Staat muss Ehe und Familie schützen

Predigt von Kardinal Karl Lehmann in der Eucharistiefeier bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Trier, (ZENIT.orgDBK PM) | 1152 klicks

Das Zusammenwirken von Männern und Frauen in der Kirche, Thema des Studientages, stellte Kardinal Lehmann in den Mittelpunkt seiner Predigt bei der Eucharistiefeier. Er hob besonders die schöpfungs-bedingte Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen, seine Zweigeschlechtlichkeit als Mann und Frau hervor und betonte die Verflichtung des Staates, Ehe und Familie zu schützen.

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Beim heutigen Studientag, den wir schon sehr lange zur Vertiefung und Weiterführung wichtiger Themen durchführen, widmen wir uns der Aufgabe, dem Zusammenwirken von Frauen und Männern im Leben der Kirche intensiver nachzugehen. Dabei beschäftigen uns christologische, ekklesiologische und anthropologische Aspekte. Ich möchte am heutigen Morgen in diesem Gottesdienst ein wenig helfen, die Fundamente dafür zu legen, und zwar vor allem durch einen Blick in die Heilige Schrift. Wir brauchen dafür nicht lange zu suchen, denn schon auf der ersten Seite der Bibel begegnen uns die wichtigsten Aussagen, die wir vorhin in der Lesung gehört haben.

Die erste Schöpfungserzählung stellt die Erschaffung der Welt in sieben Tagen dar. Kunstvoll werden dabei die Ordnungen in der Schöpfung dargelegt und aufeinander bezogen. Wir gehen heute im Allgemeinen davon aus, dass die erste Schöpfungserzählung (Gen 1,1-2,4a) etwa um 550 v. Chr. von Priestern niedergeschrieben worden ist, während die zweite Schöpfungserzählung (2,4b 24) um 900 v. Chr. angesetzt wird. In der Mitte der Aussagen über den Menschen steht in der ersten Schöpfungserzählung die besondere Absicht Gottes, den Menschen als sein Bild und Gleichnis zu schaffen. „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.“ (1,26)

Diese Gottebenbildlichkeit, die vor allem auch in der Herrschaft des Menschen über die ganze Erde zum Ausdruck kommt, ist nicht irgendein Teil oder Merkmal, das im oder am Menschen zu suchen ist. Sie ist mit dem Menschen als Gottes Geschöpf gegeben. Sie gilt ganz unabhängig von sozialem Rang, von Volkszugehörigkeit oder auch von Geschlecht. Sie bezieht sich nicht nur auf das geistige Wesen des Menschen, auch nicht allein auf seinen aufrechten Gang. Die Bestimmung zum Bild Gottes ist dem Menschen durch Gott vorgegeben. Darum kann sie dem Menschen auch nicht einfachhin genommen werden. Dies ist der letzte Grund für die Menschenwürde. Darum darf der Mensch auch nicht als Mittel zum Zweck verstanden und verbraucht werden.

Dabei klingt im Begriff „Bild Gottes“ von den darin verarbeiteten Traditionen her vieles an: Der Mensch ist Erscheinung und Vergegenwärtigung, aber auch Stellvertretung und Statthalterschaft Gottes auf Erden. Gottebenbildlichkeit und Herrscherauftrag lassen sich zwar unterscheiden, sind aber auch eng verknüpft. Amt und Aufgabe, Situation und Funktion gehören zueinander. Dass sich die Herrschaftsgewalt des Menschen von ihrem Auftraggeber lösen und dann hemmungslos, zerstörerisch werden könnte, liegt noch nicht im Blick des Alten Testaments. Die Freiheit und die Macht des Menschen in seiner Herrschaft über die Erde finden auf jeden Fall am Menschen selbst ihre Grenze.

