"Sich Gott und den Brüdern und Schwestern öffnen"

Predigt des Papstes zum Aschermittwoch

Rom, (ZENIT.org) | 386 klicks

Wir übernehmen im Folgenden in einer Arbeitsübersetzung von Radio Vatikan die am heutigen Nachmittag von Papst Franziskus gehaltene Predigt bei der Bußprozession auf dem römischen Aventin-Hügel.

***

„Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider" (Joel 2,13). Mit diesen eindringlichen Worten des Propheten Joel führt uns die Liturgie heute ein in die österliche Bußzeit und verdeutlicht, dass die Umkehr der Herzen charakteristisch ist für diese Zeit der Gnade. Dieser prophetische Appell stellt eine Herausforderung für uns alle dar, ohne Ausnahme, und er erinnert uns, dass die Umkehr sich nicht auf äußerliche Formen beschränkt oder auf unverbindliche Vorschläge, sondern die gesamte Existenz betrifft und verwandelt, ausgehend von der Mitte der Person, dem Gewissen. Wir sind eingeladen, uns auf einen Weg einzulassen, auf dem wir der Routine trotzend uns mühen, Augen und Ohren, aber vor allem das Herz zu öffnen, um aus unserm kleinen „Schrebergarten“ herauszutreten.

Sich Gott und den Brüdern und Schwestern öffnen. Wir leben in einer immer artifizielleren Welt, in einer Kultur des „Machens“ und des „Nützlichen“, wo wir ohne es zu merken Gott aus unserem Horizont ausschließen. Die österliche Bußzeit lädt uns dazu ein, uns wieder „aufzurütteln“, uns daran zu erinnern, dass wir Geschöpfe sind, dass wir nicht Gott sind. 

Und wir riskieren, auch anderen gegenüber uns zu verschließen und sie zu vergessen. Aber nur wenn die Nöte und Leiden unserer Brüder und Schwestern uns wirklich nahe gehen, können wir unseren Weg der Bekehrung zu Ostern hin beginnen. Es ist ein Weg, der das Kreuz einschließt und den Verzicht. Das heutige Evangelium zeigt die Elemente dieses spirituellen Wegs auf: das Gebet, das Fasten und das Almosengeben. (vgl. Mt 6,1-6.16-18). Alle drei schließen die Notwendigkeit ein, sich nicht beherrschen zu lassen von den Dingen, die aufscheinen: es zählt nicht der Schein; der Wert des Lebens hängt nicht von der Anerkennung der anderen ab oder vom Erfolg, sondern von dem, was wir drinnen haben. 

Das erste Element ist das Gebet. Das Gebet ist die Kraft des Christen und jedes gläubigen Menschen. In der Schwachheit und der Verwundbarkeit unseres Lebens können wir uns mit dem Vertrauen eines Kindes an Gott wenden und in Gemeinschaft mit ihm treten. Angesichts der vielen Wunden, die uns schmerzen und die unser Herz verhärten könnten, sind wir dazu eingeladen, in das Meer des Gebets zu tauchen, das das Meer der grenzenlosen Liebe Gottes ist, um seine Zärtlichkeit zu kosten. Die österliche Bußzeit ist Zeit des Gebets, eines intensiveren und beharrlicheren Gebets, das umso mehr in der Lage ist, sich die Bedürfnisse der Brüder und Schwestern zu eigen zu machen und vor Gott Fürsprache zu halten für die so zahlreichen Situationen der Armut und des Leids. 

Das zweite Element, das den Weg der österlichen Bußzeit auszeichnet, ist das Fasten. Wir müssen uns davor hüten, ein rein formales Fasten zu praktizieren, das uns in Wahrheit „satt“ macht, weil wir das Gefühl haben, wir seien in Ordnung. Das Fasten macht Sinn, wenn es wirklich unsere Sicherheit in Frage stellt und uns hilft, auch wenn es anderen zugutekommt, den Stil des Guten Samariters zu kultivieren, der sich dem Bruder in Not zuwendet und sich seiner annimmt. Das Fasten schließt ein bescheidenes Leben ein, das nicht verschwendet oder „wegwirft“. Fasten hilft uns, das Herz für die Wesentlichkeit zu trainieren und für das Teilen. Es ist ein Zeichen für die eigene Bewusstwerdung und für das Übernehmen von Verantwortung angesichts der Ungerechtigkeiten, der Gewaltakte, besonders gegenüber den Armen und Kleinen, und es ist ein Zeichen für das Vertrauen, das wir in Gott und seine Vorsehung setzen. 

Das dritte Element ist das Almosengeben: Sie weist auf die Unentgeltlichkeit, das Umsonst des Gebens, hin, denn beim Almosen gibt man jemandem, von dem wir keine Gegenleistung erwarten. Die Unentgeltlichkeit müsste eigentlich ein Unterscheidungsmerkmal des Christen sein, der im Wissen darum, alles ohne Gegenleistung von Gott bekommen zu haben, das heißt ohne jeglichen Verdienst, lernt, anderen unentgeltlich zu geben. Heute ist die Unentgeltlichkeit oft nicht Teil des täglichen Lebens, wo alles ver- und gekauft wird. Alles ist kalkuliert und vorberechnet. Das Almosengeben hilft uns, die Unentgeltlichkeit des Schenkens zu erleben, die die Freiheit vom Beherrschtsein durch Besitz ist, die Freiheit von der Angst, zu verlieren was man hat, und die Freiheit von der Traurigkeit dessen, der mit anderen seinen eigenen Wohlstand nicht teilen will. 

Die österliche Bußzeit weckt uns mit seinen Appellen zur Umkehr in von der Vorsehung bestimmter Weise auf, sie schüttelt uns aus der Schläfrigkeit auf, von der Gefahr, aus Trägheit einfach nur so weiterzumachen. Die Mahnung, die der Herr durch den Propheten Joel an uns richtet, ist stark und klar: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen!“ (Joel 2,12) Warum müssen wir zu Gott umkehren? Weil etwas in uns nicht richtig läuft, in der Gesellschaft, in der Kirche, und wir brauchen Veränderung, eine Kehrtwende, unsere Bekehrung! Erneut richtet die österliche Bußzeit an uns ihren prophetischen Appell, uns daran zu erinnern, dass ein Neuanfang möglich ist in uns und um uns herum, einfach weil Gott treu ist, weil er auch weiterhin reich an Güte und Barmherzigkeit ist, und weil er immer bereit ist zu vergeben und einen Neuanfang zu machen. Mit diesem kindlichen Vertrauen machen wir uns auf den Weg!

(Quelle: Radio Vatikan, 05.03.2014)