„Selig, die Frieden stiften“: Zweite Adventspredigt 2006 vor dem Papst und dessen Mitarbeitern in der Römischen Kurie

„Herr, mach aus mir ein Werkzeug deines Friedens“

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ROM, 22. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die zweite Adventspredigt, die der Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa heute, Freitag, vor dem Heiligen Vater und dessen Mitarbeitern der Römischen Kurie gehalten hat.



Der Prediger des Päpstlichen Hauses betrachtete ausgehend von der Botschaft Benedikts XVI. zum bevorstehenden Weltfriedenstag (am 1. Januar 2007) den Auftrag Jesu, Frieden zu stiften.

Der Kapuzinerpater erläuterte, warum der Friede zugleich „Gabe und Aufgabe“ ist, und betonte in diesem Zusammenhang, dass es nicht darum gehe, „den Frieden zu erfinden oder zu schaffen, sondern ihn weiterzugeben“. Mit Frieden sei nämlich immer der göttliche Friede gemeint, dem es Platz zu machen gelte. In diesem Sinn ermutigte der Prediger den Heiligen Vater und dessen Kurienmitarbeiter, immer durchlässigere „Kanäle“ des göttlichen Friedens zu werden.

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P. Raniero Cantalamessa
Zweite Adventspredigt 2006

„SELIG, DIE FRIEDEN STIFTEN,
DENN SIE WERDEN SÖHNE GOTTES GENANNT WERDEN“



1. Die Botschaft zum Weltfriedenstag

Die Seligpreisungen sind nicht einer logischen Folge nach angeordnet. Die erste ausgenommen, die allen anderen den Ton angibt, kann eine jede getrennt betrachtet werden, ohne dass ihr Sinn im Mindesten beeinträchtigt würde. Die Botschaft des Papstes zum Weltfriedenstag hat mich dazu gebracht, die Betrachtung der dritten Seligpreisung – derjenigen, die keine Gewalt anwenden – auf ein anderes Mal zu verlegen, um diese Begegnung der Seligpreisung der Friedensstifter zu widmen. Es ist nämlich gut, dass vor allem die für die ganze Welt bestimmte Friedensbotschaft im Herzen der Kirche aufgenommen und meditiert wird und hier unter uns Früchte trägt.

Die Botschaft dieses Jahres ist eine Botschaft für den Frieden in jeder Hinsicht; sie umfasst alle Bereiche: vom persönlichen angefangen bis hin zu jenen weiter ausholenden Bereichen der Politik, der Wirtschaft, der Ökologie, der internationalen Organisationen. Es handelt sich um verschiedene Bereiche, die jedoch aufgrund der Tatsache vereint sind, dass sie alle den Menschen zum primären Gegenstand haben, wie der Titel der Botschaft besagt: „Der Mensch – Herz des Friedens“ [der vollständige Text findet sich hier, Anm.].

In der Botschaft ist eine grundlegende Aussage zu finden, die wie ein Interpretationsschlüssel für alles ist. Sie lautet:

Auch der Friede ist Gabe und Aufgabe zugleich. Wenn es wahr ist, daß der Friede zwischen den Einzelnen und den Völkern — die Fähigkeit, nebeneinander zu leben und Beziehungen der Gerechtigkeit und der Solidarität zu knüpfen — eine Verpflichtung darstellt, die keine Unterbrechung kennt, trifft es auch und sogar noch mehr zu, daß der Friede ein Geschenk Gottes ist. Der Friede ist nämlich ein Merkmal des göttlichen Handelns, das sowohl in der Erschaffung eines geordneten und harmonischen Universums zum Ausdruck kommt, als auch in der Erlösung der Menschheit, die es nötig hat, aus der Unordnung der Sünde zurückgewonnen zu werden. Schöpfung und Erlösung bieten also den Schlüssel zum Verständnis des Sinnes unseres Daseins auf der Erde“ [1].

Diese Worte helfen für das Verständnis der Seligpreisung der Friedensstifter, und diese wirft ihrerseits ein einzigartiges Licht auf diese Worte. Das bevorstehende Weihnachtsfest verleiht unserer Betrachtung einen besonderen, einen liturgischen Ton. In der Weihnachtsnacht werden wir die Worte des Hymnus der Engel hören: „Frieden auf Erden den Menschen, die der Herr liebt.“ Der Sinn dieses Hymnus ist nicht: Friede sei, sondern Friede ist; es ist dies kein Wunsch, sondern eine Nachricht. „Das Geburtsfest des Herrn“ – so sagte Leo der Große – „ist das Geburtsfest des Friedens“: Natalis Domini natalis est pacis [2].

