Sie haben sich empört!

Eine prophetische Predigt im Advent 1511 für die Rechte der Indios hatte Folgen

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Von Mariano Delgado*

FRIBOURG, 6. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Der leidenschaftliche Essay „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel gehört zu den meistverkauften Druckschriften des Jahres. Das Gespenst der Empörung geht um, insbesondere unter jungen Leuten, die sich gegen eine ungerechte Welt- und Wirtschaftsordnung wehren, und manchmal entlädt es sich in Wut und Gewalt. Diese Zeilen handeln von einer anderen Empörung: im Advent 1511. Sie zählt zu denjenigen Ereignissen der Weltgeschichte, die wir in unserem kollektiven Gedächtnis immer lebendig halten sollten – und sie zeigt uns, dass ein prophetisches Christentum zu den unverzichtbaren spirituellen Wurzeln unserer Kultur gehört.

Nach der Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus 1492 und der 1493 folgenden Aufteilung der Territorien und Menschen zwischen den Kronen Spaniens und Portugals durch den Borgia-Papst Alexander VI. gab man sich in Europa mit dem aristotelischen Argument des in Paris lehrenden schottischen Theologen John Major zufrieden. Dieser hatte 1509 gesagt, dass die Spanier über die Indios herrschen können wie „die Griechen über die Barbaren“. Da jene „Sklaven von Natur“ seien, regiere sie rechtens „die erste Person, die sie erobert“. Die Indios wurden also als Angehörige einer niedrigeren Menschheit betrachtet, die zum Dienen geboren sei.

Sind sie etwa keine Menschen?

Nachdenklich wurde man erst Ende 1510 nach der Ankunft der Predigerbrüder in Santo Domingo. Sie waren ausgebildet in einer lebensnahen – von Thomas von Aquin geprägten - Theologie, die Fragen von Gerechtigkeit und Recht ernst nahm und so die prophetischen Traditionen Israels wachhielt. Zudem loderte in ihren Herzen das Feuer der Nachfolge Jesu im Tun der Liebe. Sie suchten nach Jesu Antlitz „in den Armen und Leidenden“ (Mt 25), wie es in der Ordensregel der Dominikaner als tätige „compassion“, als mitfühlendes Mitleiden, empfohlen wird. Die Unterdrückung der Indios durch „Christen“ war für sie „noch schlimmer als die der Kinder Israels unter dem Pharao“.

Am vierten Adventssonntag 1511 stellte Bruder Antón Montesino (in manchen Publikationen wird er auch Antonio de Montesinos genannt) die entscheidenden Fragen von der Kanzel: „Mit welchem Recht und mit welcher Gerechtigkeit haltet ihr diese Indios in solch grausamer und entsetzlicher Knechtschaft? … Sind sie etwa keine Menschen? … Seid ihr nicht verpflichtet, sie wie euch selbst zu lieben?“ Wie so oft musste das Evangelium zunächst und vor allem „in der Kirche“ gepredigt werden.

Diese prophetische Predigt entfachte eine Diskussion über die rechtmäßigen Gründe für die spanische Eroberung der Neuen Welt, aber auch über die Natur ihrer Einwohner und deren Würde. Auch die Kirchenleute, damals vor allem Missionare aus den Bettelorden der Franziskaner, Dominikaner und Augustiner, waren geteilter Meinung, so dass zwei entgegengesetzte Gruppen entstanden: eine indiophile, die den Indios zugewandt war, und eine indiophobe, die sie abschätzig als niedere Menschen, als Knechte und Sklaven betrachtete.

Die erste Gruppe wurde von Bartolomé de Las Casas, Dominikaner und Bischof von Chiapa in Mexiko, angeführt. Über ihn hat der Franziskaner Jerónimo de Mendieta am Ende des 16. Jahrhunderts geschrieben, dass er „unter allen Ordensleuten“ für die Indios „am meisten gearbeitet und erreicht hat“. Sein grosses Vermächtnis besteht darin, dass er angesichts der neu entdeckten Völker die Einheit des Menschengeschlechts in einer Zeit verteidigt hat, in der sie nicht ohne weiteres einleuchtete. Gabriela Mistral, chilenische Nobelpreisträgerin für Literatur 1945, nannte ihn deshalb „eine Ehre für das Menschengeschlecht“.

