Simone Weil: Das Unglück und die Gottesliebe. Das Rätsel des Lebens

Von Susan Gottlöber

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WÜRZBURG, 6. November 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Als am 24. August 1943 die französische Intellektuelle Simone Weil mit gerade 34 Jahren im englischen Exil einem Herzversagen, ausgelöst durch einer Tuberkulose-Infektion und Unterernährung erlag, verstarb eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Simone Weil – leidenschaftliche Gewerkschafterin, Philosophin, Mystikerin.



Weil studierte bei dem französischen Philosophen Emile Auguste „Alain“ Chartier (1868–1951), dem Ziehvater einer ganzen Generation französischer Intellektueller. Er macht Simone Weil nicht nur mit der (neo)platonischen Philosophie oder der christlichen Vorstellung des leidenden Gottes, sondern auch mit der sokratischen Denktradition vertraut. Antike Dichter oder Dramatiker der französischen Klassik wie Jean Racine zählen gleichermaßen zu den Inspirationsquellen Simone Weils wie Descartes und Spinoza, oder religiöse Schriften wie das Neue Testament, die Bhagavadgita und Mystikern wie Juan de la Cruz.

Zusätzlich sollte noch ein weiterer Punkt aus ihrer frühen Jugend maßgebend für ihre gesamten Überlegungen werden: Eine starke Migräne, unter der sie seit ihrer Kindheit litt, prägte ihr Denken derart nachhaltig, dass sie diese Erfahrung ständiger Schmerzen philosophisch nicht nur in der Betonung des körperlichen Leidens als ein wesentlicher Faktor menschlicher Unglückserfahrungen, sondern auch in ihrem scharfen Leib-Seele-Dualismus verarbeitet.

Die meisten ihrer Werke erschienen posthum als Sammlungen aus Briefen, kurzen Essays oder Aphorismen. Stringenz sucht man in den Werken Simone Weils vergebens. Wie in ihrem Leben war Simone Weil auch im Denken zu keinerlei Kompromissen fähig, eine Haltung, welche die Wahrheit in den entgegengesetzten Extremen suchte und so zwangsläufig zu Widersprüchen führen musste. Aber welche Wandlungen ihre Philosophie auch vollzog – immer stand das Leiden des Menschen an und in der Welt im Mittelpunkt. „Das Unglück und die Gottesliebe“, eine Sammlung aus Briefen und Essays, ist keine Ausnahme.

Die darin ausgefalteten Überlegungen Weils zum Unglück (malheur) sind eine äußerst akkurate Phänomenanalyse. Aus den drei Aspekten physischen, psychischen und sozialen Leidens entsteht nach Weil ein Phänomen neuer Qualität – das Unglück, welches das größte Elend von Körper und Seele darstelle: Während das physische Leiden dafür sorgt, dass das Ich sich nicht mehr in den Bereich des Illusionären zurückziehen kann, bedarf es des Gewaltpotenzials sozialen und psychischen Leidens, um die Seele des Menschen zu zerstören. Nicht das Leiden, wie es in der Theodizeefrage diskutiert wird, sondern das Unglück sei das große Rätsel des Lebens. Um den Einfluss der Notwendigkeit (mit dem Bild der Schwerkraft bezeichnet), die für Weil sowohl in den Naturgesetzen als auch in psychisch determinierten Verhaltensweisen ihren Niederschlag findet, auf den Menschen im Unglück zu beschreiben, nutzt Simone Weil in Anlehnung an die Kreuzigung Christi ein drastisches Bild: Die Spitze des Nagels ziele auf den Mittelpunkt der Seele, während der Nagelkopf „die ganze durch die Gesamtheit von Raum und Zeit verteilte Notwendigkeit (ist).“ Diese der Unglückserfahrung innewohnende destruktive Gewalt wird aber auf der anderen Seite zum wichtigsten Weg des Menschen zu Gott, da es ihm unmöglich sei, vor der Begegnung mit dem Wirklichen ins Illusionäre zu flüchten.

Die einzige Möglichkeit, das volle Ausmaß der Notwendigkeit zu erkennen und doch nicht zerstört zu werden, liegt darin, ihr zu gehorchen und sie gleichsam in liebender Aufmerksamkeit (attention) anzunehmen – das christlich interpretierte amor fati der Stoiker. Mit dieser Hinwendung zum Göttlichen – für Simone Weil geschieht sie über die Medien des religiösen Rituals, der Liebe (und der Freundschaft) und der Schönheit – werde eine Gegenbewegung eingeleitet, die nichts anderes sei als eine Antwort auf die Überwindung der Schwerkraft durch die Gnade Gottes.

Die aktuelle Simone-Weil-Rezeption ist bestenfalls als lückenhaft zu bezeichnen. Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass gerade im deutschsprachigen Raum ihre Werke ohnehin erst spät entdeckt und mittlerweile schon wieder weitestgehend vom Buchmarkt verschwunden sind. Aber trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer Radikalität provozieren ihre Gedanken nicht nur in religiöser, sondern auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Nicht grundlos nannte sie Albert Camus, der posthum einen Großteil ihrer Werke veröffentlichte, den einzigen großen Geist seiner Zeit.

Ihren Ruf als „Unglücksphilosophin“ konnte sie nie ganz ablegen. Dabei findet der aufmerksame Leser trotz ihrer negativ anmutenden Betrachtungen im Philosophieren Weils über die Schönheit eine nach wie vor viel zu wenig beachtete Perspektive ihres Denkens: Denn über die Schönheit, die wie kaum ein anderer Aspekt der Welt die Aufmerksamkeit fesselt und auf die Wirklichkeit richtet, schreibt sie: „Die Schönheit von der Welt spricht zu uns von der Liebe, die ihre Seele ist, so wie der Ausdruck eines menschlichen Gesichtes, das nicht log, absolut schön sein mag.“

[Simone Weil: Das Unglück und die Gottesliebe. Kösel-Verlag, München 1961, 253 Seiten; Teil 49 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 30. Oktober 2008]