2. Wer sind die Friedensstifter?

Die siebte Seligpreisung lautet: „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ Zusammen mit der Seligpreisung der Barmherzigen ist dies die einzige Seligpreisung, die nicht so sehr sagt, wie man „sein“ muss (arm, trauernd, sanftmütig, reinen Herzens), sondern vielmehr, was man „tun“ muss. Der Begriff eirenopoioi bedeutet: diejenigen, die für den Frieden arbeiten, die „Frieden machen“. Dies aber nicht so sehr in dem Sinn, dass sie sich mit den eigenen Feinden aussöhnen, als vielmehr dass sie den Feinden helfen, sich auszusöhnen. „Es handelt sich um Menschen, die den Frieden sehr lieben – so sehr, dass sie keine Angst haben, den eigenen persönlichen Frieden zu beeinträchtigen, wenn sie sich in die Konflikte einschalten, um unter denen, die gespalten sind, Frieden zu schaffen“ [3].

„Friedensstifter“ ist also kein Synonym für „die Friedlichen“, das heißt ruhige und besonnen Menschen, die so weit wie möglich Auseinandersetzungen vermeiden (sie werden in einer anderen Seligpreisung selig geheißen, in der der Sanftmütigen); „Friedensstifter“ ist ebenso wenig ein Synonym für Pazifisten, wenn unter Pazifisten diejenigen verstanden werden, die sich gegen den Krieg stellen (in den meisten Fällen zusammen mit einer der Kriegsparteien!), ohne dabei irgendetwas für die Aussöhnung der Gegner zu tun. Der Begriff, der am meisten entspricht, ist Pacificatores, „Friedenmacher“.

Zur Zeit des Neuen Testaments wurden die Souveräne, vor allem der römische Kaiser, Pacificatores oder Friedensstifter genannt. Augustus stellte an die Spitze seiner Unternehmungen, dass er der Welt den Frieden gebracht habe – durch seine militärischen Siege (parta victoriis pax) –, und ließ in Rom die berühmte Ara pacis errichten, den Altar des Friedens.

Jemand meinte, dass sich die Seligpreisung des Evangeliums diesem Anspruch entgegenzusetzen beabsichtige und deshalb sage, wer die wirklichen Friedensstifter seien und auf welche Weise der Friede gefördert werde: schon durch Siege, allerdings durch die Siege über sich selbst, nicht über die Feinde; nicht durch die Zerstörung des Feindes, sondern durch die Zerstörung der Feindschaft, so wie es Jesus auf dem Kreuz getan hat (vgl. Eph 2,16).

Heute überwiegt jedoch die Meinung, dass die Seligpreisung innerhalb der Bibel und der jüdischen Quellen zu lesen sind, in denen eines der hauptsächlichen Werke der Barmherzigkeit darin besteht, denjenigen bei der Versöhnung zu helfen, die einander in Zwietracht gegenüberstehen. Die von Christus ausgesprochene Seligpreisung der Friedensstifter stammt vom neuen Gebot der brüderlichen Liebe her; sie ist eine Modalität, in der die Liebe zum Nächsten zum Ausdruck kommt.

In diesem Sinne könnte man sagen, dass dies die Seligpreisung schlechthin für die römische Kirche und ihren Bischof ist. Einer der wertvollsten Dienste, den das Papsttum der Christenheit erwiesen hat, besteht darin, den Frieden zwischen den verschiedenen Kirchen und in bestimmten Epochen auch zwischen den christlichen Herrschern zu fördern. Das erste Apostolische Schreiben eines Papstes, jenes des heiligen Clemens I., der um das Jahr 96 verfasst wurde (möglicherweise noch vor dem vierten Evangelium), war geschrieben worden, um den Frieden in der Kirche von Korinth wieder herzustellen, in der Zwietracht herrschte. Es handelt sich um einen Dienst, der nicht ohne ein gewisses Maß an realer Jurisdiktionsbefugnis geleistet werden kann. Um sich seines Wertes bewusst zu werden, genügt es, die Schwierigkeiten zu beobachten, die dort entstehen, wo er nicht vorhanden.

Die Geschichte der Kirche ist voll von Episoden, in denen sich Ortskirchen, Bischöfe oder Äbte, die untereinander oder mit der eigenen Herde im Streit lagen, an den Papst als Schiedsmann für den Frieden wandten. Auch heute, da bin ich sicher, ist dies einer der am häufigsten vorkommenden, wenngleich am wenigsten bekannten Dienste, den er der universalen Kirche erweist. In derselben Weise sind die vatikanische Diplomatie und die Apostolischen Nuntien dazu bestimmt, Werkzeuge im Dienst des Friedens zu sein.

3. Der Friede als Gabe

Gott selbst ist in dieser Hinsicht der wahre und höchste „Stifter des Friedens“. Gerade deshalb werden diejenigen, die sich für den Frieden einsetzen, „Kinder Gottes“ genannt: weil sie ihm ähneln, ihn imitieren; weil sie das tun, was er tut. Die päpstliche Botschaft sagt, dass der Frieden das Charakteristikum des göttlichen Handelns in der Schöpfung und in der Erlösung ist, das heißt sowohl im Handeln Gottes als auch im Handeln Christi.

Die Heilige Schrift spricht vom „Frieden Gottes“ (Phil 4,7) und noch öfter vom „Gott des Friedens“ (Röm 15,32). Friede besagt hier nicht nur, was Gott tut oder gibt, sondern auch das, was Gott ist. Friede ist, was im eigentlichen Sinn in Gott herrscht. Fast alle Religionen, die im Umkreis der Bibel entstanden sind, kennen göttliche Welten, in deren Innern Krieg herrscht. Die kosmogonischen Mythen Babylons und Griechenlands sprechen von Gottheiten, die sich bekriegen und gegenseitig zerreißen. Auch in der häretischen christlichen Gnosis herrscht zwischen den himmlischen Äonen nicht Einheit und Frieden, und die Existenz der materiellen Welt wäre hier gerade das Ergebnis eines Unfalls und einer Dissonanz, zu denen es in einer höheren Welt gekommen wäre.

Vor diesem religiösen Hintergrund kann die Neuheit und absolute Andersheit der Lehre von der Dreifaltigkeit als vollkommene Einheit der Liebe in der Vielheit der Personen verstanden werden. In einem ihrer Hymnen nennt die Kirche die Dreifaltigkeit „Meer des Friedens“, und das ist nicht nur ein poetischer Ausdruck. Was bei der Betrachtung der Dreifaltigkeitsikone von Rublev am meisten beeindruckt (die in dieser Kapelle vorne, über der Jungfrau auf dem Thron, abgebildet ist), ist das Gefühl des übernatürlichen Friedens, das von ihr ausströmt. Dem Maler ist es gelungen, in einem Bild das Motto des heiligen Sergio von Radonez auszudrücken, für dessen Kloster die Ikone gemalt worden war: „In der Betrachtung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit die gehässige Zwietracht dieser Welt besiegen.“

Wer diesen göttlichen Frieden, der von jenseits der Geschichte herkommt, am besten gefeiert hat, war Dionysius Areopagita, der Pseudo-Dionysius. Für ihn ist der Friede genauso wie die „Liebe“ einer der „Namen Gottes“ [4]. Auch von Christus wird gesagt, dass er selbst unser Friede „ist“ (vgl. Eph 2,14-17). Wenn er sagt: „Meine Frieden gebe ich euch“, gibt er uns das weiter, was er ist.

Es besteht eine untrennbare Verbindung zwischen der himmlischen Gabe des Friedens und dem Heiligen Geist; nicht ohne Grund werden sie mit dem gleichen Symbol dargestellt, der Taube. Am Nachmittag des Ostertags schenkte Jesus seinen Jüngern denFrieden und den Heiligen Geist praktisch im selben Augenblick: „Friede sei mit euch!“... Und dann hauchte er sie an und sprach zu ihnen: „Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20, 21-22). Der Friede, so sagt Paulus, ist eine „Frucht des Geistes“ (Gal 5,22).

So versteht man also, was es heißt, Friedensstifter zu sein. Es geht nicht darum, den Frieden zu erfinden oder zu schaffen, sondern ihn weiterzugeben; dem Frieden Gottes und dem Frieden Christi, „der jede Vernunft übersteigt“, Platz zu machen. „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus“ (Röm 1,7): Das ist der Friede, den der Apostel den Christen Roms übermittelt.

