"Sich Tag für Tag zum Vertrauen zu Gott bekehren zu lassen": Frère Alois Löser über das erste Jahr ohne Frère Roger

Interview mit dem Prior der Communauté de Taizé zum ersten Jahrestag des Todes von Frère Roger Schutz

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TAIZÉ, 25. August 2006 (ZENIT.org).- Als "ein Jahr der Trauer, aber auch ein Jahr der Gnade“ beschreibt Frère Alois Löser, Prior der Communauté de Taizé, das Jahr nach dem Tod von Frère Roger Schutz (1915-2005), des Gründer der ökumenischen Brudergemeinschaft.



Frère Roger wurde am 16. August des vergangenen Jahres von einer scheinbar geistig verwirrten Frau während des Abendgebets in Taizé (Burgund, Frankreich), an dem 2.500 Menschen teilnahmen, niedergestochen und erlag seinen Verletzungen. Er war 90 Jahre alt.

Frère Alois, 52, gebürtiger Bayer, hat die Nachfolge Frère Rogers als Prior der Gemeinschaft angetreten.

In nachfolgenden Interview, das von der italienischen Tageszeitung "Avvenire" veröffentlicht wurde, beschreibt Frère Alois den Weg der Gemeinschaft von Taizé während des ersten Jahres nach dem schweren Verlust ihres Gründers. Wir bringen eine eigene deutsche Übersetzung.

F: Kann man vom Beginn eines neuen Kapitels für Taizé sprechen?

--Frère Alois: Sicherlich, denn mit dem tragischen Verscheiden von Frère Roger ist für uns alles anders geworden. Er ist nicht mehr, und selbst nach einem Jahr spüren wir immer noch diese Leere.

Aber gleichzeitig muss ich auch sagen, dass sich nichts verändert hat, weil wir den Eindruck haben, dass wir wie bisher auf dem Weg des Evangeliums wandeln, den er uns gezeigt hat. Außerdem teilen wir diesen Pilgerweg des Vertrauens auch weiterhin mit den jungen Menschen. Das zeigt, dass Frère Roger nicht auf sich selbst verwies, sondern wie Johannes der Täufer auf die Gegenwart Christi. Wir sind uns dieser Gegenwart Gottes bewusst. Das hilft uns weiterzugehen.

F: Welches waren die bewegendsten Momente für die Gemeinschaft in diesem Jahr?

--Frère Alois: Vor allem das europäische Treffen in Mailand. Es handelte sich um das erste Treffen ohne Frère Roger, und wir wurden wahrhaftig wunderbar in den Gemeinden, in den Kirchen und in der Stille der Gebetszeiten aufgenommen.

Ich werde mich stets an die besondere Freundlichkeit und das Antlitz von Monsignore Mario Spezzibottiani erinnern, der später verschieden ist. Die Teilnahme der Menschen war größerer denn je, und wir fühlten, dass sie diesen Pilgerweg des Vertrauens weitergehen wollten.

Nach dem Treffen hatte ich dann die Möglichkeit einer privaten Audienz bei Papst Benedikt XVI. Es war sehr schön, dass er uns ermutigte, das Erbe Frère Rogers weiterzuleben. Seitdem sind unsere Besucher noch zahlreicher geworden.

F: Sie haben erwähnt, dass es Veränderungen gegeben hat. Könnten Sie uns sagen inwiefern?

--Frère Alois: Das werden wir erst auf lange Sicht sagen können. Vorläufig haben wir aber viel damit zu tun, den Pfad, den Frère Roger eingeschlagen hat, weiter zu erkunden.

Wenn ich ein Beispiel nennen darf: Vor Pfingsten war ich mit zwei Brüdern in Moskau, wo der orthodoxe Patriarch Alexeij II. uns herzlich willkommen hieß. Er regte uns an, unsere Zusammenarbeit noch auszuweiten, weil viele orthodoxe Jugendliche nach Taizé kommen.

Ich konnte sehen, welch' ein außergewöhnliches Vertrauen Frère Roger über die Jahrzehnte aufbauen konnte. Das war nur ein Beispiel. Das Gleiche gilt aber auch für die Treffen von Jugendlichen in anderen Kontinenten. Im Oktober werden wir ein Treffen in Kalkutta halten. Es gibt da eine große Vielzahl von indischen Jugendlichen, die hierhin kommen und uns fragen, wie es möglich wäre, die Verständigung zwischen den Kontinenten zu verbessern. Es gibt zwar das Phänomen der Globalisierung, aber es gibt da auch neue Mauern, die zwischen den Kontinenten entstehen.

F: Ökumene als der Weg zur Einheit der Christen scheint ein schwer zu erreichendes Ziel zu sein. Was halten Sie davon?

--Frère Alois: Für uns ist das Streben nach der Einheit der Christen eine Leidenschaft. Wir fragen uns, wie wir von einem Gott der Liebe sprechen können und gleichzeitig so viel Energie investieren, um unsere Spaltungen zu rechtfertigen. Ich glaube, dass viele Menschen, die nichts mit der Kirche zu tun haben, es nicht verstehen und dass wir alles daransetzen müssen, um diese Einheit zu erreichen.

Es gibt da viele Dinge, die wir noch tun könnten und die noch nicht getan werden. Hier, in Taizé, kommen wir dreimal täglich mit verschiedenen Konfessionen zusammen, um gemeinsam im Psalmengesang und in der Stille über das Wort Gottes zu beten. Es handelt sich nur um einen geringfügigen Beitrag, aber ich denke, dass es ein konkreter Beitrag ist, um auf dem Weg, der sich auch heute noch als beschwerlich erweist, voranzuschreiten.

F: Wonach suchen die Jugendlichen, die in Tausenden jedes Jahr nach Taizé kommen?

--Frère Alois: Wir wissen es nicht und wir wundern uns selbst. Es gibt da natürlich den Durst nach einem geistlichen Leben, und wir hoffen, dass die jungen Menschen diese Quelle der Gegenwart Gottes in der Kirche finden.

Die internationalen Treffen ermöglichen es überdies eine Erfahrung der Kirche zu machen, die ermutigt, in die eigene Gemeinde, in die Gegebenheiten vor Ort zurückzukehren. Wir sagen allen jungen Menschen, dass wir keine Taizé-Bewegung schaffen wollen.

Jemand, der aus Italien [das Interview wurde von einer italienischen Zeitung durchgeführt – Anm. d. Übers.] kommt, kann keine dauerhafte Gemeinschaft in Taizé haben. Ortsansässige Gemeinschaften und Pfarrgemeinden sind da notwendig. Die Pfarrgemeinde wird weiterhin wichtig bleiben, weil es sich um den Ort handelt, an dem alle Generationen zu finden sind und an dem keine Wahl getroffen wird. Wir sind gemeinsam in der Kirche, weil Christus uns zusammenbringt und nicht, weil wir einander erwählt haben.

F: Was bleibt von Frère Rogers Botschaft und Charisma?

--Frère Alois: Ein enormes Erbe, das immer noch lebendig ist. Vor allem vielleicht, die Wichtigkeit, sich Tag für Tag zum Vertrauen zu Gott bekehren zu lassen. Wenn wir damit beginnen, werden viele Dinge möglich und Gott wird uns dann den Weg weisen.