Solide Bildung ist für gute Seelsorger unverzichtbar – bemerkenswert moderne Ansätze aus dem Mittelalter

Von Walter Brandmüller

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WÜRZBURG, 8. November 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Es muss in einem Anfall von Verzweiflung geschehen sein, dass der heilige Bonifatius dem Abt und späteren Bischof Virgilius von Salzburg befohlen hat, jene Christen noch einmal zu taufen, die ein Priester jener Gegend mit den Worten getauft hatte: Baptizo te in nomine patria et filia et spiritus sancti. Die hierin offenbar werdende Ignoranz hat Bonifatius, der manchen seiner Briefe mit schönen lateinischen Versen zu schließen wusste, offenbar so erschüttert, dass er solche Taufen für ungültig gehalten hat – nicht zu Recht, wie Papst Zacharias am 1. Juli 746 ihm mitteilte.



Diese Episode aus der Frühzeit der Germanenmission ist in mehrfacher Hinsicht erhellend. Einmal wirft sie ein grelles Licht auf den Bildungsstand jenes Priesters, zum anderen auf die Bedeutung adäquater klerikaler Bildung für die Heilsvermittlung durch die Sakramente, zum dritten dürfen wir nicht vergessen, dass da wenigstens einer, weil selbst hoch gebildet, darüber entsetzt war – Bonifatius. Für die Behandlung unseres Themas folgt daraus, dass hierbei kultursoziologisch sehr differenzierend vorgegangen werden muss, dass man also keineswegs von „dem Klerus“ oder von dem „Mittelalter“ wird sprechen dürfen.

Es ist eine Binsenwahrheit, dass das Leben der Kirche sich nicht isoliert von den konkreten Verhältnissen ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Umwelt abspielt. Der eingangs zitierte Priester war zweifellos ein Opfer dieser Umwelt, die ihrerseits an den Folgen jener kulturellen Zusammenbrüche litt, die die Völkerwanderung herbeigeführt hatte. Im Westen Mitteleuropas war unter dem Ansturm der Germanenhorden die blühende provinzial-römische Kultur der Spätantike untergegangen, und die darauf folgende Herrschaft der Merowinger war durch den so verursachten Kulturverfall, der sich am deutlichsten im Verfall der lateinischen Sprache manifestierte, gekennzeichnet. Wie konnte es da ausbleiben, dass auch die Kirche, namentlich der Klerus von diesem Degenerationsprozess betroffen wurde. Dieser so nur grob umrissenen Situation sah sich Karl der Große gegenüber, als er 784 die Herrschaft antrat. Er empfand sie als eine Herausforderung, der er sich zu stellen entschlossen war.

Die Einheitsschrift erwies sich als Segen für die Sprachkultur

Was er, unterstützt von einer Gruppe hoch gebildeter Männer – nennen wir nur allen voran Alkuin von York, Einhard und Theodulf von Orleans, auch Benedikt von Aniane und Paulus Diaconus – nun in Gang setzte, war eine wahre Kulturrevolution, die in den Geschichtsbüchern unter dem Namen „karolingische Renaissance“ ein glanzvolles Kapitel füllt. Der Hauptimpuls für Karl war religiöser Natur. Missionierung, Aufbau eines geordneten kirchlichen Lebens, korrekte und würdige Liturgie, vertieftes Verständnis der Heiligen Schriften und jener der Kirchenväter – das alles setzte in erster Linie eine neue lateinische Sprachkultur voraus – und Karl begann mit dem Alphabet, indem er die nach ihm benannte karolingische Minuskelschrift schuf und die zerschriebenen und verundeutlichten kontinentalen Schriftformen durch eine klare eindeutige und formschöne Einheitsschrift ersetzte, die alsbald im gesamten Reich in Übung kam. Eine Kulturtat, deren Größe die Tatsache beleuchtet, dass noch heute, nach 1 200 Jahren die modernsten Computer ihre Texte in karolingischer Minuskel ausdrucken. Aufs neue wurden Lehre und Studium der antiken Artes liberales belebt, Alkuin schuf seine grammatikalisch-orthographisch gereinigte Übersetzung der Heiligen Schrift, die Alkuin-Bibel, liturgische, kirchenrechtliche, patristische Texte aus römischer Überlieferung wurden kopiert und studiert, und all dies geistige literarische Schaffen konzentrierte sich nicht nur am Aachener Hof, sondern auch an Domkirchen und Klöstern. Es konnte nicht ausbleiben, dass die Aufmerksamkeit Karls beziehungsweise seines Hofes sich auch der Bildung der Priester zuwandte. Zeugnis hierfür sind in der Hauptsache drei Texte, deren erster „Capitula de examinandis ecclesiasticis“, der zweite mit „Quae a presbyteris discenda sunt“ überschrieben ist, während der dritte wiederum Prüfungsfragen an Kleriker enthält. Bezeichnenderweise spielt wiederum die Kenntnis der lateinischen Sprache eine wichtige Rolle. Dies wird sichtbar in der Frage, ob die Kandidaten im Stande seien, die liturgischen Gebetstexte je nach Bedarf, ob es sich um ein Gebet für einen Mann, eine Frau oder deren mehrere handelt, nach Genus, Casus und Numerus korrekt abzuwandeln. Auch die Beherrschung des Computus, der Kalenderberechnung, wird verlangt, sowie die Fertigkeit, Urkunden und Briefe abzufassen. Damit sind wichtige Elemente der Artes liberales Grammatik, Rhetorik, Arithmetik ausdrücklich vorausgesetzt – selbstverständlich auf der Basis der lateinischen Sprache.

