Soll ich Priester werden? - Das wünscht die Mutter

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 325 klicks

Ich Besuche die zweite Klasse der Wirtschaftsschule. Die Schule macht mir keine Probleme. Problem macht mir meine Mutter, die sich meinetwegen ängstigt und um mich bangt. Sie ist nicht zufrieden, dass ich Mittelwirtschaftsschule erwählt habe. Sie verfolgt mich ständig, und sie neigt dazu, sich die Ohren von Frauen voll zu stopfen, die mich mit jenem Mädchen oder in jener Gesellschaft gesehen haben sollen. Sie hat mehrere Male den Wunsch geäußert, ich soll Priester werden. In unserem Haus wird seit Jahren gemeinsam das Veterunser  für Priesterberufe gebetet. Ich fühle mich nicht mehr frei: ich traue mich nicht mehr, meinen Weg zu gehen, ich traue mich auch nicht Priester zu werden. Manchmal denke ich, dass dies für mich sogar das Richtige wäre, dass ich die Fähigkeiten dazu hätte, und dann wieder, kommt es mir so absurd vor, weil ich Jugend, Gesellschaft, Mädchen…liebe.

Doch, in der letzten Zeit kommt mir immer öfter der Gedanke, die Schule abzubrechen und ins Priesterseminar zu gehen, nicht so sehr, um der Mutter zu gefallen, sondern um endlich zu sehen, was das ist, um mich dann definitiv entscheiden zu können. Was sagen Sie dazu?

Branko

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Du beklagst dich über deine Mutter, dass sie mit dir „nicht zufrieden“ ist, dass sie sich um dich ängstigt und um dich „bangt“. Doch, du behauptest, frei deine Ausbildung „gewählt“ zu haben.Das bedeutet, dass du dich auf deinen Lebensweg selbständig begeben hast. Obwohl die Eltern kein Recht haben, ihren Kindern einen Beruf aufzuzwingen, haben sie das Recht und die Pflicht, den Kindern einen Rat zu erteilen. Nachdem sie beraten und ihre Gründe solide erläutert haben, müssen sie es ihren Kindern überlassen, selber in Freiheit, nach ihrem Gewissen, zu entscheiden.

Das Konzil sagt: „Die Eltern, Lehrer und alle, die in irgendeiner Weise an der Unterweisung der Jungend und der jungen Männer beteiligt sind, sollen diese so erziehen, dass sie die Sorge des Herrn für seine Herde erkennen, die Erfordernisse der Kirche erwägen und bereit sind, wenn der Herr ruft, mit dem Propheten hochherzig zu antworten: ‚Hier bin ich, sende mich’ (Is 6, 8)“ (PO 11). Und klug sagt es weiter, dass die Berufung der Kinder „aus Zeichen zu ersehen und zu beurteilen ist, durch die auch sonst der Wille Gottes einsichtigen Christen im täglichen Leben kund wird“ (PO).

Du sagst, dass die Mutter öfter den Wunsch zum Ausdruck gebracht hat, dass du Priester werden sollst. Das darf dich auf keinen Fall in deiner Freiheit blokieren. Hat sie vielleicht doch so gehandelt, weil sie in dir etwas erkannt hat, was du noch nicht in der Lage warst, zu erkennen? Bist du sicher, dass die Mutter das möchte, einfach deshalb, weil es ihr gefallen würde, einen Priester zu haben, ohne Rücksicht auf deine objektiven Fähigkeiten und deine Neigungen? Und sie hat dir doch die Freiheit überlassen, deine Schule selber auszuwählen.

Du sagst, dass sie ständig „hinter dir her“ ist. Manchmal übertreiben die Mütter tatsächlich mit ihrer Sorge um die Kinder, und sie erziehen sie ungewollt falsch. Aber die Kinder können sich auch in echten Gefahren finden. Du sagst: „…ich leibe doch Jugend, Gesellschaft, Mädchen…“ Was bedeutet das alles eigentlich in der Praxis? Außerdem, es ist wahr, dass es auch zu fromme Frauen gibt, die sich manchmal zu sehr um die anderen sorgen, besonders um die Jugend. Aber, gib zu, was wäre mit vielen Jugendlichen passiert, wenn man nicht für sie auf ähnliche Weise gesorgt hätte? Gewiss, darf die Mutter auf solche Stimmen nicht unkontrolliert und unkritisch hören.

