Sich vom Wort Gottes nähren: Predigt Benedikts XVI. zur Eröffnung der Bischofssynode

„Wenn Gott spricht, fordert er immer zu einer Antwort heraus“

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ROM, 6. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, bei der Eröffnung der Weltbischofssynode über das Wort Gottes in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern in Rom gehalten hat.

Die erste Eröffnung einer Bischofssynode außerhalb des Vatikans hat ihren Grund im jetzigen Paulus-Jahr, das im Gedenken an den Geburtstag des Völkerapostels vor 2000 Jahren begangen wird.

„Wenn Gott spricht, fordert er immer zu einer Antwort heraus; sein Heilswirken erfordert die Mitwirkung des Menschen; seine Liebe wartet auf eine Erwiderung. Es darf nie geschehen, liebe Brüder und Schwestern, was in der Bibel über den Weinberg gesagt wird: Er hoffte, dass der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren (vgl. Jes 5,2). Nur das Wort Gottes kann das Herz des Menschen in der Tiefe verwandeln, und deshalb ist es wichtig, dass die einzelnen Gläubigen und die Gemeinschaften mit dem Wort Gottes immer tiefer vertraut werden. Die Synodenversammlung wird ihre Aufmerksamkeit auf diese für das Leben und die Sendung der Kirche grundlegende Wahrheit richten.

Sich vom Wort Gottes zu nähren ist für sie ihre erste und grundlegende Aufgabe. Denn wenn die Verkündigung des Evangeliums der Grund ihres Bestehens und ihrer Mission ist, ist es unerlässlich, dass die Kirche das kenne und lebe, was sie verkündet, damit ihre Verkündigung glaubwürdig sei trotz der Schwachheit und Armut der Menschen, aus denen sie besteht.“

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Verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
Liebe Brüder und Schwestern,

Die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja und die Seite aus dem Markusevangelium haben unserer liturgischen Versammlung ein eindrucksvolles allegorisches Bild der Heiligen Schrift gegeben: das Bild eines Weinberges, von dem wir schon an den letzten Sonntagen gehört haben. Die Perikope zu Beginn der Erzählung des Evangeliums bezieht sich auf das “Lied vom Weinberg”, das wir im Buch Jesaja finden. Dieses Lied steht im Zusammenhang mit dem herbstlichen Bild der Weinlese, ein kleines Meisterwerk der hebräischen Dichtkunst, die den Zuhörern Jesu sehr vertraut gewesen sein musste. Auch aus anderen Hinweisen bei den Propheten können wir ersehen(vgl. Os 10,1; Jer 2,2; Ez 17,3-10; 19,10-14; Ps 79,9-17), dass mit dem Weinberg Israel. gemeint war. Gott widmet seinem Weinberg, das heißt, seinem auserwählten Volk, die gleiche Fürsorge, die ein Bräutigam seiner Braut widmet (vergl. Ez 16,1-14; Eph 5,25-33).

Das Bild vom Weinberg, ebenso wie das der Hochzeit, beschreibt also den göttlichen Heilsplan und ist eine ergreifende Allegorie des Bundes Gottes mit seinem Volk. Im Evangelium nimmt Jesus das Lied vom Weinberg bei Jesaja wieder auf, passt es aber seinen Zuhörern und der neuen Stunde der Heilsgeschichte an. Der Schwerpunkt liegt nun nicht mehr auf dem Weinberg, sondern auf den Weinbauern, von denen die “Diener” des Herren, in seinem Namen, eine Pacht verlangen. Die Diener werden jedoch misshandelt und sogar getötet. Wie könnte man hier nicht an das auserwählte Volk denken und an das Schicksal, das den von Gott gesandten Propheten vorbehalten war? Schließlich unternimmt der Besitzer des Weinberges einen letzten Versuch: er schickt seinen eigenen Sohn in der Überzeugung, dass wenigstens er offenes Gehör findet. Doch es geschieht das Gegenteil: die Weinbauern töten ihn, gerade weil er der Sohn und damit der Erbe des Herren ist, und weil sie überzeugt sind, dass sie auf diese Weise leicht in den Besitz des Weinberges kommen können. Wir beobachten hier also einen “Qualitätssprung” im Vergleich zur Klage über die soziale Gerechtigkeit im Lied vom Weinberg des Jesaja. Hier sehen wir ganz klar, wie sich die Verachtung gegenüber den Forderungen des Herrn in Verachtung seiner Person verwandelt: hier geht es nicht mehr nur um die einfache Gehorsamsverweigerung einer göttlichen Anweisung, sondern um die Ablehnung Gottes selbst: es erscheint das Geheimnis des Kreuzes.