In inhaltlicher Hinsicht wird außer der Kenntnis der liturgischen Bücher und des Cantus Romanus verlangt, dass die Examinanden das Pater noster samt dem Symbolum zu erklären verstehen, ebenso wie die Evangelien. Auch wird die Vertrautheit mit den Homeliae orthodoxorum Patrum, den Canones und den Bußbüchern gefordert. An – wir würden heute sagen – pastoraltheologischer Fachliteratur wird Besitz und Kenntnis von Gregors des Großen Regula pastoralis und der Epistula pastoralis von Papst Gelasius verlangt.

Um dieses Bildungsniveau zu garantieren, hat Karl der Große in seiner „Admonitio generalis“ vom Jahre 789 im Kapitel 72 angeordnet, dass die Knaben, die in den geistlichen Stand eintreten sollen, den Psalter, das Schreiben, den Gesang, den Computus und die Grammatik lernen sollten. Im übrigen hat Theodulf von Orleans die Einrichtung von Schulen in allen Dörfern seines Bistums betrieben und ein Kapitular für das ganze Frankenreich forderte, dass jedermann seine Söhne (!) zur Schule schicken und dort solange belassen müsse, bis sie als wohlunterrichtet gelten konnten.

Damit waren für die Bildung des Klerus gute Voraussetzungen gegeben. Es erhebt sich allerdings die Frage, ob und in welchem Maße diese gesetzlichen Bestimmungen auch durchgeführt wurden und Wirkung entfalten konnten.

Obgleich nun die Quellen für eine bildungssoziologische Untersuchung – Statistiken oder Ähnliches – fehlen dürfte der Umstand, dass auf den Synoden dieser Zeit, ja nicht einmal auf denen des heiligen Bonifatius, über Bildungsmangel beim Klerus Klage geführt wird, den Schluss erlauben, dass die Verhältnisse keinen Anlass dazu gegeben haben. In der Folgezeit forderte die Synode von Attigny im Jahre 822 die Errichtung spezieller Schulen für den Priesternachwuchs an jedem Bischofssitz, für größere Diözesen sollten zwei oder drei solcher Schulen errichtet werden. Da kaum angenommen werden kann, dass deren Schüler zu Hause wohnten und täglich zur Schule kamen, sind darunter zweifellos Seminarien zu verstehen, in denen – das wird ausdrücklich gesagt – die Schüler auf Kosten ihrer Eltern oder ihrer Herrn verpflegt werden sollten. Schließlich wird noch vor Mitte des achten Jahrhunderts bischöflicherseits die Errichtung von Schulen durch den Herrscher betrieben, die man wohl als staatliche Hochschulen bezeichnen kann.

