Statue von Johannes Paul II.: Ehrung oder Verrat?

Für den einen Versagen, für den anderen Erfolg

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Von Elizabeth Lev*

ROM, 2. September 2011 (Zenit.org). - Als die ersten Wolken der Kontroverse rund um die neue Statue des seligen Johannes Paul II. aufzogen, die in Rom am Bahnhof Termini am 18. Mai enthüllt worden war, habe ich sie nicht weiter beachtet.

Neue Denkmäler zu kritisieren ist in der römischen Psyche genauso tief verwurzelt wie beim Fußballmatch anzufeuern. Die Bewohner der ewigen Stadt haben ihre Schlagfertigkeit darauf geschliffen, alles, angefangen von Richard Meiers' neuem Museum für die Ara Pacis von 2006 (genannt Tankstelle) bis hin zur Fassade des Petersdoms durch Carlo Maderno von 1612 (genannt St. Peter-Palast) zu kritisieren. Als deshalb die Römer anfingen, Oliviero Rainaldis neue Statue von Johannes Paul II. als „papa duce“ oder „Papst Mussolini“ zu bezeichnen, schien das nur ein weiteres Schimpfwort zu sein.

Die ca. 4,5 Meter hohe Bronzestatue, ein Geschenk der Silvana Paolini Angelucci Stiftung, wurde in einer angemessenen Zeremonie in Anwesenheit von Kardinal Agostino Vallini, Vikar der Diözese Rom, am Tag des 91. Geburtstags von Johannes Paul II. enthüllt. Der Kardinal äußerte gütiger weise die Hoffnung, dass dieses Werk die Römer immer daran erinnern werde, die Besucher, die in ihre Stadt kommen, willkommen zu heißen. Roms Bürgermeister Giovanni Alemanno beschrieb Rainaldis Skulptur als „ein modernes Werk, das die Phantasie anregt und in dem jeder Menschen seine eigene Betrachtungsweise finden wird.“

Dieses Werk regte wahrhaft die römische Phantasie an. „Eine riesige Kuhglocke“, nannte es ein Kritiker mit Bezug auf seine zylindrische Form. „Mussolini“, nannten es andere hinsichtlich des großen Kahlkopfs, der dem des faschistischen Führer Italiens im frühen 20. Jahrhundert ähneln soll. Andere meinten, es sehe mehr dem korpulenten früheren Papst Johannes XXIII. ähnlich, während einige Geschichtsfreaks in ihm die Charakterzüge des Kaisers Vespasian zu erkennen meinten, dem Sponsor des Kolosseums im ersten Jahrhundert.

Der Kunstkritiker Sandro Barbagallo brachte das Problem in einem im Osservatore Romano veröffentlichten Kommentar auf den Punkt, indem er lediglich feststellte, dass die Arbeit dem geliebten, verstorbenen Papst überhaupt nicht ähnlich sehe. „Für diejenigen, die aus dem Bahnhof kommen“, schrieb Barbagallo, „wirkt es eher wie ein enormes, undeutliches Denkmal als wie eine unverwechselbare Hommage an Johannes Paul II.“.

Von da an brach der Sturm aus. Vorwürfe wegen der Undankbarkeit des Vatikans, administrative Schuldzuweisungen und der Bürgermeister, der wieder auf Hochtouren hausieren ging. „Vox Popoli, vox Dei“ (Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes), äußerte Alemanno angesichts des römischen Aufschreis. Und tatsächlich, schon am 25. Mai bildeten Vertreter des römischen Rathauses, des Ministeriums für Kultur und des Vatikans ein Komitee zur Untersuchung, ob das Werk wieder entfernt werden solle.

Der Designer, Oliviero Rainaldi, ein 55-jähriger, gebürtig aus der Emilia-Romagna stammende Italiener, verzeichnet einen gewissen Erfolg in Italien und den Vereinigten Staaten. Seine Arbeiten konzentrieren sich auf die menschliche Form; ein kurzer Blick auf seine Website macht jedoch deutlich, dass Rainaldis Arbeit mehr der Steinzeit Venus von Willendorf folgt als dem griechischen Apollo von Belvedere. Rainaldi hat erklärt,  die neue Statue zeige den Papst, wie er seinen schützenden Umhang öffne, um alle bei sich aufzunehmen. Inspiriert hatte ihn offenbar ein Foto von Johannes Paul II., auf dem er mit seinem Mantel ein Kind spielerisch umhüllt. Rainaldi äußerte die Hoffnung, dass die Arbeit „uns in die Welt des Papst Johannes Pauls hinein nimmt, eines Mannes, dem Arbeit, Glauben und der Sturm aufgebürdet sind.“

An diesem Punkt musste ich mir das Werk selber anschauen. Als der Bus am Bahnhof Termini einfuhr, sah ich eine Menge Menschen um einen grünen Zylinder herumstehen. Ein komischer Ort für ein Raketensilo, dachte ich. Leider war das Silo in der Tat das Bildnis des heiligen Johannes Pauls II. Ich verbrachte fast eine Stunde bei dem Werk, mit dem Versuch, es zu verstehen.

