"Setzt auch ihr euch ein, damit alle das Leben haben und es in Fülle haben": Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg zum 30. Todestag von Pater Rudolf Lunkenbein, einem "Märtyrer des 20. Jahrhunderts"

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BAMBERG, 13. Juli 2006 (ZENIT.org).- "Die Menschen lieben, selbstlos, absichtslos, mit reinem Herzen, das kann der Mensch eigentlich nur, wenn er an der göttlichen Liebe teilhat", stellte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am 10. Juli 2006 in Döringstadt fest.



In seiner Ansprache zum 30. Todestag von Pater Rudolf Lunkenbein SDB (1939-1976) zeigte der Oberhirte auf, wie auch wir in der Nachfolge Jesu nach dem Vorbild des in Döringstadt geborenen Missionars für das Leben der Menschen wirken und in diesem Wirken unser Leben hingeben können: "Wer sich Christ nennt und sein will, der muss dazu beitragen, dass alle Menschen das Leben haben und es in Fülle haben. Dazu befähigt uns, beauftragt uns und verpflichtet uns die Liebe, die wir von Gott empfangen und leben sollen."

Pater Lunkenbein hatte sich in Brasilien unermüdlich für die Rechte der Indios vom Stamm der Bororo in Merure im Mato Grosso eingesetzt und dafür mit dem Tod bezahlt.

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Liebe Schwestern und Brüder in Döringstadt,
verehrte Angehörige von Pater Lunkenbein,
verehrter Salesianer, liebe Mitbrüder!

1. Gerne feiere ich heute Abend mit Ihnen diesen Gottesdienst. Wir feiern ihn im Gedenken an den großen Sohn dieser Gemeinde, Pater Rudolf Lunkenbein, der vor 30 Jahren in Brasilien als Märtyrer gestorben ist. Pater Lunkenbein ist eine Ehre für das Erzbistum Bamberg. Wir zählen ihn zu den "Märtyrern des 20. Jahrhunderts aus dem Erzbistum Bamberg". Es freut mich sehr, dass das Gedächtnis an ihn von Ihnen so lebendig gehalten wird.

2. In jeder Eucharistiefeier ist Zentrum der Verehrung, Anbetung und Betrachtung Jesus Christus, der gekommen ist, damit die Menschen "das Leben haben und es in Fülle haben" (vgl. Joh 10,10), so sagt es Jesus selbst nach dem Johannesevangelium. Damit wir das Leben haben, ist Gottes Sohn Mensch geworden, hat Jesus Christus gepredigt und Wunder gewirkt. Deswegen hat er sich auch mit allen, die den Menschen das Leben beschneiden wollten, angelegt. Das waren zu seiner Zeit vor allem einige der politisch und religiös Verantwortlichen. Diese wollten sich selbst in den Vordergrund bringen und sie wollten die Menschen für ihre politischen und religiösen Anschauungen verzwecken. Jesus kam, um die Menschen zu befreien. Der Mensch sollte in unmittelbarer Beziehung zu Gott sein gesellschaftliches und religiöses Leben selbst bestimmen können. Das war vielen Machthabern damals nicht recht. Der Einsatz für das freie selbstbestimmte Leben der Menschen war der eigentliche Grund, dass Jesus getötet wurde und am Kreuz starb. Aber auch sein Tod war Einsatz für das Leben der Menschen. Im Tod am Kreuz tötete er den Tod und eröffnete für uns das ewige Leben.

3. In der "Präfation für die Märtyrer" wird gesagt, dass Jesus das Urbild jedes Martyriums ist und dass die Märtyrerinnen und Märtyrer "Christus nachgefolgt sind auf dem Weg des Leidens und ihr Blut vergossen haben als Zeugen des Glaubens". Der heilige Augustinus bezeichnet Jesus als "Martyr martyrum" – den "Märtyrer der Märtyrer". Weil Jesus Christus Mensch wurde, predigte, Wunder wirkte, litt, starb, auferstand und zur Rechten des Vaters alle Zeit für uns wirkt, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben, kann eigentlich im christlichen Sinn Märtyrer nur der sein, der ebenfalls für das Leben der Menschen wirkt und in diesem Wirken sein Leben hingibt.

4. Liebe Schwestern und Brüder, Pater Rudolf Lunkenbein hat diese Kriterien für das Martyrium voll und ganz erfüllt. Er hat sich eingesetzt für die Bororo-Indianer in Mato Grosso in Brasilien. Diesem Stamm wurde durch weiße Großgrundbesitzer und Siedler die Lebensmöglichkeiten genommen. Sie waren aus ihrem Stammesgebiet von den Weißen aus Habgier vertrieben worden. So waren sie zum Aussterben verurteilt worden und hatten sich selbst in Resignation und im Pessimismus aufgegeben. Sie bauten keine neuen Hütten mehr, sie pflegten nicht mehr die eigene Sprache. Die Frauen tranken empfängnisverhütenden Saft einer Waldpflanze, um keine Kinder mehr zu bekommen. Sechs Jahre lang wurde kein Kind in diesem Stamm geboren. Der Stamm war von außen zum Tod verurteilt worden und hatte sich dann selber zum Sterben gelegt.

In diese Situation hinein kam Pater Rudolf Lunkenbein. Er umschreibt seine Aufgabe so: "Zunächst einmal gilt es, diese Menschen auf den Weg zurück ins Leben zu rufen und sie zur Selbstbesinnung zu bringen, ihnen klarzumachen, was in ihnen steckt, welche Kräfte sie einfach brach liegen, welch großartige Traditionen sie einfach verkommen lassen. Ich habe mich für sie eingesetzt, ihre Rechte für sie verteidigt."

