"Sind wir in unserem Herzen verschlossene Christen?"

Ansprache des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 455 klicks

Die heutige Generalaudienz begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Familien aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

Im Mittelpunkt der in italienischer Sprache gehaltenen Rede des Papstes stand die Apostolizität der Kirche.

Nach einer Zusammenfassung in mehreren Sprachen richtete Papst Franziskus einen besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Ansprache des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung. 

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wenn wir unseren Glauben bekennen, dann sagen wir: „Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“ Ich weiß nicht, ob ihr euch jemals mit der Bedeutung der Worte „die Kirche ist apostolisch“ beschäftigt habt. Vielleicht seid ihr manchmal nach Rom gekommen und habt die Bedeutung der Apostel Petrus und Paulus betrachtet, die hier für die Verbreitung und das Zeugnis des Evangeliums ihr Leben hingegeben haben.

Diese Bedeutung ist jedoch von größerer Tiefe. Mit dem Bekenntnis zur Apostolizität der Kirche wird deren ursprüngliche Verbindung mit den Aposteln zum Ausdruck gebracht; mit jenen zwölf Jüngern, die Jesus zu sich gerufen, bei ihrem Namen genannt und zur Verkündigung des Evangeliums ausgesandt hat (vgl. Mk 3,13-19). Das Wort „Apostel“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Gesandter“. Ein Apostel ist ein gesandter Mensch; er wird ausgesandt, um einen bestimmten Auftrag zu erfüllen. Die Apostel wurden von Jesus auserwählt, gerufen und ausgesandt, um sein Werk fortzusetzen und somit zu beten – die wichtigste Aufgabe eines Apostels besteht im Gebet – und in zweiter Linie das Evangelium zu verkündigen. Das ist wesentlich, denn wenn man an die Apostel denkt, ist man versucht zu glauben, dass sie lediglich das Evangelium verkündigten und viele Werke vollbrachten. In der Anfangszeit der Kirche existierte jedoch insofern ein Problem, als die Apostel viele Aufgaben zu erfüllen hatten. Aus diesem Grund wurden Diakone erhoben, sodass den Aposteln mehr Zeit für das Gebet und die Verkündigung des Wortes Gottes zur Verfügung stand. Wenn wir an die Nachfolger der Apostel, denken, d.h., an die Bischöfe einschließlich des Papstes, denn auch er ist ein Bischof, dann müssen wir uns fragen, ob dieser Nachfolger der Apostel sich zuerst dem Gebet oder der Verkündigung des Evangeliums widmet: Darin besteht das Apostolat, und dies erklärt die Apostolizität der Kirche. Wir alle müssen uns folgender Frage zuwenden, wenn wir Apostel sein wollen: Bete ich für die Rettung der Welt? Verkündige ich das Evangelium? Das ist die apostolische Kirche! Sie ist ein konstitutives Band zwischen uns und den Aposteln.

Ausgehend von diesen Gedanken möchte ich eine kurze Darstellung dreier Bedeutungen des auf die Kirche angewandten Adjektivs „apostolisch“  vornehmen.

1. Die Apostolizität der Kirche besteht in ihrer „Verwurzelung in der Predigt und im Gebet der Apostel“, in der Autorität die ihnen die Kirche selbst zuerkannte. Dazu lesen wir im Brief des hl. Paulus an die Epheser: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst“ (Eph 2,19-20). Darin vergleicht der hl. Paulus die Christen mit lebendigen Steinen, aus denen das Gebäude der Kirche zusammengesetzt ist. Das Fundament dieses Gebäudes sind die Apostel, die gleichsam Säulen bilden, und Jesus ist der Stein, der alles trägt. Ohne Jesus kann die Kirche nicht existieren! Jesus ist der Grund der Kirche, ihr Fundament! Die Apostel haben mit Jesus gelebt, seine Worte vernommen, ihr Leben mit ihm geteilt, und vor allem waren sie Zeugen seines Todes und seiner Auferstehung. Der Ursprung unsers Glaubens, der von Jesus gewünschten Kirche, ist nicht ein Gedanke, eine Philosophie, sondern Jesus selbst. Und die Kirche ist wie eine Pflanze, die im Laufe der Jahrhunderte gewachsen ist, sich entwickelt hat, Früchte getragen hat, doch ihre Wurzeln sind fest verankert in ihm, und die grundlegende Erfahrung Christi, die die von ihm auserwählten und ausgesandten Apostel erlebten, gelangt bis zu uns. So wie die kleine Pflanze, die Wachstum erfuhr und bis in unsere Zeit hineinreicht, ist die Kirche in der Welt.

