Stammzell-Debatte 1: Bischof Algermissen kritisiert Forschungsministerin

Appell an die Abgeordneten

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WÜRZBURG, 29. November 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Der Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, kritisiert im folgenden Interview die deutsche Forschungsministerin Schavan, die Kirche und Bischöfe verstehen wolle, aber zugleich dem Druck und den Erwartungen von Forschung und Pharmazieunternehmen nachgeben zu müssen scheine. „Das geht nicht“, bekräftigt der Bischof. „Wir sprechen hier nicht über irgendwelche Zellen, sondern über Forschungsoptionen, die sich aus der Tötung menschlichen Lebens ergeben.“



Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen, embryonale Stammzellen durch das Umprogrammieren normaler menschlicher Hautzellen zu erzeugen. Damit ist einer Forschung der Weg gewiesen, die keine Embryonen mehr verbraucht. Steht die Stammzell-Debatte vor einer endgültigen Wende?

Ich bin mit einer abschließenden Bewertung dieser Entdeckung noch etwas zurückhaltend. Tatsache ist, dass Forscher wie Ian Wilmut, der das erste Schaf geklont hat, sich von der embryonalen Stammzellforschung abwenden und in diese neue Richtung gehen. Dies zeigt: Es gibt erfolgversprechende Alternativen zur embryonalen Stammzellforschung. Sollte sich herausstellen, dass hier auf einem ethisch einwandfreien Weg Erfolge erzielt werden können, wäre dies für die Diskussion in der Tat heilsam. Wichtig ist, dass mit dieser Entdeckung endlich alternative Methoden in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Bislang wurde viel zu wenig über die Erfolge in der adulten Stammzellforschung gesprochen. Das muss sich jetzt ändern.

Sehen Sie in der aktuellen Diskussion irgendein Argument, das eine Liberalisierung des bestehenden Stammzellgesetzes rechtfertigt?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin mehr denn je der Überzeugung, dass die Diskussion über eine Stichtagsverschiebung völlig an der zentralen Frage vorbeigeht. Wir dürfen nie vergessen: Auch die bestehende Regelung ist ethisch nicht akzeptabel. Die Stammzellen, mit denen geforscht wird, wurden durch die Tötung von Embryonen gewonnen. Menschliches Leben, in welchem Stadium auch immer, ist unverfügbar und muss unantastbar bleiben. Das ist der zentrale Punkt der Auseinandersetzung.

Forschungsministerin Schavan hält eine Stichtagsverschiebung für „verantwortbar“.

Das ist ein Skandal. Frau Schavan vollzieht einen Eiertanz. Auf der einen Seite sagt sie, sie möchte Kirche und Bischöfe verstehen. Auf der anderen Seite meint sie, dem Druck und den Erwartungen von Forschung und Pharmazieunternehmen nachgeben zu müssen. Das geht nicht. Wir sprechen hier nicht über irgendwelche Zellen, sondern über Forschungsoptionen, die sich aus der Tötung menschlichen Lebens ergeben. Das muss Frau Schavan endlich verinnerlichen. Dann kann sie nicht so weiterlavieren wie bisher. Ihre Position ist ein Widerspruch in sich und völlig inakzeptabel.

Die Forschungsministerin ist promovierte Theologin und engagierte Laienkatholikin. Sie vertritt in dieser Frage von höchster ethischer Brisanz eine Position, die im offenen Widerspruch zur Haltung der Kirche steht. Verdunkelt dieser Dissens das Zeugnis der Kirche für das Leben?

Das ist leider der Fall. Als Politikerin steckt Frau Schavan in einer Zwangslage. Das verstehe ich. Das ändert aber nichts daran, dass es in einer grundsätzlichen Frage nur eine grundsätzlich Antwort geben kann. Wo es um Leben und Tod geht, verbietet sich jeder Kompromiss.

Welche Rolle spielt der Lebensschutz, wenn es um die Glaubwürdigkeit einer C-Partei geht?

In der Frage des Lebensschutzes muss sich das christliche Menschenbild beweisen. Deshalb ist die Bioethik für eine C-Partei von entscheidender Bedeutung. Ich kann nur an das Gewissen aller Abgeordneten appellieren: Machen sie sich die Konsequenzen ihrer Entscheidung bewusst. Wer das Leben in seinem Anfangsstadium preisgibt, tritt eine Lawine der Unmenschlichkeit los. In der Diskussion um die aktive Sterbehilfe spüren wir doch bereits den kalten Atem einer „Kultur des Todes“, die sich immer weiter ausbreitet.

[Das Interview führte Markus Reder; Die Tagespost vom 29. November 2007]