Sich versammeln, gemeinsam gehen und anbeten: Benedikt XVI. erklärt Fronleichnam

Eucharistische Anbetung, „das wirksamste und radikalste Heilmittel gegen die Götzendienste von gestern und heute“

| 1283 klicks

ROM, 7. Juni 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. am Hochfest des Leibes und Blutes Christi (22. Mai) während der Heiligen Messe auf dem Vorplatz der Lateranbasilika gehalten hat.

Der Bischof von Rom betrachtete die drei Grundhaltungen, die nach seinen Worten am Fronleichnamstag zum Ausdruck kommen und das Leben jedes Christen auszeichnen sollten.

„Was ist die eigentliche Bedeutung des heutigen Festes des Leibes und Blutes Christi? Das sagt uns die Feier selbst, die wir hier gerade begehen, im Vollzug ihrer grundlegenden Gesten: Zuerst haben wir uns um den Altar des Herrn versammelt, um gemeinsam in seiner Gegenwart zu verweilen; als zweites wird die Prozession stattfinden, also das Gehen mit dem Herrn; und schließlich das Niederknien vor dem Herrn, die Anbetung, die schon in der Messe beginnt und die ganze Prozession begleitet, ihren Höhepunkt aber im abschließenden eucharistischen Segen findet, wenn wir alle niederknien werden vor ihm, der sich zu uns herabgebeugt und sein Leben für uns hingegeben hat.“

***

Liebe Brüder und Schwestern!

Nach jener bedeutungsvollen Zeit des Kirchenjahres, die mit Ostern als Mittelpunkt die Zeitspanne von drei Monaten umfaßt – zuerst die vierzigtägige Fastenzeit, dann die fünfzig Tage Osterzeit –, läßt uns die Liturgie drei Hochfeste feiern, die eher »synthetischen« Charakter haben: den Dreifaltigkeitssonntag, dann das Fronleichnamsfest und schließlich das Hochfest vom Heiligsten Herzen Jesu. Was ist die eigentliche Bedeutung des heutigen Festes des Leibes und Blutes Christi? Das sagt uns die Feier selbst, die wir hier gerade begehen, im Vollzug ihrer grundlegenden Gesten: Zuerst haben wir uns um den Altar des Herrn versammelt, um gemeinsam in seiner Gegenwart zu verweilen; als zweites wird die Prozession stattfinden, also das Gehen mit dem Herrn; und schließlich das Niederknien vor dem Herrn, die Anbetung, die schon in der Messe beginnt und die ganze Prozession begleitet, ihren Höhepunkt aber im abschließenden eucharistischen Segen findet, wenn wir alle niederknien werden vor ihm, der sich zu uns herabgebeugt und sein Leben für uns hingegeben hat. Verweilen wir kurz bei diesen drei Haltungen, damit sie tatsächlich Ausdruck unseres Glaubens und unseres Lebens sind.

Der erste Akt ist also das Sich-Versammeln in der Gegenwart des Herrn. Es ist das, was man in früheren Zeiten »statio« nannte. Stellen wir uns für einen Augenblick vor, daß es in ganz Rom nur diesen einzigen Altar gebe und daß alle Christen der Stadt eingeladen seien, sich hier zu versammeln, um den gestorbenen und auferstandenen Heiland zu feiern. Das gibt uns eine Vorstellung davon, was in den Anfangszeiten in Rom und in anderen Städten, wohin die Botschaft des Evangeliums gelangte, die Eucharistiefeier gewesen ist: In jeder Ortskirche gab es nur einen Bischof, und um ihn, um die von ihm gefeierte Eucharistie schloß sich die Gemeinde zusammen, eine einzige Gemeinde, weil es ein gesegneter Kelch und ein gebrochenes Brot war, wie wir in der zweiten Lesung aus den Worten des Apostels Paulus gehört haben (vgl. 1 Kor 10,16–17). Da fällt einem jenes andere berühmte Wort des Paulus ein: »Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ›einer‹ in Christus Jesus« (Gal 3,28). »Ihr alle seid einer!« In diesen Worten vernimmt man die Wahrheit und Kraft der christlichen Revolution, der tiefsten Revolution der Menschheitsgeschichte, die eben um die Eucharistie herum erfahrbar wird: Hier versammeln sich in der Gegenwart des Herrn Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, sozialen Standes und unterschiedlicher politischer Auffassungen. Die Eucharistie kann niemals etwas rein Privates sein oder für Menschen vorbehalten, die aus gefühlsmäßiger Nähe oder Freundschaft zueinandergefunden haben. Die Eucharistie ist ein öffentlicher Kult, der nichts Esoterisches oder Exklusives an sich hat. Auch wir hier haben uns heute abend nicht ausgesucht, mit wem wir zusammentreffen wollen, wir sind gekommen und stehen miteinander hier, zusammengeführt durch den Glauben und gerufen, durch das Teilen des einen Brotes, das Christus ist, zu einem einzigen Leib zu werden. Ungeachtet unserer Verschiedenheit hinsichtlich Nationalität, Beruf, sozialem Stand und politischen Auffassungen öffnen wir uns füreinander, um von Christus her eins zu werden. Das war von Anfang an ein Wesensmerkmal des Christentums, das in der und um die Eucharistie sichtbar verwirklicht wurde. Und es gilt, stets wachsam zu sein, daß die immer wieder auftauchenden Versuchungen zum Partikularismus, auch wenn sie in guter Absicht erfolgen, nicht tatsächlich in eine gegensätzliche Richtung gehen. Darum erinnert uns das Fronleichnamsfest vor allem daran, daß Christsein heißt, sich, von überallher kommend, zu versammeln, um in der Gegenwart des einzigen Herrn zu bleiben und mit ihm und in ihm eins zu werden.