Weder dürfen noch können wir Quellen des Friedens sein; wir sind nur Kanäle für den Frieden. Dies bringt auf vollkommene Weise das Gebet zum Ausdruck, das dem heiligen Franz von Assisi zugeschrieben wird: „Herr, mach aus mir ein Werkzeug deines Friedens.“ Auf Englisch wird es folgendermaßen übersetzt: Mach aus mit einen Kanal für deinen Frieden – make me a channel of your peace.

Was aber ist das für ein Frieden, von dem wir sprechen? Die Definition, die vom heiligen Augustinus gegeben wurde, ist zu seiner klassischen Definition geworden: „Der Frieden ist die Ruhe der Ordnung“ [5]. Ausgehend von ihr sagt der heilige Thomas, dass es im Menschen drei Arten von Ordnungen gibt: mit sich selbst, mit Gott und mit dem Nächsten. Demnach gibt es auch drei Formen des Friedens: den inneren Frieden, in dem der Mensch in Frieden mit sich selbst ist; den Frieden, durch den der Mensch in Frieden mit Gott ist und sich so völlig seinen Anordnungen ergibt, und schließlich den Frieden in Bezug auf den Nächsten, durch den man mit allen in Frieden lebt [6].

In der Bibel jedoch besagt shalom, Friede, mehr als eine bloße „Ruhe der Ordnung“. Er meint auch Wohlbefinden, sich ausruhen, Sicherheit, Erfolg, Ruhm. Manchmal bezeichnet er sogar die Gesamtheit der messianischen Güter und ist ein Synonym von Heil und Wohl: „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt“ (Jes 52,7). Der neue Bund wird ein „Bund des Friedens“ genannt (Ez 37,26), das Evangelium „Evangelium des Friedens“ (Eph 6,15) – als sei im Wort „Frieden“ der ganze Inhalt des Bundes und des Evangeliums zusammengefasst.

Im Alten Testament wird der Friede oft in Verbindung mit Gerechtigkeit genannt (Ps 85,11: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich“), und im Neuen Testament in Verbindung mit Gnade. Wenn der heilige Paulus schreibt: „Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott“ (Röm 5,1), so ist klar, dass „in Frieden mit Gott“ dieselbe eindeutige Bedeutung hat wie „in der Gnade Gottes“.

4. Der Friede als Aufgabe

Die Botschaft des Papstes sagt aber, dass der Friede Gabe und darüber hinaus eine Aufgabe ist. Die Seligpreisung der Friedensstifter spricht in erster Linie vom Frieden als Aufgabe.

Die Voraussetzung, Kanal für den Frieden zu sein, besteht darin, mit dessen Quelle verbunden zu bleiben, die der Wille Gottes ist: „In seinem Willen liegt unser Frieden“ („En la sua voluntade è nostra pace“), lässt Dante eine Seele des Fegefeuers sagen. Das Geheimnis des inneren Friedens ist die vollständige und immer neue Hingabe an den Willen Gottes. Es kann helfen, diesen Frieden des Herzens zu bewahren oder wieder neu zu finden, wenn man zusammen mit der heiligen Theresa von Avila wiederholt: „Nichts verwirre dich, nichts erschrecke dich. Alles geht vorüber, allein Gott bleibt. Die Geduld besiegt alles. Nichts fehlt dem, der Gott hat. Gott allein genügt.“

Die apostolische Paränese ist reich an praktischen Hinweisen auf das, was den Frieden begünstigt oder ihn behindert. Eine der bekanntesten Stellen stammt aus dem Jakobusbrief: „Wo nämlich Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht. Wo Frieden herrscht, wird (von Gott) für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut (Jak 3,16-18).

Von diesem sehr persönlichen Bereich muss jede Bemühung zur Errichtung des Friedens ausgehen. Der Friede ist wie das Kielwasser eines schönen Schiffes, das sich bis ins Unendliche ausweitet, jedoch mit einer Spitze beginnt, und diese Spitze ist in diesem Fall das Herzen des Menschen. Eine der Botschaften von Johannes Paul II. zum Weltfriedenstag, jene aus dem Jahr 1984, trug den Titel „Der Frieden entsteht aus einem neuen Herzen heraus“.

Aber ich möchte nicht näher auf diesen persönlichen Bereich eingehen. Heute eröffnet sich für die Friedensstifter ein neues, schwieriges und dringliches Arbeitsfeld: den Frieden unter den Religionen und mit der Religion zu fördern, das heißt den Frieden sowohl zwischen den Religionen als auch zwischen den Gläubigen der verschiedenen Religionen und der nicht glaubenden laikalen Welt. Die Botschaft des Papstes widmet den Schwierigkeiten, denen man auf diesem Gebiet begegnet, einen Paragraphen:

„Ein weiteres besorgniserregendes Symptom für den Mangel an Frieden in der Welt stellen — in Bezug auf die freie Äußerung des eigenen Glaubens — die Schwierigkeiten dar, denen sowohl die Christen als auch die Anhänger anderer Religionen häufig begegnen, wenn es sich darum handelt, die eigenen religiösen Überzeugungen öffentlich und frei zu bekennen. … Es gibt Regime, die allen eine Einheitsreligion aufzwingen, während religiös indifferente Regierungen nicht eine gewaltsame Verfolgung schüren, wohl aber eine systematische kulturelle Verhöhnung religiöser Überzeugungen begünstigen. In jedem Fall wird ein menschliches Grundrecht missachtet, was schwere Auswirkungen auf das friedliche Zusammenleben nach sich zieht. Das fördert unweigerlich eine Mentalität und eine Kultur, die dem Frieden abträglich sind“ (Nr. 5).

Ein Beispiel für diese kulturelle Verhöhnung oder zumindest von dem Versuch, religiöse Überzeugungen an den Rand zu drängen, erleben wir gerade in diesen Tagen mit der inszenierten Kampagne, die sich in den verschiedenen Ländern und Städten Europas gegen die religiösen Weihnachtssymbole richtet. Oft wird als Grund angeführt, dass man die Menschen anderer Religionen, die unter uns leben – vor allem die Muslime – nicht beleidigen wolle. Aber das ist ein Vorwand, eine Entschuldigung. In Wirklichkeit ist es eine gewisse laizistische Welt, die diese Symbole nicht will, und nicht die Muslime. Sie haben nichts gegen das christliche Weihnachten, sie ehren es vielmehr.

Wir sind bei der absurden Situation angelangt, in der viele Muslime die Geburt Jesu feiern, die Krippe zu Hause aufstellen wollen und sagen, dass derjenige kein Muslim sei, „der nicht an die wundersame Geburt Jesu glaubt“ [7], während andere, die sich Christen nennen, aus Weihnachten ein Winterfest machen wollen, in dem nur Rentiere und Teddybären vorkommen.

Im Koran steht eine Sure, die der Geburt Jesu gewidmet ist und die zu kennen sich lohnt, auch um den Dialog und die Freundschaft unter den Religionen zu begünstigen. Sie lautet:

„Wie die Engel sprachen: ‚O Maria, Allah gibt dir frohe Kunde durch ein Wort von ihm: Sein Name soll sein der Messias, Jesus, Sohn Marias, geehrt in dieser und in jener Welt, einer der Gottnahen. Und er wird zu den Menschen in der Wiege reden und im Mannesalter und der Rechtschaffenen einer sein.‘ Sie sprach: ‚Mein Herr, wie soll mir ein Sohn werden, wo mich kein Mann berührt hat?‘ Er sprach: ‚So ist Allahs (Weg); er schafft, was ihm gefällt. Wenn er ein Ding beschließt, so spricht er zu ihm: Sei!, und es ist‘“ [8].

In der Folge des Programms „A sua immagine“ über das Evangelium, das morgen Abend im staatlichen Fernsehen RAI Uno gesendet wird, bat ich einen muslimischen Bruder, diesen Abschnitt zu lesen, und er tat es mit großer Freude. Dabei erklärte er sich erfreut darüber, zur Klärung eines Missverständnisses beizutragen, das, wie er sagte, den muslimischen Gläubigen selbst schade – unter dem Vorwand, ihrer Sache zu nützen.