Der offene Riss im Herzen des Denkmals könnte wirklich als schützende Umarmung seines offenen Mantels interpretiert werden. Er könnte sich auch auf die Rolle des Papstes beim Fall des Eisernen Vorhangs beziehen. Die Statue weist aber auch eine unglückliche Ähnlichkeit mit einer tragbaren Toilette auf.

Die Arbeit krönt ein großer, runder Kopf ohne markante Gesichtszüge. Die runde Weichheit könnte als die Wärme des verstorbenen Papstes gesehen werden und das Fehlen einer unterscheidbaren Physiognomie könnte sich darauf beziehen, wie Johannes Paul II. vielen Menschen so vieles bedeutete. Leider werden Leute aus meiner Generation verleitet sein, ihn als „Stay Puft Marshmallow Man“ (aufgebauschten Marshmallow-Mann) aus dem Film „Ghostbusters“ von 1984 zu sehen.

Die Farbe variiert von Tief- bis Säure-Grün mit Silber durchsetzt. Nach einer Weile schien es mir, dass die olivgrüne Patina auf die tiefe Verbundenheit Johannes Pauls II. mit den alten Traditionen der Kirche verweisen würde, während das helle Lindgrün mit seiner überraschenden Modernität assoziiert werden könnte und die flüchtigen Stahlschimmer die eiserne Entschlossenheit dieses komplexen Menschen widerspiegeln sollten.

Das war der Punkt, als ich entschied, mehr Arbeit in die Interpretation dieser Statue zu investieren, als vom Künstler zu verlangen, sie verständlich zu machen.

Wie kam das nur? Die Vorzeichnung schien für den Päpstlichen Rat für Kultur, präsidiert von Kardinal Gianfranco Ravasi, und für Umberto Broccoli, den Superintendenten der Kultur in Rom, ganz harmlos zu sein. Irgendwie, vielleicht aus mangelnder Supervision oder Klarheit darüber, wie ein paar Bleistift-Striche in 8.000 Pfund (ca. 3600 kg) Bronze übersetzt werden können, blicken Römer nun entsetzt auf dieses Megalith, das die ankommenden Besucher auf dem verkehrsreichsten Bahnhof Italiens begrüßt.

Leider erinnert die Statue weder an den attraktiven 58-Jährigen, der die Römer dadurch in seinen Bann zog, dass er ihren Dialekt sprach, noch an den leidenden 83-Jährigen, der sie mit seinem Mut inspirierte. Es ruft weder den warmen Glanz in seinen Augen während seiner 331 Besuche in den 337 Pfarreien Roms wach, noch seinen entschlossenen Gesichtsausdruck, als er die Jagd der Mafia auf das italienische Volk scharf verurteilte.

Die Unschärfe der Arbeit scheint der größte Verrat an diesem Mann zu sein. Johannes Paul II. war klar und direkt, niemals zweideutig. Ist das der Mann, der die Sixtinische Kapelle restaurieren ließ, um Schönheit in die Welt zurückzukehren zu lassen und das Beste, was Rom zu bieten hat, ist dieser verwirrende Bronze-Klumpen? Für eine Stadt, die Augustus mit der „Prima Porta“- Statue verewigte, wo Michelangelo uns Mose hinterließ und die Skulpturen Berninis zu sprechen scheinen, lassen die Bemühungen Oliviero Rainaldis die Frage aufkommen, wo die stolze Tradition der Kunst nun hingelangt ist.

Plötzlich scheint Papst Julius II., ein Kleinmanager der Künste, der über der Schulter Michelangelos Atem schöpfte oder Raphael überarbeitete, ein zutiefst ersehnter Patron zu werden.

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Hommage richtig gemacht

Zum Glück ist der selige Johannes Paul II. nicht überall in Rom so kurz abgefertigt worden. Als drei Wärter der Vatikanischen Museen sich vor kurzem zur Aufgabe machten, mich auf eine neue Ausstellung über den seligen Papst Johannes Paul II. im Flügel „Karl der Große“ auf dem Petersplatz hinzuweisen, rückte das auf die Nummer eins meiner Prioritätenliste.

