Serbisch-orthodoxer Patriarch Irinej: Ökumene und interreligiöser Dialog unverzichtbar

Erster Auslandsbesuch des Kirchenoberhauptes führt ihn nach Wien

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Von Michaela Koller

WIEN, 13. September 2010 (ZENIT.org).- Es sollte zunächst ein Pastoralbesuch werden, aber das Auftreten des serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej I. bei seiner ersten Auslandsreise seit seiner Wahl ist schon jetzt an ökumenischen und politischen Signalen reich: Aus Anlass der 150. Jubiläumsfeier der serbisch-orthodoxen Kirchengemeinde in Wien kam das Kirchenoberhaupt am Freitag aus Belgrad in die österreichische Hauptstadt.

Zum Auftakt am Freitag im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek betonte Irinej die Verpflichtung der Orthodoxie zur Ökumene und zeigte gemeinsame Aufgaben in einem künftigen Europa auf. „Der zwischenchristliche und der interreligiöse Dialog sind unverzichtbare Themen", sagte der Patriarch mit Blick auf die 1.700-Jahr-Feier des Mailänder Edikts im Jahr 2013 im serbischen Niš, zu der er bereits Papst Benedikts XVI. eingeladen hat. (ZENIT berichtete.)

Die Stiftung Pro Oriente ernannte ihn im Rahmen des Festaktes an dem barocken Saal, der zu den schönsten Bibliotheken der Welt zählt, zu ihrem Protektor „aus Dank und Anerkennung für seine Offenheit und Freundschaft im Dialog mit den anderen christlichen Kirchen und Religionen". Laudator Michael Weninger vom österreichischen Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten bezeichnete in seiner Rede das Kirchenoberhaupt als „Anwalt der serbischen Identität", der zugleich aber dem ökumenischen Anliegen stark verbunden sei.

Der Patriarch erinnerte eingangs an die Anfänge des orthodoxen Beitrag zur Ökumene. „Bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts verschickte der Patriarch von Konstantinopel Joachim III., als Antwort auf die Glückwünsche, die er anlässlich seiner Inthronisierung im Jahre 1902 erhielt, an alle Oberhäupter der orthodoxen Kirche ein Rundschreiben, in dem er sie aufrief, nicht nur über die möglichen Wege der Verbesserung der Einheit der Orthodoxie nachzudenken, sondern auch über ihre Beziehung zur katholischen Kirche und zu den Kirchen der Reformation.

„Das Patriarchat von Konstantinopel verfasste dann 1920 einen Rundbrief an alle Kirchen mit der Aufforderung, den Geist des Misstrauens und der Bitterkeit zu besiegen, und die Macht der Liebe und der Suche nach der verlorenen Einheit zu demonstrieren. „Wir möchten bei dieser Gelegenheit auch die Stiftung Pro Oriente nennen, die in eben dieser Stadt ihren Sitz hat, und ihren Beitrag zum Dialog zwischen unseren beiden Kirchen leistet", sagte der Patriarch weiter. Er erinnerte an die Ursprünge der Gemeinsamen Kommission für den Dialog zwischen der Katholischen und Orthodoxen Kirche, die auch in die österreichische Hauptstadt zurückführen. Der Dialog mit der katholischen Kirche sei eine der wichtigsten Fragen der gegenwärtigen Mission.

Die Orthodoxen hätten zeitig die Bedeutung der Ökumene erkannt, da die Kirche ihrem Wesen nach dialogisch sei. „Stünde die orthodoxe Kirche nicht im Dialog mit anderen christlichen Kirchen und auch nicht mit nichtchristlichen Religionen, säkularen religiösen Bewegungen und allen ideellen und spirituellen Herausforderungen der modernen Welt, so würde sie aufhören, Kirche zu sein und würde sich in eine Sekte verwandeln", ist der Patriarch überzeugt.

Es könne keine einzige historische Kirchengemeinschaft Anspruch darauf erheben, als Kirche zu gelten, wenn sie aufgehört habe, die Einheit mit anderen Kirchen anzustreben, zitierte er den griechisch-orthodoxen Metropoliten von Pergamon Ioannis Zizioulas. „Unser christlicher Gott, die Heilige Dreifaltigkeit, ist grundlegend durch die Kategorie der Beziehung (der Relation) bestimmt, sowohl in sich selbst, wie auch der Welt gegenüber", fuhr der Patriarch fort. Die christliche Ontologie sei dialogisch. „Gott ist Liebe, eine ICH-DU-Beziehung", sagte das Kirchenoberhaupt weiter. Christ sein heiße zudem, sich vom persönlichen und kollektiven Egoismus zu befreien und auch vom Groll über die verletzte Eigenliebe.