Das Motiv, das einen Dialog zwischen den Religionen ermöglicht, der nicht nur auf Gelegenheitsgründen aufbaut, die wir gut kennen, sondern, sondern auf einem soliden theologischen Fundament, besteht darin, dass „wir alle eine einzigen Gott haben“, wie der Heilige Vater anlässlich seines Besuches in der Blauen Moschee von Istanbul erinnerte. Das ist die Wahrheit, von der auch der heilige Paulus in seiner Rede von dem Areopag in Athen ausgegangen war (vgl. Apg 17,28).

Subjektiv haben wir verschiedene Ansichten über Gott. Für uns Christen ist er „der Vater unseres Herrn Jesus Christus“, der nur „durch ihn“ voll erkannt werden kann; objektiv aber wissen wir wohl, dass eine keinen weiteren Gott geben kann. Es gibt nur „einen Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Eph 4,6).

Theologisches Fundament des Dialogs ist auch unser Glaube an den Heiligen Geist. Als Geist der Erlösung und Geist der Gnade ist er das Band des Friedens unter den Getauften der verschiedenen christlichen Konfessionen; als Geist der Schöpfung, Spiritus creator, ist er ein Band des Friedens unter den Gläubigen aller Religionen und vor allem unter den Menschen guten Willens. „Jede Wahrheit, wer auch immer sie ausspricht“ – so schrieb der heilige Thomas von Aquin – „stammt vom Heiligen Geist“ [9].

Wie dieser Schöpfergeist in den Propheten des Alten Testaments (vgl. 1 Petr 1,11) auf Christus verwiesen hat, so glauben wir, dass er jetzt auch – in einer Weise, die nur Gott allein kennt – in seinem Wirken außerhalb der Kirche auf Christus und dessen Ostergeheimnis hinführt. Wie der Sohn nichts ohne dem Vater tut, so tut aich der Heilige Geist nichts ohne dem Sohn.

Die ganze jüngste Reise des Heiligen Vaters in die Türkei diente dazu, den Frieden unter den Religionen zu stärken, und brachte reiche Fürchten – wie alle Dinge, die vom Zeichen des Kreuzes herstammen: Frieden zwischen der christlichen Kirche des Ostens und des Westens, Frieden zischen Christentum und Islam. „Dieser Besuch wird uns dabei helfen, gemeinsam die Weisen und Wege des Friedens zum Wohl der Menschheit zu finden“, so der Kommentar des Heiligen Vaters anlässlich des schweigsamen Gebets in der Blauen Moschee.

6. Friede ohne die Religionen?

Wenn man ehrlich ist, wünscht sich die säkularisierte westliche Welt eine andere Art des Religionsfriedens, nämlich einen Frieden, der sich aus dem Verschwinden der Religionen ergibt.

„Stell dir vor, es gebe kein Himmelreich,/ es fällt leicht, dies zu versuchen;/ keine Hölle unter uns,/ über uns nur Himmel.
Stell dir vor, alle Menschen/ lebten nur für den Tag./ Stell dir vor, es gebe keine Länder,/ es fällt leicht, dies zu tun;/ nichts, wofür man morden oder sterben müsste,/ und auch keine Religion.
Stell dir vor, alle Menschen/ lebten in Frieden./ Du wirst vielleicht sagen, ich bin ein Träumer,/ aber ich bin nicht der Einzige./ Ich hoffe, du wirst dich uns eines Tages anschließen,/ und die Welt wird eins sein“
[10].

Dieses Lied – es wurde von einem der größten Idole der modernen Popmusik mit einer eingängigen Melodie komponiert – wurde zu einer Art Jahrhundertmanifest des Pazifismus. Sollte es Wirklichkeit werden, so wäre die hier ersehnte Welt die ärmste und elendste Welt, die man sich nur vorstellen kann; eine verflachte Welt, in der alle Unterschiede abgeschafft wären, in der die Menschen dazu bestimmt wären, sich zu zerfleischen und nicht in Frieden leben zu können, weil dort, wo alle dasselbe wollen – so erörterte René Girard –, sich das „mimetische Interesse“ und mit ihm die Rivalität des Krieges entfesseln.

Wir Gläubigen dürfen uns allerdings auch nicht gegenüber der säkularisierten Welt zu Groll und Polemiken hinreißen lassen. Neben dem Dialog und dem Frieden unter der Religionen eröffnet sich hier eine weitere Herausforderung für die Friedensstifter: die Herausforderung des Friedens unter Gläubigen und Nicht-Gläubigen, zwischen religiösen Menschen und der säkularen Welt, die der Religion gleichgültig und feindselig gegenübersteht.