Diese Wärter, 10-Jahres- Veteranen der Pracht der Vatikanischen Museen, hatten mir versprochen, dass diese Ausstellung eindrucksvoll, äußerst gut angeordnet und zutiefst bewegend sei. Sie haben mich nicht enttäuscht.

Kein Zweifel, dass diese Hommage richtig gemacht wurde. Die Ausstellung war klein – sie bestand nur aus ein paar Räumen, die das reich strukturierte Leben Johannes Pauls II. von 84 Jahren wiedergaben, gekrönt durch 26 Jahre des Papsttums und doch war jeder Raum, jeder Schritt mit Bedeutung gefüllt. Als Auszeichnung für einen Mann, der jedem Augenblick Bedeutung gab, war diese Ausstellung perfekt.

Der erste Raum führte uns in die Welt des Karol Wojtyla. Der runde Raum hatte die Farbe einer verblichenen Photographie, gefüllt mit Bildern von seiner Kindheit, Jugend und Familie. Eine von seiner Mutter bestickte Tischdecke und das Skapulier, das er als junger Mann trug, waren physische Beweise für den Glauben und die Familie des jungen Karol. Seine immer noch vertraute Stimme füllte den Raum, die von seiner Liebe zu seiner Heimat sprach.

Der folgende Abschnitt schien wie eine Zusammenfassung zu sein: Karol, der Schauspieler - mit seinem Theaterprogramm und Fotos von seinen Mitspielern; Karol, der Student - seine Bücher und Papiere; Karol, der Arbeiter mit Uniform und Holzschuhen, die er im Steinbruch trug, wo er gearbeitet hatte und schließlich Karol, der Seminarist.

Inspiriert durch St. Adam Chmielowski, einen Maler, der seine Pinsel aufgab, um den Armen zu dienen, gab der spätere Papst seine Schauspiel-Träume auf und trotzte dem Nazi-Regime durch die Vorbereitung auf den Dienst des Priestertums.

Von Pfarrer zum Bischof und zum Kardinal gingen die nächsten Abschnitte durch den „cursus honorum“ des polnischen Priesters. In den Vitrinen seine Bischofsroben, sein schwarzer Hut und seine Aktentasche, die den ständig kommen und gehenden Kirchenmann widerspiegelten. An dieser Stelle nahm man wahr, dass die Ausstellung auf einer Rampe schräg nach oben angeordnet war, so wie die Mission des späteren Papst steil nach oben ging.

Dann, ein Echo aus der Vergangenheit, das sich anfühlte, als ob es eben jetzt verlauten würde die Stimme von Johannes Paul II., der rief „Fürchtet euch nicht!“ Die Ausstellung katapultierte den Zuschauer in den Beginn seines Pontifikats mit dieser sanften, beruhigenden Stimme eines Mannes, der die Liebe Gottes kennt und bereit ist, sie der Welt zu übermitteln.

Das Drama darf in irgendeiner großen, römischen Veranstaltung nie fehlen und diese Ausstellung war keine Ausnahme. Die Art, wie die Organisatoren das Attentat auf Johannes Paul II. behandelten, ist einfach unvergesslich. Das hätten Sie sehen müssen!

Eine Wirbelwind-Abteilung über die Publikationen, apostolischen Reisen, Synoden, Heiligen und die unzähligen anderen Leistungen von Johannes Paul II. raubte dem Betrachter fast den Atem, bevor er den letzten Abschnitt mit dem einfachen Titel „Leiden“ betrat. Die Video-Clips von Johannes Paul II. während seiner letzten Jahre hielten alle, die vorbeigingen, im Bann, vor allem sein letzter Auftritt, als ein stimmloser Papst vergeblich versuchte, die Menschenmenge auf dem Petersplatz anzusprechen. Hier sind so viele Tränen geflossen, dass die Veranstalter vielleicht eine Box mit Taschentüchern hätten bereitstellen sollen.

Das berühmte Evangeliar, das auf dem Sarg Johannes Pauls II. lag, und dessen Seiten im Wind blätterten, schloss die Ausstellung. Der nächste Schritt führte die Besucher in das helle Licht der Vorhalle des Petersdoms, um die Kirche zu betreten und zu sehen, wie die große Reise Johannes Pauls II. im ewigen Leben im Himmel seinen Abschluss fand.

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*Elizabeth Lev lehrt christliche Kunst und Architektur am italienischen Duquesne Universitätscampus und am Katholischen Studienprogramm der St. Thomas Universität.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Englischen]