Soziale Verantwortung neu denken - „Caritas in veritate“ und P. Kentenich

Interview mit Prof. Dr. Joachim Schmiedl ISch

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VALLENDAR, 16. Juli 2009 (ZENIT.org).- Ein Lieblingsthema des Pontifikats von Benedikt XVI. ist die theologische Tugend der Liebe. Nach seiner ersten Enzyklika Deus caritas est geht auch das am 7. Juli 2009 veröffentlichte Sozialrundschreiben Caritas in veritate von der Liebe aus, verbindet sie allerdings mit der Wahrheit. Für Dr. Joachim Schmiedl ISch, Professor für Kirchengeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, liegt hier ein „Signum des Benedikt-Pontifikates“.



Herr Professor Schmiedl, was ist Ihr erster Eindruck von der neuen Sozialenzyklika?

Dem Text merkt man auf weiten Strecken die Denkweise des Papstes an. Philosophisch-theologische Dichte zeugt von der direkten Autorschaft des Pontifex. Die beiden letzten der insgesamt sechs Kapitel verbinden die konkreten wirtschaftlichen und technischen Fragestellungen mit der durchgehenden Gedankenlinie.

Was ist für Sie als Mitglied der Schönstatt-Bewegung spannend daran? Sehen Sie eher Ähnlichkeiten oder eher Unterschiede zum Ansatz Ihres Gründers, Pater Josef Kentenich?

Es scheint ein Signum des Benedikt-Pontifikats zu sein, Heilsgeschichte und aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen von der Liebe her zu interpretieren: „Aus der Liebe Gottes geht alles hervor, durch sie nimmt alles Gestalt an, und alles strebt ihr zu.“ (Nr. 1) Das „Weltgrundgesetz der Liebe“ (J. Kentenich) ist nach Benedikt anwendbar auf die Themenbereiche der kirchlichen Soziallehre, insofern sie von der menschlichen Vernunft nicht nur durchdacht, sondern in Beziehung zur Wahrheit gebracht werden.

Die Erkenntnisprinzipien des praktischen Vorsehungsglaubens werden auf diese Weise ins Spiel gebracht: Im „augenblicklichen sozialen und kulturellen Umfeld“ (Zeitenstimmen) mit „Zustimmung zu den Werten des Christentums“ (bei P. Kentenich stärker subjektiv als „Seelenstimmen“ gedacht) Liebe in Wahrheit (Seinsstimmen) leben (Nr. 4). Die Akzentsetzung – und Sympathie - des Papstes liegt eindeutig auf dem Seinsmäßig-Vernünftigen. Von dort kommt er zu einer Analyse der Zeit und zu spezifischen gesellschaftlichen Herausforderungen. Weniger im Ziel als in der Hermeneutik unterscheidet sich das platonisch-augustinische Denken Papst Benedikts damit vom lebensmäßig-aristotelischen Ansatz P. Kentenichs.

Weite Passagen des Rundschreibens sind eine Relecture der Sozialenzyklika Papst Pauls VI. aus dem Jahr 1967. „Populorum progressio“ war die Umsetzung der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils. In „Gaudium et spes“ hatte sich die Kirche auf die Vorläufigkeit lehramtlicher Stellungnahmen zu den Lebensfeldern des Menschen eingelassen. Paul VI. betonte in „Populorum progressio“, einer Schrift, die besonders in Lateinamerika auf große Resonanz stieß, „dass die ganze Kirche, wenn sie verkündet, Eucharistie feiert und in der Liebe wirkt, in all ihrem Sein und Handeln darauf ausgerichtet ist, die ganzheitliche Entwicklung des Menschen zu fördern“, und „dass die echte Entwicklung des Menschen einheitlich die Gesamtheit der Person in all ihren Dimensionen betrifft“ (Nr. 11). Auch Papst Benedikt kommt es auf die Entwicklung der Menschheit an, denn: „Die Vorstellung von einer Welt ohne Entwicklung drückt Misstrauen gegenüber dem Menschen und gegenüber Gott aus.“ (Nr. 14) Doch damit sich diese Entwicklung ganzheitlich-organisch vollziehen kann, müssen Ethik des Lebens und Zeugnis für die Liebe Christi gleichermaßen vorhanden sein. In Kentenich-Termini ausgedrückt: Apostolat baut auf der Persönlichkeitsbildung und Wertorientierung auf.

Nun gelten weite Teile der Enzyklika dem Thema Globalisierung, ein Thema, mit dem sich Pater Kentenich bereits Ende der vierziger Jahre intensiv auseinandergesetzt hat. Wie sieht man in Schönstatt das Thema Globalisierung?


