Kraft dafür eingesetzt, Abhilfe zu schaffen, und sind harte Richtlinien erlassen worden, um zu verhindern, dass sich solche Missbräuche wiederholen. Nach dem Notfall ist der Moment gekommen, das zu tun, was am wichtigsten ist: vor Gott zu weinen und sich zu grämen wie Gott sich grämt; mehr wegen der Verletzungen, die dem Leib Christi zugefügt wurden, und wegen des Anstoßes, der unter „den kleinsten seiner Brüder“ erregt wurde, als wegen des Schadens und der Beleidigung, die anderen zugefügt wurden.

Das ist die Voraussetzung dafür, dass aus all diesem Übel wirklich etwas Gutes hervorgehen kann und dass es eine Versöhnung zwischen dem Volk und Gott sowie den Priestern selbst gibt.

„Auf dem Zion stoßt in das Horn,
ordnet ein heiliges Fasten an,
ruft einen Gottesdienst aus…
Zwischen Vorhalle und Altar
sollen die Priester klagen, die Diener des Herrn sollen sprechen:
Hab Mitleid, Herr, mit deinem Volk
und überlass dein Erbe nicht der Schande,
damit die Völker nicht über uns spotten“ (Joel 2,15-17).

Diese Worte des Propheten Joel beinhalten einen Aufruf an uns. Ließe sich dasselbe nicht auch heute machen: einen Tag des Fastens und der Buße ausrufen, wenigstens auf lokaler und nationaler Ebene, wo das Problem stärker verbreitet gewesen ist, um öffentlich Reue vor Gott und Solidarität mit den Opfern zu bekunden; also eine Versöhnung der Gemüter erwirken und, im Herzen und im Gedächtnis erneuert, wieder einen Weg der Kirche aufnehmen?

Den Mut, das alles zu sagen, haben mir die Worte gegeben, die der Heilige Vater während eines der jüngsten „Ad-limina“-Besuche an den Episkopat eines katholischen Landes richtete: „Die von solchen Taten verursachten Wunden sind tief, und es ist ein dringendes Anliegen, die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen überall dort wieder herzustellen, wo sie zerstört worden sind… Dadurch wird die Kirche gestärkt werden und mehr und mehr in der Lage sein, die erlösende Kraft des Kreuzes Christi zu bezeugen“ [11].

Aber wir müssen auch den unglücklichen Brüdern, die die Ursache für dieses Übel gewesen sind, ein Wort der Hoffnung zukommen lassen. Über den Inzestfall, der sich in der Gemeinde von Korinth zutrug, urteilte der Apostel, „diesen Menschen dem Satan [zu] übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird“ (1 Kor 5,5). (Heute würden wir sagen, dass er der menschlichen Rechtssprechung übergeben werden sollte, damit seine Seele das Heil erlange). Die Rettung des Sünders lag dem Apostel am Herzen, nicht seine Bestrafung.

Als ich eines Tages zum Klerus einer Diözese predigte, die aus diesem Grund sehr viel leiden musste, überwältigte mich ein Gedanke. Diese Brüder von uns haben alles – Amt, Ehre, Freiheit – verloren, und nur Gott weiß, welche effektive moralische Verantwortung es im Einzelfall gegeben haben mag; sie sind zu denjenigen geworden, die die letzten sind, zu den Ausgestoßenen… Wenn sie in dieser Situation, von der Gnade berührt, das verursachte Übel beklagen und ihr Wehgeschrei mit dem der Kirche verbinden, dann werden sich die Seligpreisungen derer, die trauern und weinen, mit einem Schlag zu ihren eigenen Seligpreisungen werden; sie könnten Christus nahe sein, denn er ist der Freund der letzten, und das weit mehr als viele andere, mich eingeschlossen, die von der eigenen Ehrbarkeit überzeugt sind und sich möglicherweise – wie die Pharisäer – dazu hingerissen fühlen, über den ein Urteil zu fällen, den sie sehen.

Aber es gibt etwas, was diese Brüder auf keinen Fall tun dürfen, was aber leider der eine oder andere zu verwirklichen bemüht ist: sich das Geschrei zunutze machen, um sogar aus der eigenen Schuld Nutzen zu ziehen, indem man Interviews gibt und Memoiren schreibt in der Absicht, die Schuld auf die Oberen und die kirchliche Gemeinschaft abzuwälzen. Das würde von einer wirklich gefährlichen Herzenshärte zeugen.