Aus einem karolingischen Kapitulare geht auch hervor, dass man vom Klerus den Besitz einer Bibliothek erwartete. Es wird nämlich beklagt, dass Kleriker, die aus armen Familien stammten und nach ihrer Weihe zu Geld kamen, damit Besitz und Sklaven erwarben, anstatt eine Bibliothek anzulegen oder es für den Kult zu verwenden. Indes bieten Bücherverzeichnisse dieser Zeit die Gewähr dafür, dass die notwendigen Bücher auch beim Landklerus vorhanden waren. Charakteristisch für die inhaltliche Seite des karolingischen Bildungsprogramms ist die um 820 abgefasste Schrift des Hrabanus Maurus De institutione clericorum, in deren dritten Buch er die Notwendigkeit des Studiums der Grammatik, (die namentlich die antiken Autoren umfasste), der Rhetorik, der Dialektik, Arithmetik, Geometrie aber auch der Schriften der Platoniker und zwar mit dem präzisen Blick auf deren Nutzen für die Theologie und den kirchlichen Dienst darlegt – wobei der den Wissenschaften per se eigene Bildungswert eher vernachlässigt wird. Hatte schon Karl der Große den Versuch unternommen, durch Gründung von scholae publicae die Ausbildung der Lehrer an den Kathedralschulen auf eine einheitliche Grundlage zu stellen, so ordnete Ludwig der Fromme 824 die Errichtung von neun solcher Schulen für Oberitalien an.

Außerhalb des Frankenreiches hielten Irland und England ihren hohen Bildungsstand, Spanien stand noch unter dem Eindruck der islamischen Eroberung und dann der Reconquista.

Im keltisch-germanischen Kerneuropa etablierte sich in der Folge die ottonisch-salische Reichskirche, wo sich die verschiedenen hauptsächlich von Gorze und Cluny ausgehenden monastischen Reformbewegungen segensreich auf die Pflege der Wissenschaften auswirkten. Besonders die Kathedralschulen gewannen an Bedeutung, wie die Beispiele von Auxerre, Reims, Lüttich, Köln, Bamberg unter anderem zeigen. Die Hofkapelle der Könige beziehungsweise Kaiser bestand aus hoch gebildetem klerikalem Personal und wurde so zur Bischofsschmiede und damit zu einem Multiplikationsfaktor ersten Ranges. In Frankreich wurde alsbald die neue Denk- und Lehrmethode der Scholastik entwickelt, die in Männern wie Anselm von Canterbury und Abälard ihre ersten Höhepunkte erreichte.

Was aber hat das mit Priesterausbildung zu tun? Wir haben zwar keine Schüler- oder Vorlesungsverzeichnisse all dieser Schulen, aber wer anders sollte denn an diesen Schulen studiert haben und ausgebildet worden sein, wenn nicht der heranwachsende Klerus? Noch befinden wir uns ja in einer Zeit, da der Begriff „clericus“ gleichbedeutend mit dem des „litteratus“ war. Andere waren dort nicht zu finden, sehen wir von jenen jungen Adeligen ab, die in den Klöstern erzogen wurden. Um sich einen Eindruck von der Breite der Bildungs- und Wissenschaftsvermittlung im hochmittelalterlichen, kirchlichen Personal zu verschaffen, genügt es doch, die drei Bände von Max Manitius, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, insbesondere deren Register, oder auch Stammler-Langosch, Verfasserlexikon oder die Handschriftenkataloge der großen Bibliotheken durchzusehen. Hunderten von Namen schriftstellerisch tätiger Kleriker begegnet man hier, von denen nicht wenige zu den Glanzlichtern der Geistes- und Theologiegeschichte zählen. Jeder Einzelne von ihnen aber sammelte Schüler um sich, deren Zahl natürlich nicht abzuschätzen ist. Und noch eines: Es entstehen Häresien, wie etwa jene Gottschalks von Sachsen oder Berengars von Tours. Häresien aber entstehen nur in einem intellektuell anregenden Milieu.

Trotzdem wir also von einer unzureichenden Quellenbasis ausgehen müssen, ist es dennoch möglich, zu gewissen Schlüssen bezüglich der Priesterausbildung im frühen Mittelalter zu kommen, wobei das Ergebnis durchaus positiv erscheint: vom finsteren Mittelalter sollte in der Tat nicht mehr gesprochen werden. Dabei wird man vermutlich zwischen jenem an den Zentren lebenden oder mit ihnen in Verbindung stehenden Klerikern und Mönchen und dem in sozial unbefriedigenderen Verhältnissen lebenden Landklerus zu unterscheiden haben. In diesen Kreisen mochte im Einzelfall auch noch nach Karls des Großen Bildungsreform das Gefüge von Genus, Casus und Numerus in einer Taufformel durcheinander geraten sein.