Es ist von großer Bedeutung, dass in diesem Zusammenhang der Erschaffung des Menschen auch von der Gemeinschaft zwischen Mann und Frau die Rede ist. Dabei wird von Anfang an festgestellt, dass die Zweigeschlechtlichkeit zum Menschen gehört. Es kann kein „Wesen des Menschen“ geben, das von seiner Existenz in zwei Geschlechtern einfach absieht. Den Menschen gibt es nur in der Doppelausgabe von Mann und Frau. Von Anfang an existiert das Menschsein in der Ausprägung als Mann und als Frau. Der Text verbietet uns, das Frausein oder das Mannsein nur als Ausdruck einer gesellschaftlichen Prägung oder historischer Formung zu begreifen. Die Verschiedenartigkeit ist von der Absicht des Schöpfers her gewollt. Dies ist wichtig für das Verständnis des Verhältnisses von Mann und Frau. Die Frau ist ebenso wie der Mann ein ursprünglicher Schöpfungsgedanke Gottes. Die Theorien z. B. der Unter- und Überordnung zwischen Mann und Frau scheitern letztlich an dieser grundlegenden Aussage. Die Frau hat genauso an der Gottebenbildlichkeit teil wie der Mann. Ob damit auch ein mögliches Missverständnis der zweiten Schöpfungserzählung (vgl. Gen 2,21f.) abgewehrt wird, kann hier offen bleiben. Ohne Einschränkung wird gelehrt, dass jeder Mensch – und damit eben auch die Frau – eine königliche Würde hat und an der Herrscherwürde Gottes teil hat. Nicht der leiseste Unterschied in der Wertung der Geschlechter ist zu spüren. Mann und Frau sind von Gott her in ihrer geschöpflichen Würde völlig gleich, ohne dass ihre geschlechtliche Differenzierung geleugnet werden muss. Die Gleichheit bezieht sich dabei vor allem auf die Gleichwertigkeit und den gleichen Rang, die Ebenbürtigkeit, ohne dass damit eine abstrakte Gleichheit ausgesagt wird. Dies heißt aber auch, dass die Frau nicht einfach auf den Mann hin geschaffen ist, wie man die Erzählung von der Rippe – freilich oberflächlich – verstehen könnte, sondern sie ist von Gott her in ebenbürtiger Weise Person wie der Mann. Nicht jede Zeit hat sorgfältig auf diesen Sinn der Schöpfungserzählung gehört und sie auch im Blick auf die gesellschaftliche Stellung der Frau befolgt. Auch wir können hier immer noch viel lernen.

Von da aus lässt sich auch die Erschaffung der Frau nach der zweiten Schöpfungserzählung verstehen, die ja in der Beschreibung der Herkunft Evas aus der Seite Adams zunächst eher eine Ableitung der Frau aus dem Mann vermuten lässt. Man muss jedoch genauer hinsehen, was gemeint ist. Gott gibt dem Menschen verschiedene Hilfen. Dazu gehören zunächst die Tiere, denen der Mensch einen Namen gibt. „Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er (damit) nicht.“ (2,20) Es kommt also auf eine entsprechende, das heißt doch wohl ebenbürtige Hilfe an. Gott selbst schafft dem Mann eine solche Entsprechung. Er führt die Frau dem Menschen zu (vgl. Gen 2,22). Das ist nun wirklich die Hilfe, die zu ihm passt. Mit „Hilfe“ ist nicht nur die Unterstützung bei der Arbeit oder bei der Erzeugung von Nachkommenschaft gemeint. „Es ist Hilfe im weitesten Sinne des Wortes gemeint, ein gegenseitiges Helfen in allen Bereichen des Lebens. Zum gegenseitigen Helfen muss aber das gegenseitige Verstehen in Wort und Antwort, im Schweigen und in den Bewegungen hinzukommen. Diese einfache Beschreibung menschlicher Gemeinschaft ... trifft erstaunlich genau zu; so kann die Gemeinschaft von Mann und Frau in unserer Gegenwart auch beschrieben werden, über alle Abstände von Kulturwandlungen hinweg.“ (Cl. Westermann, Schöpfung, Stuttgart 1971 u.ö., 130)

Dies findet einen geradezu dichterischen Ausdruck in den Worten, mit denen der Mann die Frau begrüßt: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch, Frau soll sie heißen; denn vom Mann ist sie genommen.“ (2,23) Man hat, was man im Deutschen kaum wiedergeben kann, darauf hingewiesen, dass diese Worte einen Rhythmus darstellen, der einen freudigen Ausruf wiedergibt. J.G. Herder sprach bereits von einer „jauchzenden Bewillkommnung“. Es ist ein Ausdruck der freudigen Überraschung des Mannes, der in der Frau die wahre Gefährtin entdeckt. Wenn man diesen Text genauer untersucht, kann man die Bemühung feststellen, dass der Mann hier wirklich eine entsprechende, ebenbürtige Hilfe, heute würden wir sagen: eine Partnerin gefunden hat. Das Wesentliche ist, dass beide zueinander passen, einander entsprechen, sich gegenseitig helfen und füreinander da sind.