2. Stellen wir uns nun jedoch folgende Frage: Wie können wir uns mit diesem Zeugnis verbinden? Wie können wir bis zu dem gelangen, was die Apostel mit Jesus lebten, was sie von ihm hörten? Dies führt uns zur zweiten Bedeutung des Begriffs „Apostolizität“. Der Katechismus der Katholischen Kirche besagt, dass die Kirche apostolisch ist, denn „sie bewahrt mit dem Beistand des in ihr wohnenden Geistes die Lehre [vgl. Apg 2,42], das Glaubensvermächtnis sowie die gesunden Grundsätze der Apostel und gibt sie weiter mit der Hilfe des in ihr wohnenden Heiligen Geistes“ (Nr. 857). Im Lauf der Jahrhunderte bewahrt die Kirche diesen kostbaren Schatz, die Heilige Schrift, die Lehre, die Sakramente, das Hirtenamt, sodass wir Christus treu sein und an seinem Leben teilhaben können. Sie ist wie ein Fluss, der durch die Geschichte fließt, der sich entwickelt, wässert, doch das fließende Wasser ist immer jenes, das von der Quelle ausgeht, von Christus selbst: Er ist der Auferstandene, der Lebendige, und seine Worte vergehen nicht, denn er vergeht nie. Er ist lebendig, er ist heute unter uns gegenwärtig; er hört, dass wir mit ihm sprechen und hört uns zu. Er ist in unserem Herzen. Jesus ist bei uns, heute! Das ist die Schönheit der Kirche: die Gegenwart Jesu Christi unter uns. Denken wir jemals daran, wie wichtig dieses Geschenk ist, das Christus uns gegeben hat, das Geschenk der Kirche, in dem wir ihm begegnen können? Denken wir daran, dass uns gerade die Kirche auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte – trotz der Schwierigkeiten, Probleme, Schwächen, unserer Sünden – die authentische Botschaft Christi weitergibt? Dass sie uns die Gewissheit schenkt, dass das, woran wir glauben, wirklich ist, was Christus uns mitgeteilt hat?

3. Wenden wir uns nun einem letzten Gedanken zu: Die Kirche ist apostolisch, weil sie „ausgesandt wurde, um das Evangelium in aller Welt zu verbreiten.“ Sie setzt ihren Weg in der Geschichte jener Mission fort, die Jesus den Aposteln anvertraute: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 19-20). Dies ist der Auftrag, den Jesus uns erteilt hat. Ich möchte diesen Aspekt der Mission besonders betonen, da Christus alle dazu einlädt, auf die anderen „zuzugehen“. Er sendet uns aus, fordert uns auf, uns in Bewegung zu setzen, um die Freude des Evangeliums zu überbringen! Fragen wir uns nun erneut: Sind wir Missionare mit unseren Worten, aber vor allem mit unserem christlichen Leben, mit unserem Zeugnis? Oder sind wir in unserem Herzen und in unseren Kirchen verschlossene Christen, Sakristeichristen? Christen nur dem Wort nach, die aber wie Heiden leben? Diesen Fragen müssen wir uns stellen; sie stellen keinen Vorwurf dar. Auch ich frage mich: Wie bin ich als Christ, bin ich es wahrhaft mit dem Zeugnis?

Die Kirche hat ihre Wurzeln in den Lehren der Apostel, den authentischen Zeugen Christi, doch ihr Blick ist nach vorne gerichtet. Sie ist von der festen Gewissheit getragen, von Jesus ausgesandt worden zu sein, um als Missionarin zu wirken und mit dem Gebet, der Verkündigung und dem Zeugnis den Namen Jesu weiterzugeben. Eine Kirche, die sich in sich selbst und in ihre Vergangenheit verschließt, oder eine Kirche, die nur auf die kleinen Regeln der Gewohnheit, der Haltungen blickt, ist eine Kirche, die ihre Identität verrät. Eine verschlossene Kirche verrät ihre Identität! Lasst uns heute all die Schönheit und Verantwortung des Daseins als apostolische Kirche wiederentdecken! Und bewahrt folgendes in Erinnerung: apostolische Kirche bedeutet, dass wir beten – das ist die vordergründige Aufgabe – und dass wir mit unserem Leben und mit unseren Worten das Evangelium verkündigen.