Sie durfte ihm dienen

Ein Blick hinter die Kulissen des ARD-Zweiteilers „Gottes mächtige Dienerin“

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Von José García

WÜRZBURG, 8. September 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- „Apostolische Nuntiatur Bayern": So steht es in Fraktur-Schrift auf einem Messing-Schild vor einer stattlichen Villa - in der Krefelder Steinstraße. Hier werden unter der Regie von Marcus O. Rosenmüller einige Szenen des ARD-Zweiteilers „Gottes mächtige Dienerin" (AT)über Schwester Pascalina Lehnert gedreht. In München sei es kaum möglich, eine solche leerstehende Villa zu finden, führt Regisseur Rosenmüller dazu aus.

Die Produktionsdesigner haben nicht nur das Arbeitszimmer von Eugenio Pacelli, der von April 1917 bis zu seiner Übersiedelung nach Berlin im August 1925 als Nuntius für das Königreich Bayern amtierte, in der „Villa Krefeld" rekonstruiert. Das gesamte Hochparterre wurde mittels antiker Möbel und Tapeten in diese Zeit zurückversetzt.

Vor dem Haus steht auch Pacellis Dienstwagen, der bei den Dreharbeiten an diesem Tag eine besondere Rolle spielt: Am 29. April 1919 besetzten Mitglieder der Münchener Räterepublik die Apostolische Nuntiatur und verlangten die Herausgabe des „Automobils". Obgleich das beherzte Einschreiten des Nuntius die Beschlagnahme verhindern konnte, hinterließ diese Episode Spuren: Pacelli hatte eine erste Erfahrung mit dem Bolschewismus gemacht.

Bald wird der künftige Papst Pius XII. die Bekanntschaft einer Bewegung machen, mit der er sich immer wieder wird auseinandersetzen müssen. Denn Pacelli erlebt in München den „Bürgerbräukeller-Putsch", den Ludendorff-Hitler-Marsch auf die Feldherrenhalle. In seinem Bericht an den Vatikan hebt Nuntius Pacelli den antikatholischen Zug bei der Hitler-Bewegung hervor. Auch in Berlin, wohin Pacelli 1925 zieht, nachdem der Heilige Stuhl mit dem Deutschen Reich eine Übereinkunft zur Einrichtung einer Apostolischen Nuntiatur getroffen hat, verfolgt Eugenio Pacelli besorgt die Entwicklung des Nationalsozialismus.

Im ARD-Zweiteiler wird Eugenio Pacelli allerdings aus der Perspektive von Schwester Pascalina Lehnert betrachtet (siehe Interview mit Regisseur Marcus O. Rosenmüller). „Gottes mächtige Dienerin" ist die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Maria Schad.

Nach einem Drehbuch von Henriette Pieper und Gabriele Scheidt erzählt der Fernsehfilm den Lebensweg einer Ordensschwester, die zur „mächtigsten Frau" im Vatikan werden sollte: Die junge Ordensschwester Pascalina (Christine Neubauer) wird 1918 von ihrer Oberin Tharsilla Tanner (Tina Engel) trotz Vorbehalte gegen sie nach München geschickt, um Nuntius Eugenio Pacelli (Remo Girone) den Haushalt zu führen.

Mit Hilfe von Kardinal Faulhaber (Ulrich Gebauer) folgt sie 1930 Pacelli, mittlerweile zum Kardinalstaatssekretär ernannt, nach Rom. In der Ewigen Stadt ist Pascalina jedoch (dem fiktiven) Monsignore Wilson (Wilfried Hochholdinger) ein Dorn im Auge, weil er die Meinung vertritt, dass im Vatikan Frauen nichts zu suchen haben. Seine Versuche, ein Treffen zwischen ihr und Pacelli zu verhindern, scheitern. Ihre Anmerkungen auf einem Vertragsentwurf landen auf dem Tisch von Papst Pius XI., der vom wachen Verstand der Ordensschwester begeistert ist. Er erlaubt ihr, als erste Frau innerhalb der Mauern des Vatikans zu wohnen.