5. Die schönsten Tränen

Ich schließe mit der Andeutung einer anderen Art von Tränen. Man kann vor Schmerz weinen, aber auch vor Rührung und Freude. Die schönsten Tränen sind die, die uns in die Augen steigen, wenn wir – vom Heiligen Geist erleuchtet – „kosten und sehen, wie gütig der Herr ist“ (Ps 34,9).

Wenn man sich in diesem Zustand der Gnade befindet, wundert man sich darüber, dass die Welt und wir selbst nicht die ganze Zeit über vor Staunen und Rührung auf die Knie fallen. Tränen dieser Art waren es wohl, die aus den Augen des Augustinus strömten, als er in den „Bekenntnissen“ schrieb: „Wie sehr hast du uns geliebt, o gütiger Vater, der du deinen einzigen Sohn nicht verschontest, sondern ihn für uns alle hingegeben hast. Wie sehr hast du uns geliebt!“ [12].

Ähnliche Tränen weinte Pascal in jener Nacht, da er die Offenbarung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs hatte, der sich durch die Wege des Evangeliums offenbart. Auf ein Stück Papier (der nach seinem Tod in seiner Jacke eingenäht aufgefunden wurde) schrieb er: „Freude, Freude, Tränen der Freude!“ Ich denke, dass auch die Tränen, mit denen die Sünderin die Füße Jesu nässte, nicht nur Tränen der Reue, sondern auch Tränen der Dankbarkeit und der Freude waren.

Sollte man im Himmel weinen können, so ist das Paradies von diesem Weinen erfüllt. In Istanbul, dem antiken Konstantinopel, wohin sich der Heilige Vater vor einigen Tagen begeben hatte, lebte um das Jahr 1000 herum der heilige Simeon, der Neue Theologe, der Heilige der Tränen. Er ist das schimmerndste Beispiel in der Geschichte der christlichen Spiritualität für die Tränen der Reue, die sich in Tränen des Staunens und des Schweigens verwandeln. „Ich weinte“ – so erzählt in einem seiner Werke – „und befand mich in einer unausdrückbaren Freude“ [13]. Die Seligpreisung der Trauernden umschreibend, sagt er: „Selig die, die immer bitter über ihre Sünden weinen, denn sie werden vom Licht ergriffen werden, das ihre bitteren Tränen in Süße verwandeln wird“ [14].

Gott möge uns die Gnade zuteil werden lassen, solche Tränen der Rührung und der Freude wenigstens einmal in unserem Leben zu verkosten.

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[1] Gregor der Große, „Commento morale a Giobbe“, 20,1 (CC 143 A, p. 1003).
[2] Lukrez, „De rerum natura“, IV, 1129 f.
[3] Maximus Confessor, „Capitoli vari“, IV cent. 39; in „Filocalia“, II, Torino 1983, S. 249.
[4] Vgl. Michel Onfray, Richard Dawkins, Sam Harris, Telmo Pievani, Eugenio Lecaldano.
[5] Carlo Augusto Viano, „Laici in ginocchio“, Laterza, Bari.
[6] J. D.G. Dunn, „Gli albori del cristianesimo“, I,1, Brescia, Paideia 2006, S. 81.
[7] Robert Funk, Einführungsvortrag im März 1985 in Berkeley, California.
[8] Vgl. J. D.G. Dunn, „Gli albori del cristianesimo“, I, 1, Brescia 2006, S. 75-82.
[9] Vgl. F. Alberoni, „Innamoramento e amore“, Garzanti, Milán 1981.
[10] Vgl. Dunn, „Christianity in the Making“, Grand Rapids, Michigan 2003. Auf Italienisch sind die ersten beiden Teile des ersten Bandes veröffentlicht worden. Ihre Titel lauten: „Gli albori del cristianesimo“, I, La memoria di Gesú, vol. 1: Fede e Gesú storico; I, 2: La missione di Gesú, Paideia, Brescia 2006.
[11] Benedikt XVI., Ansprache an die Mitglieder der Irischen Bischofskonferenz, Samstag, 28. Oktober 2006.
[12] Augustinus, „Bekenntnisse“, 10, 43.
[13] Simeon der Neue Theologe, „Ringraziamenti“, 2 (SCh 113, S. 350).
[14] Simeon der Neue Theologe, „Trattati etici“, 10 (SCh 129, S. 318).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]