Standpunkt des Papstes zur Ehe wichtig für England

Erzbischof Nichols spricht über die Wahl von Papst Franziskus (Teil II)

Rom, (ZENIT.org) Ann Schneible | 812 klicks

Obwohl erst etwas mehr als eine Woche seit der Wahl von Papst Franziskus vergangen ist, erweist sich sein Pontifikat bereits jetzt als besonders relevant für die Menschen in Großbritannien, erklärt der Bischof von Westminster. Das Land stehe vor Besorgnis erregenden Diskussionen über die Verteidigung der Ehe, die Sorge um die Armen und den interreligiösen Dialog.

Als Erzbischof von Buenos Aires blieb Kardinal Bergoglio gegenüber der Legalisierung gleichgeschlechtlicher „Ehen“ standhaft. Auf ähnliche Weise versuchen die Menschen Großbritanniens, die Ehe in einer Zeit zu verteidigen, in der Politiker aktiv für eine Umdefinierung des Begriffes kämpfen.

Die Wahl von Papst Franziskus kommt also zu einer wichtigen Zeit für England, da er etwas weniger als eine Woche vor der Inthronisierung des neuen anglikanischen Erzbischofes von Canterbury gewählt wurde.

Der Präsident der Bischofskonferenz von England und Wales, Erzbischof Vincent Nichols von Westminster sprach mit ZENIT darüber, was das Pontifikat von Papst Franziskus für England zu diesem geschichtlichen Zeitpunkt bedeutet.

ZENIT: Als Kardinal von Argentinien bezog Kardinal Bergoglio gegen die Regierung Stellung, besonders wenn es um das Thema der gleichgeschlechtlichen „Ehe“ ging. Was bedeutet es für die Kirche in England, die sich momentan in einer ähnlichen Situation befindet, einen Papst zu haben, der diese Fragen so angegangen ist?

Erzbischof Nichols: Die Anstrengungen und Bemühungen, nicht nur den katholischen Glaubensstandpunkt über die Ehe, sondern die menschliche Wahrheit über die Ehe zu verdeutlichen, wurden von den meisten Leuten positiv aufgenommen, aber nicht bei den politischen Kräften, die natürlich momentan die Macht haben. Unsere Erfahrung mag dahingehend mit der Argentiniens identisch sein. Ich denke aber, dass die Kultur in Argentinien grundlegend katholisch ist, in England dagegen nicht. Hier sprechen wir eher von einer Position der Minderheit, in diesem Aspekt sind wir also unterlegen. Es ist nicht sehr schwierig für öffentliche Stimmen, unsere Argumente an den Rand zu schieben, mit der Begründung, dass wir eben nur „die Katholiken“ seien, die „man leicht übergehen kann.“

Aber ich denke, dass wir in dieser Debatte viel tiefer gehen und ein breiteres Meinungsfeld mit einbeziehen müssen, das vom politischen Prozess schlichtweg ignoriert wird. Sobald die Gesetzgebung in Kraft tritt (wovon wir ausgehen), gibt es eine tiefe Sorge über die Auswirkungen auf die Religionsfreiheit, auf den Bereich der freien Meinungsäußerung und auch darüber, was das allgemeine Verständnis von Ehe überhaupt ist.

ZENIT: Sprechen wir davon, wie der Heilige Vater hinsichtlich seines Dienstes an den Armen in der Welt angesehen wird. Es gibt einige Menschen, die in der Kirche hauptsächlich eine humanitäre Institution sehen. Wie können wir die Worte des Papstes innerhalb der ganzheitlichen Mission der Kirche aufnehmen, die den Dienst an den Armen zum Thema haben?

Erzbischof Nichols: Einige seiner Analogien sind sehr lebhaft. Er sprach darüber, dass die Kirche, wenn sie nicht grundlegend in Christus wurzele, nicht mehr sei als eine mitleidvolle NGO (Nicht-Regierung Organisation). Wenn die Kirche nicht in Christus wurzele, dann sei sie wie eine Sandburg am Strand. Dies sind sehr beeindruckende Bilder.

