SPIEGEL-Autor Matthias Matussek über sein Glaubensplädoyer

„Man kann nicht theoretisch Katholik sein“

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KÖLN, 12. Juni 2011 (ZENIT.org/domradio). - „Ich bin katholisch und das ist auch gut so“ heißt es in einem Buch von Matthias Matussek. In einem Interview mit domradio.de am 10.6.2011 hatte er über das „Arbeiten bei einem „antikirchlichen Kampfblatt“, die Krise der Kirche in Deutschland und seine Hoffnung auf eine Wiederkehr des Glaubens gesprochen.

domradio.de: Wie viel Lust am Schreiben gegen den Mainstream war denn beim Verfassen des Buches mit dabei?

Matussek: Das stimuliert ungemein, wenn man sich in einer starken Gegnerschaft befindet. Das hat ja Tradition: Die Dialektik ist ja in der Theologie sozusagen erfunden worden. Man braucht ein starkes Gegenüber. Und ein stärkeres Gegenüber als die Öffentlichkeit und die Medien kann man sich derzeit nicht vorstellen. Seit dem Missbrauchsskandal ist jeder, der sich als katholisch outet, pädophilverdächtig. Und dann wird es Zeit, dass man gegensteuert. Ich halte die Diskussion um Missbrauch für eine der größten Entgleisungen, Verzerrungen und Kirchenkampfkampagnen, die man sich nur vorstellen kann.

domradio.de: Worin liegt die Entgleisung?

Matussek: Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 0,1 Prozent der Missbrauchsfälle stammen aus den Reihen der katholischen Kirche. Also 99,9 Prozent ereignen sich in protestantischen Glaubensgemeinschaften, in Rudervereinen und in erster Linie in den Familien; da ist der größte Skandal. In einer Gesellschaft, in der alles auseinanderfällt - moralisch, sittlich, finanziell - sind die Familien ein Tatort geworden. Aber indem sich jetzt alles auf die katholische Kirche konzentriert, was den schönen Nebeneffekt hat, dass man alle möglichen Ressentiments und Rechnungen noch begleichen kann, geraten die eigentlichen Problemfelder aus dem Fokus. Die katholische Kirche ist der Blitzableiter für einen eklatanten gesellschaftlichen Missstand, über den nicht mehr gesprochen werden muss, weil ja jeder die Katholiken hat.

domradio.de: Jetzt sind Sie SPIEGEL-Autor. Der SPIEGEL ist ja nicht gerade als kirchliches Kampfblatt verschrien. Wie haben denn Ihre Kollegen auf Ihr Buch reagiert?

Matussek: Der SPIEGEL ist ein antikirchliches Kampfblatt, das kann man schon so sagen. Als ich das Papstbuch von Peter Seewald besprach, das ich toll fand, rief mich der stellvertretende Chefredakteur an und sagte: „Pass mal auf, wir haben 13 Leute an der Front, die versuchen, dem Papst Verwicklungen in den Missbrauchsskandal nachzuweisen. Da kannst Du doch nicht kommen und den Papst freisprechen!“ Und ich sagte: „Ich wollte den Papst nicht freisprechen. Ich habe eine Buchrezension geschrieben.“ Das ist tatsächlich für das SPIEGEL-Publikum eine neue Note, dass da ein Buch mit dem SPIEGEL-Logo erscheint, das pro-katholisch ist. Und dass der „Spiegel“ ganzseitige Anzeigen fahren muss, in denen steht „Ohne Glauben geht es nicht“. Das ist dann schon von einer göttlichen Ironie.

domradio.de: In Ihrem Buch machen Sie sich für eine feierliche Liturgie stark, Sie plädieren für den Zölibat. Man kriegt den Eindruck, es ist zu viel Zeitgeist in der katholischen Kirche und zu wenig Tradition...

Matussek: Ein bisschen anders. Mir ist zu wenig Gespräch oder Reden über den Glauben, über Gott, ganz einfach. Wir reden dauernd über Gleichberechtigung, über die Dritte Welt, über Atomkraft, über lauter glaubensferne Themen, die natürlich vermittelt alle mit den Glauben zu tun haben. Klar ist es wichtig, die Schöpfung zu bewahren, klar ist es wichtig, der Bergpredigt Geltung insofern zu verschaffen, dass man auf die großen sozialen Ungerechtigkeiten schaut. Aber bei uns wird eigentlich nur über das Soziale geredet, nur über das Politische und Ideologische. Aber relativ wenig über Glauben. Das geht ein wenig tatsächlich mit einem Traditionsverlust einher. Ich habe die Weltkirche durch meine Korrespondententätigkeit in Brasilien und in New York und anderen Teilen der Welt kennengelernt, und muss sagen: Das ist etwas spezifisch Deutsches; dass hier dauernd nur gesagt wird, nur eine Revolution kann die Kirche retten - bei Geißler, die Kirchenkrise - bei Küng. Alle leiden wie wahnsinnig unter der Kirche. In Brasilien hat man ganz andere Probleme. In Nigeria muss man froh sein, wenn man als Katholik überlebt. Die Weltkirche hat andere Probleme. Die Deutschen dümpeln in ihrem trübsinnigen Zirkel von missmutigen Denksportlern. Ich finde diese reformkatholischen Stürme im Wasserglas doch relativ lächerlich und ablenkend von unserer eigentlichen Aufgabe, wenn wir in die Kirche gehen.

domradio.de: Haben Sie dennoch die Hoffnung, dass es eine Wiederkehr des Glaubens geben kann?

Matussek: Es wird andere Formen geben. Ich glaube schon, dass es Interesse an einer größeren Feierlichkeit und einer höheren Form gibt. Die Leute spüren langsam ein leichtes Befremden, wenn die Altarräume von irgendwelchen Kinderzeichnungen, die gut gemeint sind, aber das Einschwingen in ein Geheimnis erschweren, bekleckert werden. Ich glaube zum einen Teil, dass die Rettung der Kirche doch in der Rückbesinnung auf ihre enorme Formsprache liegt. Und dann aber glaube ich auch, dass wir sehr viel Neues kennenlernen werden. Der engagierte, alternative „Klampfengottesdienst“, der für die Dritte Welt sammelt, ist nicht mehr bindungsfähig, er ist uninteressant geworden.

domradio.de: Was erhoffen Sie sich für den Leser Ihres Buches, wenn er es beendet hat? Was wird er davon haben?

Matussek: Ich hoffe, dass er dann einfach mal neugierig wird und sagt: „Vielleicht tue ich mir das jetzt doch mal an und gehe am Sonntag in die Kirche.“ Ich richte mich auch an die 70 Prozent der Katholiken, die nicht mehr in die Kirche gehen sonntags. Und ich halte die Eucharistie und die Messe für den zentralen Punkt unseres Glaubens. Ich glaube nicht, dass man rein theoretisch Katholik sein kann. Das wäre schön - wenn die müde gewordenen Katholiken sich wieder begeistern lassen könnten. Und natürlich auch, wie ich das beim Rezensenten der Süddeutschen Zeitung erlebt habe, der gesagt hat: „Ich habe zwar nichts damit zu tun, aber das interessiert mich dann schon.“

Das Buch „Das katholische Abenteuer. Eine Provokation“ ist im SPIEGEL-Buchverlag DVA erschienen. Die 368 Seiten sind für 19,99 Euro im Handel erhältlich.