5. Der Kernsatz dieser Aussage ist der erste: er lautet: "Zunächst einmal gilt es, diese Menschen auf den Weg zurück ins Leben zu rufen." Dafür predigt Pater Lunkenbein, dafür unterstützt er die Bororo-Indianer mit all seinen Möglichkeiten, dafür spricht er mit ihnen, wird ihr Seelsorger und sie beginnen wieder zu leben, ihr Leben zu lieben und ihre Lebensmöglichkeit zurückzuerobern. Das durchkreuzt die Pläne der weißen Siedler. Pater Rudolf Lunkenbein wird diesen ein Dorn im Auge. Er soll weggeschafft werden. Am 15. Juli 1976 wird er zusammen mit einem Indianer aus dem Stamm der Bororo von weißen Siedlern erschossen.

6. Liebe Schwestern und Brüder, Pater Lunkenbein starb beim Einsatz für den Auftrag Jesu: damit sie das Leben haben und es in Fülle haben – Voraussetzung, um diesem Auftrag Jesu zu entsprechen ist, ist, dass man die Menschen liebt.

Die Menschen lieben, selbstlos, absichtslos, mit reinem Herzen, das kann der Mensch eigentlich nur, wenn er an der göttlichen Liebe teilhat. Gott lieben und sich von ihm lieben lassen, ist sicher eines der größten Probleme unserer Zeit, wenn nicht das größte.

7. Wir leben im Säkularismus, das heißt unser Denken, Fühlen, Tun und Wirken ist von Gott abgekoppelt. Als wenn es Gott nicht gäbe, so leben viele. Dadurch werden sie zu "Machern", Genießern, Individualisten und Egoisten. Sie begrenzen sich auf das bisschen irdisches Leben, auf ihre 70, 80, vielleicht sogar 90 Jahre. Sie sehen zu, dass sie alles genießen können, was es zu genießen gibt, um dann im Nichts zu verschwinden.

Der Glaube an Gott macht unser Leben weit, hilft uns, dass wir uns alle als Kinder Gottes verstehen und dann auch mit- und füreinander leben. Pater Lunkenbein war ein Mensch, der aus dem Glauben an Gott, der sich in Jesus geoffenbart hat, die Menschen liebte. In diesem Glauben hat er die Liebe zu den Menschen, die göttliche Liebe zu den Menschen empfangen. Deshalb konnte er sich für die ihm doch auch so fremden Bororo-Indianer einsetzen bis zur Hingabe seines Lebens.

8. Liebe Schwestern und Brüder, "damit sie das Leben haben und es in Fülle haben": Diese Zusage Jesu gilt nicht nur für Brasilien, Mato Grosso und die Bororo-Indianer, sie gilt uns und allen Menschen!

Kinder, auch die ungeborenen und die Jugendlichen, sollen das Leben haben und es in Fülle haben; dazu gehört Erziehung, Förderung und Liebe. Die Familien und Ehen sollen das Leben haben und es in Fülle haben, das heißt Einheit, Solidarität und Liebe leben. Die alten und sterbenden Menschen sollen das Leben haben und es in Fülle haben. Sie sollen umsorgt und geliebt bis zum natürlichen Tod leben können. Die Arbeitslosen und die aus dem Sozialnetz gefallen sind, sollen das Leben haben und es in Fülle haben. Die Ausländer – hier bei uns – sollen das Leben haben und es in Fülle haben. Alle Kranken sollen das Leben haben und es in Fülle haben. Die Strafgefangenen, Gestrauchelten und sich in Schuld Verstrickten sollen das Leben haben und es in Fülle haben, das heißt sie sollen resozialisiert werden. Wer sich Christ nennt und sein will, der muss dazu beitragen, dass alle Menschen das Leben haben und es in Fülle haben. Dazu befähigt uns, beauftragt uns und verpflichtet uns die Liebe, die wir von Gott empfangen und leben sollen.

9. Liebe Schwestern und Brüder! Pater Lunkenbein hat wirklich verstanden, was Jesus Christus gewollt hat, wozu er gekommen ist, was er gepredigt und gewirkt hat, für was er letztlich auch gestorben und auferstanden ist und ewig beim Vater lebt. Wenn wir heute an ihn denken, dann ist das Aufforderung, dass auch wir die Lektion Jesu lernen: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben." Jeder von uns an seinem Platz, an seinem Ort, soll dazu wirken.

Das Gedächtnis von Pater Lunkenbein darf nicht einfach Erinnerung an einen guten Menschen und Helden sein, von dem wir gar nicht groß genug denken und reden können. Wenn das Gedenken an ihn ohne Konsequenzen für unser Leben bleibt, dann machen wir Pater Lunkenbein im Himmel eher traurig als froh mit unseren Gedenkfeiern. Er ruft uns zu: Setzt auch ihr euch ein in Döringstadt, im Frankenland, in der Erzdiözese Bamberg, in Deutschland, in der Kirche und weltweit, damit alle das Leben haben und es in Fülle haben. Schöpft aus der Liebe Christi zu euch und liebt dann die Menschen, so wie sie der Herr geliebt hat und geliebt haben will, "damit alle das Leben haben und es in Fülle haben".

[Vom Erzbistum Bamberg veröffentlichtes Original]