Was hier durch das Evangelium klagend berichtet wird, müssen wir für unser Denken und Handeln beachten. Es spricht nicht nur von der “Stunde” Christi, vom Geheimnis des Kreuzes in jenem Moment, sondern von der Gegenwart des Kreuzes zu allen Zeiten. Es richtet sich vor allem an die Völker, die die Frohe Botschaft erhalten haben. Wenn wir die Geschichte betrachten, müssen wir nicht selten feststellen, dass inkonsequente Christen kalt und ungehorsam sind. Infolgedessen musste Gott, ohne jemals sein Heilsversprechen zurückzunehmen, oft zur Strafe greifen. In diesem Zusammenhang denken wir ganz spontan an die ersten christlichen Gemeinden, die sich schnell zur vollen Blüte entwickelten und dann verschwanden; sie sind heute nur noch in den Geschichtsbüchern vermerkt. Könnte das nicht auch heute noch passieren? Nationen, die einst reich an Glauben und Berufungen waren, verlieren unter dem gefährlichen und zerstörerischen Einfluss einer bestimmten Art moderner Kultur immer mehr ihre Identität,. Es gibt Menschen, die beschließen, dass “ Gott tot ist”, und sich selbst zum “Gott” erklären, und glauben, die einzigen Schöpfer ihres Schicksals und die Herren der Welt zu sein.

Wenn der Mensch sich Gottes zu entledigen versucht und sich nicht mehr von ihm das Heil erwartet, dann glaubt er, das tun zu können, was ihm gefällt. Er wird sich zum alleinigen Maß seiner selbst und seines Handelns machen. Aber wird der Mensch dann wirklich glücklich, wenn er Gott aus seinem Horizont fernhält, Gott für “tot” erklärt? Wird er dadurch wirklich freier? Wenn die Menschen um jeden Preis ihr eigener Herr sein wollen und sich zu den einzigen Herren über die Schöpfung erheben, können sie dann wirklich eine Gesellschaft aufbauen, in der Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden herrschen? Ist es dann nicht eher so - wie es ja die täglichen Nachrichten zeigen -, dass sich die Willkür der Macht, egoistische Interessen, das Unrecht, die Ausbeutung, die Gewalt in all ihren Ausdrucksformen ausbreiten? All das führt dann letztlich dazu, dass sich der Mensch noch einsamer fühlt und die Gesellschaft immer gespaltener und orientierungsloser wird.

Aber in den Worten Jesu liegt eine Verheißung: Der Weinberg wird nicht zerstört werden. Während er die untreuen Arbeiter ihrem Schicksal überlässt, wird sich der Herr nicht von seinem Weinberg abwenden, und er vertraut ihn anderen, seinen treuen Dienern an. Dies zeigt uns: Wenn der Glaube in einigen Gegenden schwächer wird und unterzugehen scheint, dann werden andere Völker stets bereit sein, ihn anzunehmen. Eben deswegen sichert uns Jesus mit den Worten von Psalm 117 (118) zu, dass sein Tod nicht den Untergang Gottes bedeutet: “Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden” (V. 22). Nach seinem gewaltsamen Tod wird er nicht im Grab bleiben. Ganz im Gegenteil: Das, was eine völlige Niederlage zu sein schien, bezeichnet den Anfang eines endgültigen Sieges. Auf sein schmerzvolles Leiden und seinen Tod am Kreuz folgt die Herrlichkeit der Auferstehung: Der Weinberg wird auch weiterhin Wein hervorbringen, und der Gutsherr wird ihn “an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit abliefern” (Mt 21,41).

