Spielen auf dem Rasen nicht erlaubt!

Kinderreiche Familien in Deutschland ein Interview mit Thomas Franke, Sprecher des Vorstands vom Verband Kinderreicher Familien Deutschland e.V.

| 1191 klicks

ROM, 30. Januar 2012 (ZENIT.org). - Im Jahr 2011 wurde der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. gegründet. Die Gründer und Mitglieder haben als ihr Ziel formuliert, die Interessen kinderreicher Familien zu vertreten. Der Verband setzt sich für eine familienfreundliche Sozialpolitik, die Akzeptanz kinderreicher Familien in der Gesellschaft sowie für ihre Förderung und Unterstützung ein.

Im Interview erläutert Thomas Franke, Sprecher des Vorstandes, die Situation kinderreicher Familien in Deutschland und die Arbeit des Verbandes. Weitere Informationen über den Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. kann man dieser Webseite entnehmen.

[Das Interview führte Britta Dörre.]

ZENIT: Herr Franke, der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. stellte sich am 17.10.2011 im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vor. Daraus kann man schließen, dass die Situation sich für kinderreiche Familien nicht verbessert hat?

Thomas Franke: Wie auch, es hat sich ja keiner für uns eingesetzt. Eine Demokratie stellt sich auf die gesellschaftlichen Gruppen ein, die ihre Interessen wahrnehmbar artikulieren. Das hat in der Vergangenheit niemand mehr explizit für kinderreiche Familien getan. Daher ist dieses Lebensmodell einfach in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht mehr existent und wird dann bei politischen oder wirtschaftlichen Entscheidungen nicht mehr bedacht.

ZENIT: Welche politischen Rahmenbedingungen könnten die Lage verbessern?

Thomas Franke: Familienpolitik ist heute Betreuungspolitik. Hauptsächlich kreist die Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und dabei um die Frage, wie man eben beides realisieren kann. Es würde sich schon viel ändern, wenn die Frage ins Zentrum rücken könnte, wie man in Zukunft eine familienfreundliche Wirtschaft hinbekommt.

ZENIT: Wie versucht der Verband, langfristig eine Verbesserung für kinderreiche Familien zu erzielen?

Thomas Franke: Die Eltern einer kinderreichen Familie können Familie und Beruf nicht mehr zu gleichen Teilen vereinbaren, ohne ihre Verantwortung gegenüber ihren Kindern zu vernachlässigen. Der Elternteil, der sich hauptsächlich um die Kinder kümmert, schafft auch einen „Wert“ – auch für die Gesellschaft an sich. Wenn das wieder verstärkt in die Überlegungen mit einbezogen wird, ist schon viel erreicht.

ZENIT: In welchen Bereichen stellen Sie die größten Schwierigkeiten für kinderreiche Familien fest?

Thomas Franke: Abseits aller Sonntagsreden stellen wir flächendeckend eine latente Kinderfeindlichkeit in der Gesellschaft fest. Das wird uns auch aus dem Kreis der Mitglieder immer wieder geschildert. Da ist die Mietwohnung, die nicht an eine kinderreiche Familie vergeben wird, der Job, der lieber an einen kinderlosen Single statt an einen Vater oder eine Mutter vergeben wird. Das Kleinkinderabteil in den Zügen der Deutschen Bahn – Käfighaltung für Familien. Es gibt sogar in einigen Kirchen schallgedämmte Isolierkammern für Familien mit Sprechfunkübertragung. Es sind diese kleinen Dinge, die uns das Gefühl geben, am Rande der Gesellschaft zu stehen. Das ist wohl das „dickste Brett“, was wir zu bohren haben. Machen Sie doch mal selber die Probe und geben bei Google „Mehrkindpolitik“ ein. Sie werden sofort korrigiert und bekommen nur Suchergebnisse für „Einkindpolitik“. Oder geben Sie mal bei Microsoft Office „kinderfreundlich“ ein. Das Wort wird unterstrichen, weil es im Standardwörterbuch nicht vorkommt. Stattdessen bekommen Sie Korrekturvorschläge für „kinderfeindlich“.

ZENIT: Wie erklären Sie sich den Wertewandel in unserer Gesellschaft, die Familien mit mehr als zwei Kindern als befremdlich betrachtet?

Thomas Franke: Viele Kräfte arbeiten seit Generationen daran, die Familie als notwendige soziale Klammer aufzulösen. Wer heute etwas für seine eigene Zukunft und soziale Absicherung tun will, verdient kräftig Geld und hat dann im Alter ein hohes Renteneinkommen. Wer heute viele Kinder hat und damit zwangsläufig weniger Arbeitseinkommen, der ist im Alter ein armer Rentner. Und das, obwohl er viele zukünftige Rentenbeitragszahler geboren und erzogen hat. Eine große Familie ist unter rein monetären und egoistischen Gesichtspunkten heute ein Nachteil.