Es ist schwerlich zu ermitteln, ob der karolingische Hochstand der klerikalen Bildung im elften und zwölften Jahrhundert überall Bestand hatte. Immerhin sind Phänomene wie die Gregorianische Reform Hinweise darauf. Andererseits legt die weite Verbreitung der Häresie der Katharer die Annahme nahe, dass der Klerus es entweder an eigener Bildung oder an der Unterrichtung des Volkes hatte fehlen lassen. Jedenfalls weist es auf entsprechenden Handlungsbedarf hin, wenn nun auf einmal das Thema Priester- beziehungsweise Klerikerbildung Gegenstand des kanonischen Rechts wird. In dem um 1140 entstandenen Decretum Gratiani wird etwa die gesamte Distinetio 37 mit ihren 16 Kapiteln diesem Thema gewidmet. Hier finden wir einen Niederschlag der patristischen Überlieferung vor, die nicht nur die Notwendigkeit der Bildung als Bedingung für den Eintritt in den Klerikerstand beziehungsweise für den Weiheempfang unterstrich, sondern auch das von den Vätern heiß diskutierte Thema der Lektüre der heidnischen Autoren wiederum stellt. Wird auf der einen Seite die Beschäftigung mit deren Werken zum intellektuellen Vergnügen abgelehnt – so wird doch deren Kenntnis als notwendig erachtet.

Auch gegenüber der Dialektik werden gewisse Vorbehalte ausgedrückt. Insgesamt aber lautet der Tenor: Ungebildete sollen nicht geweiht werden. Dabei wird der Mangel an Bildung auf gleicher Ebene wie körperliche Verstümmelung als Weihehindernis behandelt. Die Dringlichkeit, die diesem Anliegen zugemessen wurde, zeigt sich darin, dass eine Generation nach dem Erscheinen des Decretum Gratiani erstmals sich ein Konzil – das III. Lateranense des Jahres 1179 – mit dem Thema „Klerikerbildung“ befasste. In seinem can. 18 bestimmte das Konzil, dass an jeder Kathedrale dem Magister, der die Kleriker unterrichtet, ein auskömmliches Benefizium zu verleihen sei, damit er außer den Klerikern auch andere arme Schüler gratis unterrichten könne. An den anderen Kirchen beziehungsweise Klöstern, wo es dereinst dergleichen gegeben habe, solle dieses Benefizium wiederhergestellt werden. Schließlich wird bestimmt, dass für die Lehrbefugnis – zu deren Erteilung der Scholastikus der Kathedrale befugt war – keinerlei Gebühr erhoben werden dürfe. Einem geeigneten Kandidaten sei die Erlaubnis nicht zu verweigern.

Noch weiter geht das vierte Lateranense des Jahres 1215, das bedeutendste Reformkonzil des Mittelalters, bis hin zum Tridentinum. Dieses musste feststellen, dass die Bestimmung des Vorgängerkonzils in vielen Kirchen nicht beachtet worden seien. Nun bekräftigte man nicht nur das dritte Laterankonzil, sondern ging darüber hinaus, indem man forderte, dass an jeder Kirche, die dies finanziell leisten konnte, ein vom Prälaten und Kapitel zu wählender Magister zu bestellen sei, der die Kleriker dieser Kirche und anderer gratis in der Grammatik und anderen Disziplinen unterrichten könne. Die Metropolitankirchen wenigstens müssen auch einen Theologen haben, der Unterricht in der Theologie erteile – für die Priester und andere Interessierte – wobei die 21 Bedürfnisse der seelsorglichen Praxis zu berücksichtigen seien.