Dies wird eine weitere hervorragende Weise der Prüfung sein: von der Hoffnung, die uns erfüllt, auch wirklich standhaft Rechenschaft abzulegen, dies aber so, wie es im Brief des heiligen Petrus gefordert wird: „mit Sanftheit und Respekt“ (1 Petr 2,15-17). Respekt heißt in diesem Fall nicht „menschliche Rücksicht“, also Jesus unter den Scheffel zu stellen, um nur ja keine Reaktionen hervorzurufen. Es handelt sich vielmehr um den Respekt vor einer Innerlichkeit, die nur Gott kennt und die keiner verletzten oder zu einer Wandlung zwingen darf. Es geht nicht darum, Jesus auszuklammern, sondern darum, Jesus und das Evangelium durch das eigene Leben sichtbar zu machen. Wir wünschen uns nur, dass die anderen den Christen den gleichen Respekt erweisen, was bisher oft nicht der Fall war.

Abschließend wollen wir wieder an Weihnachten denken. In einem alten Antwortgesang des Morgengebets der Kirche zu Weihnachten heißt es: Hodie nobis de caelo pax vera descendit. Hodie per totum mundum melliflui facti sunt caeli: „Heute ist für uns der wahre Friede vom Himmel herabgestiegen. Heute ergießen die Himmel Honig über die Welt.“

Wie entsprechen wir dem unendlichen Geschenk, das der Vater der Welt macht, indem er seinen eingeborenen Sohn für sie hingibt? Wenn es ein Fettnäpfchen gibt, in das man zu Weihnachten nicht treten sollte, so ist es das: Ein „wiederverwertetes“ Geschenk aufgrund eines Irrtums derselben Person zu machen, von der man es bekommen hat. Nun, im Fall Gottes können wir die ganze Zeit nichts anderes tun als eben genau das! Die einzig mögliche Danksagung ist die Eucharistie: Gott seinen Sohn Jesus, der unser Bruder geworden ist, immer wieder neu anzubieten.

Und was für ein Geschenk werden wir Jesus machen? In einem Text der orientalischen Weihnachtsliturgie heißt es: „Was können wir dir dafür anbieten, o Christus, dass du auf der Erde Mensch geworden bist? Jedes Geschöpf schenkt dir ein Zeichen seiner Anerkennung: die Engel ihren Gesang, die Himmel ihre Sterne, die Erde eine Grotte, die Wüste eine Krippe. Wir aber bieten dir eine jungfräuliche Mutter an!“ [11].

Heiliger Vater, verehrte Patres, Brüder und Schwestern: Danke für das wohlwollende Zuhören und frohe Weihnachten!

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[1] Benedikt XVI., „Der Mensch – Herz des Friedens“, Botschaft zum Weltfriedenstag 2007.
[2] Leo der Große, Trattati 26 (CC 138, Zeile 130).
[3] J. Dupont, Le beatitudini, III, p.1001.
[4] Dionysius Areopagita, Nomi divini, XI, 1 f (PG 3, 948 f).
[5] Augustinus, La città di Dio, XIX, 13 (CC 48, S. 679).
[6] Thomas von Aquin, Commento al vangelo di Giovanni, XIV, lec. VII, n.1962.
[7] Magdi Allan, „Noi musulmani diciamo sì al presepe“ [„Wir Moslems sagen Ja zur Krippe“], Il Corriere della sera, 18. Dezember 2006, S. 18.
[8] Koran, Sure III, Italienische Übersetzung von M.M. Moreno, Turin, UTET, 1971, S. 65.
[9] Thomas von Aquin, Somma teologica, I-IIae q. 109, a. 1 ad 1; Ambrosiaster, Sulla prima lettera ai Corinti, 12, 3 (CSEL 81, S.132).
[10] John Lennon, „Imagine there’s no heaven / it’s easy if you try. / No hell below us / above us only sky. Imagine all the people / living for today./ Imagine there’s no countries / it isn’t hard to do. / Nothing to kill or die for / and no religion too. /Imagine all the people / living for today./ Imagine there’s no countries / it isn’t hard to do./ Nothing to kill or die for /and no religion too...Imagine all the people / living life in peace. / You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one./ I hope someday you’ll join us / and the world will live as one.“
[11] Idiomelon ai Grandi Vespri di Natale.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]