„Die Kirche in der Welt besteht deshalb, um die existentielle Umwandlung der durch die Sünde geteilten und zerstückelten Menschheit in eine Gemeinschaft freier Persönlichkeiten zu vollziehen, die mit Gott und miteinander vereint sind", erklärte er. Diejenigen, die sich mit Schisma und Teilung versöhnten, begingen eine schwerere Sünde als diejenigen, die diese hervorgerufen haben, denn sie leugneten den Willen Gottes, dass alle zusammen und eins am Ende der Geschichte seien. Der ökumenische Dialog strebe eine „versöhnte Verschiedenheit" (Einheit in der Vielfalt) an. Ein solcher Dialog bewahre die Kirche vor zwei gleichermaßen gefährlichen Versuchungen - vor dem „offenen Relativismus" und vor dem „geschlossenen Fanatismus". Die 1.700-Jahrfeier des Mailänder Edikts europafreundliche Patriarch für eine Gelegenheit, die Lage der Kirchen und der religiösen Gemeinschaften im heutigen Europa zu überdenken, die Fragen der Religionsfreiheit und der Gleichheit neu im zeitgemäßen historischen Kontext zu interpretieren. Patriarch Irinej bejahte wiederholt ausdrücklich die Aufnahme Serbiens in die EU.

In seiner Festrede kam er dann auch noch auf das Verhältnis Serbiens zu seinen Nachbarn zu sprechen: „Auf unserem lokalen Plan sollten sich alle Beteiligten bemühen, es zu einer vollkommenen Aussöhnung und Wiederherstellung des Vertrauens unter den Balkanvölkern kommen zu lassen, die in der jüngsten Geschichte, wie unser Nobelpreisträger Ivo Andric schrieb, ‚gleichzeitig Gewalt begangen und Gewalt erlitten haben‘." Bei einem Besuch in Linz am Samstag, wo er in der Kirche des Hl. Vasilije von Ostrog die Heilige Liturgie, die orthodoxe Heilige Messe, zelebrierte, ging es konkret um Kosovo. In seiner Ansprache, bei der auch der Linzer Diözesanbischofs Ludwig Schwarz und sein Vorgänger, Bischof Maximilian Aichern zugegen waren, unterstrich Patriarch Irinej die Wichtigkeit des Kosovo für die Serben und nannte das Kosovo „unsere unheilbare Wunde".

In der oberösterreichische Landeshauptstadt leben unter rund 190.000 Einwohnern etwa 7.000 Serben. In dem von 70 Staaten weltweit anerkannten mehrheitlich albanisch bewohnten Land befinden sich bedeutende Klöster und historisch bedeutsame Stätten der serbischen Orthodoxie. Dort steht etwa das Patriarchatskloster von Péc, das seit dem Mittelalter der Sitz der Oberhäupter der serbischen Orthodoxie war. Heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörend, untersteht es immer noch dem Serbischen Patriarchen. Und dort wird auch am 3. Oktober seine feierliche Inthronisation stattfinden. Die serbisch-orthodoxen Kirchen und Klöster werden zur Zeit noch von Nato-Soldaten beschützt, den KFOR-Einheiten. Vier von neun Klöstern sollen aber demnächst von inzwischen geschulten kosovarischen Polizisten bewacht werden. Nun hat die serbische Geistlichkeit Angst davor, dass dieser Schutz nicht ausreiche. Seit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am 17. Februar 2008 hat sich die Lage Beobachtern zufolge aber zunehmend stabilisiert. Er vertritt damit die traditionelle Position der serbische-orthodoxen Kirche", wie die Nachrichtenagentur der SOK für Mitteleuropa dies formulierte.

