Starke Frau, starker Glaube: „Der lange Weg ans Licht“ verweist auf das Wunder des Lebens

Von José García

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WÜRZBURG, 4. März 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Der Dokumentarfilm steht zurzeit im deutschen Kino hoch im Kurs. Eine durchdachte Dramaturgie, kinotaugliche Kameraarbeit und eine unterstützende, aber sich nicht in den Vordergrund schiebende Musik tragen dazu bei, dass mancher Dokumentarfilm an Spannung und Unterhaltung dem Spielfilm in nichts nachsteht.



Douglas Wolfspergers „Der lange Weg ans Licht“ erfüllt diese drei Voraussetzungen. Ingo Luther hat den Film in Cinemascope-Bildern aufgenommen, Gerd Baumanns Filmmusik verbindet die unterschiedlichen Erzählstränge. Dabei handelt es sich um drei Parallelgeschichten, die sich um den in Zeiten starken Geburtenrückgangs insbesondere in Ostdeutschland tobenden Kampf um den rar gewordenen Nachwuchs ranken.

Das hochmoderne Krankenhaus in Chemnitz-Rabenstein bietet den Frauen beste Bedingungen. Davon sind wenigstens die zwei Klinikärzte überzeugt, die den mit allem Komfort ausgestatteten neu gebauten Trakt stolz präsentieren. Eine Alternative zur Geburt im Krankenhaus bietet ein von Hebammerinnen geleitetes Geburtshaus, das mit sanften Geburtsmethoden wirbt.

Der Hauptstrang von „Der lange Weg ans Licht“ widmet sich jedoch Edeltraud Hertel, die im sächsischen Meerane eine Hebammepraxis betreibt. Die 54-Jährige wurde erst mit 37 Jahren Hebamme, um noch zu DDR-Zeiten den großen Sprung nach Afrika machen zu können. Regisseur Wolfsperger zeichnet den für DDR-Verhältnisse außergewöhnlichen Werdegang Edeltraud Hertels nach.

Als Kind wollte Edeltraud Hertel unbedingt nach Afrika. Dem stand allerdings entgegen, dass sie nur als SED-Mitglied dahin reisen durfte. Das kam für sie aber nicht in Frage: „Wenn ich Christ bin, kann ich nicht Mitglied in einer atheistischen Partei sein“, erläutert sie vor Wolfspergers Kamera. Ihre christliche Überzeugung kommt im Laufe der Gespräche mit dem Regisseur immer wieder zum Vorschein, etwa wenn die Hebamme über Pränataldiagnostik und die Abtreibung sowie überhaupt über das Wunder des Lebens spricht. Der Glaube helfe ihr deutlich zu sehen, dass jeder Mensch von Gott gewollt sei: „Ich bin kein Verkehrsunfall. Gott hat mich von Anfang an gesehen.“

Weil sie der SED nicht beitreten will, studiert Edeltraud Hertel Medizinpädagogik und wird Krankenschwester. Erst 18 Jahre später kann sie endlich nach Afrika: Der Leiter des Missionswerkes in Leipzig eröffnet ihr, es werde eine Krankenschwester und Ausbilderin für Tansania gesucht. Allerdings brauche die tansanische Kirche eine Krankenschwester, die auch als Hebamme arbeitet. Mit 37 Jahren macht Edeltraud Hertel doch noch die Hebammenausbildung. 1989 geht sie dann als kirchliche Entwicklungshelferin und Hebamme nach Tansania.

„Der lange Weg ans Licht“ setzt die Unterschiede zwischen Ostdeutschland und Afrika ins Bild, indem Hertels Leben in Meerane und in Tansania – wo sie von 1989 bis 1997 lebte – in einer durchdachten Dramaturgie wie zwei Parallelstränge schneidet. Dafür reiste Douglas Wolfsperger zusammen mit Edeltraut Hertel im Anschluss an die Dreharbeiten in Meerane ins afrikanische Land, um ihre früheren Wirkungsstätten zu besuchen. Den Fokus richtet der Film immer wieder jedoch auf die Geburt, die als Wunder des Lebens präsentiert wird. Darüber hinaus spricht „Der lange Weg ans Licht“ auch demographische Probleme an, die in Ostdeutschland durch Abwanderung noch verschärft werden. So fragt er gleich zu Beginn: „Sterben die Deutschen aus?“ Auch Veränderungen nach der Wende – nicht nur etwa die Frage der Akzeptanz von Hausgeburten – werden angesprochen.

Viel Humor und Sinn für Skurriles stellt Regisseur Douglas Wolfsperger etwa im Umgang mit seinen Recherchen in Meerane unter Beweis, etwa in der Zusammenstellung von Bildern mit Schwangeren, oder später mit den Kindern und den Kinderwagen. Und doch bleibt die Kamera selbst bei den Geburten auf Distanz, obwohl das Miterleben etwa einer Geburt durch Kaiserschnitt sicherlich nicht jedermanns Sache ist.

Dem Film gelingt es aber auch, das Wunder der Geburt in Bildern begreiflich und so Edeltraut Hertels Fazit nach 20 Berufsjahren nachvollziehbar zu machen: „Eine Geburt ist schon etwas Irres.“

[© Die Tagespost vom 1. März 2008]