"Sputnik"

"Auf außerordentliche Weise" gelungene Verknüpfung der DDR-Geschichte mit einer kindgerechten Story um Freundschaft und Abenteuer

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 388 klicks

Ein Dorf irgendwo im brandenburgischen Nirgendwo (gedreht wurde in der Altmark). Am 3. November 1989 steckt das verträumte Malkow mitten in den Vorbereitungen auf sein 750-jähriges Bestehen, das am 10. November gefeiert werden soll. Noch ahnt niemand in Malkow, dass die Dorfbevölkerung an diesem Tag etwas ganz anderes zu feiern haben wird. In Malkow lebt die 10-jährige Friederike (Flora Li Thiemann), die nichts Geringeres im Sinn hat, als die erste Kosmonautin der DDR zu werden. Sie schwärmt für Juri Gagarin, ist aber auch ein Fan der Serie „Raumschiff Interspace“, die sie im verbotenen Westfernsehen verfolgt. Zusammen mit ihren gleichaltrigen Freunden Fabian (Finn Fiebig) und Jonathan (Luca Johannsen) bastelt Rieke an einem Luftballon – sehr zum Ärger des Abschnittsbevollmächtigten oder Dorfpolizisten Mauder (Devid Striesow), der in Malkow eigentlich ein beschauliches Leben mit Erich, seinem Hasen aus erlesener Züchtung, führen könnte, wäre da nicht die freche Göre, hinter der Mauder immer her rennen muss.

Tritt als unangefochtener Boss des Kinder-Trios selbstverständlich Rieke auf, so ist der „Captain“ der Mannschaft Riekes Onkel Mike (Jacob Matschenz), der gerne mit den Kindern bastelt und spielt. Mike wollte ursprünglich Pilot werden, eckte aber mit seiner regimekritischen Einstellung an. Mike hilft seiner Schwester Katharina (Yvonne Catterfeld), Riekes Mutter, und deren Mann Torsten Bode (Maxim Mehmet) im Gasthof aus, stellt aber immer Ausreiseanträge, die ein ums andere Mal abgelehnt werden. Dies ändert sich jedoch am erwähnten 3. November 1989. Mikes Antrag wird positiv beschieden. Er muss sofort die DDR verlassen, was Rieke zur Weißglut bringt. Doch dann kommt die Zehnjährige auf eine geniale Idee: Um ihren geliebten Onkel aus West-Berlin zurückzuholen, braucht sie nur einen Apparat zu bauen, mit dem sie ihn, ähnlich in ihrer Lieblingsserie, „beamen“ kann. Mit zusammengeklaubten Teilen und der Hilfe von Herrn Karl (Andreas Schmidt), der buchstäblich alles besorgen kann, baut sie ihren eigenen „Beamer“. Parallel dazu naht das Ende des „kleinen Landes mit der großen Mauer“. Die Kinder bekommen das dadurch mit, dass immer mehr Klassenkameraden in der Schule fehlen, von denen es heißt, sie seien „im Westen“. Auch Riekes Eltern planen, über Prag „rüberzumachen“.

Mit „Sputnik“ liefert Drehbuchautor und Regisseur Markus Dietrich die Antwort aus Kinderperspektive auf die Wende-Komödie „Goodbye Lenin“ (Wolfgang Becker, 2003), die Daniel Brühl zum internationalen Durchbruch verhalf und die in der DDR berühmte Katrin Sass auch im Westen bekannt machte. Obwohl aber „Sputnik“ konsequent auf Augenhöhe mit seinen kindlichen Protagonisten geht, baut Regisseur Dietrich hin und wieder Elemente in den Film ein, die von der „großen Geschichte“ berichten, etwa Dokumentaraufnahmen (auch der berühmten Pressekonferenz mit Günter Schabowski am Abend des 9. November) oder auch die Gespräche zwischen den Erwachsenen, die dem Zuschauer immer wieder, manchmal allzu deutlich Orientierung liefern. Kindgerecht, aber ohne zu vergröbern, werden etwa die Bedrohung durch die Stasi, die schwierige Wirtschaftslage oder die vielen Menschen, die der DDR den Rücken kehren, angesprochen. Nicht nur durch die sorgfältige Ausstattung, auch die trotz eines gewissen Dornröschenschlafs in der brandenburgischen Provinz herrschende resignierte Stimmung im Dorf gibt Markus Dietrich trefflich wieder.

Obwohl Ivonne Catterfeld und Maxim Mehmet als Riekes Eltern eher blass bleiben, glänzt „Sputnik“ durch die großartige Besetzung einiger Erwachsenen-Nebenrollen, etwa Jacob Matschenz als begeisternder und begeisterungsfähiger Anführer der Kosmonauten spielenden Kinderschar, Andreas Schmidt als „Organisierer vom Dienst“ und vor allem Devid Striesow als lächerlicher Vertreter der Staatsmacht, mit dem die Kinder gerne ihre Streiche treiben, der aber auch plötzlich die hässliche Seite des Regimes hervortreten lassen kann. Als großartig ist jedoch Flora Li Thiemann zu nennen, die mit trotziger Entschiedenheit gegen die Erwachsenen ihre eigenen Vorstellungen durchzusetzen weiß.

Die Verknüpfung der DDR-Geschichte mit einer kindgerechten Story um Freundschaft und Abenteuer gelingt Markus Dietrich auf außerordentliche Weise. Denn „Sputnik“ besitzt vor allem alle Zutaten eines gelungenen Kinderfilmes, in dem der Wert der Freundschaft und der eigenen Träume besonders hervorgehoben werden.

Und vielleicht ist die Beschleunigung des Mauerfalls letztendlich nicht auf die Schusseligkeit eines DDR-Regierungssprechers zurückzuführen, der gleichsam nebenbei am Ende einer denkwürdigen Pressekonferenz einen folgenschweren Zettel aus seiner Jackentasche hervorholte und unbeholfen die Worte sprach: „Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich.“ Womöglich spielten dabei eine wichtige Rolle auch drei Zehnjährige, aus der brandenburgischen Provinz, die in ihrem Bemühen, einen geliebten Menschen herüber zu „beamen“, gleich ein ganzes Dorf, ja eine ganze dicke Mauer wegbeamten. Die Geschichte des DDR-Zerfalls wird nach Dietrichs Langspielfilmdebüt sicher nicht neu geschrieben werden müssen. „Sputnik“ bietet jedoch gerade für Kinder Anschauungsmaterial, um diesen Abschnitt der Geschichte besser zu verstehen.

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Filmische Qualität: Vier Sterne      
Regie: Markus Dietrich
Darsteller: Flora Li Thiemann, Finn Fiebig, Luca Johannsen, Emil von Schönfels, Yvonne Catterfeld, Maxim Mehmet, Jacob Matschenz, Devid Striesow, Andreas Schmidt
Land, Jahr: Deutschland 2013
Laufzeit: 83 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ohne Altersbeschränkung
Einschränkungen:  --Im Kino:  10/2013

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.