Du sagst, dass in euerem Haus seit Jahren gemeinsam das Vaterunser für Priesterberufe gebetet wird. Wirklich, der Dynamismus der Priesterberufung folgt das Gesetz des spontanen Gebärens als Frucht der Zusammenarbeit zwischen der Gnade Gottes und natürlich gutem Familienumfeld, in dem sich der junge Mann befindet. Gerade das ist einer der wichtigen Aspekte der familiären Erziehung der Priesterberufe. Das Gebet für Priesterberufe kann ungemerkt deine Berufung beeinflussen, ähnlich wie in einer Pfarrei, wo dauernd für Priesterberufe gebetet wird, und nach jeder Sonntagsmesse gesungen wird: „Gott, gib uns heilige Priester!“, und es gibt tatsächlich 20 lebende Priester an der Zahl. Es handelt sich um das Gesetz der Gnade und der menschlichen Zusammenarbeit. Gott gebe es, dass viele unsere Familien und Pfarreien das gleiche tun!

In dieser Frage verwirrt mich am meisten, warum du dich nicht traust, „deinen Weg“ zu gehen. Welcher Weg ist das?  Ist er edel? Oder ist der Wunsch, so vielen Gleichaltrigen zu folgen: „Lebensfreuden zu erfahren“? Glaubst du, dass ein junger Mann, nach solchen Erfahrungen, in der Lage ist, edelmütig über seine Lebensberufung zu entscheiden? Das Wort „meinen Weg“ – entschuldige mir! – kann wirklich als Flucht vor dem Herrn verstanden werden. Das muss nicht sein. Du weißt selbst, worum es geht. Bist du sicher, dass Gott dich nicht ruft?

Du bekennst, manchmal glaubst du, Fähigkeiten für den Priesterberuf zu haben, und dann erscheint es dir wieder absurd. Das ist normal und charakteristisch: Wechsel vom Licht und Dunkel in der Seele, Klarheit und Nebel, einmal als wärest du berufen, ein anderes Mal, als wäre das alles eine Dummheit. Kannst du mir sagen, zu welcher Zeit du positiv und zu welcher negativ aufgelegt bist? Bist du positiv aufgelegt, wenn du dich mehr für das weltliche Leben begeisterst, für die Gesellschaft, die dich von Gott entfernt, für den Genuß, für den Wunsch nach Mädchen oder umgekehrt? Wenn es umgekehrt ist, dass der Priesterberuf dich anzieht, wenn du gut bist, könnte das ein Zeichen der echten Berufung bedeuten.

Und was allgemeine Zeichen betrifft, nach denen man die Priesterberufung erkennen kann, fassen wir sie in zwei zusammen: geeignet sein und aufrichtige Absicht haben. Damit ein junger Mann geeignet sei, muss er psychische, physische, intellektuelle, moralische und geistliche Fähigkeiten besitzen, um das Ziel der Berufung erreichen und Aufgaben, die von ihm verlangt werden, erfüllen zu können. Ich wiederhole, ich sehe nicht, dass eine der wesentlichen Eigenschaften bei dir fehelen würde. Vielleicht bangt die Mutter um deine moralische Fähigkeit. Befindet sich nicht gerade dieser Bereich in größerer Gefahr?

Die aufrichtige Absicht bedeutet, dass der junge Mann Willen zu diesem Bruf haben muss, und er muss in seiner Wahl ganz frei sein, ohne irgendeinen Zwang. Dein Wille, einmal will es, ein anderes Mal, will es nicht. Warum nicht? Ist der Grung dafür, es nicht zu wollen, dass du im Leben glücklicher wirst, wenn du kein Priester wirst? Dass du weniger Egoist sein wirst und weniger dich selbst suchen wirst? Dass du mehr tun wirst für Gott und die Menschen? Ist es nicht, vielleicht , umgekehrt?

Wenn der junge Mann alle diese wesentlichen Eigenschaften zusammen besitzt, kann man mit Sicherheit sagen, dass Gott ihn ruft. Wenn er eine dieser wesentlichen Fähigkeiten nicht besitzt, ist ein Zeichen, dass Gott ihn auf diesen Weg nicht ruft. Übrigens, es gilt allgemeiner Grundsatz, dass Gott nie zu einem besonderen Lebensweg ruft, ohne zur gleichen Zeit alle notwendigen Gaben zu erteilen, damit die entsprechenden Aufgaben erfüllt werden können. So wäre es zum Beispiel das Zeichen einer nichtaufrichtigen Absicht, wenn jemand Priester werden möchte, um berühmt zu werden, um Macht bei den Menschen zu haben, um zum Studium im Ausland zu kommen, um seiner Mutter zu gefallen, um den Lebensaufgaben aus dem Wege zu gehen… Im Gegenteil, das Zeichen der aufrichtigen Absicht ist, wenn der junge Mann den Priesterberuf wählt, weil er mit Christus den Menschen dienen will, weil er Wort Gottes verkünden, heilige Eucharistie feiern, Sakramente spenden möchte…

Pass auf, diese Fähigkeiten werden nicht auf einmal in einem jungen Mann geboren. Die Sicherheit über die Berufung reift und wächst langsam. Bemühe dich, zum sakramentalen Leben und zum Gebet treu zu sein. Es kann auch zu einem negativen Resultat kommen, besonders wenn der junge Mann sich in moralischer und spiritueller Hinsicht vernachlässigt.

Zum Schluss fragst du über Abbruch der Ausbildung und Eintritt in das Priesterseminar. Ich spreche offen. Der ideale Ort für die Reifung der Priesterberufe ist eine geordnete Familie und eine gesunde familiäre Atmosphäre. Aber, heute muss man real sein: viele Familien sind nicht geeignet zur Entfaltung der Priesterberufe, und dann auch die Umgebung, das Ambiente, die Gesellschaft haben negativen Einfluß. Deine Familie ist in Ordnung, aber ist das Ambiente, in dem du dich bewegst, nicht zum Teil gefährlich?

Deshalb ist das Priesterseminar wertvoll, ohne Rücksicht auf die Kritik, der es heutzutage ausgesetzt ist. Die größte Anzahl der Priester auf der Welt kommt auch heute noch aus den Priesterseminaren . Und niemand kann zeigen, wieviel Prozent der Berufungen, wegen des negativen Einflusses des modernen Ambiente, begraben wird.

Manche bestreiten, dass es möglich sei, sich in deinem Alter für eine Berufung zu entscheiden. Aber, soziologische Forschung zeigt, dass die größte Anzahl der Priester bereits vor dem dreizehnten Lebensjahr an ihre Berufung dachte, und die beste zeitliche Periode für die Entscheidung ist die Periode zwischen dem 17. und dem 21. Lebenjahr. Das ist die Zeit des Idealismus, der Begeisterung, der Fähigkeit, schwere Lebensaufgaben auf sich zu nehmen.

Die Priesterseminare sind so eingerichtet, dass sie eine komplette menschliche und christliche Ausbildung anbieten.  In jedem Fall, wird den jungen Menschen völlige Freiheit gelassen, selber über ihren Lebensweg, nach eigenem Gewissen, zu entscheiden, denn niemanden geht es darum, und der Kirche am wenigsten, Menschen zu formen, die nicht in Ordnung und in ihrem Leben nicht glücklich wären.

Was, also? Dass du ins Priesterseminar gehst? Überstürtze nicht! Betrachte dich unter diesen Aspekten, wie ich sie dir erläutert habe! Bemühe dich, danach zu leben, ohne Rücksicht auf die Mutter, stark deiner Umgebung gegenüber! Nach dem zweiten Jahr deiner Schulung, besonders nach dem Abitur, wird die Situation klarer.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 274-276)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.