Sollte man Predigten schriftlich verfassen oder nicht?

Dräng die Worte zusammen, fasse dich kurz

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 353 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie und Studiendekan der Theologischen Fakultät am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Leserfrage zur Methode beim Predigen.

Frage: Nun, da ich gerade dabei bin, die Ausbildung im Priesterseminar zu beenden und mich auf das Apostolat vorzubereiten und auch schon über viele Jahre meiner Ausbildung hinweg, habe ich bemerkt, dass einige Priester und sogar Bischöfe, sei es im Priesterseminar oder in Pfarreien, ihre Predigten schriftlich abfassen und sie während der Messfeier ablesen. Andere wiederum sprechen einzig und allein so, wie das Herz es ihnen eingibt. Meine Frage lautet: Welche offizielle Position nimmt die Kirche in Bezug auf die Art und Weise der Predigt ein? Muss eine Predigt aufgeschrieben werden oder nicht? Ist das kirchenrechtlich irgendwie verankert? -- A.M., Enugu, Nigeria

P. Edward McNamara: Über das Predigen gibt es nur ganz wenige Vorschriften. Papst Franziskus hat in seinem Apostolischen „Schreiben Evangelii“ Gaudium dieses Thema umfassend behandelt. Auch hat er oft darüber gesprochen, vor allem bei Begegnungen mit dem Klerus. Mehrere Bischöfe haben mir gegenüber erwähnt, dass er bei privaten Treffen im Zuge der fünfjährigen „Ad-limina-Besuche“ beim Heiligen Stuhl mit ihnen hierüber gesprochen hätte. Offensichtlich liegt ihm das Thema am Herzen.

Unter den Ratschlägen, die der Heilige Vater im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Predigt gibt, befinden sich folgende:

„156. Einige meinen, gute Prediger sein zu können, weil sie wissen, was sie sagen müssen, vernachlässigen aber das Wie, die konkrete Weise, eine Predigt zu entwickeln. Sie klagen, wenn die anderen ihnen nicht zuhören oder sie nicht schätzen, aber vielleicht haben sie sich nicht bemüht, die geeignete Weise zu finden, die Botschaft zu präsentieren. Erinnern wir uns daran: ‚Die offenkundige Bedeutung des Inhalts […] darf jedoch nicht die Bedeutung ihrer Wege und Mittel verdecken‛. Auch die Sorge um die Art und Weise des Predigens ist eine zutiefst geistliche Haltung. Es bedeutet, auf die Liebe Gottes zu antworten, indem wir uns mit all unseren Fähigkeiten und unserer Kreativität der Aufgabe widmen, die er uns anvertraut; doch es ist auch eine hervorragende Übung der Nächstenliebe, denn wir wollen den anderen nicht etwas Minderwertiges anbieten. In der Bibel finden wir zum Beispiel den Rat, die Predigt ordentlich vorzubereiten, um einen geeigneten Umfang einzuhalten: ‚Dräng die Worte zusammen, fasse dich kurz‛ (Sir 32,8).“

„157. Nur um durch Beispiele zu erläutern, erwähnen wir einige praktische Mittel, die eine Predigt bereichern und anziehender machen können. Eine der nötigsten Anstrengungen ist zu lernen, in der Predigt Bilder zu verwenden, das heißt, in Bildern zu sprechen. Manchmal gebraucht man Beispiele, um etwas, das man erklären will, verständlicher zu machen, aber oft zielen diese Beispiele allein auf die Vernunft. Die Bilder hingegen helfen, die Botschaft, die man überbringen will, zu schätzen und anzunehmen. Ein anziehendes Bild lässt die Botschaft als etwas empfinden, das vertraut, nahe, möglich ist und mit dem eigenen Leben in Verbindung gebracht wird. Ein gelungenes Bild kann dazu führen, dass die Botschaft, die man vermitteln will, ausgekostet wird; es weckt einen Wunsch und motiviert den Willen im Sinne des Evangeliums. Eine gute Homilie muss, wie mir ein alter Lehrer sagte, ‚eine Idee, ein Gefühl und ein Bild‛ enthalten.“

„158. Schon Paul VI. sagte: ‚Die versammelte Gemeinde der Gläubigen […] erwartet und empfängt […] sehr viel von dieser Predigt; sie soll einfach sein, klar, direkt, auf die Menschen bezogen‛. Die Einfachheit hat etwas mit der verwendeten Sprache zu tun. Um nicht Gefahr zu laufen, umsonst zu sprechen, muss es die Sprache sein, die die Adressaten verstehen. Es kommt oft vor, dass die Prediger Wörter benutzen, die sie während ihrer Studien und in bestimmten Kreisen gelernt haben, die aber nicht zur gewöhnlichen Sprache ihrer Zuhörer gehören. Es gibt Wörter, die eigene Begriffe der Theologie oder der Katechese sind und deren Bedeutung der Mehrheit der Christen nicht verständlich ist. Die größte Gefahr für einen Prediger besteht darin, sich an die eigene Sprache zu gewöhnen und zu meinen, dass alle anderen sie gebrauchen und von selbst verstehen. Wenn man sich an die Sprache der anderen anpassen will, um sie mit dem Wort Gottes zu erreichen, muss man viel zuhören, das Leben der Leute teilen und ihm gerne Aufmerksamkeit widmen. Einfachheit und Klarheit sind zwei verschiedene Dinge. Die Sprache kann ganz einfach sein, die Predigt jedoch wenig klar. Sie kann sich als unverständlich erweisen wegen ihrer Unordnung, wegen mangelnder Logik oder weil sie verschiedene Themen gleichzeitig behandelt. Daher ist eine andere notwendige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Predigt thematisch eine Einheit bildet, eine klare Ordnung und Verbindung zwischen den Sätzen besitzt, so dass die Menschen dem Prediger leicht folgen und die Logik dessen, was er sagt, erfassen können.“