Ein päpstliches Wort

Auch nach der Adventspredigt Montesinos meldeten sich Missionare, die den Indios das Menschsein absprachen, vehement zu Wort, von spanischen Eroberern ganz zu schweigen. Der Dominikaner Tomás de Ortiz beispielsweise, der bei den Indios der Perlenküste in Venezuela offenbar einen tiefen Kulturschock erlebt hatte, verlas 1524 vor der spanischen Kronbehörde eine Anklageschrift, die viel Aufsehen erregte. Darin heisst es unter anderem: „Die Indios auf dem Festland essen Menschenfleisch. Sie sind mehr als irgendein anderes Volk unzüchtig. Gerechtigkeit gibt es bei ihnen nicht … Als Gegner der Religion, als Faulenzer, Diebe, gemeine und verdorbene Menschen ohne Urteilskraft beachten sie weder Verträge noch Gesetze … Zu ihren Speisen gehören Läuse, Spinnen und Würmer, die sie ungekocht essen, wo sie sie nur finden. Sie betreiben keine Künste und keine Gewerbe … Ich kann versichern, dass Gott kein Volk je erschaffen hat, das mehr mit scheußlichen Lastern behaftet ist als dieses, ohne irgendeine Beigabe von Güte und Gesittung … Die Indianer sind dümmer als Esel und wollen sich in keiner Weise bessern.“

Diese Anklageschrift war kein Einzelfall. 1537 jedoch kann die indianerfreundliche Partei von Papst Paul III. die Anerkennung der Indios durch das höchste kirchliche Lehramt erwirken. In der Bulle„Sublimis Deus“ („Der erhabene Gott“) wird die Menschenwürde und die Zivilisations- Glaubensfähigkeit der Indianer bestätigt. Darin heisst es, „dass die Indios als wirkliche Menschen nicht allein die Fähigkeit zum christlichen Glauben besitzen, sondern zu ihm in aller grösster Bereitschaft herbeieilen, wie man es Uns wissen liess“. Kraft seiner apostolischen Autorität bestimmt und erklärt der Papst „ungeachtet all dessen, was früher in Geltung stand und etwa noch entgegensteht, dass die oben genannten Indios und alle anderen Völker, die künftig mit den Christen bekannt werden, auch wenn sie noch außerhalb des christlichen Glaubens stehen, dennoch ihrer Freiheit und ihres Besitzes nicht beraubt werden dürfen; vielmehr sollen sie ungehindert und erlaubterweise das Recht auf Besitz und Freiheit ausüben und sich dessen erfreuen können. Auch ist es nicht erlaubt, sie in den Sklavenstand zu versetzen.“

Eine wichtige Kontroverse

Aber ein Papstwort hatte damals nicht viel Wert. Zumal Kaiser Karl V. in der Bulle Pauls III. eine unerlaubte Einmischung des Papstes in sein Weltreich sah und die Verlautbarung der päpstlichen Urkunde in seinen Territorien verbot. So ging die Diskussion weiter. Eine neue Schärfe erreichte sie, als der renommierte Humanist und Aristoteles-Kenner Juan Ginés de Sepúlveda 1544 die These bekräftigte, dass die Indios „Sklaven von Natur“ seien. Alle Indios sind für ihn „arme, schwache Geschöpfe“, barbarische Menschenfresser wie die Skythen der Antike, die man folglich, wenn sie sich den zivilisierten Spaniern freiwillig nicht unterordneten, wie Tiere zu jagen habe. Auch hätten sie kaum eine erwähnenswerte Kulturleistung zustande gebracht. Dass die Indios über Häuser und eine gewissermassen wohl geordnete Regierung in ihren Königreichen verfügen, zeige schliesslich nur, dass sie keine bloßen Bären oder Affen bar jeder Vernunft seien.