Das Bild vom Weinberg mit all seinen moralischen, lehramtlichen und spirituellen Auswirkungen kehrt im Bericht vom Letzten Abendmahl wieder, als der Herr bei seinem Abschied von den Aposteln sagt: “Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, entfernt er, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt” (Joh 15,1-2). Ausgehend vom Osterereignis wird die Heilsgeschichte also eine entscheidende Wende erfahren, deren Protagonisten jene “anderen Winzer” sein werden, die “wie auserlesene Triebe in Jesus eingepflanzt sind, als wahre Reben, die reiche Früchte ewigen Lebens bringen” (Tagesgebet). Unter diesen “Winzern” sind auch wir, eingepflanzt in Christus, der selbst zum “wahren Weinstock” werden will. Beten wir, dass der Herr, der in der Eucharistie uns sein Blut und sich selbst schenkt, uns helfen möge”, Frucht zu bringen” im ewigen Leben und in unserer heutigen Zeit.

Die trostreiche Botschaft, die uns diese biblischen Texten vermitteln, besteht in der Gewissheit, dass das Böse und der Tod nicht das letzte Wort haben werden, sondern am Ende wird Christus siegen. Immer! Unermüdlich verkündet die Kirche diese Frohe Botschaft, und sie tut dies auch heute in dieser Basilika, die dem Völkerapostel geweiht ist, der als erster das Evangelium in weiten Teilen Kleinasiens und Europas verkündete. Wir werden diese Botschaft in besonderer Weise während der XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode erneuern, die unter dem Thema steht: “Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche”. Mit herzlicher Zuneigung möchte ich nun euch alle begrüßen, liebe Synodenväter, und all jene, die an diesem Treffen als Experten, Auditoren und Sondergäste teilnehmen. Mit Freude empfange ich zudem die Bruderdelegierten der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Dem Generalsekretär der Bischofssynode und seinen Mitarbeitern möchte ich unser aller Anerkennung aussprechen für die anspruchsvolle Arbeit, die ihr in diesen Monaten ausführt, verbunden mit meinen besten Wünschen angesichts der Mühen, die euch in den kommenden Wochen erwarten.

Wenn Gott spricht, fordert er immer zu einer Antwort heraus; sein Heilswirken erfordert die Mitwirkung des Menschen; seine Liebe wartet auf eine Erwiderung. Es darf nie geschehen, liebe Brüder und Schwestern, was in der Bibel über den Weinberg gesagt wird: “Er hoffte, dass der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren” (vgl. Jes 5,2). Nur das Wort Gottes kann das Herz des Menschen in der Tiefe verwandeln, und deshalb ist es wichtig, dass die einzelnen Gläubigen und die Gemeinschaften mit dem Wort Gottes immer tiefer vertraut werden. Die Synodenversammlung wird ihre Aufmerksamkeit auf diese für das Leben und die Sendung der Kirche grundlegende Wahrheit richten. Sich vom Wort Gottes zu nähren ist für sie ihre erste und grundlegende Aufgabe. Denn wenn die Verkündigung des Evangeliums der Grund ihres Bestehens und ihrer Mission ist, ist es unerlässlich, dass die Kirche das kenne und lebe, was sie verkündet, damit ihre Verkündigung glaubwürdig sei trotz der Schwachheit und Armut der Menschen, aus denen sie besteht. Wir wissen darüber hinaus, dass die Verkündigung des Wortes nach dem Vorbild Christi das Reich Gottes zum Inhalt hat (vgl. Mk 1,14-15). Das Reich Gottes jedoch ist die Person Jesu selbst, der mit seinen Worten und Werken den Menschen aller Zeiten das Heil anbietet. In diesem Zusammenhang ist eine Überlegung des heiligen Hieronymus von Interesse: “Wer die Schriften nicht kennt, kennt weder die Macht Gottes noch seine Weisheit. Die Schrift nicht kennen heißt, Christus nicht kennen” (Prolog zum Jesajakommentar: PL 24,17). In diesem Jahr des heiligen Paulus werden wir mit besonderer Dringlichkeit den Ruf des Völkerapostels erschallen hören: “Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! (1 Kor 9,16); ein Ruf, der für jeden Christen zu einer eindringlichen Aufforderung wird, sich in den Dienst Christi zu stellen. “Die Ernte ist groß” (Mt 9,37), wiederholt der göttliche Meister heute auch zu uns: viele sind ihm noch nicht begegnet und warten auf die erste Verkündigung seines Evangeliums; andere sind, obwohl sie eine christliche Erziehung oder Bildung erhalten haben, lau geworden in ihrer Begeisterung und haben zum Wort Gottes einen nur noch oberflächlichen Kontakt; andere haben sich von der Glaubenspraxis entfernt und brauchen eine Neuevangelisierung. Es fehlt weiter nicht an Menschen guten Willens, die sich grundlegende Fragen über den Sinn des Lebens und des Todes stellen, Fragen, auf die nur Christus befriedigende Antworten geben kann. Dann wird es für die Gläubigen aller Kontinente unumgänglich, bereit zu sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die sie erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), mit Freude das Wort Gottes zu verkünden und kompromisslos das Evangelium zu leben.

Verehrte und liebe Brüder, der Herr möge uns helfen, uns in den kommenden Wochen der Synodenarbeiten gemeinsam zu fragen, wie wir der Verkündigung des Evangeliums in unserer Zeit immer größere Wirksamkeit verleihen können. Wir spüren alle, wie notwendig es ist, das Wort Gottes in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen, Christus als unseren einzigen Erlöser, als das Reich Gottes in Person anzunehmen, so dass sein Licht jeden Bereich des menschlichen Lebens erleuchte: die Familie, die Schule, die Kultur, die Arbeit, die Freizeit und andere Bereiche der Gesellschaft und unseres Lebens. Indem wir an der Eucharistiefeier teilnehmen, werden wir uns immer mehr der engen Verbindung bewusst, die zwischen der Verkündigung des Wortes Gottes und dem eucharistischen Opfer besteht: es ist dasselbe Geheimnis, das unserer Betrachtung dargeboten wird. Deshalb unterstreicht das Zweite Vatikanische Konzil: “Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Leib Herrn selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht”. Zu Recht schließt es mit den Worten: “Wie das Leben der Kirche sich mehrt durch die ständige Teilnahme am eucharistischen Geheimnis, so darf man neuen Antrieb für das geistliche Leben erhoffen aus der gesteigerten Verehrung des Wortes Gottes, welches ‘bleibt in Ewigkeit’” (Dei Verbum, 21.26).

Der Herr möge es uns gewähren, dass wir gläubig hinzutreten zum zweifachen Tisch des Wortes und des Leibes und Blutes Christi. Diese Gabe erwirke uns die selige Jungfrau Maria, die “all dies in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte” (Lk 2,19). Möge sie uns lehren, auf die Heilige Schrift zu hören und sie zu meditieren, in einem inneren Reifungsprozess, der nie Intelligenz und Herz voneinander trennen darf. Mögen uns auch die Heiligen helfen, insbesondere der heilige Paulus, den wir in diesem Jahr immer mehr als furchtlosen Zeugen und Verkünder des Wortes Gottes entdecken. Amen!

[Von der Bischofssynode zur Verfügung gestellte nicht-offizielle Übersetzung; © Copyright 2008 – Libreria Editrice Vaticana]