"Solange jeder für sich selbst Reichtümer sammelt, wird es keine Gerechtigkeit geben"

Die Worte des Papstes beim Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 458 klicks

Papst Franziskus zeigte sich heute um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern das Angelus-Gebet zu sprechen.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach der Heilige Vater die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Im Mittelpunkt der Liturgie des heutigen Sonntags steht eine der trostreichsten Wahrheiten: die göttliche Vorsehung. Der Prophet Jesaja erklärt sie uns durch das Sinnbild der zärtlichen Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Er sagt: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht“ (Jes 49,15). Wie schön das ist! Gott vergisst uns nicht; keinen von uns! Er kennt uns alle beim Namen. Er liebt uns und vergisst uns nicht. Welch ein schöner Gedanke! Dieser Aufruf, Gott zu vertrauen, hat ein Echo in den Seiten des Matthäusevangeliums: „Seht euch die Vögel des Himmels an“, sagt Jesus. „Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie… Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen“ (Mt 6,26.28-29).

Doch wenn man an die vielen Menschen denkt, die in ungewissen Verhältnissen leben, oder gar im tiefstem Elend, das ihre Würde verletzt, könnten diese Worte Jesu abstrakt, sogar illusorisch klingen. In Wirklichkeit aber sind sie heute aktueller denn je! Sie erinnern uns daran, dass man nicht zwei Herren zugleich dienen kann: Gott und dem Reichtum. Solange jeder versucht, für sich selbst Reichtümer zu sammeln, wird es keine Gerechtigkeit geben. Das müssen wir richtig spüren! Solange jeder für sich selbst Reichtümer sammelt, wird es keine Gerechtigkeit geben. Wenn wir stattdessen auf die Vorsehung Gottes vertrauen und nach seinem Reich streben, dann wird niemandem das Notwendigste für ein würdevolles Leben fehlen.

Ein Herz, das von der Gier nach Besitz erfüllt ist, ist ein Herz, in dem Gott keinen Platz findet. Aus diesem Grund hat Jesus die Reichen oft gewarnt, denn sie laufen am stärksten die Gefahr, ihr Vertrauen in die Güter dieser Welt zu setzen. Doch die einzige, endgültige Gewissheit liegt bei Gott. In einem vom Reichtum besessenen Herzen bleibt nicht mehr viel Platz für den Glauben: Alles wird von den Reichtümern ausgefüllt, der Glaube findet keinen Raum mehr. Wenn man hingegen Gott den Platz lässt, der ihm gebührt, nämlich den ersten, dann wird seine Liebe dazu führen, dass wir auch unsere Reichtümer teilen und für Projekte der Solidarität und Entwicklung zur Verfügung stellen, wie man anhand vieler Beispiele der Kirchengeschichte, auch in neuerer Zeit, erkennen kann. So wirkt die göttliche Vorsehung durch unseren Dienst an den anderen, durch unsere Bereitschaft, mit den anderen zu teilen. Wenn jeder von uns seinen Besitz nicht nur für sich selbst einsetzt, sondern auch für die anderen, dann gibt sich die Vorsehung durch unsere Solidarität zu erkennen. Wenn hingegen jemand nur für sich selbst arbeitet, was wird dann mit ihm geschehen, wenn Gott ihn zu sich ruft? Er wird seine Reichtümer nicht mitnehmen können, denn bekanntlich hat das Schweißtuch keine Taschen. Teilen ist besser, denn in den Himmel können wir nur mitnehmen, was wir mit anderen geteilt haben.

Der Weg, den Jesus uns weist, kann wenig realistisch erscheinen, wenn man ihn mit der gängigen Lebensauffassung vergleicht und im Licht der Probleme der Wirtschaftskrise betrachtet. Und doch führt er uns, wenn man genau darüber nachdenkt, zurück zur richtigen Werteskala. Er sagt: „Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?“ (Mt 6,25). Wenn wir wirklich wollen, dass es niemandem an Brot und Wasser fehle, an Kleidung, an einem Zuhause, an Arbeit und Gesundheit, dann müssen wir uns alle dazu bekennen, dass wir Kinder des selben himmlischen Vaters sind, dass wir Geschwister sind, und uns dementsprechend verhalten. Wie ich in meiner Botschaft für den Frieden zum 1. Januar dieses Jahres sagte: Der Weg zum Frieden liegt in der Brüderlichkeit, in diesem gemeinsamen Weg, im Teilen.

Im Licht des heutigen Wortes Gottes, wollen wir die Jungfrau Maria als Mutter der göttlichen Vorsehung anrufen. Wir wollen ihr unser Leben, den Weg der Kirche und der Menschheit anvertrauen. Insbesondere wollen wir sie bitten, dass sie uns helfe, einen einfachen und nüchternen Lebensstil zu führen, mit einem aufmerksamen Blick für die Bedürfnisse unserer notleidenden Brüder.

[Nach dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich bitte euch, weiterhin für die Ukraine zu beten, die in diesen Tagen eine schwierige Situation durchmacht, und hoffe, dass alle Kräfte, die in diesem Land wirken, dazu beitragen mögen, die Spannungen zu überwinden und gemeinsam an der Zukunft der Nation mitwirken mögen. An die internationale Gemeinschaft richte ich den Aufruf, jede Initiative zu unterstützen, die den Dialog und die Eintracht fördern kann.

Ich grüße von Herzen die Familien, Pfarrgruppen, Vereine und alle Pilger, die aus Italien und den verschiedensten Ländern der Welt gekommen sind.

Ich grüße die spanischen Gläubigen aus den Diözesen Valladolid und Ibiza, wie auch die italienischen Gläubigen aus Amantea, Brescia, Cremona, Terni, Lonate und Ferno, sowie den Chor aus Tassullo.

Ich grüße die zahlreichen Jugendgruppen aus den Diözesen Como, Vicenza, Padua, Lodi, Cuneo und Cremona. Liebe Jugendliche, manche von euch haben erst vor kurzem das Sakrament der Firmung empfangen oder bereiten sich darauf vor, es zu empfangen, und viele sind in ihren Oratorien tätig. Möge eure Beziehung zu Jesus immer stärker und tiefer werden und viele Früchte tragen! Macht weiter so, liebe Jugendliche!

In dieser Woche werden wir in die Fastenzeit eintreten, die den Weg des Gottesvolks zum Osterfest bildet. Ein Weg der Umkehr, des Kampfes gegen das Böse mit den Waffen des Gebets, des Fastens, der Barmherzigkeit. Die Menschheit braucht Gerechtigkeit, Wiederversöhnung, Frieden, und kann sie nur erlangen, wenn sie sich mit ihrem ganzen Herzen Gott zuwendet, der die Quelle all dieser Dinge ist. Wir alle brauchen die Vergebung Gottes. Wir wollen die Fastenzeit im Geist der brüderlichen Solidarität mit denen beginnen, die in dieser Zeit von materieller Armut und von gewaltsamen Konflikten heimgesucht werden.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag und gesegnete Mahlzeit. Auf Wiedersehen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]