Soll ich Folge leisten - Ich bin weder geistlich noch rein?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 288 klicks

Von klein auf hatte ich den Wunsch, Priester zu werden. Mit der Zeit versteckte sich dieser Wunsch, um wieder klarer zu werden bis heute. Ich schaue real auf mich selbst und auf die Welt, und ich möchte eine Entscheidung treffen, die ich später nicht bereue. Den Entschluss, Priester zu werden, kann ich nicht aus zwei Gründen  „endgültig“ fassen: 1.  das ist ein geistlicher Stand, und ich besitze in mir, sozusagen, überhaupt keine Spiritualität; 2.  Zölibat – Ehelosigkeit, hier drängt sich mir der Gedanke auf, dass man im geistlichen Stand bis zum Tode gegen die Gefahren, die den Zölibat bedrohen, kämpfen muss. Was soll ich jetzt entscheiden, wenn es mir bewusst ist, dass ich keine Spiritualität besitze, was am wichtigsten für einen geistlichen Stand ist? Ich besitze nur einen Funken des Wunsches, dem Menschen zu helfen, vor allem geistlich, aber wie kann man das, wenn nicht als Priester? Ich möchte mit großer Sicherheit durch das Leben gehen, dass der gewählte Stand gerade der Stand ist, den Gott für mich bestimmt hat, und dass ich in diesem Stand am glücklichsten sein werde. Auf welche Weise kann ich diese Sicherheit erreichen, außer durch Gebet?

Kristijan

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Neunzig von hundert jungen Menschen, die diese Berufung verspürt haben, haben das gleiche Problem. Wenn das „letzte“ Wort gesagt werden soll, ziehen sie sich zurück. Warum?  Sie hatten den „Wunsch“ genauso wie du. Das bedeutet, dass Gott in ihnen gehandelt hat genauso wie in dir. Und so lange, wie sie „offen“ für den Ruf Gottes waren, hatten sie den „Wunsch“ wie du.

Es gibt vier Phasen (keine zeitlichen) dieses „Wunsches“. Erinnere dich! Zuerst hast du die Bereitschaft verspürt, dich Gott zu schenken. Dann, nachdem du für dich selbst kein Richter in dieser Sache sein kannst, hat dir der Beichtvater gesagt, du seist dazu fähig. Später hast du dich selber Gott angeboten, und du hast das mehrere Male wiederholt. Aber, wenn diese Berufung verwirklicht werden muss – und das ist die vierte Phase dieses „Wunsches“ – ziehst du dich jetzt zurück, und du suchst die Ausreden wie Mose: „Wer bin ich, dass ich gehen kann… Würdest du nicht einen anderen hinschicken?“ (Ex 3, 11 f).

Warum hast du dich zurückgezogen? Du hast die Anziehungskraft der „Schönheit“ des Lebens in dir verspürt? Ein Mädchen hat dich verzaubert, und du bist im Zweifel? Liebst du Genuß? Verführt dich die Leidenschaft? Und schließlich, wolltest du deinen Rückzug mit einer „unüberbrückbaren“ Schwierigkeit verteidigen: ich bin nicht geistlich und nicht rein! Das ist, weisst du, die alte klassische Schwierigkeit aller jungen Menschen, die berufen sind! Der Weg  der Priesterberufung ist nicht eben. Jeder der Berufenen durchlebt seine Finsternisse, Krisen, Unklarheiten, Zweifel, Perioden des Wartens, Unentschlossenheit, Rückzuges. In dieser Entscheidung ist weder ängstliche Erforschung des Willens Gottes noch die Erwartung der „vollen Sicherheit“ am Platz. Es handelt sich um bestimmtes Risiko, was in allen Berufungen der Fall ist. Man muss deshalb in die erste Phase zurückkehren und dort bleiben: bereit sein, sich Gott großzügig zu schenken, wo und wie er es will!

Du sagst, dass du keinen anderen Lebensstand möchtest als „den für den Gott dich bestimmt hat,“, denn du spürst gesund und richtig, wenn du das Angebot Gottes annimst, wirst du „am glücklichsten“ sein. Es ist so! Es gilt auch umgekehrt: du wirst als Christ nie in einem Lebensstand glücklich sein, den du nach deinem Wunsch und gegen den Willen Gottes erwält hast, selbst wenn es der Priesterberuf ist. Vor allem, wirst du nich glücklich sein, wenn du den Lebensstand aus Motiven des Egoismus, der Faulheit, wegen Genuß, Leidenschaft gewält hast. Und, du möchtest mit Recht im Leben glücklich sein und andere glücklich machen.

