Siamesische Zwillinge - Wie soll man sich dazu stellen?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 553 klicks

Während eines Mittagessens mit einer Gruppe junger Priester und Studenten wurden viele Fragen über „siamesische Zwillinge“ gestellt: Was sind sie? Wie entstehen sie? Wie leben sie? Was für ein Nutzen für die Gesellschaft? Kann die moderne Chirurgie helfen? Bestehen ethisch-moralische Bedingungen, wonach Euthanasie angewendet werden dürfte, um sie vom Leiden zu befreien?

Junge intelligente Menschen, jeder aus seiner Sicht,  brachten ihre Ansichten auf dem sozialen und psychologisch pädagogischen Plan zum Ausdruck. Sie äußerten ihr Staunen und ihre Furcht vor dem Spiel, genauer gesagt, vor dem „Geheimnis“ der menschlichen Natur im Prozess der Empfängnis und der Geburt des Kindes. Es offenbarten sich Unklarheiten bereits im Zusammenhang mit der ethischen Frage über das Erlaubtsein des chirurgischen Eingriffs bei solchen Zwillingen, dass sie, nach Möglichkeit, voneinander getrennt werden und unabhängig voneinander ihr Leben leben können. 

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„Siamesische Zwillinge“ sind kein alltäglicher Fall (auf ein tausend Geburten kommt ein Fall vor), deshalb hat es für uns keine große Bedeutung. Trotzdem ist es notwendig, dass wir Katholiken auch über diese Erscheinung des menschlichen Lebens gut informiert werden, besonders von der ethisch-moralischen Sicht her. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich in einer Familie so etwas ereignet, wovor uns Gott bewahren möge! Es handelt sich um ein tragisches Spiel der Natur, was die Eltern weder voraussehen noch vermeiden können. Gestellte Fragen weisen mehr oder weniger auf alles Wesentliche hin, was gut ist zu wissen über solchen Typus der Zwillinge. In dieser Auslegung bedienen wir uns einer möglichst einfachen Sprache, die alle verstehen können.

1.  Was sind überhaupt „Zwillinge“? Sind das zwei Schwestern oder zwei Brüder zur gleichen Zeit von der gleichen Mutter geboren? Sie können eineiig oder zweieiig sein (in Italien wurden vor kurzer Zeit ein Fall von achteiigen Zwillingen verzeichnet). Eineiige Zwillinge sind Ergebnis der Befruchtung einer Eizelle mit einer Samenzelle. Zweieiige kommen durch die Befruchtung zweier Eizellen durch zwei Samenzellen zustande. Das menschliche Leben beginnt mit der Verschmelzung von diesen zwei Zellen, und das ist nicht das Leben der Muter oder des Vaters, sondern das Leben eines neuen menschlichen Wesens - „Zygote“, „Embryo“, „Ursprung“. Auf diese Weise fängt das Leben an, um mit dem Tod zu enden, vielleicht erst mit hundert Jahren. Gleich nach der Befruchtung, in diesem mikroskopisch kleinen menschlichen Leben, bewundern die Wissenschaftler-Biologen drei Dinge: eilige Vermehrung der Zellen (in den ersten fünf Tagen werden es schon von 64 bis 128); ihre enge Verbundenheit untereinander; ihre schnelle Differenzierung und Organisierung nach einem einmaligen planmäßigen Entwicklungsprozess. Zygote/Embryo ist also eigenes Einzelwesen, Individuum; ontologisch gesehen ist es menschliche Person, unabhängig davon, dass sie noch mikroskopisch klein ist.

2.  Wie entstehen die eineiigen Zwillinge? In diesen ersten Tagen des Lebens besitzt der Embryo die Möglichkeit, sich in zwei zu vermehren. Er vervielfältigt sich nicht und halbiert sich nicht so, als würde sich das menschliche Einzelwesen, Individuum, die menschliche Person in zwei Teile teilen. Wissenschaftlich muss man sagen, dass zwischen dem vierten und dem siebten Tag nach der Empfängnis, in der Zygote, im Embryo, wegen eines Fehlers (worüber die Biologen diskutieren), sich ein neuer und unabhängiger Entwicklungsplan in Bewegung setzt, vom ersten getrennt, und so beginnt ein neues Einzelwesen seinen eigenen Lebenskreislauf. So können wir sagen: zunächst existiert das erste menschliche Lebewesen (bezeichnen wir es als „Gebärender“), von dem das zweite menschliche Lebewesen entsteht (bezeichnen wir es als „Geborener“): als „Vater“ und „Sohn“. Wir betonen, dass es sich um Ausnahmen handelt. Zygote/Embryo entwickelt sich in 99-99,6 % der Fälle normal in ein Einzelwesen (nicht in zwei), naturgemäß als ein menschliches Lebewesen bestimmt.