Dort kommentierte man den Vorgang so. „Seine große Offenheit für den Dialog bedeutet nicht gleichzeitig Nachgiebigkeit in wichtigen Fragen." Seine Sorge im Kosovo gelte primär der Not leidenden serbischen Bevölkerung und den serbischen Gotteshäusern, nicht den staatspolitischen Aspekten dieses Problems, hieß es in einer Erklärung. Ein staatspolitischer Aspekt ist die Frage der Anerkennung des Kosovo als unabhängiger Staat: Serbien betrachtet das Land immer noch als abtrünnige Provinz. Deutschland und Österreich etwa haben Kosovo schon frühzeitig anerkannt, der Heilige Stuhl aber noch nicht. Nicht nur die jüngste Vergangenheit seit dem Nato-Bombardement Serbiens im Jahr 1999, sondern auch die Geschichte harrt wohl noch der Aufarbeitung: Der Patriarch erinnerte in seiner Rede daran, dass während des Zweiten Weltkrieges, zwischen den Jahren 1941 und 1945 etwa 250.000 Serben aus der Region um das Amselfeld vertrieben wurden. Nach einem Mittagessen in der Kirchengemeinde Linz besuchte die serbisch-orthodoxe Delegation in Mauthausen einen Friedhof, an dem serbische Kriegsgefangene aus dem Ersten Weltkrieg, die dort interniert waren, begraben worden sind: 8.000 serbischen Soldaten wird dort gedacht.

Der Patriarch weihte das Gelände, auf dem eine serbisch-orthodoxe Friedhofskapelle gebaut werden soll. Bereits eineinhalb Stunden bevor der Patriarch die nächste Station seiner Reise erreichte, die serbische orthodoxe Kirche der Auferstehung Christi im Zweiten Bezirk, drängten sich viele Gläubige dort hinein. Unter den Kirchenbesuchern, die nach orthodoxer Sitte sich vor den Ikonen bekreuzigten, sie vielfach küssten oder Spenden davor ablegten, waren viele junge Familien, deren Kinder den orthodoxen Religionsunterricht besuche. In seiner kurzen Ansprache nach der Vesper rief das Kirchenoberhaupt die serbisch-orthodoxen Gläubigen dazu auf, an ihrem Glauben festzuhalten. Dieser Glaube sei durch die apostolische Überlieferung bezeugt. Der Patriarch sagte, die Serben in Österreich sollen „würdige Vertreter" ihres Volkes sowie Botschafter ihres Landes sein. In seiner Predigt am darauffolgenden Tag in derselben Kirche rief der serbische Patriarch seine Gläubigen dazu auf, dankbar zu sein: Auch das, was wir „unser" nennen, sei ein Geschenk Gottes, erinnerte das serbische Kirchenoberhaupt.

Er verwies zudem auf die starke Verbindung zwischen den Serben und der Kirche auf. Das Volk habe seinerseits seine Häuser in der alten Heimat verlassen, sogar seine Familien, nicht aber seinen Glauben und seine Kirche. Es habe alles, was kirchlich ist, immer mit sich getragen. In Wien sollen heute an die 100.000 Serben leben, die dort seit dem 17. Jahrhundert präsent sind. Die Serbische Orthodoxe Diözese Mitteleuropa wird in Österreich als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt, während der orthodoxe Religionsunterricht an staatlichen Schulen unterrichtet wird.

Am Sonntagnachmittag folgte ein ökumenischer Höhepunkt: Mit großem Gefolge, darunter serbisch-orthodoxe Bischöfe, Priester, Diakone und Experten seiner Kirche folgte Patriarch Irinej I. der Einladung zur 50. Maria-Namen-Feier, der größten Feier der österreichischen Katholiken, in die Wiener Stadthalle mit Christoph Kardinal Schönborn. angeführt wurde. Festredner war der Religionspädagoge und Autor Albert Biesinger. Der Patriarch war sichtlich ergriffen vom herzlichen Empfang. Der serbische orthodoxe Diözesanbischof von Mitteleuropa, Bischof Konstantin (Djokic), sagte in seiner Begrüßung, Maria, Gottesgebärerin werde sowohl von den orthodoxen als auch von den römisch-katholischen Gläubigen verehrt. Und sie „schützt all diejenigen, die Sie betend ansprechen", betonte der für Österreich, Deutschland, Liechtenstein und die Schweiz zuständige Bischof. Am Montag standen noch weitere Begegnungen mit dem Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn, dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer und dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl sowie dem griechisch-orthodoxen Metropoliten Michael (Staikos) auf dem Programm des Patriarchen.