Sie nannten ihn „Otto von Europa“

Otto von Habsburg, Thronprätendent und Europapolitiker, Zeitzeuge und Visionär eines Jahrhunderts

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Von Stephan Baier

WÜRZBURG, Dienstag, 5. Juli 2011 (ZENIT.org/Die Tagespost). - Was für ein Leben: 1912 geboren als Kronprinz von Österreich-Ungarn, ab dem Tod von Kaiser Franz Joseph mit vier Jahren Thronfolger der Habsburger-Monarchie, mit sechs Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs aus der Heimat vertrieben, von Hitler verfolgt und verleumdet, von der Republik Österreich 1945 erneut des Landes verwiesen, mit 66 Jahren schließlich eine überraschende dritte Karriere als Mitglied und später auch Alterspräsident des Europäischen Parlaments – und am Ende das Gewissen und der Visionär des vereinten Europa.

Otto von Habsburg wurde jahrzehntelang gehasst und gefürchtet, aber auch geliebt und verehrt. Wie sein großer Vorfahr Kaiser Friedrich III. besiegte er seine Feinde, indem er sie überlebte. Am frühen Montagmorgen starb Otto von Habsburg im 99. Lebensjahr in seiner Wahlheimat Pöcking am Starnberger See, im Kreise seiner Kinder und Enkel.

Sein Leben war geprägt von rastloser Aktivität und Pflichterfüllung. Dazu geboren und erzogen, ein gerechter Kaiser vieler Völker zu sein, wurde er zum selbstlosen Verteidiger der Menschenrechte, zum unbestechlichen Anwalt unterdrückter Völker, zum Fürsprecher der Rechtlosen, zum Streiter für ein in Freiheit und Frieden vereintes Europa. Ein Sturz mit dramatischen Folgen riss ihn vor zwei Jahren aus einem arbeitsreichen Alltag.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Europäischen Parlament im Juni 1999 hatte der Habsburger einen vollen Terminkalender, hielt Vorträge, schrieb Bücher und publizierte Kommentare. Doch der Sturz im Juni 2009 und der Tod seiner geliebten Frau Regina im Februar 2010, nach fast sechs Jahrzehnten glücklicher Ehe, waren jähe Zäsuren. Otto von Habsburg zog sich nach 96 Jahren im Rampenlicht gänzlich aus der Öffentlichkeit zurück. Er hatte abgeschlossen mit dem aktiven Leben und der Welt der Politik, lebte fortan ein stilles, zurückgezogenes, ja kontemplatives Leben.

Berufen, die Schicksale zu lenken

Als Erzherzogin Zita, eine geborene Prinzessin von Bourbon-Parma, am 20. November 1912 ihren Erstgeborenen gebar, schrieb die „Neue Freie Presse“: „In dem neugeborenen Kind zeigt sich dem Kaiser Franz Joseph der künftige Träger der Herrschergewalt in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, ein Kaiser, der nach menschlicher Wahrscheinlichkeit wohl erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts berufen sein wird, die Schicksale dieses Staates hoffentlich zu ruhigeren Tagen zu lenken, als wir sie jetzt erleben.“

Das war in einem ungewollten Sinne prophetisch, und doch kam es ganz anders: 1914 wurde der Thronfolger Franz Josephs, Erzherzog Franz Ferdinand, in Sarajevo erschossen und der Erste Weltkrieg brach aus. 1916 starb der greise Kaiser, der die Monarchie 68 Jahre geführt und repräsentiert hatte. Ottos Vater, der 2004 seliggesprochene Karl I., wurde mit 29 Jahren Kaiser. Die Krönung Karls in Budapest zum ungarischen König gehörte zu Ottos eindrucksvollsten Kindheitserinnerungen. Kaiser Karls verzweifelte Versuche, den mörderischen Weltkrieg zu beenden und den Vielvölkerstaat zu retten, scheiterten an der Kriegseuphorie und den Siegeshoffnungen in Berlin und Paris. 1918 lag die alte Welt in Trümmern. Der ideologische Nationalismus hatte das Reich im Herzen Europas zerfressen. Österreich-Ungarn zerfiel.

Die kaiserliche Familie wurde 1919 aller Besitztümer und Vermögen beraubt, in die Schweiz verjagt. Zwei Versuche Karls, zumindest Ungarn vor Chaos und radikalen Kräften zu retten, scheiterten kläglich. Großbritannien war nun entschlossen, die Habsburger zu isolieren: Kaiser Karl, Kaiserin Zita und ihre Kinder wurden auf die Atlantikinsel Madeira verbannt, wo der Kaiser 1922 an einer Lungenentzündung starb.

