Sind intersexuelle Kinder Jungen oder Mädchen?

Was tun, wenn die ontologische Identität unklar ist?

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WASHINGTON, D.C., 22. MAI 2012 (Zenit.org). - Wir geben eine Diskussion über eine bioethische Frage wieder, die von den Mitgliedern der „Culture of Life Foundation“ beantwortet wurde.

Von E. Christian Brugger

In meinem letzten Artikel, der unter dem Titel „The New Pangenderism“ veröffentlicht wurde, habe ich einen Zustand erwähnt, den man „Intersexualität“ nennt. Er besteht darin, dass das Geschlecht eines Kindes aufgrund einer Anomalie in der Ausprägung der körperlichen Eigenschaften, die es normalerweise erlauben, männlich von weiblich zu unterscheiden, sehr schwer zu definieren sein kann.

Früher als „Hermaphroditismus“ bezeichnet (vom Namen der griechischen Gottheiten Hermes und Aphrodite, der Götter der männlichen und weiblichen Geschlechtlichkeit), ist Intersexualität in Wirklichkeit ein Überbegriff für sehr verschiedene Zustände, die man auch als Störungen der Geschlechtsentwicklung (disorders of sex development) bezeichnet. Aufgrund genetischer und/oder anatomischer Abweichungen kann ein Kind gleichzeitig männliche und auch weibliche Organe besitzen. Es kann Eierstöcke besitzen, einen Uterus und zugleich einen Penis, oder eine unnormal große Klitoris, die aussieht wie ein Penis. Oder es kann eine nur teilweise ausgebildete Vagina haben, mit einem Eierstock und einem Hoden oder rudimentärem Gewebe von beidem („Ovotestis“), oder nur einem von beiden, oder keinem. Die Diskrepanz zwischen den äußeren Genitalien (Penis, Vagina) und den inneren Genitalien (Hoden und Eierstöcke) kann an chromosomale Anomalien gebunden sein. Statt der üblichen Struktur der Geschlechtschromosomen (XX-weiblich, XY-männlich) könnte nur ein Geschlechtschromosom vorhanden sein (XO), oder ein überzähliges Chromosom (XXY oder XXX), oder chromosomale Geschlechtsumkehr (XY-weiblich, XX-männlich). Das Phänomen ist recht selten; vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass etwa von allen 4.500 Neugeborene eines betroffen ist (andere Schätzungen nehmen bis zu 1 Kind je 2.000 an), also ungefähr so viele wie von Mukoviszidose.

In der Vergangenheit reagierten Ärzte auf die Geburt eines intersexuellen Kindes routinemäßig so, dass sie zu einem chirurgischen Eingriff rieten, wobei man sich in der Regel für das weibliche Geschlecht entschied, weil eine Vagina leichter zu formen ist als ein Penis. Das wirft die Frage auf, ob das Geschlecht eines Kindes eine angeborene Tatsache ist oder nicht. Verursacht wurde der Trend zum Teil durch die falschen Theorien über Geschlecht und „Gender“ des unseligen Psychologen und „Sexologen“ John Money (1921-2006) von der Johns-Hopkins-Universität. Money trieb einen Keil zwischen die Begriffe „biologisches Geschlecht“ (Sex), das angeboren sei, und anerzogenes „soziales Geschlecht“ (Gender). Letzteres hielt er für wichtiger für das persönliche Selbstverständnis. Er glaubte, es sei das Ergebnis der Erziehung eines Kindes und deshalb „von der Gesellschaft gemacht“.