3.  Was sind „siamesische Zwillinge“? Sie sind immer eineiig, aber es geschieht eine Unregelmäßigkeit und Uvollständigkeit in dem Augenblick, wenn der zweite Embryo, sagen wir so, „aus dem ersten geboren wird“. Und sie werden als „siamesisch“ bezeichnet, weil die ersten weltbekannt in Siam (Thailand) im Jahre 1811 vorgekommen sind. Siamesische Zwillinge sind an verschiedenen Körperstellen miteinander verbunden, nicht selten haben sie gemeinsame Einzelorgane, z.B. ein Kopf mit zwei Gesichtern, zwei Köpfe mit einem Körper, zwei Herzen oder ein Herz, eine Lunge, ein Eingeweide, eine Niere, zwei Arme, zwei Beine oder ein Bein usw. Also, zwei menschliche Wesen, biologisch verurteilt zum zwingenden „gemeinschaftlichen“ Leben, wenn es nicht möglich ist, sie durch einen geschickten chirurgischen Eingriff voneinander zu trennen. Und es ist nicht möglich, wenn sie ein Gehirn, ein Herz, ein Atmungssystem, eine Wirbelsäule usw. besitzen. In einem solchen Fall wäre einer von den zwei zum Tode verurteilt, was an sich Kindesmord bedeutet würde.

4.  Wie leben siamesische Zwillinge? Grundsätzlich sagten wir: sie sind zu einem gemeinschaftlichen Leben verurteilt, das auch lange andauern kann. Das bestätigen einzelne Fälle: 1)  Die zwei Brüder aus Siam (Eng und Chang), die auch als „siamesisches Monstrum“ genannt wurden. Sie waren durch Brustkorb miteinander verbunden, waren mit zwei Schwestern verheiratet, hatten 22 Kinder und lebten 63 Jahre lang (1811-1874). 2)  Zwei Amerikanerinnen, Abby und Britty, geb. am 7. September 1990, in der Familie Hensel, die nach diesen Zwillingen noch zwei normale Kinder bekam: Tochter und Sohn. Während die Mutter die Zwillinge trug, zeigte keine Ekographie in der pränatalen Diagnose irgendwelche Unregelmäßigkeiten des Kindes im Mutterleib (was für eine Gewissheit bietet die moderne Technik?). Die Zwillinge sind sehr schöne Mädchen, mit zwei Köpfen, einem Körper, drei Lungenlappen, mit nur zwei Armen und zwei Beinen, mit gemeinsamen Eingeweide, mit einem weiblichen Geschlechtsorgan. Also, sie sind zwei Personen, mit zwei Seelen, zwei Lebensbestimmungen, mit verschiedenen Talenten, Freuden und Leiden, heiteren und trüben Tagen. Das Leben ist nicht leicht. In allem müssen sie im Einklang stehen. Aktuell sind sie sehr gute Schülerinnen in der fünften Klasse der Grundschule. 3)  Zwei Kinder von Malta, Mary und Jodie, wurden durch eine Operation, der die Eltern nur mit Mühe und Not zugestimmt hatten, auf das Verlangen des Magistrates, in Manchester am 7. November 1999 getrennt. Währen der Operation verstarb ein Kind, und das andere wurde ins Krankenhaus gebracht, wo es voraussichtlich 5 volle Jahre wird bleiben müssen. 4)  Im Mai des vergangenen Jahres, 2000 bewog der Fall der siamesischen Zwillinge aus Peru (sie hießen Marta und Milagros) die ganze Welt: wenn nicht operiert wird, sterben beide bald. Die Operation sollte in Palermo (Italien) durchgeführt werden. Nach langen Beratungen der höchsten Weltspezialisten auf dem Gebiet der Chirurgie (es waren 20), wurde beschlossen, den Eingriff in drei Teams vorzunehmen: das eine Team operiert am Herzen, das zweite an der Leber,  das dritte am Darm, denn jedes dieser Organe gab es nur einmal, aber nicht ganz in Ordnung. Milagros musste sterben, damit das Leben von Marta gerettet wird. Da das Herz „hergerichtet“ werden musste, denn es war nicht gesund, hörte es auf zu schlagen, und nach drei Stunden aller Versuche mussten sie aufgeben. Marta war tot. Die Operation wurde über das Fernsehen übertragen. Große Dummheit! Bischof Alessandro Maggiolini aus Coma sagte: Millionen von Menschen erwarteten mit Angst und Bangen den Ausgang der Operation, während zur gleichen Zeit in den Krankenhäusern, wo Abtreibungen durchgeführt werden, jeden Tag viele von menschlichen Fötussen in den Mülltonnen enden, und da regt sich niemand auf.