Mit dem Jahr 1215 befinden wir uns jedoch schon in jenen Jahren, in denen die abendländische Universität als Institution der Wissenschaft und der Lehre eine erste Blüte erlebt. Auch die aufstrebende Entwicklung der Städte und die Entstehung der Bettelorden schaffen eine neue Situation. Dass damit – die alten Einrichtungen bestanden außerhalb der Universitäten fort – eine Hebung des Bildungsniveaus und vor allem eine sprunghafte Entwicklung der Wissenschaften nicht zuletzt durch die breite Aristotelesrezeption verbunden war, versteht sich von selbst. Die Theologie indes war für mehr als ein Jahrhundert auf Paris, Oxford und Cambridge beschränkt. Sie wurde hingegen in den Ordenshochschulen in hervorragendem Maße gepflegt. Überhaupt wurden die Bettelorden, zuerst die Dominikaner, dann nach einer Phase des Zögerns auch die Franziskaner und die Augustinereremiten zu den die theologische Wissenschaft bestimmenden Kräften – so sehr, dass sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert in Paris der sogenannte Mendikantenstreit entzündete, in welchem die weltgeistlichen Magistri ihre Position gegen die eindringenden Bettelorden zu behaupten suchten.

Promotion mit 26 oder 28 Jahren war im Mittelalter normal

Indes wäre es verfehlt, sich über die Zahl der Studierenden und ihre Verweildauer an den Universitäten Illusionen hinzugeben. Die Studiendauer belief sich durchschnittlich oft nur auf 1, 8 Jahre. Zwanzig bis dreißig Prozent blieben bis zum Baccalaureat in den Artes zwei bis drei Jahre, und nur ca. dreißig Prozent von diesen erreichte – meist im Alter von 19–21 Jahren – den Magistergrad in Astibus. Dann aber erst begann das Studium in den höheren Fakultäten und ehe einer Dr. theol. wurde, war er 26–28 Jahre alt. Werke wie jene von Donald Watt „Scottish Graduates until 1400“ oder Emdens „Biographical Register of the University of Cambridge to A.D. 1500“ in einem Band und das analoge dreibändige Werk über Oxford mit ihren Tausenden von Namen geben einen Eindruck von der Zahl der akademisch gebildeten Kleriker. Auch Zonta-Brottos, Acta Graduum der Universität Padua und die übrige universitätsgeschichtliche Forschung mit ihren prosopographischen Werken oder Matrikeleditionen wäre hier zu nennen. Jedenfalls waren die Studenten – von geringen Ausnahmen abgesehen – Kleriker, die mindestens, wenn auch nicht graduiert, die Voraussetzungen mitbrachten, bei entsprechendem theologisch-seelsorglichem Interesse sich weiteres, vertieftes Wissen im Selbststudium anzueignen.

In welchem Maße dies tatsächlich geschehen ist, ließe sich nur bei flächendeckender Erfassung und Analyse der vorhandenen Kataloge von Privat- oder Pfarramts- oder Stiftsbibliotheken wenigstens in groben Umrissen ermitteln. Doch dies ist ein Desiderat der Forschung.

Damit sind wir jedoch schon beim „Herbst des Mittelalters“ angelangt. In dieser Zeit hatte die seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts zuerst in Italien und Spanien immer mehr erstarkende Bildungsbewegung des Humanismus längst über die Alpen vordringend auch West-, Mittel- und Nordeuropa erfasst. Damit hatte sich der gesamte sozio-kulturelle Kontext, der Hintergrund, vor dem die Frage der Klerikerbildung zu betrachten ist, grundlegend gewandelt. Nun ist längst nicht mehr der Klerus Inhaber des Bildungsmonopols, an seine Seite tritt eine wachsende Zahl bildungsbeflissener literarisch interessierter Bürger und Adeliger. Davon abgesehen, dass auch namentlich der städtische Klerus von dieser Bewegung erfasst wurde, wuchsen natürlich auch die Anforderungen, die diese städtische Gesellschaft an Katechese und Predigt des Klerus stellte. Bezeichnenderweise fallen in das zweite Viertel des fünfzehnten Jahrhunderts zahlreiche Stiftungen von Predigerpfründen an städtischen Kirchen, von deren Inhabern normalerweise akademische Grade gefordert wurden.

Ähnliche Forderungen waren schon auf dem Konzil von Konstanz erhoben worden. Wenn dies auch mehrfach im Zusammenhang mit der als dringend notwendig erachteten Bevorzugung von akademisch Graduierten bei der Vergabe kirchlicher Ämter und Benefizien geschah, so ist doch der eigentliche Grund hierfür die Einsicht in die Notwendigkeit solider Bildung für eine fruchtbare Seelsorge.