Damit nahm die Sache erneut eine schlimme Wendung. Denn Sepúlveda genoss in der internationalen Gelehrtenrepublik des humanistischen Europas grosses Ansehen. Las Casas betrachtete es als seine heilige Pflicht, sich diesem und den anderen Verleumdern der Indios entgegenzustemmen. Er tat dies mit einer Feder, die „die Schärfe eines Schwertes“ hatte. Er ermahnte die Christen, die Dinge so zur Sprache zu bringen, „als wenn wir Indios wären“. Er empörte sich über das von den Indios erlittene Unrecht. Während man seit Sokrates unter „Apologie“ die Verteidigung der eigenen Position versteht, schrieb Las Casas 1551 seine „Apologia“ zur Verteidigung der anderen. Dass sie manchmal idealisierende Züge trägt – so etwa, wenn er von den Indios der Bahamas sagt, sie seien so einfältig, gelassen und friedfertig, dass es scheine, „Adam habe in ihnen nicht gesündigt“ –, sollte nicht verschwiegen werden.

Las Casas schreibt weiter: Die Indios sind keine Sklaven von Natur, sondern zivilisations- und glaubensfähig wie wir. Sie sind „unsere Brüder, für die Christus sein Leben hingegeben hat“. Ihre Kulturen seien nicht barbarisch, sondern in ethischer Hinsicht besser als die meisten der Antike. Ihre Religionen seien als redliches Verlangen nach dem wahren Gott zu verstehen. Las Casas’ „Apologia“ gipfelt in einer programmatischen Erklärung über die Einheit des Menschengeschlechts: „Alle Menschen sind, was ihre Schöpfung und die natürlichen Bedingungen betrifft, einander ähnlich.“ Sie sind vom Schöpfer mit Verstand und freiem Willen ausgestattet. Ein solches Menschenbild ist die Bedingung der Möglichkeit einer partnerschaftlichen Weltordnung, wie sie heute angestrebt wird.

Christliche Empörung

In der Enzyklika „Dives in misericordia“(„Über das göttliche Erbarmen“, 1980) schreibt Papst Johannes Paul II.: „Es gibt Kinder, die vor den Augen ihrer Mütter den Hungertod sterben. Es gibt in verschiedenen Teilen der Welt, in verschiedenen sozio-ökonomischen Systemen ganze Zonen des Elends, der Not und der Unterentwicklung. Diese Tatsachen sind allgemein bekannt. Der Zustand der Ungleichheit unter Menschen und Völkern dauert nicht nur an, er nimmt zu. Noch immer finden wir neben begüterten Menschen, die im Überfluss leben, andere, bedürftige, die unter dem Elend leiden und oft sogar an Hunger sterben; ihre Zahl beläuft sich auf Dutzende, ja auf Hunderte von Millionen. Deshalb wird sich die moralische Unruhe zusehends vertiefen. Es ist unleugbar, dass die heutige Wirtschaftsordnung und die materialistische Zivilisation auf Grundlagen aufgebaut sind, die eine fundamentale Unzulänglichkeit oder vielmehr einen ganzen Komplex von Unzulänglichkeiten, ja, einen unzulänglich funktionierenden Mechanismus aufweisen; eine solche Wirtschaftsordnung und Zivilisation machen es der menschlichen Gesellschaft unmöglich, über so radikal ungerechte Situationen hinauszuwachsen“ (Nr. 11).

Diese „moralische Unruhe“ muss sich heute gerade unter Christen vertiefen, weil wir vom messianischen Programm Christi in der Synagoge von Nazaret (vgl. Lk 4,18f) Zeugnis zu geben haben: „Dieses Programm bestand – wie von Jesaja prophezeit – in der Offenbarung der barmherzigen Liebe zu den Armen, den Leidenden und Gefangenen, zu den Blinden, den Unterdrückten und den Sündern“, schreibt Johannes Paul II. in der Enzyklika (Nr. 8).

Die Adventspredigt Antón Montesinos und das Lebenswerk Las Casas’ zeigen uns, wie Empörung bei Christen entsteht: Sie beginnt mit der Öffnung des Herzens zur compassion, zu einem Miteinander-Leiden und Miteinander-Fühlen mit den Opfern, das zu einer „moralischen Unruhe“ führt. Das unruhig gewordene Herz beleuchtet die Wirklichkeit im Licht des Evangeliums und des vorhandenen Rechtsbewusstseins und drängt dann zu einem barmherzigen Handeln in Wort und Tat.

[© Mariano Delgado]

* Mariano Delgado ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg Schweiz und Dekan der Theologischen Fakultät.

Buchtipp: „Stein des Anstoßes. Bartolomé de Las Casas als Anwalt der Indios“, St. Ottilien 2011, 208 S., 14.80€