So schön wie feierliche Musik

Die Vatikanischen Gärten – Eine neue Sicht auf eine bekannte Wirklichkeit

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Von Ulrich Nersinger

WÜRZBURG, 14. Oktober 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).-<>„Für Freunde und Experten der Gartenkunst, Liebhaber von schönen Büchern und Fotokunst sowie Romfreunde“, bewirbt das Regensburger Verlagshaus Schnell & Steiner seinen in Kooperation mit den Edizioni Musei Vaticani publizierten Bildband über die Vatikanischen Gärten.

Die Reihung potenzieller Käufer des Buches ist nicht beliebig gewählt, denn „dieser Band unterscheidet sich von den anderen über diesen wundervollen Ort veröffentlichten Werken durch sein Anliegen, dem Leser diese Oase der Ruhe näherzubringen, indem der Akzent auf die zahlreichen besonderen Pflanzenarten gesetzt wird, die seit vielen Jahren dort wachsen und – in gleichem Maße wie die architektonischen Elemente – den Gärten ihre Einzigartigkeit verleihen“, so Kardinal Giovanni Lajolo, der Präsident des Governatorates des Vatikanstaates, in seinem Geleitwort.

Nik Barlo jr., Jahrgang 1952, studierte Freie Kunst sowie Visuelle Kommunikation an der Universität Kassel und lebt im nordhessischen Grebenstein. Er gilt als international ausgewiesener Spezialist für Bilddokumentationen gestalteter Landschaften. Seine Fotografien sind in zahlreichen Ausstellungen zu finden und in einer beeindruckenden Anzahl von Publikationen abgedruckt. „Nik Barlo jr. fotografiert Gärten und Landschaften, so harmonisch und ätherisch schön, dass man feierliche Musik zu hören meint ... durch lange Belichtungszeit bannt er schier unendliche Momente auf ein einziges Bild, gibt ihm damit Reife und Intensität und destilliert, wie eine erlesene Essenz, die Schönheit der Szenerie heraus“, versucht Dagmar Krauße in einem Beitrag für das Magazin „Wilhelm“ den Fotografierstil Barlos zu charakterisieren.

Die Fotografien wurden in zwei Sessionen im Frühjahr und im Herbst 2008 erstellt. Nik Barlo jr. verzichtete auf jedwede digitale Nachbearbeitung seiner Aufnahmen. In stimmungsvollen Bildern, die sich aber strikt einer Ansichtskarten-Seligkeit entziehen, führt Barlo den Betrachter durch, ja in die Vatikanischen Gärten und konzentriert dessen Blick konsequent und kompromisslos auf die Flora des Kirchenstaates. Ein wolkenverhangener Himmel ist für ihn kein Grund, auf eine Aufnahme zu verzichten, sondern ein Aspekt, der die Einbindung der Gärten in die Natur und den Alltag unterstreicht. Keine einzige der 211 Abbildungen zeigt Menschen oder Tiere – kaum deutlicher könnte sich die Intention des Fotografen offenbaren. Die Gartenanlagen des Vatikans sollen für sich selbst sprechen, nur durch sich und im Kontext zu den geschichtlichen Bauten. Barlos Fotografien sind gewohnheitsbedürftig, sie vermögen es sogar, den ein oder anderen Betrachter in ihrer ungewohnten Art zunächst zu befremden, dann aber erschließen sie eine neue Sicht auf eine scheinbar bekannte Wirklichkeit.

