Signale aus der Schattenwelt

Jeder blamiert sich, so gut er kann

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Von Alexander Kissler

WÜRZBURG, 20. September 2011 (ZENIT.org/die Tagespost). - Der deutsche Papst besucht sein Heimatland: Laizisten schäumen, die Linke tobt, Protestanten poltern. Mein Gott, wie peinlich. Sie alle fühlen sich durch den klugen Gast aus Rom in ihrer Deutungsmacht bedroht.

Wer in diesem Sommer einen der beiden großen Berliner Flughäfen besucht, um die Hauptstadt zu verlassen oder dort anzukommen, lernt Bertold Höcker kennen. Der 53-jährige Mann ist Theologe, Superintendent sogar im „Kirchenkreis Mitte“, und als solcher weiß er, was die Stunde geschlagen hat. Der Papst hat sich angekündigt, der Superintendent steht zur Nachhilfe bereit. In Berlin, erklärt der Superintendent im Kundenmagazin „Gate“ der Berliner Flughäfen, übersetzt die evangelische Kirche das Evangelium „in die Gegenwart urban lebender Menschen“, indem sie Gottesdienste für Verliebte und für Schwule anbietet. In Berlins evangelischen Gemeinden gebe es leider die „Asche der Tradition“, immer öfter aber „große neue Feuer“. Überhaupt sei der Protestantismus „anschlussfähig wie sonst kaum etwas“ an die individualisierte Gesellschaft und außerdem „eine Religion für die Wissenden“. Die Katholiken könnten von ihm, dem Protestantismus, und vermutlich auch von ihm, dem Superintendenten, lernen, „dass Glaube ohne Wissen tot ist“.

Kritik, Radau, Polemik: Jeder blamiert sich, so gut er kann

Charmanterweise erwähnt der redselige Kirchenmann am Schluss die „Autorität der Heiligen Schrift“, an der „wir alles messen“. Leider fehlte dann die Zeit, um dieses „alles“ aufzufächern in die besagte Einzel- und Sonderpastoral für Splittergruppen. Und gebietet die munter unterlaufene „Autorität“ eigentlich den kenntnisarmen Frontalangriff auf jene sonst als geschwisterlich bezeichnete Nachbarkonfession, den Katholizismus, der hier nach bester deutscher Kulturkämpfermanier für tumb und töricht erklärt wird? Als habe es „Fides et ratio“ nie gegeben, als habe Benedikt XVI. nie für einen vernünftigen Glauben plädiert, als sei der Vatikan eine Trutzburg des Obskurantismus und der Verknechtung, wie ihn einst die Jakobiner oder die Nationalsozialisten oder die Kommunisten verzeichneten, eine hoffnungslose Sache, alles in allem.

Damit wir uns nicht missverstehen: Meinungs-, Religions- und Kultusfreiheit gelten auch für schrille Formen des Subjektivismus. Ein evangelischer Christ hat ebenso das Recht, auf Katholiken herabzuschauen, wie Katholiken eine Rückkehrökumene für alternativlos halten dürfen. Die Frage, die sich in diesen Tagen aber stellt, ist jene nach dem Stil, nach dem Takt, nach der Haltung.

Ein Deutscher, der Papst geworden ist, besucht seine Heimat. Das wird es vielleicht nie wieder geben. Wäre es da nicht unbeschadet aller weltanschaulichen Differenz ein Gebot der Schicklichkeit, der Courtoisie, ja der Zivilität, ein guter Gastgeber zu sein? Nicht zu nölen also und nicht zu krakeelen, sondern die gute Stube herzurichten, den Wein zu kühlen, den Braten zu bereiten, damit der hohe Gast sich willkommen fühlt? Wäre es etwa ein Zeichen von Klugheit, sollte dereinst ein Deutscher den Vereinten Nationen vorstehen, ihn mit Trillerpfeifen und antiamerikanischen Parolen zu empfangen? Kein Dissens soll bemäntelt werden, der Streit möge nur pausieren für die kurze Spanne des Besuches oder sich zumindest auf Raumtemperatur abkühlen. Ist das Gastrecht nicht allen Religionen und Kulturen heilig?

In Deutschland tut man sich damit schwer und gibt so einem Klischee Nahrung. Besserwisser, heißt es oft, seien die Deutschen, sie jammerten und klagten gerne und hätten keine Kinderstube. Nimmt man die wahrlich nicht überwiegenden, aber doch in signifikanter Stärke sich austobenden „Papstkritiker“ zum Maßstab, dies- und jenseits der Parlamente, muss man leider sagen: Ja, manchmal ist das so. Und weil eben wirklich der Ton die Musik macht, ist der rhetorische Radau dieser Tage, der anschwellende Bocksgesang aus laizistischer Kehle, keine Visitenkarte, mit der sich Ehre einlegen ließe. Die Welt schaut auf Deutschland und den deutschen Papst und sieht, wie dieser von jenem (auch) beschimpft wird.

