Sind Kapitalismus und christliche Soziallehre vereinbar? Grenzen und Möglichkeiten

Interview mit Pierluigi Pavone, Autor des Buches: Politik, Messianismus, Geld.

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von Antonio Gaspari

ROM, Dienstag, 10. Mai 2011 (ZENIT.org). – Der Titel ist ein wenig düster, aber der Inhalt und die Schlussfolgerungen sind klar und intelligent. Es handelt sich um das Buch von Pierluigi Pavone, welches vom Lithos-Verlag unter dem Titel „Politik, Messianismus, Geld. Die Herausforderung des demokratischen Kapitalismus für die Sozialdoktrin der Kirche“ herausgegeben wurde. 

Pierluigi Pavone ist ein junger Professor am päpstlichen Institut „Sant´Apollinare“ und unterrichtet Geschichte und Philosophie. Außerdem außerordentlicher Professor der „Europäischen Universität“ in Rom. Er hält Kurse für Philosophie des Menschen und Geschichte der Philosophie an der Fakultät für Bioethik des päpstlichen Athenäums „Regina Apostolorum“ ab und unterrichtet Sozialdoktrin der Kirche am „ höheren Institut für Religionswissenschaften“.

ZENIT hat den Autor interviewt.

Warum dieses Buch? Welches sind die Themen, die sie zur Diskussion stellen wollen?

Pavone: „Das erste Thema umfasst die Notwendigkeit, dass die Sozialdoktrin der Kirche sich offen mit dem politischen und ökonomischen Liberalismus gegenüberstellt hinsichtlich  zweier Gefahren: der sozialistischen Unterstellung (man sagte einmal katho-kommunistisch) und der rhetorischen Abstraktion oder Defensive der Sozialdoktrin, wie sie zum Beispiel von Novak unterstellt wurde. Das dritte ist, dass zwischen Christentum und Marxismus ein begrifflich bedingter Widerspruch besteht, dieser existiert nicht zwischen Christentum und Kapitalismus, wenigstens nicht auf der theoretischen Ebene von menschlicher Freiheit und kreativer Arbeit. Dennoch ist der Kapitalismus nicht frei von einer religiösen Dimension und einer besonderen Macht: derjenigen, Geld von den Zentralbanken aus in Umlauf zu bringen. Das dritte Thema hört sich also folgendermaßen an: Mit einer politisch und ökonomischen Theorie, die nicht der monetären Souveränität und der Philosophie der Geschichte entgegentritt, riskiert man höchstens, ein attraktiver Rhetoriker zu sein.“

Was sind die Werte und Grenzen des ökonomischen Liberalismus?

Pavone: „Das liberale System hat seinerseits die Wahrung der menschlichen Freiheit im Sinn, der gleichen Möglichkeit des Wachstums, der persönlichen Verantwortlichkeit, die ein Hilfs- und gönnerhaftes System unterdrückt, die Verteidigung des Privateigentums als Naturrecht, das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Arbeit, für die Möglichkeit des intellektuellen und sozialen Fortschritts. Auf der anderen Seite kann man den Kapitalismus nicht einfach als eine ökonomisch liberale Doktrin verstehen. Vor allem kann der Kapitalismus keine Gemeinschaft herstellen, höchstens ein „System“. Und ein globales System ist etwas nicht Politisches, weil die Menschheit kein politisches Konzept ist. Es existiert das Risiko einer politischen Versklavung (auch von Völkern) durch die internationale Finanzwelt, überdies übernational. Für Francis Fukuyama ist die ökonomisch-soziale liberale Idee die beste Darstellung der Welt, das Ende, zu der die Geschichte der Menschheit hinstrebt. Meiner Meinung nach sollte der Kapitalismus auch eine Revolution weltweiten Charakters sein, der eine neue Weltordnung herstellt. Die Charakteristiken dieser Revolution sind aufzuspüren in den säkularisierten Untiefen, im messianischen Terrain gemäß einem unbestimmten Ideal, in einer Synthese, die die Moderne dem antiken Heidentum (Teilung der Macht) und der mondänen Gnosis (immanente Eschatologie und selbst gegründete Anthropologie) darbringt.“

Gemäß eines bestimmten Journalismus ist der Kapitalismus der Gipfel des menschlichen Egoismus und der Vermarktung der Welt. Aber entsprechend vieler Autoren, unter ihnen Ettore Gotti Tedeschi, waren es die Tugenden religiöser Orden wie der Benediktiner und Franziskaner, die der Ökonomie, auch als Kapitalismus bekannt, zum Leben verholfen haben. Wie ist ihre Sichtweise darüber?

