Sie wird der Schlange den Kopf zertreten - auch heute

Impuls zum 2. Adventssonntag 2013, Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 791 klicks

Normalerweise wird ein Sonntag von einem Hochfest ”überstimmt”, d.h. wenn ein Hochfest auf einen Sonntag fällt, wird das Fest gefeiert. Nicht so in der Fasten- und Adventszeit. Da “bricht” der Sonntag sogar ein Hochfest. So geschehen in diesem Jahr mit dem Hochfest der “Ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria”, kurz Unbefleckte Empfängnis, das daher diesmal nicht am 8., sondern am 9. Dezember gefeiert wird.

Aber wie immer in der Liturgie passt alles sehr gut zusammen. Der 2. Adventssonntag stellt uns im Evangelium die große adventliche Gestalt des Täufers Johannes vor Augen. Im Hochfest sehen wir Maria, die mit Johannes sowohl zur ersten als auch zur zweiten Ankunft Jesu Christi dazu gehört. Bei seinem zweiten Kommen wird Christus von der Gottesmutter und dem hl. Johannes begleitet. Tausende von bildlichen Darstellung geben dies wieder. Dass beide auch bei seinem ersten Kommen eine herausragende Rolle spielen, sagen uns die liturgischen Texte der gesamten Adventszeit.

Johannes bereitet den Weg des Herrn, indem er zu Umkehr und Buße aufruft. Was natürlich die Realität der Sünde voraussetzt. Es wäre ganz unzureichend, wenn wir die Adventszeit nur als eine gemütliche (oder auch stressige) Vorweihnachtszeit begehen. Richtig vorbereitet sind wir nur dann, wenn wir uns der Realität stellen. Und die sagt uns, dass wir nicht nur die Bekehrung und Umkehr der Allgemeinheit fordern, sondern uns klarmachen, dass wir, Sie und ich, selber auch Sünder sind, die der Umkehr bedürfen.

Daher: eine gute Beichte garantiert die echte Weihnachtsfreude.

Maria, die ganz ohne Sünde ist, ja sogar von der Erbsünde verschont geblieben ist, soll für uns nicht ein unerreichbares Idol sein. Vielmehr ist sie in ihrer Mütterlichkeit die unverzichtbare Hilfe beim Streben nach Heiligkeit und damit bei der Überwindung der Sünde. Lange bevor der sel. Papst Pius IX. im Jahre 1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündete, ist die Gottesmutter in Paris erschienen (Rue du Bac im Jahre 1815) und hat eine einfache Klosterfrau, Catherine Labouré, beauftragt, eine Medaille prägen zu lassen mit der Aufschrift: “O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir nehmen”. Mutter Teresa von Kalkutta hat diese, die sog. Wundertätige Medaille, millionenfach verschenkt. Sehr viele, vor allem Jugendliche, haben die Botschaft verstanden: Maria will nicht bewundert werden, sie will uns, ihren Kindern, helfen, die alte Sklaverei zu überwinden. Denn jede Sünde, auch die geringfügige, macht den Menschen unfrei.

Die gedankliche Grundlage zu diesem Dogma lieferte im 14. Jahrhundert der Theologe Johannes Duns Scotus (1266 – 1308), der seine Begründung in drei markigen Stichworten konzentrierte: “decuit, potuit, fecit”.

Das bedarf einer Erläuterung, und wer Maria liebt, wird den Gedanken leicht akzeptieren können:

“decuit”, es ziemte sich, d.h. dass Maria von der Erbsünde ausgenommen war, ergibt sich als  angebracht im Hinblick auf die Heiligkeit des im Schoße Mariens zu erwartenden göttlichen Kindes,

“potuit”, Gott konnte es, d.h. in seiner Allmacht konnte er die allen Menschen seit dem Sündenfall Adams und Evas mitgegebene Erbsünde bei Maria außer Kraft setzen, und

“fecit”, er tat es auch. Mit der gleichen Leichtigkeit, mit der der Schöpfer nur etwas zu denken braucht, und es geschieht.

Ist das theologisch zu einfach? Mag sein. Aber Gott ist einfach. Er ist nicht ein Gott der Theologen, sondern ein Gott des Lebens und der Menschen. Es gefällt ihm, die Machthaber vom Thron zu stoßen, und die Niedrigen emporzuheben.

Übrigens ist die dem Dogma zugrunde liegende Idee nicht erst im 14. oder 19. Jahrhundert aufgekommen. Sie geht in die Ursprünge des Menschengeschlechts zurück. Als die ersten Menschen gesündigt hatten, gab Gott noch kurz vor der schmerzlichen Ausweisung aus dem Paradies, den Menschen die Verheißung einer künftigen Erlösung mit auf den Weg. Eigenartigerweise sprach er nicht von dem Erlöser, sondern von der Frau die diesen gebären sollte: Feindschaft zwischen dem Teufel und der Frau sollte sein. Der Kopf der Schlange würde zertreten werden, und zwar, in einer reizvollen philologischen Unstimmigkeit, sowohl durch ihn als auch durch sie. Die alte lateinische Version der Bibel, die Vulgata, sagt: “Ipsa conteret caput”, d.h. “sie wird dir den Kopf zertreten”, während die in neuerer Zeit überarbeitete Neo-Vulgata schreibt: “Ipse conteret caput”, er zertritt das Haupt der Schlange. Ein kleiner Buchstabe macht einen großen Unterschied, der aber bei näherer Betrachtung wieder hinfällig wird, denn beides stimmt: er, Christus, wie auch sie, die Frau, Maria, wird der Schlange die Macht nehmen. Wunderbar dargestellt in einem Gemälde von Michelangelo Caravaggio, wo der Fuß Marias der Schlange den Kopf zertritt, wo aber auf dem Fuß Mariens der (kleinere) Fuß des Jesusknaben steht, der Maria erst die notwendige Kraft verleiht.

So anmutig und locker die Szene sich auch darstellt, sie hat die ganze Dramatik unseres jahrhundertelangen Großen Welttheaters. Das Böse, der Böse, der unsagbares Unheil anrichtet, wird besiegt durch einen schwachen Frauenfuß, den Fuß einer zarten Jungfrau, die nur daher so unüberwindlich stark ist, weil sie ganz und gar Gott gehört.

Im Europaparlament steht am 10.12. eine der EU unwürdige Entschließung, der sog. Estrela-Bericht, an: im zweiten Versuch und mit unlauteren Mitteln soll das angebliche Recht auf Abtreibung und die weitere Hinführung der Jugend zur Unzucht legitimiert werden.

Rufen wir die Unbefleckte Jungfrau an und paraphrasieren wir:

Es gehört sich, dass wir bitten (decuit),
sie kann helfen (potuit)
und sie tut es (fecit).
Es hängt nur von uns ab.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).