Einige Jahre später befindet sich Pascalina mitten in einem der schwersten Konflikte der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert: Pius XI. unterschreibt die von Kardinal Faulhaber und Kardinal-Staatssekretär Pacelli ausgearbeitete Enzyklika „Mit brennender Sorge", die in Nazi-Deutschland für politischen Unmut sorgt. Starke Repressionen gegenüber Kirchenvertretern sind die Folge.

Als 1939 Pius XI. stirbt, geht Eugenio Pacelli aus dem Konklave als Papst Pius XII. hervor. Nach Ausbruch des Weltkrieges wird Schwester Pascalina beauftragt, ein päpstliches Hilfswerk aufzubauen. Sie mobilisiert ebenfalls all ihre Kräfte für die Rettung der römischen Juden. Erst 1958 - als Papst Pius XII. stirbt - verlässt Pascalina mit einem kleinen Koffer den Vatikan.

Obwohl in „Gottes mächtige Dienerin" die Hauptfigur naturgemäß Schwester Pascalina ist, besteht ein besonderes Interesse an der Zeichnung Pius XII. im Allgemeinen und dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus im Besonderen. Für Verwirrung hatte im Vorfeld eine Pressemitteilung der Produktionsfirma gesorgt, in der von der „Neutralität" Pius XII. „gegenüber den Nazis" die Rede war. Im ausführlichen Interview nimmt Regisseur Marcus O. Rosenmüller dazu Stellung.

Aber zunächst wird in Krefeld gedreht, wie Pacelli am 29. April 1919 die Revolutionäre vertreibt. In dieser Szene kommt Remo Girones Ausstrahlung zum Zuge. „Natürlich hätten wir einen Schauspieler suchen können, der Pacellis römische Nase hat, aber man besetzt doch nicht eine Rolle nach dem Aussehen", so Regisseur Marcus O. Rosenmüller. Nach Krefeld gehen die Dreharbeiten in Bayern und Italien weiter, voraussichtlich bis Mitte November.

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„Wir haben uns bemüht, nichts hinzuzudichten"

Mit dem Regisseur von „Gottes mächtige Dienerin", Marcus O. Rosenmüller, führte José García folgendes Interview.

In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Martha Schad steht im Mittelpunkt Ihres Filmes Schwester Pascalina Lehnert. Das Interesse eines breiten Publikums dürfte allerdings eher Pius XII. gelten.

Obwohl Pascalina im Mittelpunkt steht, erhält der Zuschauer aus ihrer Sicht eine sehr persönliche Perspektive von Pius XII. Denn sie stand ihm sehr nah, vielleicht stand sie ihm im täglichen Leben sogar am nächsten. An diesem Konzept hat es mich gerade sehr interessiert, geschichtliche Vorgänge aus einer persönlichen Sicht zu erzählen.

Welche Zeit behandelt der Film?

Nach einem Rückblick ins Jahr 1912, kurz bevor Pascalina in den Altöttinger Heilig-Kreuz-Orden eintritt, beginnt der Film 1918, als die junge Ordensschwester in den Hausdienst des Nuntius Pacelli übersiedelt. Er endet 1958, als Pius XII. stirbt. Um diese 40 Jahre angemessen behandeln zu können, mussten wir einige Zeitsprünge vornehmen, insbesondere von 1929, als Pacelli aus der Berliner Nuntiatur abberufen wird, bis zur Abfassung der Enzyklika „Mit brennender Sorge" im März 1937.

Welchen Charakterzug von Pius hebt Ihr Film besonders heraus?