„159. Ein anderes Merkmal ist die positive Sprache. Sie sagt nicht so sehr, was man nicht tun darf, sondern zeigt vielmehr, was wir besser machen können. Wenn sie einmal auf etwas Negatives hinweist, dann versucht sie immer, auch einen positiven Wert aufzuzeigen, der anzieht, um nicht bei der Klage, beim Gejammer, bei der Kritik oder bei Gewissensbissen stehen zu bleiben. Außerdem gibt eine positive Verkündigung immer Hoffnung, orientiert auf die Zukunft hin und lässt uns nicht eingeschlossen im Negativen zurück. Wie gut ist es, wenn sich Priester, Diakone und Laien regelmäßig treffen, um gemeinsam Mittel und Wege zu finden, um die Verkündigung attraktiver zu gestalten!“

Alle Prediger sollten sich diese treffenden Ratschläge des Heiligen Vaters zu Herzen nehmen. Doch sind wir damit nicht im Detail auf die Frage unseres Lesers eingegangen.

Meine Meinung nach sollten Predigten immer gut vorbereitet sein, auch um sie gut halten zu können. Sie sollten immer von Herzen kommen, doch muss man sie nicht unbedingt auswendig gelernt haben. Auch eine abgelesene Predigt kann wirklich von Herzen kommen.

Wenn man also annimmt, dass die Predigt gut vorbereitet wurde, hängt die Beantwortung der Frage, ob man sie ganz oder in den Hauptpunkten aufschreibt, oder ob man sie, ehe man sie hält, allein in Kopfarbeit vollständig durchgeht, nur von den Fähigkeiten und Neigungen des Predigers ab, von den Bedürfnissen der Gläubigen und den besonderen Umständen der Feier.

Ein Bischof oder Priester könnte sich dafür entscheiden, seine Predigt aufzuschreiben und abzulesen, weil ihm bei bestimmten Anlässen die Exaktheit der Worte von Bedeutung ist, besonders dann, wenn die Predigt veröffentlicht wird.

Manche Priester und Diakone lesen den Text einfach deshalb, weil sie ein schlechtes Gedächtnis haben. Andere Prediger schreiben ihre Predigt oder deren Hauptpunkte auf – wenn sie sie dann aber halten, werfen sie kaum ein Auge auf den Text. Die einfache Tatsache, dass der Text vor ihnen liegt, befreit sie von der Angst, plötzlich den Faden zu verlieren.

Andere, wie zum Beispiel der große Fulton Sheen, ziehen es vor, keinen vorgefassten Text zu benutzen. Man sollte jedoch daran denken, dass – damit alles am Ende stimmt – diese Art zu predigen oft intensiver vorbereitet werden muss. Vom Standpunkt der Rhetorik aus gesehen ist dies auch meist die wirksamste Methode, weil sie nämlich Elemente wie den persönlichen Kontakt mit den Zuhörern begünstigt.

Es gibt auch Prediger, die von einem vorbereiteten Text ausgehend einen ähnlichen Kontakt erzielen können. Diese Vorgehensweise sollte nie als Methode zweiter Wahl angesehen werden. Papst Benedikt und Papst Franziskus zeigen, jeder auf seine Weise, wie dies eine Methode sein kann, um sehr wirksam zu predigen.

Was normalerweise nicht funktioniert, ist das Verlesen eines Textes, den man einfach vom Internet oder einer anderen Quelle heruntergeladen hat. Selbst wenn man den Text gut liest, ist oft erkennbar, dass er nicht aus einem Gebet oder einer Meditation hervorgegangen ist, dass man sich die Botschaft nicht zu eigen gemacht hat und dass man von seiner Wahrheit nicht persönlich überzeugt ist – alles Dinge, die notwendigerweise vermittelt werden müssen, wenn die Predigt ein echter Moment der Weitergabe des Glaubens sein soll.

Papst Franziskus macht zu diesem Gedanken folgende Ausführungen:

„144. Mit Herz sprechen schließt ein, dass man ihm nicht nur das innere Feuer bewahren muss, sondern auch das Licht, das ihm aus der Offenbarung in ihrer Gesamtheit zufließt und aus dem Weg, den das Wort Gottes im Herzen der Kirche und unseres gläubigen Volkes im Laufe der Geschichte zurückgelegt hat. Die christliche Identität, die jene Umarmung in der Taufe darstellt, die der himmlische Vater uns geschenkt hat, als wir noch klein waren, lässt uns wie „verlorene Söhne“ – die in Maria sein besonderes Wohlgefallen genießen – sehnlich die andere Umarmung des barmherzigen Vaters begehren, der uns in der Herrlichkeit erwartet. Dafür zu sorgen, dass unser Volk sich wie inmitten dieser beiden Umarmungen fühlt, ist die schwere, aber schöne Aufgabe dessen, der das Evangelium verkündet.“

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel http://www.zenit.org/en/articles/homilies-written-or-not