In der Endphase des Konzils hatte der Kardinal Pierre dAilly ein umfangreiches Reformgutachten erstellt, das in dem Kapitel über die Reform des Klerus auch die Frage der Ausbildung beziehungsweise der Bildung der Kleriker behandelt. Zutreffend meint der Kardinal, es müsse allem anderen eine Universitätsreform vorausgehen, die eine rigorose Promotionspraxis, strenge Examina ohne Rücksicht auf Personen mit Konzentrierung des Lehrstoffes auf die doctrine utiles verbinden solle. So werde man, schreibt dAilly, Lehrer der lateinischen und griechischen Sprache erhalten – Unkenntnis dieser Sprachen sei in vielfacher Hinsicht von Schaden für die Kirche. Ein Programm, das auch heute Beachtung verdiente.

Nun aber kommt er zu konkreten Maßnahmen: Abfassung von gemeinverständlichen Abhandlungen – lateinisch und in der Volkssprache – über die Glaubens- und Sittenlehre, sowie die Sakramente und deren Verwaltung. Anstellung von Lektoren der Theologie an Kathedral- und Kollegialkirchen, die über das zweite, dritte und vierte Buch der Sentenzen lesen und deren Inhalt für die Interpretation der biblischen Lesungen des Kirchenjahres heranziehen sollten. Ebenfalls müssten an diesen Kirchen – besonders an den Metropolitankirchen – ansehnliche Bibliotheken bestehen – dAifly hatte in Cambrai selbst damit den Anfang gemacht.
Natürlich ist mit all dem nur bezeugt, dass die führenden Kreise der spätmittelalterlichen Kirche sich der Bedeutung einer soliden Bildung und theologischen Ausbildung des Klerus bewusst waren. Über die tatsächlichen Verhältnisse ist damit noch nichts gesagt.

Institutionen können eine Hilfe sein, aber auch ein Handicap

Dennoch lässt der Umstand, dass seit Erfindung und Verbreitung des Buchdrucks ein offenkundig florierendes Verlagswesen entstehen konnte, den Schluss auf entsprechenden Absatz von Büchern und damit auf die Existenz eines breiten Lesepublikums zu. Der Umstand, dass die weitaus größte Zahl der Buchtitel theologisch-spirituellen Inhalts war – zu den ersten gedruckten Büchern gehörten Bibel und Kirchenväter – legt es außerdem nahe, dass vor allem Kleriker Käufer von Büchern waren. In den Niederlanden etwa ist vor allem auf den Einfluss zu verweisen, den die Kreise der Devotio moderna und ihr Schulwesen auf die Bildung des Klerus ausgeübt haben. Indes ist nicht zu übersehen, dass der Massenabfall von Klerikern und Ordensleuten zu Luther, Calvin und Zwingli ein starkes Indiz für erhebliche Mängel in der theologischen und spirituellen Bildung von Welt- und Ordensklerus am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts darstellt – wenigstens was Mittel-, West- und Nordeuropa anbetrifft. Was vermag die Geschichte der Priesterbildung im Mittelalter das dritte christliche Jahrtausend zu lehren? Es gab während des gesamten Mittelalters keine institutionalisierte Priesterausbildung in dem Sinne, dass nur geweiht wurde, wer ein – sagen wir es mit heutigen Begriffen – Priesterseminar absolviert hatte. Der Kandidat stellte sich einem Bischof, der ihm, wenn immer das Ergebnis einer Prüfung positiv war, die Weihen erteilte. Wo er seine Kenntnisse erwarb und wie das geschah, spielte eine untergeordnete Rolle. Das blieb bis über das Seminardekret des Konzils von Trient hinaus gleich, denn das Tridentinum forderte zwar die Errichtung eines Seminars von den Bischöfen, nicht aber von den Klerikern, dass sie dieses Seminar besuchen mussten.