Als Money 1966 dem kleinen David Reimer begegnete, dem bei einer schlecht durchgeführten Zirkumzision der Penis verstümmelt worden war, empfahl der leichtfertige Arzt den Chirurgen, den Jungen doch durch Amputation der Hoden und chirurgischer Formung einer Vagina dem weiblichen Geschlecht „zuzuweisen“; anschließend wurde das Kind mit weiblichen Hormonen vollgepumpt und erzogen wie ein Mädchen (David wurde fortan „Brenda“ genannt). Das unmoralische Experiment schlug völlig fehl. David wurde sein Leben lang von Identitätsstörungen gequält, lehnte als Erwachsener seine aufgesetzte weibliche Identität ab und tötete sich am Ende durch einen Kopfschuss im Jahr 2004, im Alter von 38 Jahren (siehe die exzellente, aber haarsträubende Schilderung der Geschichte David Reimers in „As Nature Made Him: The Boy Who Was Raised as a Girl“ – deutsch „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“ –  von John Colapinto).

Der unverschämte Sexologe wurde als ein weitsichtiger Herold der sexuellen Befreiung gefeiert (womit auch offene Ehen, Pornographie und „einvernehmliche“ Pädophilie gemeint waren), bis Milton Diamond Ende der 1990er Jahre die Wahrheit über den Fall Reimer bekannt machte. Der unverbesserliche Money bestand bis zuletzt darauf, dass der Verriss seiner Theorien das Ergebnis einer Medienkampagne der Rechten und der „Antifeministen“ sei, und dass seine Gegner „halt so argumentieren: Männlichkeit und Weiblichkeit stehen in den Genen geschrieben, also sollen die Frauen zurück ins Bett und in die Küche“. Soviel zu David Reimer.

In den vergangenen 10 Jahren ist die ärztliche Selbstherrlichkeit in der Behandlung intersexueller Kinder zurückgegangen. Die meisten Ärzte lehnen heute Moneys These ab, dass die psychische Geschlechterzugehörigkeit soweit formbar sei, dass man sie beliebig löschen und neuzuweisen könne. Doch die Intersex Society of North America (ISNA) meldet, dass es noch immer einen Hang dazu gäbe, voreilig zu chirurgischen, hormonellen und psychologischen Mitteln zu greifen, um intersexuelle Kinder im frühen Alter zu „heilen“. Die ISNA berichtet von zahlreichen Fällen, in denen Menschen schweren psychischen und körperlichen Schaden erlitten haben, weil Ärzte sich voreilig für ein bestimmtes Geschlecht entschieden hatten und entsprechend vorgegangen waren. Die ISNA bemüht sich stattdessen um eine „patientenbezogene“ Vorgehensweise: intersexuellen Kindern und Erwachsenen die Wahrheit sagen, sie bedingungslos zu akzeptieren und in der Gesellschaft ein Verständnis dafür erwecken, wie sehr diese Menschen oft leiden.

Leider vertritt die ISNA gleichzeitig eine allzu offene Auffassung von Sex und Gender. Sie leugnet, dass jeder Mensch entweder Mann oder Frau sein muss und Intersexualität eine anatomisch-chromosomale Störung ist; „normalisierende“ Eingriffe hält sie überhaupt für unnötig. Sie behauptet, es handle sich hierbei lediglich um eine „anatomische Abweichung von den männlichen und weiblichen Standardmodellen“; so wie Haut-, Augen und Haarfarbe entlang eines normalen Kontinuums variierten, „so variiert auch die geschlechtliche Anatomie. Intersexualität ist keine Krankheit“. Die Mitglieder der ISNA scheinen zu glauben, dass das Eingeständnis, dass Intersexualität eine echte Störung der geschlechtlichen Entwicklung ist, automatisch bedeuten würde, dass intersexuelle Menschen minderwertig und Schweigen und Manipulation gerechtfertigt sind.

Die katholische Lehre

Soweit mir bekannt ist, hat die Katholische Kirche nie in einer offiziellen Stellungnahme das Thema Intersexualität angesprochen. Meine Bemerkungen dürfen daher nicht als festgesetzte Lehre der Kirche angesehen werden. Trotzdem glaube ich, dass folgende Punkte mit der Auffassung und Lehre des katholischen Glaubens übereinstimmen.