Du behauptest, keine Spiritualität zu besitzen. Warum hast du sie nicht? Hast du dich im  Verlauf längerer Zeit ernsthaft bemüht, „nach dem Geiste und nicht nach dem Leib“ zu leben? Der leibliche Mensch kann nicht das Geistliche beurteilen, und er kann sich nicht für das Geistliche entscheiden. Um den Willen Gottes zu finden, musst du in der Atmosphäre des Geistes leben! Das gilt für die Wahl von allen Berufungen: zuerst nach dem Geiste leben, um „sehen“ zu können, was Gott von dir fordert.

Um die richtige Wahl der Berufung zu treffen, muss man sich durch heiliges Leben vorbereiten. Und die Heiligkeit oder Spiritualität muss man „üben“. Die Pianisten üben vor ihrem Auftritt auch bis zu acht Stunden am Tag. Und du meinst, dass man geistlich einfach so, von selbst wird. Versuche durch Übung: die Sünde zu verlassen, genau die schulischen und andere Aufgaben zu erfüllen, die Faulheit zu überwinden und sich mutig zu ernsthaften Aufgaben zu zwingen, eine Tagesordnung einzuhalten, der Eucharistischen Feier beizuwohnen, oft Sakramente zu empfangen, Freundschaft nutzen, um andere aufzubauen, täglich ehrlich mit Gott Gespräche zu führen, Jesus nahe zu sein. Nach einer solchen „Einübung“ von längerer Zeit, mit der Hilfe des Beichtvaters, wirst es dir nicht schwer fallen, zu beurteilen, ob deine Spiritualität genügend stark ist, um darauf das Gebäude der Priesterberufung bauen zu können.

Den Zölibat stellst du dir vor als dauernden unausstehlichen Kampf, Verzicht, die Anästhesie des Wesens, schwere Vereinsamung… Der Zölibat ist ein Geschenk Gottes, der zusammen mit der Berufung gegeben wird. Er kann auch verloren gehen. Es ist wahr, das ist ein Ideal. Und das Ideal wird in jeder Berufung durch bestimmten Kampf und Einübung erobert, genauso wie für die Spiritualität gesagt wurde. Aber, der Zölibat besteht nicht vor allem in „du darfst nicht“, „du musst“, sondern er ist die Fülle der Liebe, Reichtum und Schönheit, Begeisterung und Freude des Kindes Gottes in einer offenen Liebe für alle Menschen. Eine solche selbstlose Liebe treffen wir sonst wo anders nicht. Eine warmherzige, Priestergemeinschaft, besonders Ordensgemeinschaft, macht den Zölibat leicht: denn es besteht kein Bedürfnis, die Liebe außer der eigenen Gemeinschaft zu suchen.

Sicher hast du dich auf dem Gebiet vom Zölibat schon gut erprobt. Ein junger Mann sagte zu mir: „Ich kann ohne das“ (er dachte an sexuellen Genuß). „Wenn du ohne das kannst, dann ist das unter anderem auch ein Zeichen, dass Gott dich ruft“, sagte ich ihm. Und dann dein edeler „Funke des Wunsches, den Menschen, vor allem geistlich, zu helfen“, ist ein ausdrückliches Zeichen der Priesterberufung. Es gibt nämlich keine weltlichen Berufe, in denen man den

Menschen vor allem spirituell helfen würde.

Also, jetzt können wir noch nichts entscheiden, solange du dich nicht formiert hast und geistliche Kondition erreicht hast. Aber, auch dann gibt es keine mathematische Sicherheit. Es bleibt immer ein bestimmtes Risiko übrig, zu dem du großherzig bereit sein wirst, wenn dir auch dein Beichtvater bestätigt, dass Gott dich ruft. Es ist offensichtlich, dass Gott in dir handelt. Er verlangt völligen Schluss mit dem Leben der Sünde. Er fordert deine freie und großzügige Mitarbeit. Wenn du dich so im Glauben auf die „endgültige“ Entscheidung vorbereitest, wirst du nicht fehlschlagen und nicht bereuen, sondern du wirst dein größtes Lebensglück finden!   

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 263-264)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.