Als Autor der Textbeiträge des Bildbandes zeichnet Vincenzo Scaccioni verantwortlich. Scaccioni, geboren 1973 in den Abruzzen, studierte Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Botanik an der Universität Perugia (Umbrien) und ist seit 2003 der Chefbotaniker der Vatikanischen Gärten. Den botanischen Besonderheiten, die den Reiz der einzigartigen Gartenlandschaft des Vatikans ausmachen, stellt er in seinen Ausführungen die Geschichte der Gärten von den Anfängen bis heute voran – beginnend mit den Zeiten, in denen Plinius der Ältere erwähnte, dass dort „riesige Schlangen lebten, die kleine Kinder in einem Happen auffressen konnten“, und Tacitus von „der schrecklichen Gegend des Vatikans (infamibus vaticani locis)“ schrieb, bis hin zur der vor fünf Jahren oberhalb der Via del Governatorato eröffneten japanischen Allee mit Kirschblütenbäumen und der im März 2008 entstandenen Anlage mit Essenzen zur Trüffelzucht. In seiner Beschreibung der Gärten gibt Scaccioni profunde Auskunft über die Orte, die den Päpsten und ihrem Hofstaat zur Muße und Erholung dienten oder an denen sie im Gebet Kraft für ihr Amt schöpften.

Dass aber in dieser beschaulichen Landschaft nicht nur Auge und Herz angesprochen werden, sondern auch Gaumen und Magen, zeigt der Autor anhand eines Nutzgartens auf. Im Schutz der mächtigen leoninischen Mauern hatte Papst Johannes Paul II. das Klausurkloster Mater Ecclesiae begründet. Zusammen mit einem eigens dafür abgestellten Gärtner hegen und pflegen die Schwestern einen ganz besonderen Garten; streng nach den Vorschriften einer Biolandwirtschaft gedeihen hier Gemüsearten und Obstsorten, die für den päpstlichen Tisch bestimmt sind.

2001 erfolgte die Erstellung des „Index Plantarum Vaticani Horti“. In der ersten wissenschaftlichen Bestandsaufnahme und Katalogisierung der vatikanischen Flora wurden an die 100 botanische Familien, 380 Gattungen, 340 Arten und über 6 900 Exemplare in messbarer Größe verzeichnet. Über die Pflanzenarten in den verschiedenen Bereichen der Vatikanischen Gärten gibt Vincenzo Scaccioni dem Leser im Anhang seines Buches ausführliche Informationen (gebräuchlicher und wissenschaftlicher Name, Familie). So erfährt er zum Beispiel, dass sogar beim Hubschrauberlandeplatz des Vatikans eine reiche Pflanzenwelt existiert: Arizona-Zypresse, Bergkiefer, Chinesischer Wacholder, Gartenhibiskus, Kiebsame, Kletterficus, Kreppmyrte, Pfeifenstrauch, Spiräe, Thuja und Virginischer Wacholder.

Der in Koproduktion mit den „Edizioni Musei Vaticani“ entstandene Bildband „Die Vatikanischen Gärten“ erweist sich als eine gelungene und empfehlenswerte Publikation und ist ein Muss für all jene, die in der erwähnten Verlagswerbung angesprochen werden, „Freunde und Experten der Gartenkunst, Liebhabern von schönen Büchern und Fotokunst sowie Romfreunde“. Ein Manko des Buches ist das Fehlen angemessenen Kartenmaterials. Der Leser und Betrachter der Abbildungen wäre dankbar gewesen, anhand eines ausführlichen Planes der Vatikanstadt die Gärten mit Autor und Fotograf erkunden zu können. Separate Karten zu den verschiedenen Gartenanlagen hätten Texte und Bilder ideal ergänzt und die Einordnung in die Topographie des Vatikans erheblich erleichtert. Der im Buch abgedruckte Übersichtsplan, der im Vatikan und in Rom als preisgünstige Erstinformation für Pilger und Touristen zum Verkauf kommt, wird der ansonsten beeindruckenden Qualität des Bildbandes nicht gerecht.

[© Die Tagespost vom 10.10.2009 -Barlo jr., Nik / Scaccioni, Vincenzo: Die Vatikanischen Gärten. Verlag Schnell & Steiner und Edizioni Musei Vaticani, Regensburg und Città del Vaticano 2009, 240 Seiten, 211 Illustrationen, 1 Grundriss, ISBN 978-3-7954-2128-1, EUR 49,90]