5.  Ethisch-moralische Betrachtung. Drei Fälle. 1)  Wenn ein erfolgreicher chirurgischer Eingriff der Trennung möglich ist, muss es durchgeführt werden, damit siamesische Zwillinge  unabhängig voneinander weiter leben können. 2)  Wenn eine Operation der Trennung nicht möglich ist, ohne dass eines von ihnen geopfert wird (was direkter Kindesmord wäre: Tötung des Unschuldigen), kann ein solcher Eingriff  nie erlaubt sein; in einem solchen Fall sind sie zwingend miteinander verbunden ihr Leben lang, wie Eng und Chang oder Abby und Britty.

3)  Wenn nach der Einschätzung von gewissenhaften Fachleuten der Tod für beide Zwillinge gewiss ist, wenn durch einen Eingriff nicht versucht wird, wenigstens einen von ihnen zu retten, wie es im Fall von Marta und  Milagros war, wobei die Wahrscheinlichkeit für Martas Rettung nur etwa 50 % betrug. Was ist zu tun?

6.  Darf das Leben von Milagros geopfert werden? Nehmen wir an: mit Hilfe von neuesten medizinischen Verfahren wurde nachgewiesen, dass es nicht möglich sei, das Leben der beiden Mädchen zu retten. Danach wurde als sicher festgestellt, dass durch keinerlei medizinische Behandlung und Pflege beide weiter leben könnten. In einem solchen selten hoffnungslosen Fall, darf man so genannte „Aktion mit zwei Effekten: gutem und schlechtem“ unternehmen, hier Eingriff mit zwei Effekten: gutem und schlechtem. Damit eine solche Aktion nicht sündig, sondern sittlich berechtigt wäre, sind vier Bedingungen erforderlich zu erfüllen: 1)  der Effekt des chirurgischen Eingriffes muss moralisch gut oder indifferent sein, und das trifft zu, weil die Absicht ist, das Leben von Marta zu retten, und nicht, das Leben von Milagros zu vernichten; 2)  dass der gute Effekt (das Leben von Marta) nicht aus dem schlechten Effekt (Tod von Milagros) folgt, sondern diese Effekte verwirklichen sich zusammen, sonst würden wir uns im unsittlichen Grundsatz befinden, „guter Zweck (Leben von Marta) heiligt böses Mittel (Tod von Milagros)“; 3)  dass der böse Effekt (der Tod von Milagros) auf keinen Fall gewünscht oder gebilligt, sondern nur zugelassen wird; hier mit großem Leid der jungen Ältern, was bedeutet, dass ihre Absicht ausschließlich guter Effekt ist ( wenigstens das Leben von Marta zu retten); 4)  es muss einen verhältnismäßig schwerwiegenden Grund für einen solchen Eingriff geben, d.h., dass die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Gute, das man beabsichtigt zu tun (das Leben von Marta zu retten) und dem Übel, das man nur zulässt (Milagros Tod) vorhanden ist.

7.  Schließlich: schweres moralisches Problem derer, die ihr Leben lang ungetrennt bleiben. Nehmen wir die Mädchen Abby und Britty: ihre humane, kulturelle, religiös-sittliche Erziehung: alles müssen sie gemeinsam machen, immer im Einklang, wachen und schlafen, körperliche Bedürfnisse erfüllen und Notdurft verrichten, seelische und spirituelle, und sich bewusst und frei im Gewissen vor den anderen und vor Gott stellen. Wenn eine krank wird, die Angst, dass auch andere krank werden kann. Die Mutter berichtet, dass sie sich mit der einen, wenn sie wach ist, nur dann persönlich unterhalten kann, wenn die andere schläfrig geworden ist. Und wie wird es in ein-zwei Jahren, in der Pubertät sein, in der Wahl der Lebensberufung (Eheleben-ausgeschlossen, jungfräuliches Leben)? Wird dann der Schmerz und das richtige Kreuz des Lebens eintreten, denn jede hat ihre Berufung, die sie nicht lassen kann? Jede ist von der anderen seelisch und geistig völlig unabhängig, aber körperlich total abhängig, was man nicht ändern kann. Der gemeinsame Tod ist ihnen sicher, weil sie viele gemeinsame Organe in der Einzahl besitzen, aber die Agonie wird unterschiedlich sein, die Leiden unterschiedlich, weil sie zwei Personen sind, zwei unsterbliche Seelen, mit der zweifachen ewigen Bestimmung - nach den Verdiensten der eigenen guten Werke. Es sind wahrlich schwere Probleme, die nur im starken Glauben der Anteilnahme im Kreuz Christi für das Heil der Welt, zu lösen sind.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 283 - 286)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.