Es steckt viel in dieser knappen Botschaft „als Mann und Frau schuf er sie“. Man darf freilich nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig hineinlesen. Es wäre zu viel, wollte man in diesen Worten unmittelbar die Einsetzung der Ehe, verbunden mit ihrer heutigen Gestalt, erblicken. Die Ehe ist auf andere Weise im Alten Testament präsent. Man darf den Text aber auch nicht gegen die Institution Ehe deuten. Er spricht freilich von etwas, was vor allem auch die Ehe begründet, nämlich von der überragenden Macht, die zwischen Mann und Frau leidenschaftlich walten kann. Die elementare Kraft der Liebe lässt sogar feste traditionelle Verhältnisse durchbrechen. Bei einer Eheschließung waren und sind bis heute familiäre, soziale und wirtschaftliche Elemente mitbestimmend. Wenn die Ehe aber wirklich die Erfüllung der Gemeinschaft zwischen Mann und Frau sein und werden soll, dann gilt das weise Wort am Ende der zweiten Schöpfungserzählung: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch.“ (2,24) Damit ist, wie wir heute besser sehen, nicht in isolierter Sicht die körperliche Einheit oder ein Kind gemeint, sondern die umfassende Lebensgemeinschaft, die alles einbezieht, freilich auch die Weitergabe des Lebens. Durch diese neue Lebensgemeinschaft werden auch die stärksten Bande, z.B. die Bindung ans Elternhaus, von dieser Kraft gelöst. In diesem Sinne sind dann Ehe und Familie, auch wenn von ihnen nicht direkt die Rede ist, der wahre Ort, um dieses Zueinanderfinden und Zusammengehören von Mann und Frau zu erfüllen, zu schützen und zu pflegen.

Dies meinen wir insgesamt, wenn wir sagen, Mannsein und Frausein gehören in gleicher Weise zum menschlichen Leben. Es bleibt freilich auch dabei: Ein Mann ist keine Frau, eine Frau ist kein Mann. Verschiedenheit bedeutet jedoch keine Negativität. Es geht nicht einmal zuerst darum, wie wir es gerne deuten, dass beide selbstständige Personen sind. Vielmehr ergänzen sie sich jeweils. Dies kann nicht heißen, der Mann oder die Frau wären für sich allein nur ein „halber Mensch“. Gerade in der Ergänzung bilden sie das unverkürzte Menschsein in je der männlichen und fraulichen Ausprägung. Wörtlich müssten wir nämlich ohnehin unseren Vers etwa so übersetzen: „So schuf Gott die Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er sie, männlich und weiblich schuf er sie.“ (1,27) Dies gilt für den Menschen in besonderer Weise. Die Bibel hält ohnehin den in der Umwelt weit verbreiteten Gedanken von der Geschlechtlichkeit Gottes fern und sieht die Geschlechtlichkeit nur in der Schöpfung, nicht in Gott selbst. In diesem Sinne ist die Geschlechtlichkeit eine elementare Gabe Gottes an den Menschen, die freilich – wie die Bibel auf den nächsten Seiten zeigt – auch verkehrt werden kann.

Damit ist auch ausgesagt, was den Menschen zum Menschen macht. Es braucht hier nicht gleichzeitig über die Homosexualität gesprochen zu werden. Sie ist bis heute schwer erklärbar. Jede Diskriminierung, wie sie oft geschah, ist nicht erlaubt. Hier ist gewiss manches wieder gutzumachen. Aber es ist auch nicht erlaubt, die primäre Ausprägung des Menschseins in „weiblich“ und „männlich“ zurückzustellen, gar zu verkennen; dieses Fundament ist eben auch der Grund, warum der Staat in besonderer Weise Ehe und Familie schützen muss. Es ist gut, sich gerade heute dieser bleibenden Fundamente zu erinnern. Es gibt nicht nur den Wandel der Lebensformen, der uns heute besonders beeindruckt, sondern auch eine kulturübergreifende Macht in der „Natur“ des Menschen, wie sie der Schöpfer uns geschenkt hat.

Darum lasst uns beten:

Gott, Du Schöpfer von Mann und Frau, wir danken Dir für den Reichtum, den Du unserem Leben geschenkt hast, weil wir als Frau oder Mann geschaffen sind. Schenke uns Freude an der Ergänzung, die wir einander sein können, und Aufmerksamkeit füreinander, damit wir in Respekt und Verständnis die Verschiedenheit achten. Segne die Gemeinschaft in Ehe und Familie, die daraus lebt und besteht. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der den menschlichen Leib durch sein Leben erlöst und geheiligt hat. Amen.