Seine Gewissensnöte, was viele als sein angebliches „Schweigen" bezeichnet haben. Der Papst befand sich in einer sehr schwierigen geschichtlichen Situation, und musste stark abwägen, was das Richtige ist. Unser Film versucht sein Nachdenken in einen Dialog umzusetzen. Als etwa am 26. Juli 1942 der Bischof von Utrecht gegen die Deportationen protestierte, weiteten die NS-Machthaber die Aktionen gegen getaufte Juden aus. Dies ließ Pius an der Richtigkeit eines öffentlichen Protestes stark zweifeln und er verbrannte eine bereits formulierte Rede. Im Film sieht Pascalina, wie er in der Küche diese Rede Seite für Seite verbrennt.

Trotz der Dramatisierung legen Sie aber Wert auf die historische Richtigkeit.

Wir haben uns bemüht, nichts hinzuzudichten. Allerdings nehmen wir uns einige Freiheiten heraus, etwa durch fiktive Figuren wie Monsignore Wilson, der als Antagonist von Pascalina auftritt, weil er dagegen ist, dass eine Frau dem Papst so nah steht. Solche Widerstände hat es im Vatikan gegeben, wir konnten sie freilich keiner historischen Gestalt unterstellen.

Sie sprachen vorher „Mit brennender Sorge" an. Wie wird im Film die Entstehung dieser bedeutenden Enzyklika dargestellt?

Der Film zeigt, wie der Münchener Kardinal Faulhaber sie zu schreiben anfängt, und dann Kardinalstaatssekretär Pacelli die endgültige Version vornimmt. In einer Nahaufnahme wird zu sehen sein, dass Pacelli den von Kardinal Faulhaber vorgeschlagenen Titel „Mit großer Sorge" in „Mit brennender Sorge" ändert. Darüber hinaus thematisiert der Film auch die Reaktionen der Nazis auf die Enzyklika, etwa die Beschlagnahmung der Druckereien. Es wird auch eine Rede Hitlers zu hören sein, wo er sehr aggressiv die katholische Kirche auffordert, sich auf ihre seelsorgerischen Aufgaben zu beschränken.

Ist Pius XII. in „Gottes mächtige Dienerin" eher „Hitlers Pope" (John Cornwell) oder „Der Papst, der Hitler trotzte" (Michael Hesemann)?

Mit dem Bild, das eine gewisse englischsprachige Literatur und auch Rolf Hochhuth von Pius XII. zeichnen, hat er nichts gemeinsam. Auch den Vorwurf, dass Pacelli antisemitisch gewesen sein soll, finde ich geradezu absurd. Das ist reine Provokation. Wir zeigen einen Papst, der sich geistig ganz deutlich gegen den Nationalsozialismus gestellt hat. Aufgrund von Ereignissen, etwa den Deportationen in den Niederlanden, hat er sich damit schwergetan, die richtige Entscheidung zu treffen. Weil er auch durch und durch Diplomat war, stand ihm vielleicht seine Diplomatie etwas im Wege. Wir bemühen uns außerdem, der Zeit gerecht zu werden. Dem Vatikan und insbesondere Eugenio Pacelli vorzuwerfen, sie hätten alles von Anfang an klarer sehen müssen, stellt einen Anachronismus dar. Das Phänomen Hitler ist auch das Phänomen seiner Unterschätzung. So haben die Politiker in England oder Frankreich lange Zeit die Dimension des Nationalsozialismus unterschätzt. Was Hochhuth kolportiert, die ganze Welt habe gegen Hitler aufgeschrieen und nur Pius im Vatikan habe sein Ohr verschlossen, stimmt einfach nicht. Das wird Pius XII. nicht gerecht.

Von einer „neutralen Haltung" des Papstes, wie in einer Pressemitteilung zu lesen war, kann also keine Rede sein?

Mir ist es auch wichtig, dass unsere Sicht der Dinge richtig dargestellt wird. Deshalb war ich mit dieser Formulierung, die in keinster Weise der Wahrheit entspricht, nicht gerade glücklich. Ich unterstelle niemandem, dass er etwas verfälschen wollte. Aber: So akribisch, wie wir mit jedem Requisit umzugehen versuchen, so akribisch muss auch unsere Kommunikation über den Film gestaltet werden.

[© Die Tagespost vom 5. September 2009]