Der Erstgeborene stand am Totenbett. Später erinnerte er sich: „Als ich ihn an seinem letzten Tag – in der Stunde der Wahrheit – sah, wusste ich, dass sein Leben erfolgreich gewesen war. Wenn man seinem Schöpfer entgegentritt, gilt nur Pflichterfüllung und guter Wille. Sein Sterben hat mir gezeigt, dass es – solange das eigene Gewissen ruhig ist – keinen wirklichen Fehlschlag geben kann.“

Von Hitler steckbrieflich gesucht und verfolgt

In den Augen der Monarchisten war der zehnjährige Otto mit dem Tod seines Vaters nun Chef des Hauses Habsburg – und Kaiser. Die Pflichterfüllung, die er von seinem Vater gelernt hatte, bestimmte von nun an sein ganzes Leben. Zunächst bestand es in einer Ausbildung, über die Kaiserin Zita mit eiserner Disziplin wachte. Unter ärmlichen Verhältnissen lebte die Familie in Madrid, im Baskenland, später in Belgien.

Otto lernte Sprachen, studierte Rechtswissenschaften, promovierte an der Katholischen Universität Löwen. 1933 holte ihn die Weltgeschichte ein. Adolf Hitler hatte in seinem Buch „Mein Kampf“ – von Otto oft als „Mein Kampf mit der deutschen Sprache“ verhöhnt – die Habsburger-Monarchie wüst beschimpft. Doch nun suchte er den Kontakt zum Thronprätendenten. Otto lehnte ab: „Er wollte mich in Österreich ebenso vor seinen Karren spannen wie August Wilhelm in Preußen.“ Der „Führer“ war brüskiert, tobte gegen den „Sohn des Verräterkaisers Karl und der weltweiten Intrigantin Zita“.

Mehrfach entging Otto der Verhaftung durch die Nazis nur knapp, einmal einem abenteuerlichen Entführungsversuch in Frankreich. Seine erste eigene politische Schlacht hatte begonnen: der Versuch, den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland zu verhindern. Otto stellte die Interessen seiner Familie, auch die eigenen Rechts- und Vermögensansprüche hintan, kooperierte mit den republikanischen Kanzlern in Wien, um Hitlers Zugriff auf Österreich zu verhindern.

Als Otto sah, dass Kanzler Schuschnigg nicht länger standhalten würde, setzte er alles auf eine Karte: Er bot dem Kanzler an, selbst den österreichischen Widerstand gegen Hitler zu führen. Ein Selbstmordkommando, wie Otto von Habsburg später gestand: Er war bereit, für sein Heimatland zu kämpfen und zu fallen. Damit aber wäre Österreich vor aller Welt ein sichtbares Opfer Hitlers gewesen.

Schuschnigg glaubte es besser zu wissen als der Kronprinz im Exil. Hitler besetzte in der „Operation Otto“ 1938 Österreich, ließ die kaiserliche Familie per Steckbrief suchen. Während seine Getreuen in Wien verhaftet und seine Cousins ins KZ Dachau deportiert wurden, organisierte Otto in Frankreich tausende Visa für jüdische Flüchtlinge. 1940 entging er in Paris nur knapp den deutschen Truppen, musste schließlich selbst in die USA emigrieren.

In Washington kämpfte er für die Anerkennung einer österreichischen Exilregierung, für das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler, gegen die Bombardierung österreichischer Städte, gegen die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland und dem deutschen Osten, und auch dagegen, Stalin einen Teil Europas zu überlassen. Hellsichtiger als andere sagte der kaiserliche Erbe während des Zweiten Weltkriegs die von der Sowjetunion ausgehende Gefahr voraus. Als er im Herbst 1944 nach Europa zurückkehrte, war aus dem 32-jährigen Habsburger ein überzeugter Visionär der Einigung Europas geworden.

Obwohl er sich wie kaum ein anderer für seine Heimat Österreich eingesetzt hatte, ließ ihn die provisorische Renner-Regierung im Einvernehmen mit der sowjetischen Besatzungsmacht 1945 neuerlich aus Österreich ausweisen. 12 Jahre hatte der Erbe des Hauses Habsburg selbstlos für die Unabhängigkeit seiner Heimat gekämpft, doch im Moment ihres Wiedererstehens jagte die Republik Österreich die Söhne von Kaiser Karl wieder aus dem Land.