Theologische Ausbildung, spirituelle Bildung blieb weithin der privaten Initiative überlassen. Der Schüler suchte sich seine Lehrer, die Institution blieb zweitrangig. Dies mag aus heutiger Perspektive als ein Mangel erscheinen. Dennoch aber gibt es Anlass, hervorzuheben, dass Bildung jeder Art in hohem Grade Ergebnis eines interpersonalen Kommunikationsprozesses ist, dessen Pole Lehrer und Schüler heißen – Institutionen können dabei sowohl helfen als auch hindern. Jedenfalls kommt einer Bildungs- beziehungsweise Ausbildungsinstitution nur soviel Wert zu als die dort zusammengeführten Personen ihr verleihen. Das heißt, eine Schule ist soviel wert wie ihre Lehrer und ihre Schüler. Die Folgerung daraus ist – wann immer wir heute über die Zukunft der Priesterausbildung nachdenken – dass für eine hochrangige Ausbildung von Professoren ebenso Sorge zu tragen ist wie für eine sorgfältige Auswahl der Studenten. Wenn es, wie gesagt, dabei auf die Persönlichkeit wesentlich ankommt, dann auch auf die Formung der Persönlichkeit der Studenten, und hierbei nebst anderem in besonderer Weise auf die Weckung jenes intellektuellen Eros, dem es um Erkenntnis und Verständnis der Wahrheit geht – der natürlichen wie der geoffenbarten. Dieser Wahrheitseros ist dann die Garantie für jenes lebenslange Erkenntnisstreben, das den Priester erst zum verantwortungsbewussten Verkünder des Evangeliums werden und ihn nicht zum Funktionär eines Apparats degenerieren lässt.

Bildung vermitteln zu können ist gut; auf den Inhalt kommt es an

Es ist bezeichnend, dass das gesamte Mittelalter die sogenannten praktischen Fächer wie Pastoral, Homiletik, Katechetik, Religionspädagogik, Religionspsychologie, Religionssoziologie als akademische Disziplinen nicht kannte. Als entscheidend wurden die theologischen Inhalte angesehen, nicht die Fertigkeiten ihrer Vermittlung. So wünschenswert diese aber auch sind, so wenig helfen sie, wenn nicht klar ist, was denn gepredigt, gelehrt, vermittelt werden soll. Wir müssen den Primat der Wahrheit in der Priesterbildung wieder zur Geltung bringen. In der Universität des Mittelalters konnte einer nur dann zu den höheren Fakultäten aufsteigen, wenn er das Studium der Artes liberales erfolgreich durchlaufen hatte. Das bedeutete, dass er diszipliniert zu denken gelernt hatte – und zum mindesten das Latein gründlich beherrschte. Das Zeitalter des Humanismus bereicherte den bisherigen Schulbetrieb der Theologie durch das vertiefte Studium der klassischen Sprachen, das neue Zugänge zu den Quellen von Schrift und Tradition eröffnete.

Es kann gar nicht genug unterstrichen werden, welche entscheidende Bedeutung gerade den philosophischen und philologischen Kenntnissen für Forschung und Unterricht beziehungsweise Studium der Theologie zukommt. Der Umstand, dass heute die meisten Studenten und selbst manche Lehrer der Theologie nicht in der Lage sind, die Heilige Schrift, die Texte der Väter, des Lehramts und der theologischen Klassiker im Originaltext zu lesen, stellt einen Rückschritt hinter das Mittelalter dar, der jeden alarmieren muss, der für Priesterausbildung Verantwortung trägt.

Jener Priester, der vor 1 250 Jahren den heiligen Bonifatius durch seine grammatikalisch unmögliche Taufformel schier zur Verzweiflung brachte, ist keinesfalls repräsentativ für jenes Mittelalter, das viele unserer Zeitgenossen unter dem Einfluss der Polemik von Reformation und Aufklärung noch immer für „finster“ halten. Seriöse Geschichtswissenschaft zeigt ein anderes Bild. Phasen geistigen Aufschwungs werden von solchen der Ermüdung und diese wiederum von neuen geistigen Impulsen abgelöst – wie es nun einmal der menschlichen Realität entspricht. Und davon ist auch die Ausbildung beziehungsweise Bildung des Klerus nicht ausgenommen. Es ist jedenfalls erstaunlich, welche Erneuerungskräfte das Mittelalter immer wieder bewegten – und sich natürlich auch auf die Bildung der Kleriker auswirkten.

Mit Blick auf die Gegenwart zeigt sich nicht nur, welche Bedeutung für die Kirche im dritten christlichen Jahrtausend einem nicht nur ausgebildeten, sondern wahrhaft gebildeten Klerus zukommt. Zugleich wird klar, dass das hierfür heute maßgebliche Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils „Optatam totius“ noch weithin der Verwirklichung harrt.

[Prälat Brandmüller ist Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft; © Die Tagespost vom 8. November 2007]