Ich habe auch festgestellt, dass er zu den Kardinälen sagte, sie sollten auf Christus bauen, auf Christus zentriert sein, zentriert sein auf das Kreuz Christi. Er verdeutlichte: „Wenn wir Christus ohne das Kreuz bezeugen, dann sind wir nicht Jünger des Herrn, sondern wir sind weltlich. Wir mögen zwar Bischöfe, Priester, Kardinäle oder der Papst sein, aber keine Jünger.“

Wenn wir das Kreuz Christi in das Zentrum seiner Botschaft stellen, dann bringt uns das sofort zu seiner zweiten Lehre, jener über die Barmherzigkeit Gottes. Auf eine Art ist das Kreuz die Zusammenfassung seiner Lehre über die unerschöpfliche Barmherzigkeit Gottes. Wie er am Sonntag erklärte: „Gott wird nie müde, uns zu vergeben und barmherzig zu sein. Dies ist das unerschöpfliche Ausströmen der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, dessen Wirkung man vor allem am Kreuz sieht.

Dies ist auch die Stelle, wo wir unsere eigene Armut erkennen. Die Wurzeln unserer Haltung gegenüber den Armen der Welt stammen aus dieser Mitte: Dass wir zuerst unsere (eigene) Armut erkennen müssen, meine eigene Armut vor Gott. Wenn ich sie recht erkannt und gelebt habe, dann greifen die Worte des Psalmisten: ‚Dann werden wir den Armen in rechtem Urteil dienen.‘“ Aber ohne diese Erkenntnis meiner eigenen Mittellosigkeit vor Gott kann der Dienst an den Armen seine Reinheit verlieren und zur Herablassung werden.

ZENIT: Können Sie etwas über die Bedeutung der Wahl von Franziskus im Zusammenhang mit der Inthronisation von Justin Welby als neuem anglikanischen Erzbischof von Canterbury sprechen?

Erzbischof Nichols: Dies ist natürlich eine besondere Woche für die katholische Kirche, aber auch die Anglikanische Gemeinschaft – und die ganze Kirche Englands – erlebt einen wichtigen Moment. Der Erzbischof von Canterbury wurde am Donnerstag in der Kathedrale von Canterbury eingesetzt. Er ist ein ganz anderer Typ und Charakter als Papst Franziskus.

Im Moment führt er eine Gebetspilgerfahrt an, wo er mit einer kleinen Gruppe durch die Stadtzentren einiger der Kathedral-Städten Englands geht und einfach Menschen einlädt, mit ihm zu beten. Er verteilt dabei kleine Kerzen mit den Worten: Hier, nehmen Sie die Kerze mit nach Hause und beten Sie. Zuerst aber bringen Sie die Kerze heute Mittag oder Abend in die Kathedrale. Er erklärte mir, dass er versuche, etwas „Fassbares“ zu tun, den Menschen etwas zu geben, das sie halten können. Ich glaube, dass dies ein wunderbarer Weg war, die Menschen unseres Landes auf die Ereignisse am Donnerstag einzustimmen.

Diese zwei Dinge zusammen – die Antwort der britischen Politik auf Papst Franziskus und der Zeitpunkt der Einsetzung des neuen Erzbischofes von Canterbury – weisen auf ein geistliches Bewusstsein hin, eine Intuition bei Glaubensdingen, die in den Menschen noch stark ist. Ich glaube manchmal, dass wir als Christen unsere Beziehung zur Gesellschaft nicht darauf gründen sollten, was wir in den Medien oder deren Projizierungen hören. Hinter dieser Fassade gibt es eine menschliche Ebene, auf der es eine viel größere Bereitschaft für das Unsichtbare gibt.

Es ist für mich von großer Bedeutung, dass er im Zentrum der Zeremonie der Einsetzung des neuen Erzbischofes von Canterbury – nachdem er einen Eid auf eine Kopie des Evangeliums schwört, die vom hl. Augustinus nach England gebracht wurde –einen Vertrag mit den anderen christlichen Kirchen in England unterzeichnen wird. Diese ökumenische Anstrengung steht im Zentrum seiner Einführungszeremonie.

Es war eine wirklich wichtige Woche für uns, eine Woche, die viele Menschen genossen haben, eine Woche, die vielen Menschen Mut machen wird.