Ein privater Staatsmann, dem Europa vertrauen kann

Bis 1966 kämpfte Otto von Habsburg um sein Recht auf einen österreichischen Pass und auf Einreise nach Österreich – ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Zweiten Republik, voller Intrigen, Missgunst und Ungerechtigkeit. Die „rote Reichshälfte“ der Alpenrepublik fürchtete den Habsburger noch immer, als er auf der internationalen Bühne längst höchstes Ansehen genoss, in Amerika ein gefeierter Redner war, Staatsmänner wie Konrad Adenauer, Charles de Gaulle und Robert Schuman seinen Rat suchten.

Der österreichische Jude William S. Schlamm, einst glühender Kommunist und später ein großer konservativer Publizist, schrieb 1977 an Otto von Habsburg: „Wären Sie das geworden, wozu sie bestimmt waren, dann hätte das Abendland den bedeutendsten Kaiser seit Karl dem Großen erlebt. Weil aber 1918 das Abendland aus den Fugen geriet, hat heute Europa in Ihnen den einzigen privaten Staatsmann, dem es vertrauen kann.“

Otto von Habsburg war jahrzehntelang Staatsmann ohne Staat, jahrelang sogar ohne Staatsbürgerschaft: In Reden, Büchern und Kolumnen – mehrere Jahrzehnte auch für diese Zeitung – warb er visionär für die Einigung Europas, engagierte sich für den Wiederanschluss Spaniens und Portugals an die europäische Entwicklung, organisierte Hilfen für die Unterdrückten im Ostblock.

1973 übernahm Otto von Habsburg nach dem Tod Richard Coudenhove-Kalergis die Führung der internationalen Paneuropa-Union. Ein neuer Lebensabschnitt begann, als Franz Josef Strauß dem Habsburger 1978 die Möglichkeit eröffnete, bei der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament zu kandidieren. Der 66-Jährige stürzte sich leidenschaftlich in den Kampf um ein CSU-Mandat – angefeindet vom damaligen JU-Kandidaten Reinhold Bocklet und von CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber – anschließend, als er Platz 3 der Liste erobert hatte, mit derselben Leidenschaft in den Wahlkampf. Willy Brandt und Helmut Schmidt geiferten gegen den „kalten Krieger“ Otto von Habsburg, der damalige Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger verteidigte ihn.

Er besiegte seine Gegner, indem er sie überlebte

Zwei Jahrzehnte lang wirkte „Otto von Europa“ im Europäischen Parlament. Rasch galt er als größter Fürsprecher der Völker und Volksgruppen hinter dem Eisernen Vorhang, bald als einer der fleißigsten Europaparlamentarier, der Tag und Nacht auch für die kleinen Bürgeranliegen kämpfte. Am Ende war er Alterspräsident und zugleich so etwas wie das Gewissen des Europäischen Parlaments, hatte Freunde und Bewunderer in allen Fraktionen. Seine Selbstdisziplin und sein Arbeitspensum beeindruckten auch seine persönlichen und ideologischen Gegner.

Und dann, im Alter, erfüllten sich Otto von Habsburg kühnste Visionen: Die Sowjetunion, der Ostblock und Jugoslawien krachten zusammen. Der Habsburger drängte auf rasche Anerkennung der neu entstandenen Staaten, auf eine baldige Erweiterung der Europäischen Union. Jene Völker, die eben das kommunistische Joch abgeschüttelt hatten, fanden in Brüssel und Straßburg keinen klügeren und eifrigeren Anwalt ihrer Interessen als den vielsprachigen, rastlosen Habsburger.

Dazu kam eine lebensgeschichtliche Genugtuung: 2004 sprach Papst Johannes Paul II. seinen Vater, Kaiser Karl, selig. Otto selbst steckte seine Ziele „immer jenseits der Reichweite meiner Geschosse“. Nicht Lorbeer, sondern Arbeit interessierte ihn. Er, der von seinem Vater weder Krone noch Reich, wohl aber die Verantwortung vor Gott und der Geschichte geerbt hatte, stürmte aus Pflichtgefühl immer freudig voran. Bis zu diesem Montag.

© Die Tagespost vom 4.7.2011