Die zweite grundlegende Wahrnehmung ist das Gehen mit dem Herrn. Zum Ausdruck gebracht wird es durch die Prozession, die wir nach der heiligen Messe gleichsam als deren natürliche Verlängerung gemeinsam erleben werden, wenn wir uns hinter dem, der der Weg ist, in Bewegung setzen. Durch seine Selbsthingabe in der Eucharistie befreit uns der Herr Jesus von unseren »Lähmungen«, er läßt uns wieder aufstehen und uns »vorwärtsgehen«, das heißt, er läßt uns einen Schritt voran tun und dann noch einen Schritt und bringt uns durch die Kraft dieses Brotes des Lebens auf den richtigen Weg. Wie es dem Propheten Elija erging, der aus Furcht vor seinen Feinden in die Wüste geflüchtet war und nun entschlossen war zu sterben (vgl. 1 Kön 19,1–4). Doch Gott weckte ihn aus dem Schlaf und sorgte dafür, daß er ein frisch gebackenes Brot neben sich fand. Er sagte zu ihm: »Steh auf und iß! Sonst ist der Weg zu weit für dich« (1 Kön 19,5.7). Die Fronleichnamsprozession lehrt uns, daß uns die Eucharistie von jeder Niedergeschlagenheit und Verzagtheit befreien und uns wieder aufrichten will, damit wir mit der Kraft, die uns Gott durch Jesus Christus schenkt, den Weg von neuem aufnehmen können. Das ist die Erfahrung des Volkes Israel beim Auszug aus Ägypten, der langen Wanderung durch die Wüste, von der in der ersten Lesung die Rede war. Eine für Israel grundlegende Erfahrung, die sich aber als beispielhaft für die ganze Menschheit erweist. Die Feststellung, daß »der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern von allem, was der Mund des Herrn spricht« (Dtn 8,3), ist in der Tat eine universale Aussage, die sich auf jeden Menschen als Menschen bezieht. Jeder kann seinen Weg finden, wenn er dem begegnet, der Wort und Brot des Lebens ist, und sich von seiner freundschaftlichen Gegenwart leiten läßt. Wie könnten wir ohne den »Gott-mit-uns«, den nahen Gott, die Pilgerreise des Daseins, sowohl als einzelne als auch als Gesellschaft und Völkerfamilie durchhalten? Die Eucharistie ist das Sakrament Gottes, der uns auf dem Weg nicht allein läßt, sondern sich an unsere Seite stellt und uns die Richtung weist. Es genügt nämlich nicht voranzuschreiten; man muß wissen, wohin man geht! Der »Fortschritt« reicht nicht aus, wenn es keine Bezugskriterien gibt. Ja, wenn man vom Weg abkommt, läuft man Gefahr, in einen Abgrund zu stürzen oder sich jedenfalls sehr schnell vom Ziel zu entfernen. Gott hat uns als freie Wesen geschaffen, uns aber nicht alleine gelassen: Er hat sich selbst zum »Weg« gemacht und ist gekommen, um mit uns zu gehen, damit unsere Freiheit auch das Kriterium erhält, um den richtigen Weg zu erkennen und ihn auch einzuschlagen.

An dieser Stelle muß man an den Beginn des »Dekalogs«, der Zehn Gebote, denken, wo geschrieben steht: »Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben« (Ex 20,2–3). Hier finden wir den Sinn des dritten Grundelements von Fronleichnam: sich in Anbetung vor dem Herrn niederknien. Den Gott Jesu Christi anzubeten, der sich aus Liebe zum gebrochenen Brot gemacht hat, ist das wirksamste und radikalste Heilmittel gegen die Götzendienste von gestern und heute. Das Niederknien vor der Eucharistie ist Bekenntnis der Freiheit: Wer sich vor Jesus niederkniet, kann und darf sich vor keiner noch so starken irdischen Macht niederwerfen. Wir Christen knien nur vor dem Allerheiligsten Sakrament, weil wir wissen und glauben, daß in ihm der einzige wahre Gott gegenwärtig ist, der die Welt geschaffen und so sehr geliebt hat, daß er seinen einzigen Sohn hingab (vgl. Joh 3,16). Wir beugen uns vor einem Gott, der sich zuerst zum Menschen herabgebeugt hat, als barmherziger Samariter, um ihm zu helfen und ihm das Leben wiederzugeben, und der vor uns niederkniete, um uns die schmutzigen Füße zu waschen. Den Leib Christi anzubeten, heißt glauben, daß in jenem Stück Brot wirklich Christus ist, der dem Leben wahren Sinn gibt – dem unendlichen Universum ebenso wie dem kleinsten Geschöpf, der ganzen Menschheitsgeschichte wie dem kürzesten Leben. Die Anbetung ist Gebet, das die eucharistische Feier und Gemeinschaft verlängert und von dem sich die Seele weiter nährt: Sie nährt sich von Liebe, Wahrheit, Frieden; sie nährt sich von Hoffnung, weil derjenige, vor dem wir uns niederwerfen, uns nicht richtet, uns nicht zerbricht, sondern uns befreit und verwandelt.

Das Sich-Versammeln, das gemeinsame Gehen, das Anbeten erfüllt uns daher mit Freude. Während wir uns die Gebetshaltung Mariens zu eigen machen, derer wir in diesem Monat Mai besonders gedenken, beten wir für uns und für alle; wir beten für jeden Menschen, der auf dieser Erde lebt, damit er dich, Vater, und den, den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen und so das Leben in Fülle haben kann. Amen.

 

© Copyright 2008 - Libreria Editrice Vaticana