Eher hinter Gittern als vor den Bundestag

Zuverlässig lautstark meldete sich die neoatheistische „Giordano-Bruno-Stiftung“ zu Wort, die als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“ verstanden werden will und das Gegenteil betreibt. In einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin gibt man sich wenig Mühe, den Kirchenhass ins Kleid der Emanzipation zu stecken. Angela Merkel gehe dem Papst „auf den Leim“, wenn sie in der katholischen Akademie und nicht im Bundeskanzleramt mit ihm rede. Auf keinen Fall dürfe sie ihn mit „Heiliger Vater“ anreden, auf jeden Fall müsse sie aber „die Menschenrechtsverletzungen der katholischen Kirche in aller gebotenen Deutlichkeit kritisieren“. Die Kirche wolle nämlich Pius XII. seligsprechen, der „alle Faschisten seiner Zeit“ unterstützt habe; sie vergehe sich an den „sexuellen Selbstbestimmungsrechten des Individuums“, der Papst persönlich stifte „Abermillionen von Menschen weltweit zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Todesfolge“ an. Am Ende werfen die selbsternannten Selberdenker ein Menetekel an die Wand: „Die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes werden es auf Dauer nicht dulden, dass ihr Staat Jahr für Jahr Milliarden von Steuergeldern in eine Institution investiert, die nicht nur eine verheerende Geschichte zu verantworten hat, sondern auch in der Gegenwart alles tut, um gesellschaftlichen Fortschritt zu verhindern.“

Ob die Kanzlerin den Brief gelesen hat? Falls ja, könnte sie ihn mit dem Hirnforscher Wolf Singer besprechen, der nicht nur den Festvortrag zu Angela Merkels 50. Geburtstag hielt und dabei einmal mehr den freien Willen zur Illusion erklärte, sondern der als Beiratsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung den Inhalt des rüpelhaften, schütter informierten Briefes gewiss vollständig teilt. Dem Beirat gehören übrigens weitere illustre Persönlichkeiten an: ZDF-Moderator Volker Panzer etwa, Wissenschaftsjournalist Udo Pollmer, die Philosophen Ludger Lütkehaus, Thomas Metzinger und Dieter Birnbacher, SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier, Jurist Eric Hilgendorf, der Zeichner Janosch, die Schriftsteller Max Kruse und Karen Duve. Sie alle sind offenbar der Meinung, dass der Papst eher hinter Gitter als vor den Bundestag gehört.

Eine Stilfrage, wenngleich von deutlich geringerem Gewicht, ist es auch, inwieweit führende Repräsentanten des verfassten deutschen Protestantismus im Geist ihrer Konfession handeln, wenn sie dem Papst vorab zeigen wollen, wer die Herrschaftsgewalt über Religion im öffentlichen Raum besitzt – und wer nicht. Der sonst recht blasse EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider erklärte barsch, „Gott hält sich nicht an Ämter und historische Kontinuität“. EKD-Präses und Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt artikulierte „großes Verständnis“ für jene Abgeordneten, die der Papstrede im Bundestag fernbleiben wollen. Außerdem ermunterte sie – wen eigentlich? – zu Debatten über die „katholische Geschlechter- und Sexualmoral“. Hand aufs Herz: Gab es in den zurückliegenden Jahren auch nur einen Tag, an dem mit diesem letztlich ephemeren Thema nicht eine Zeitungsspalte, ein Radiokommentar, eine Buchvorstellung gefüllt worden ist?

Sie alle fühlen sich durch den Besuch des klugen alten Mannes aus Rom in ihrer Deutungsmacht bedroht. Es sind Rückzugsgefechte, sind Signale aus der Schattenwelt: Der Neoatheismus wird nie zur Massenbewegung, der implodierende landeskirchliche Protestantismus wird nie wieder das Bündnis von Thron und Altar neu beleben. Sie alle, die vorab die Argumentationszone und damit die Freiheit einengen wollen, eint ein letztlich magisches, unaufgeklärtes Weltverständnis. Der Papst erscheint ihnen als letzte verbliebene Weltinstanz, die, wenn sie nur wollte, wenn sie nur endlich mit dem Finger schnippte, alles zum Guten wenden könnte. Insofern ist es tatsächlich wahr: Der Papst wird, wenn er das Land der Missvergnügten besucht, für Vernunft und für Wahrheit und für Freiheit bei jenen werben, denen diese hehren Begriffe allzu leicht von den Lippen perlen.

[© Copyright 2011 Die Tagespost vom 19.9.2011]