ZENIT: Wird das Argument „Kinder“ erörtert, hört man die Menschen selten über die Freude und das Glück sprechen, sondern nur über die Finanzlast. Was sagen Sie dazu?

Thomas Franke: In einer Gesellschaft, in der wir alles und jedes auf den monetären Faktor herunterbrechen ist das nicht verwunderlich. Aber so funktioniert das Leben eben nicht. Diejenigen, die das erkannt haben, beziehen die „weichen“ Faktoren, wie Glück und Liebe aber auch Trauer und Ärger in ihr Kalkül mit ein. Nur dann kann man auch wichtige Lebensentscheidungen, wie die für oder gegen eine Familie vernünftig treffen.

ZENIT: In unserer Gesellschaft wird oft die Tendenz zur Kurzlebigkeit und zum Egoismus kritisiert. Scheidungen, alleinerziehende Eltern oder auch die sogenannten „Patchwork“-Familien gehören zum Alltagsbild. Wie die Statistiken zeigen, hat Deutschland eine der niedrigsten Geburtenraten und zeichnet sich, was die Familie betrifft, vor allem durch Kinderunfreundlichkeit aus. Wie wird sich das langfristig für unsere Gesellschaft auswirken?

Thomas Franke: Ja, es ist inzwischen eine große Zahl, die so lebt. Aber niemand von denen hat es absichtlich gemacht. Niemand hat geheiratet, um sich scheiden zu lassen und danach alleinerziehend durchs Leben zu gehen. Die meisten leiden selber unter diesen Umständen. Sie mit „Egoismus“ und „Selbstverwirklichung“ zu begründen, geht meines Erachtens am Thema vorbei. Das klingt so stark und selbstbestimmt. Immer mehr Menschen sind einfach nicht mehr in der Lage, Lebenskrisen anzupacken und fliehen schnell aus der Situation. Auch die langfristige Verantwortung für ein Kind wird gern vermieden. Wenn wir nicht in der Lage sind, hier als Gesellschaft neu zu lernen und zu verstehen, dann geht es halt immer so weiter und wir werden immer unsolidarischer und kurzatmiger.

ZENIT: Worin liegen die Stärken kinderreicher Familien?

Thomas Franke: Klar, es gibt einen ganzen Katalog an guten Dingen. Ich möchte hier einen Faktor besonders erwähnen: Kinder werden nicht nur von ihren Eltern erzogen. Je älter sie werden, umso prägender wird das soziale Umfeld. Da ist es eben ein Unterschied, ob ich als Kind einer Kleinfamilie nur die wechselnden Bekanntschaften in Schule und Sportverein habe oder als Teil einer größeren Familie Konflikten nicht so einfach ausweichen kann und mich langfristig in einer Solidargemeinschaft einbringen muss. Wenn ich als Einzelkind irgendjemanden doof finde, dann suche ich mir eben rasch neue Freunde oder kapsele mich ab. Dieses Verhalten funktioniert auch noch in einer Kleinfamilie. Mit vielen Brüdern oder Schwestern kann man so aber nicht dauerhaft umgehen. Man ist aufeinander angewiesen und muss sich organisieren, seinen Platz in dieser Solidargemeinschaft finden. Wenn ich das einmal gelernt habe, dann kann ich damit auch viele weitere Hürden im Leben nehmen.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. bekräftigte beim Neujahrsempfang der beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps am 9. Januar 2012: „Die Familie ist der Ort, an dem man sich der Welt und dem Leben öffnet, ... „das Offensein für das Leben ist ein Zeichen für das Offensein gegenüber der Zukunft“. Welche Initiaven plant der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. für das Jahr 2012, um unserer Gesellschaft dieses Ideal vorzuleben und wieder näher zu bringen?

Thomas Franke: Uns geht es im ersten Lebensjahr unseres Verbandes erst einmal darum, die Grundlagen zu legen – sei es in einer guten Mitgliederentwicklung, in dem Aufbau von politischen und wirtschaftlichen Netzwerken. Das klingt unspektakulär ist aber eine riesige Herausforderung. Unsere ganze Arbeit soll für und in die Zukunft wirken. Schließlich wollen wir keine Eintagsfliege sein. Das kann man direkt aus dem Familienalltag übertragen: Familie ist man nicht einfach so, Familie wird man und Familie bleibt man, wenn man täglich dafür kämpft. So wollen wir es auch mit dem Verband halten.