Erstens: aus der christlichen Doktrin von der Erschaffung der Welt, besonders aus der Lehre, dass die Menschen „als Abbild Gottes… als Mann und Frau“ erschaffen wurden (Gen 1:27), folgt, dass wir die Auffassung, intersexuelle Menschen seien ein „Drittes Geschlecht“, weder Mann noch Frau, ablehnen müssen. Es mag im Einzelnen schwer oder sogar unmöglich sein, das Geschlecht eines intersexuellen Menschen genau festzustellen; aber unsere Unwissenheit sollte nicht als Beweis für eine effektive Zweideutigkeit im Wesen dieser Menschen genommen werden. Es ist lediglich so, dass wir hier an die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit stoßen.

Zweitens, wenn das Geschlecht eines Kindes eindeutig feststeht, wie es bei manchen teilweise intersexuellen Menschen der Fall ist, dann glaube ich, dass die Eltern gut daran tun, therapeutische Eingriffe durchführen zu lassen, die darauf abzielen, die Entwicklungsstörung zu korrigieren und die Körperanatomie und -chemie im Einklang mit dem Geschlecht des Kindes zu normalisieren.

Andererseits wäre jedes voreilige Urteil über die Geschlechtszugehörigkeit des Kindes und daher auch jede vereinfachende chirurgische Zuweisung einer geschlechtlichen Identität in höchstem Grade unmoralisch, weil dem Kind gegenüber unfair. Das Unbehagen der Eltern angesichts der Situation ihres Kindes -- „das ist doch nicht normal!“ -- ist kein hinreichender Grund, um ein Kind operativ dem einem oder dem anderen Geschlecht zuzuweisen, wenn klare Beweise über seine Identität fehlen.

Die Eltern sollten eine „moralische Gewissheit“ über das Geschlecht ihres Kindes erlangen, bevor sie bleibende Eingriffe durchführen lassen, die den Körper in die eine oder andere Richtung verändern. Moralische Gewissheit erlangt man dann, wenn alle vernünftigen Zweifel über die Geschlechtszugehörigkeit überwunden wurden.

Und wenn keine moralische Gewissheit erreicht werden kann, heißt das dann, dass die Eltern ihr intersexuelles Kind erziehen sollten, als sei es geschlechtslos oder eine Art „drittes Geschlecht?“. Nein. Die ISNA empfiehlt, und ich glaube zu recht, dass nach eingehenden (auch hormonellen und genetischen) Untersuchungen und Rücksprache mit anderen Familien mit intersexuellen Kindern -- und ich füge hinzu, für uns Christen auch nach bestürmenden Gebeten zu Gott (vgl. Lk 18:1-8) -- die Eltern sich nach bestem Gewissen für ein Geschlecht entscheiden und das Kind danach erziehen sollten; das heißt sie treffen eine vorläufige Entscheidung, gehen aber nicht so weit, einen chirurgischen Eingriff ausführen zu lassen.

Danach sollten die Eltern und die Ärzte das Kind aufmerksam über die Jahre beobachten. Wenn ernsthafte Gründe dafür aufkommen, das ursprüngliche Urteil zu revidieren, dann sollte eine vorsichtige Neuzuweisung unter der Aufsicht vertrauenswürdiger Experten vorgenommen werden. Wenn das Kind sich gut entwickelt, sollten sie hingegen bei ihrer ersten Entscheidung bleiben. Auch sollten sie dem Kind immer die Wahrheit über seinen Zustand sagen, in einer dem jeweiligen Alter angemessenen Weise. Später, wenn das Kind reifer wird, womöglich erst nach der Pubertät, sollten sie ihm ohne übermäßigen Druck helfen, die beste Entscheidung in Bezug auf mögliche weitere Eingriffe zu treffen. Das Ziel bleibt dabei immer dasselbe: das Kind darin zu unterstützen, sein Geschlecht, das Gott ihm oder ihr gegeben hat, zu erkennen und zu akzeptieren.

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]