Ein weiteres Anliegen des Papstes ist die Analyse der Globalisierung. In den Kommentaren zur Enzyklika wurde vielfach kritisiert, dass Benedikt XVI. die Globalisierung zu negativ beurteile. Sicher gilt die Aussage: „Die zunehmend globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu Geschwistern.“ (Nr. 19) Doch die zukünftige Entwicklung der Menschheit ist „polyzentrisch“ (Nr. 22). So muss der Papst auf die Gefahr einer Reduzierung der sozialen Sicherungsnetze ebenso hinweisen wie auf die negativen Folgen der Arbeitsmobilität. Aus der Perspektive einer weltweit agierenden geistlichen Bewegung ist aber festzuhalten, dass die „Wechselwirkung zwischen den Kulturen“ nicht nur einen „kulturellen Eklektizismus“ und „kulturelle Verflachung“ (vgl. Nr. 26) kennt, sondern zunächst und in erster Linie eine menschliche und religiöse Bereicherung darstellt. Gerade der vom Papst beklagte ideologische und praktische Atheismus relativiert sich im globalisierten Weltmaßstab. Die Globalisierung als Chance zu begreifen, ist vermutlich eher den Bewegungen und geistlichen Gemeinschaften aufgetragen als den territorial verfassten und konzentrierten Pfarreien und Diözesen. Die Bereicherung durch andere Mentalitäten basiert dabei wesentlich auf dem „Prinzip der Unentgeltlichkeit als Ausdruck der Brüderlichkeit“ (Nr. 34), ist also zunächst Geschenk und Gabe, erst in zweiter Linie Aufgabe.

In der Tradition seiner Vorgänger steht der Papst, wenn er den Menschen als Maß wirtschaftlichen Handelns heraushebt. Heftige Kritik richtet er gegen anonyme Strukturen, ohne jedoch den von Johannes Paul II. eingebrachten Begriff der „Strukturen der Sünde“ zu verwenden. Jedes ethisch-normative Handeln muss auf den Menschen hingeordnet sein. Sie hat sich am „moralischen Bezugssystem“ (Nr. 45) der Gottebenbildlichkeit des Menschen, der „zentralen Stellung der menschlichen Person“ (Nr. 47), zu orientieren.

Der Papst geht von einer vorgegebenen Naturordnung aus – P. Kentenich würde von Seinsordnung sprechen: „Der Mensch deutet und bildet die natürliche Umwelt durch die Kultur nach, die ihrerseits durch die verantwortliche, auf die Gebote des Sittengesetzes achtende Freiheit bestimmt wird.“ (Nr. 48) Ein göttlicher Plan ist die Grundlage der Weltgestaltung. In vorsehungsgläubigem Nachtasten und Nachfolgen geschieht die Realisierung des Bundes zwischen Mensch und Umwelt (vgl. Nr. 50). Diese Ausweitung der Bundestheologie auf eine spirituelle Beziehung zur Umwelt bedarf auch in Schönstatt noch der Rezeption. „Humanökologie“ und „Umweltökologie“ (Nr. 51) bedingen sich.

Welche Akzentsetzung der Enzyklika ist aus der Sicht der Schönstatt-Bewegung besonders bedeutsam?

Die Ausführungen des Papstes finden eine gewisse Zusammenfassung im fünften Kapitel der Enzyklika, die von der Zusammenarbeit der Menschheitsfamilie handelt. Die Interaktivität unserer Zeit kennt einen Zielpunkt: „Diese größere Nähe muss zu echter Gemeinschaft werden.“ (Nr. 53) Begründen kann der Papst diese Forderung aus der Übertragung des Modells der Trinität und der Familie auf die Menschheit insgesamt. Gefordert ist eine „soziale Nächstenliebe“ (vgl. Nr. 57). Die gegenwärtige Wirtschaftskrise sieht der Papst als eine Chance, in einer solidarischen Ethik die großen Probleme der Bildung, des Tourismus, der Migration, der menschenwürdigen Arbeit, des Finanzwesens, des Konsumismus und einer politischen Weltautorität anzugehen. Sein Appell an die Menschheit: „Ohne rechtschaffene Menschen, ohne Wirtschaftsfachleute und Politiker, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl nachdrücklich leben, ist die Entwicklung nicht möglich.“ (Nr. 71)

Die „Schicksalsverwobenheit“ (P. Kentenich 1942) der Menschheit lässt lokale Lösungen kaum mehr zu. Umso stärker fordert sie jeden Einzelnen und jede verantwortliche (Berufs-)Gruppe und Gemeinschaft auf, die „Gelegenheit zur Humanisierung“ (Nr. 73) ernsthaft zu nutzen.

Die Enzyklika ist ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass nur die ganzheitliche Sicht des Menschen, wie sie in der Bibel grundgelegt ist und mit den Mitteln der Vernunft nachvollzogen werden kann, eine Mentalitätsänderung bewirken kann: „Es gibt keine vollständige Entwicklung und kein universales Gemeinwohl ohne das geistliche und moralische Wohl der in ihrer Gesamtheit von Seele und Leib gesehenen Personen.“ (Nr. 76) Aus der Perspektive der Schönstatt-Bewegung, für deren Gründer die Ganzheitlichkeit des Menschen aus Leib, Seele und Geist sowie der Hinordnung auf den Schöpfergott konstitutiv ist, kann dem nur zugestimmt werden.

Das Interview führte Kornelia Fischer