Pavone: „Ich schätze die Analyse, die Novak über katholische Ethik und den Kapitalismus anführt. Diese übertrifft in der Tat die These von Max Weber – der die Bedeutung des religiösen und ethischen Faktors für soziale  und ökonomische Mechanismen betont – erhebt die Eigeninitiative zu einer moralischen und intellektuellen Tugend, würdigt Gutes in gerechter Weise zu tun, schätzt eine ‚ratio boni‘ bei der Arbeit, sowohl auf einer subjektiv-intentionalen Ebene als auch auf der objektiven geht er von einer komplexeren Analyse aus als von einfacher Gleichsetzung von Kapitalismus und Gewinn als Selbstzweck mittels  leidenschaftsloser Rationalität. Und dem müsste man eine Präzisierung hinzufügen: die Kritik, auch von Popper geäußert, an der gebräuchlichen Gegenüberstellung von Egoismus und Kollektivismus zugunsten einer Gegenüberstellung von Altruismus und Egoismus, wie auch von Kollektivismus und Individualismus. Und zwei weitere Elemente: die christliche Revolution, respektive die griechisch-lateinische Welt, im Hinblick auf die Bedeutung von Arbeit als Teilhabe an der göttlichen Schöpfung (das ist das Modell der religiösen Orden); sich der historischen und theologischen Entstehung von Zinsanleihen bewusst sein, der Basis des Kapitalismus, die weit vor der protestantischen Reform schon im Mittelalter existent war.“  

Anderen Autoren zufolge war es der Protestantismus mit einer engen Sicht des Menschen ohne Hilfe durch Gnade, der eine verzerrte Sicht des Kapitalismus einführte, assoziiert mit egoistischem Geist, Ungleichheit, Ausbeutung, ökonomischer Krise, wenn dies nicht dem Kolonialismus, dem Imperialismus und den gewalttätigen Kriegen zugeschrieben wurde. Was ist ihre Meinung dazu?

Pavone: „Es handelt sich um eine Halbwahrheit. Man könnte unendlich viele Beispiele zum selbstbezogenen Konzept des ‚Liberalen‘ anführen: Für viele Liberale war es blasphemisch, dass der Staat die Armen beliefern musste, wenn die göttliche Vorherbestimmung doch im Sinn hatte, sie momentan zu negieren. Darin besteht die große Differenz zwischen katholischer und protestantischer Tradition über das Naturrecht des privaten Eigentums: Für Locke ist es unveräußerlich innerhalb einer seiner Rechtfertigungen über die Arbeit durch die Sicht der Erde als einer leeren Wiege, einer Erde, die niemandem gehört (man denke an die Anwendung dieses Prinzips zum Schaden der amerikanischen Indianer), für die Sozialdoktrin der Kirche ist das Naturrecht des privaten Eigentums der universalen Bestimmung der Güter untergeordnet, in einer Sichtweise, die die Erde als eine Erde aller ansieht, weil sie allen Menschen von Gott geschenkt wurde. Man muss sich außerdem vor Augen halten, dass die protestantischen Kapitalisten sich selbst als Auserwählte betrachten (nach dem Bild des Auserwähltseins in der hebräischen Tradition); sie interpretieren Verlangen und Gier als Aspekte des rational kanalisierten und gemäßigten Menschen. Ich jedoch lenke die Aufmerksamkeit auf den Fakt, dass der weltliche Messianismus – von dem die Idee der Beherrschung der Welt und der Missionierung der Völker herrührt – älter ist als die moderne und zeitgenössische Heiligung des Fortschritts, der Revolutionen und der Verbreitung der Demokratie. Und ich möchte auf dem eigentlichen Problem des ökonomischen Wertes und des Geldes bestehen: Geld bedeutet nicht Reichtum, sondern ist nur Maßstab für effektiven oder erreichbaren Reichtum im Verhältnis zur Arbeit; es ist kein wertvolles Metall für eine Geldkonvention nötig; es ist das Volk, das dem Instrument Geld den Begriff von Wert zuschreibt; es ist absurd, dass die Zentralbank Geld in Umlauf bringt, das aus dem Nichts geschaffen wurde, und die Menge des in Umlauf gebrachten Geldes (zuzüglich der Zinsen) entsprechend seinem Nominalwert als Staatsschulden anschreibt.“

Was ist demokratischer Kapitalismus und warum stellt er ihrer Meinung nach eine Herausforderung für die Sozialdoktrin der Kirche dar? Wie und mit welchen Argumenten können die Sozialdoktrin der Kirche und die Enzyklika „Caritas in veritate“ den Weg zu einer neuen ökonomischen und kulturellen Renaissance ebnen?

Pavone: „Als gemeinsame Antwort möchte ich drei fundamentale Konzepte ins Licht rücke. Erstens: Die Tatsache, dass der Marxismus eine atheistische Religion ist, die an die Stelle der traditionellen tritt, hat sich in reichem Maße bewiesen. Das Problem ist die Natur des Kapitalismus dann, wenn der Kapitalismus sich in eine verschwiegenere Dynamik verwandelt, bisweilen geheim in die Arbeit der Freimaurerei, als eine Konstruktion von Werten als ‚Metamorphosen zum Heiligen‘. Die moderne Zeit, und somit auch der Kapitalismus, zeichnen sich durch eine direkte Wechselbeziehung zwischen Humanismus, Freimaurerei, Aufklärung und demokratischer Revolution aus, die die religiöse Dimension nicht ausgelöscht hat. Der Punkt ist, dass diese religiöse Dimension, die der antike Gnostizismus hervorgebracht hat, antikatholisch ist, bis hin zur Konstitution einer Gegen-Kirche. Die Herausforderung, der sich Benedikt XVI. bewusst ist, liegt in der Tatsache, dass der Kapitalismus nicht immun gegen eine bestimmte theologische Vision ist.

Zweitens: „Die Moderne hat revolutionären Charakter in dem Maß, in dem sie vorgibt, die Geschichte mit der Geschichte zu realisieren, die Geschichte aus sich selbst heraus zu erlösen, dem Menschen das Paradies auf dieser Erde anzubieten. Auch wenn der demokratische Kapitalismus vorgibt, den Umständen entsprechend zu handeln, im Verzicht auf den Anspruch, in sich geschlossene Systeme zu konstruieren, um eine offene, liberale Gesellschaft zu sein, in der es möglich ist, sich durch Versuche und Fehler zu entwickeln, macht er nicht klar, wofür die Gesellschaft offen wäre. Aber die fundamentale Sache ist eine andere. Das dritte Konzept, das ich unterstreichen möchte, bezieht sich auf Platon und den heiligen Augustinus: Kein Staat ist neutral, was die anthropologische Bedeutung betrifft, die ihn ausmacht und die die politische, ökonomische, soziale Möglichkeiten im eigenen Innern verwirklicht; keine anthropologische Vorstellung ist frei von dem theologischen Fundament zweier Liebender, dem Himmel und der Erde. Der Kapitalismus kann sich nicht davor drücken, Position zu beziehen. Hierin liegt die Herausforderung für die Sozialdoktrin der Kirche, der die Aufgabe zukommt, nicht nur die richtigen Prinzipien aufzuzeigen oder diese mit der Ordnung der Moraltheologie in Kontext zu bringen, sondern auch die legitime Autonomie der politischen Macht an ihre Pflicht zu erinnern, gegenüber der Priorität der Familie und dem Menschen, gegenüber ökologischem Fehlverhalten, gegenüber der Illusion ‚selbstbestimmt‘ zu sein, gegenüber dem Fehler, sich der reinen Logik des Marktes hinzugeben, ohne zu versuchen, die Strukturen der gegenwärtigen Sünde auf sozialem Niveau aufzulösen, in Bezug auf das letzte Ende des Menschen.“

 [Übersetzung aus dem Italienischen von Anna Christine Finkbeiner]