Sigrist zu sein, ist eine Lebenskunst

Hausmeister, Küster, Mädchen für alles

Rom, (ZENIT.orgswissinfo.ch) | 504 klicks

Sigrist, Concierge, Glöckner, Kirchendiener, Hausmeister, Küster, Sakristan: Josef Käser übt im Freiburger Dorf Bösingen all diese Berufe aus. An einem Ort, an dem der Alltag noch vom Uhrwerk und den Glocken der katholischen Kirche bestimmt wird.

Der Tag beginnt früh. Die Messe von 8 Uhr muss vorbereitet, die Kerzen müssen angezündet sein. Dann hilft Käser bei der Messe mit, liest Texte vor, bevor er den Sammelkorb unter die etwa 30 Gläubigen bringt, die sich an diesem Mittwochmorgen in der Kirche versammelt haben.

Heute ist der Tag der Heiligen Agatha. Der Priester im roten Messgewand hat das Brot gesegnet und während der Messe verteilt, anschliessend geht er in die Bäckerei gegenüber, um alles Gebackene zu segnen. Ist dieses deutschsprachige Dorf im Kanton Freiburg weltfremd? Auf jeden Fall wird das Leben hier noch von Traditionen bestimmt.

Handwerklich geschickt

Josef Käser, mit wachen Augen und einem Schnurrbart, führt uns stetig lächelnd durch sein Königreich. Die schöne barocke Kirche, zwei Kapellen, die Sakristei, der Glockenturm. Der Besuch endet mit einem Kaffee im Pfarrhaus, wegen dem Mangel an Priestern unbewohnt wie viele andere.

„Früher gab es jeden Tag eine Messe, aber heute gibt es außer an Samstagabend und am Sonntag nur noch eine pro Woche. Das ist nicht so schlecht, wenn man mit anderen Kirchengemeinden vergleicht. Wir haben auch Beerdigungen und Hochzeiten. Was mir aber am besten gefällt, sind die grossen Festtage wie Ostern, die Auferstehung Jesu, und Weihnachten, seine Geburt."

Die Hälfte des Lebens von Josef Käser wird durch religiöse Zeremonien und Riten (Liturgien) bestimmt. Den Rest der Zeit hält er die Kirche und die anderen Räumlichkeiten sauber und instand, innen wie außen.

Wie es die Berufsvereinigung dieses etwas speziellen Sektors, der Schweizerische Sigristen-Verband, auf seiner Website beschreibt, muss ein Sigrist über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen, „die er sich durch charakterliche Entwicklung und Ausbildung in einem erlernten Beruf angeeignet hat". Zudem muss er Weiterbildungskurse absolvieren.

Spirituelles Engagement

Dieses Profil passt Käser wie angegossen. Mit 48 wurde er vor sieben Jahren angestellt. Zuvor hatte er während 30 Jahren als Landmaschinen-Mechaniker gearbeitet. Davon zeugen zwei angeschnittene Fingerkuppen an seiner rechten Hand.

„Ich habe diese Arbeit dank meiner Frau Lizeth gefunden. Sie wurde bereits seit einigen Jahren von der Kirchgemeinde für Blumendekorationen und den Unterhalt der liturgischen Objekte und Messgewänder eingesetzt", so Käser.

„Ich engagiere mich spirituell, das ist unabdingbar, damit ein Sigrist seinen Platz findet. Es ist nicht irgendeine Arbeit, und man sollte seine Stunden nicht zählen." Mit einem freien Wochenende pro Monat und 5 Wochen Ferien gehen die Käsers, die zu zweit im Job-Sharing arbeiten, nicht oft weg.

„Was mir gefällt, ist die Unabhängigkeit. Ich organisiere mich selber, wie ich es will", erklärt Josef, der im Dorf von allen Sepp genannt wird. „Meine Frau hat gesundheitliche Probleme, eines unserer drei Kinder leidet an zystischer Fibrose – so konnte ich mich um die Familie kümmern, als die Kinder noch zur Schule gingen."

„Bindeglied"

Krankheiten gehören zu Käsers Leben, seit seiner Kindheit. Der Letztgeborene von acht Kindern hat seine Eltern verloren, als er erst 13 Jahre alt war. „Meine Mutter hatte Multiple Sklerose. Ich habe sie nie in gesundem Zustand erlebt. Eine ledige Tante hat sich um uns gekümmert. Mein Vater sagte, ohne sie hätten wir in Pflegefamilien gebracht werden müssen.“

Als 1972 innerhalb drei Monaten beide Eltern gestorben waren, kümmerte sich der Älteste um die drei noch minderjährigen Jüngsten. „Mein Bruder und ich waren in einem Pensionat, das erste Jahr getrennt, das nächste zusammen. Allein war es schwieriger…“

Der Sigrist zögert eine Sekunde, bevor er wieder lächelt. „Im Leben gibt es immer wieder Aufhellungen, und ich bin eher ein positiver Mensch. Meine Mutter sagte, ich würde Priester, das war die Tradition der jüngsten Söhne. Ich bin nur Siegrist geworden, doch das ist bereits ein Teil des Weges!“

Siegrist sei „kein Beruf, in dem man Karriere machen kann, doch er bietet mir eine sehr gute Lebensqualität“, sagt Käser. „Ich habe viel Freizeit und helfe auch gerne den Nachbarn. Für mich ist das eine Lebenskunst.“

Das Schwierigste an seinem Beruf? Seine Rolle als „Bindeglied“ zwischen der religiösen Institution und der Bevölkerung: „Weil hier kein Priester mehr wohnt, bin ich es, an den Kritik, Beschwerden, Fragen gerichtet werden. Man muss neutral bleiben, doch das ist nicht einfach, sind wir doch alle nur Menschen.“

Die Sprache der Glocken

Der Kirchturm in Bösingen ist 47 Meter hoch. Fünf unterschiedlich grosse Glocken hängen unter dem hohen Satteldach, das mit Holzschindeln gedeckt ist. Tag und Nacht läuten sie jede Viertelstunde die Zeit, intensiver ist das Geläut zur Frühmesse um 6 Uhr 30, Mittags und zum Angelusläuten um 19 Uhr.

Die Glocken werden per Computer gesteuert, doch für besondere Anlässe lassen sie sich auch von Hand bedienen. „Ich muss sagen, sie spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die traditionellen Sitten und Gebräuche des Dorfes aufrecht zu erhalten. Sie sind eine Art Ausdrucksmittel“, erzählt Käser.

„Die fünfte Glocke habe ich ein einziges Mal benutzt. Es ist die Wetterglocke. Die Alten sagen, dass sie den Blitzschlag von unserem Dorf weglenken kann. Eines Tages hat mich um 7 Uhr 30 eine ältere Person aus dem Dorf angerufen und erklärt, es drohe ein Gewitter. Ich habe den Himmel angeschaut. Er war ganz schwarz. Darauf habe ich während 10, 15 Minuten diese Glocke geschlagen. Es ist nichts Spezielles passiert, doch es gab keinen Blitzschlag…“

Eine weitere Tätigkeit, die der Kirchendiener gewissenhaft respektiert: Die kleine Glocke der Grabkapelle schlagen, um die Ankunft einer verstorbenen Person anzukündigen. „Ich schlage die Glocke von Hand, während 30 Sekunden. Das geht zurück auf die Zeit, als es noch keine Telefone gab: Ein Schlag heisst, es ist ein Kind, zwei sind eine Frau, drei ein Mann“, erklärt Käser.

„Im Normalfall habe ich kaum mit dem Glockenschlagen aufgehört, wenn die Leute bereits kommen, um zu sehen, wer gestorben ist.“ Bei Begräbnissen muss er eine Stunde vor deren Beginn läuten. So hatte die Bevölkerung, früher zur Hauptsache Bauern, genügend Zeit, um vom Feld zurückzukehren und die Kleider zu wechseln.

Von Isabelle Eichenberger, swissinfo.ch

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Bösingen

In früheren Zeiten war die deutschsprachige Gemeinde im Kanton Freiburg streng katholisch.

Heute sind von 3350 Einwohnerinnen und Einwohnern zwischen 1500 und 1600 Katholiken und etwa 30 Prozent (rund 1000) Protestanten.

2012 wurden in der Barockkirche (Ende 18. Jhd.) rund 20 Beerdigungen durchgeführt sowie ein halbes Dutzend Hochzeiten und rund 20 Taufen gefeiert.

Der Beruf des Sigristen

Es handelt sich um eine laizistische oder religiöse Person, die für die Führung der Sakristei einer katholischen Kirche und den materiellen Ablauf von Messen und Feiern verantwortlich ist. Der Sigrist bereitet namentlich alle Objekte und Messgewänder vor, damit der Priester die Messe feiern kann. Ein Sigrist wird vom Kirchgemeinderat angestellt und entlohnt. Früher wurde der Sigrist oft „Schweizer“ genannt, auch im Ausland. Er trug bei religiösen Zeremonien ein Prunkkostüm und eröffnete die Prozessionen. Dabei ging es um die Identifizierung mit der Päpstlichen Schweizergarde, die 1506 von Papst Julius II. gegründet wurde und auch heute noch im Dienst des Vatikans steht.

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