„Social Networking“ im Internet: Was passiert mit uns?

US-Forscherin über Risken virtueller Freundschaft

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WASHINGTON, D.C., 7. April 2009 (ZENIT.org).- Internetseiten zur sozialen Vernetzung könnten unsere Kultur negativ beeinflussen, warnt Christine Rosen, Biotechnologie-Expertin und Chefredakteurin von The New Atlantis, einer Zeitschrift über Technologie und Gesellschaft. Rosen hielt am 13. März in Washington, D.C., einen Vortrag unter dem Titel „Virtuelle Freundschaft und der neue Narzissmus“ im Rahmen der „Kardinal John Henry Newman“-Vortragsreihe, die vom Institut für psychologische Wissenschaften gesponsert wird. Ihre Rede wurde über das Internet übertragen.

Besonders die Popularität von Internetseiten wie MySpace und Facebook sind laut Rosen im Steigen begriffen. Letzte habe mittlerweile weltweit 150 Millionen Mitglieder. Die Wissenschaftlerin räumte ein, dass die neue Welt des Internets Menschen durchaus dabei helfen könne, andere kennen zu lernen und neue Freundschaften zu schließen. Das betreffe unter anderem Personen, die durch schwere Krankheiten an ihr Haus gefesselt sind und so mit anderen Menschen mit ähnlichen Problemen in Kontakt treten können.

Allerdings, räumte Rosen ein, stelle sich auch eine andere Frage: „Was passiert dadurch mit uns? Mit unserem Empfinden für soziale Grenzen? Mit unserem Sinn für Individualität? Mit unseren Freundschaften?” Freundschaften in solch virtuellen Welten seien völlig anders als reale Freundschaft. „Diese Seiten machen bestimmte Arten von Verbindungen leichter.“ Da sie nicht an geographische Grenzen gebunden seien, würden sie auch nicht durch soziale Normen bestimmt, sondern von persönlichen Launen. Dadurch würden die Betroffenen „von jeglicher Verantwortung entbunden, die mit der Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft normalerweise einhergeht, und das ändert auch den Tenor jeder Beziehung, die dort entsteht“.

Traditionell schließe Freundschaft Gegenseitigkeit, den Austausch gemeinsamer Interessen, Vertrauen und mit der Zeit auch den wachsenden Austausch intimer Details ein. Sie entstehe nur innerhalb der Privatsphäre.

„Social Networking“-Seiten hingegen böten ein Art „öffentlicher Freundschaft“, die promiskuitiv und bürokratisch sei. „Die Architektur dieser Webseiten ist darauf angelegt, sich in einer bestimmen Weise zu verhalten.“ Es gehe darum, Freunde zu gewinnen, die dann eingeordnet und „gemanagt“ würden. Gefördert werde eine „wilde Freundbeschaffung“ nach dem Motto „Je mehr, desto besser“. Eine größere Weite von Freundschaften werde begünstigt, aber: Mehr Quantität bedeute nicht automatisch höhere Qualität.

Jeder vermarkte sich selbst, und der Eintritt in diese Welt geschehe über Freigabe persönlicher Informationen. Es entstehe so ein eigener Narzissmus, weil man viel Zeit damit verbringe, sich selbst darzustellen. Rosen nahm in diesem Zusammenhang auch auf den Austausch persönlicher Videos auf YouTube Bezug. „Gehen uns nicht viele Gelegenheiten verloren, uns selbst zu verbessern, wenn wir so viel Energie aufwenden, um online gut dazustehen?“

Eine der Gefahren des „social networking“ sei eine Desensibilisierung, was Rosen anhand eines drastischen Beispiels veranschaulichte, nämlich den Fall eines Mannes in Florida, der öffentlich, via Internet, Selbstmord beging. „Wir stellen alles aus, aber fühlen wir noch etwas?“

Von Genevieve Pollock; Übersetzung von Stefan Beig