Soziale Gerechtigkeit, "große Herausforderung für die christlichen Laien": Benedikt XVI. an die Mitglieder der Stiftung "Centesimus Annus – Pro pontifice"

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ROM, 23. Mai 2006 (ZENIT.org).- Anlässlich einer zweitägigen Internationalen Konferenz zum Thema "Demokratie, Institutionen und soziale Gerechtigkeit" (vgl. ZENIT vom 16. Mai), empfing Papst Benedikt XVI. in der vergangenen Woche die Mitglieder der Stiftung "Centesimus Annus – Pro Pontifice" im Vatikan.



Der Heilige bekräftigte vor seinen Gästen, dass die Demokratie historisch betrachtet das "geeignetste Mittel" sei, "um in Verantwortung über die eigene Zukunft in menschenwürdiger Weise zu bestimmen." Allerdings bedürfe es dazu "geeigneter, glaubwürdiger und angesehener Institutionen". Außerdem müsse die soziale Gerechtigkeit stärker gefördert werden. "Die Demokratie wird ihre volle Verwirklichung nur dann erreichen, wenn jede Person und jedes Volk in die Lage versetzt wird, Zugang zu den primären Gütern (Leben, Nahrung, Wasser, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Rechtssicherheit) zu erhalten", betonte der Papst. "Eine wahre soziale Gerechtigkeit gibt es somit nur im Blick auf eine echte Solidarität, die dazu verpflichtet, immer füreinander und nie gegeneinander oder zum Schaden der anderen zu leben und zu wirken. Wie das alles im Kontext der heutigen Welt konkret Gestalt annehmen kann, ist die große Herausforderung für die christlichen Laien."

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Herr Kardinal,
verehrte Brüder im Bischofsamt und Priestertum,
liebe Brüder und Schwestern!

Es freut mich, Sie das erste Mal treffen zu dürfen und grüße Sie alle herzlich. Ich begrüße vor allem Herrn Kardinal Attilio Nicotra, den Präsidenten der Vermögensverwaltung des Apostolischen Stuhls, sowie den Präsidenten der Stiftung, Graf Lorenzo Rossi di Montelera, dem ich für die Worte danke, die er im Namen von Ihnen allen an mich richtete. Ich grüße die anwesenden Bischöfe und Priester, die Ihre geistlichen Begleiter sind. Gegenüber jedem möchte ich meine Wertschätzung und Dankbarkeit für den Dienst zum Ausdruck bringen, den Sie für den Nachfolger Petri leisten, sowie für die Großzügigkeit, mit der Sie die apostolische Tätigkeit unterstützen.

Der Name Ihrer Stiftung selbst zeigt deutlich die lobenswerten Zielsetzungen auf, die Sie verfolgen. "Centesimus Annus" macht auf die letzte große Sozialenzyklika Johannes Pauls II. aufmerksam, mit der der unvergessliche Papst 100 Jahre Lehramt in diesem Bereich zusammenfasste, dann die Kirche auf die Zukunft hin entwarf und die Konfrontation mit den "res novae" des Dritten Jahrtausends anregte. "Centesimus Annus" bringt darüber hinaus Ihren Einsatz für die Zusammenarbeit zum Ausdruck, auf dass die Sozilallehre der Kirche in den verschiedenen Kulturen der heutigen Welt auf klare Weise ihre Aufgabe für die Verbreitung des Evangeliums verrichte. Die Qualifikation "Pro Pontifice" hebt Ihre Absicht hervor, eine besondere Nähe zur pastoralen Aufgabe des Bischofs von Rom zu pflegen. Sie setzen sich dafür ein, entsprechend ihren Kräften dazu beizutragen, die konkreten Mittel zu fördern, deren dieser bedarf, um die Gegenwart der Kirche in der ganzen Welt zu beseelen und zu ermutigen. Sie haben ihre Tätigkeit in einem größtenteils italienischen Umfeld begonnen; jetzt sehe ich mit Freude, dass Sie sie nach und nach auf andere Gegenden Europas und Amerikas ausdehnen. Die Natur als vatikanische Stiftung gibt Ihnen dazu die Möglichkeit und richtet Sie auf diese großen Horizonte aus.

Die Studientagung über "Demokratie, Institutionen und soziale Gerechtigkeit", die Sie organisiert haben, setzt sich mit Problemen von lebendiger Aktualität auseinander. Derweilen beklagt man die Langsamkeit, mit der sich eine echte Demokratie durchsetzt, und dennoch bleibt sie, wenn sie gut gebraucht wird, das historische geeignetste Mittel, um in Verantwortung über die eigene Zukunft in menschenwürdiger Weise zu bestimmen. Sie haben berechtigterweise zwei kritische Punkte im Weg zu einer reiferen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens ausgemacht. Es bedarf in erster Linie geeigneter, glaubwürdiger und angesehener Institutionen, denen es nicht um eine reine Ausübung von Macht in der Öffentlichkeit geht, sondern die dazu fähig sind, in der Achtung der Traditionen einer jeden Nation und in der ständigen Sorge dafür, diese zu bewahren, artikulierte Ebenen der Teilnahme des Volkes zu fördern. Ebenso dringlich ist ein zäher, andauernder und gemeinsam geteilter Einsatz für die Förderung der sozialen Gerechtigkeit. Die Demokratie wird ihre volle Verwirklichung nur dann erreichen, wenn jede Person und jedes Volk in die Lage versetzt wird, Zugang zu den primären Gütern (Leben, Nahrung, Wasser, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Rechtssicherheit) erhalten – durch eine von nationalen und internationalen Beziehungen bestimmte Ordnung, die einem jeden die Möglichkeit zusichert, daran teilzunehmen. Eine wahre soziale Gerechtigkeit gibt es somit nur im Blick auf eine echte Solidarität, die dazu verpflichtet, immer füreinander und nie gegeneinander oder zum Schaden der anderen zu leben und zu wirken. Wie das alles im Kontext der heutigen Welt konkret Gestalt annehmen kann, ist die große Herausforderung für die christlichen Laien.

Liebe Freunde, durch die Stiftung "Centesimus Annus" tragen Sie zusammen mit anderen wohlverdienten Vereinigungen zum Wachstum der Kenntnis der Soziallehre bei, mit der die Kirche – wie ich in der Enzyklika Deus caritas est geschrieben habe – beabsichtigt, "zur Reinigung der Vernunft und zur Weckung der sittlichen Kräfte beizutragen, ohne die rechte Strukturen weder gebaut werden noch auf Dauer wirksam sein können" (29). Ein jeder von Ihnen möge als Laie die unmittelbare Aufgabe erkennen, für eine gerechte Ordnung in der Gesellschaft einzutreten, da "die Liebe das gesamte Leben der gläubigen Laien beseelen muss und folglich auch ihr politisches Wirken im Sinne einer 'sozialen Liebe' prägt" (ebd.). Unsere heutige Begegnung möchte also dazu dienen, Sie in dieser großzügigen Bemühung zu stärken. Wenn Sie in ihre alltäglichen Verantwortungsbereiche zurückkehren, dann fühlen Sie sich dank der Bande der katholischen Gemeinschaft immer geeinter und leben Sie mit Leidenschaft die Aufgaben, die Sie übernommen haben. Ich danke Ihnen für die Spende, die Ihr Präsident mir zur Unterstützung der Werke meines pastoralen Dienstamtes übergeben hat. Und während ich für Sie und Ihre Familien den mütterlichen Schutz Mariens erbitte, segne ich Sie alle aus ganzem Herzen.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen; © Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana]