"Staudamm"

Fünf Jahre nach dem Massaker von Winnenden, befasst sich erstmals ein deutscher Film mit dem Amoklauf

Berlin, (textezumfilm) | 292 klicks

Der Mittzwanziger Roman (Friedrich Mücke) lebt etwas orientierungslos in München. Als Nebenjobb liest er einem überarbeiteten Staatsanwalt Akten als Tonbandaufnahmen ein. Aus seiner Lethargie wird Roman gerissen, als er die Protokolle eines vor einem Jahr in einer Kleinstadt verübten Amoklaufs einlesen soll. Weil einige Akten noch bei der örtlichen Polizei liegen, schickt ihn der Staatsanwalt dorthin. Roman lernt die Schülerin Laura (Liv Lisa Fries) kennen, die den Amoklauf überlebte und die es immer wieder an den Tatort zieht. Durch die sich entwickelnde zärtliche Lieben zwischen den beiden können Roman und Laura einen ersten Schritt in einen neuen Lebensabschnitt wagen.

Regisseur Thomas Sieben bietet in „Staudamm“ eine ungewöhnliche Sicht auf einen Amoklauf: Statt ihn auf der Leinwand abzubilden, erfährt der Zuschauer die eigentlichen Ereignisse lediglich aus den Akten und den Gesprächen mit einer Überlebenden, der Schülerin Laura. Einen Einblick in die Motivation des Amokläufers gibt darüber hinaus dessen Tagebuch. „Staudamm“ erhielt den Preis der Ökumenischen Jury beim Filmfestival Achtung Berlin sowie den Preis für den besten Jugendfilm beim Filmfestival Cottbus.

*** 

Interview mit Drehbuchautor und Regisseur Thomas Sieben

Beruht „Staudamm“ auf einer bestimmten Begebenheit oder auf mehreren Amokläufen?

Das Drehbuch setzt sich aus verschiedenen Rechercheergebnissen über den Erfurt-, den Winnenden- und den Columbine-Amoklauf zusammen. Viele Texte, die in „Staudamm“ vorkommen, sind ziemlich nah am Kommissionsbericht des Landes Thüringen. Dies war ja auch der Aufhänger für unseren Film: Es wird ein Bericht zu dem Amoklauf erstellt und die Akten müssen für einen Staatsanwalt eingelesen werden.

Im Gegensatz zu ähnlichen Filmen zeigen Sie nicht das Geschehen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Ereignisse über die Texte zu erzählen?

Der Film über einen Amoklauf ist „Elephant“ (Gus Van Sant, 2003, der sich auf den Amoklauf an der US-amerikanischen Columbine High School 1999 bezieht, A.d.R.). Er hat die Filmfestspiele in Cannes gewonnen und ist schwer zu toppen. Ich sah keinen Grund darin, ihn noch einmal zu machen. So sind wir bald zu dem Gedanken gekommen zu fragen: Was ist danach? Es gibt keinen bekannten Film darüber. Und hätten wir den Amoklauf gezeigt, wären die Bilder so grausam, dass die leisen Töne, die wir versuchen zu treffen, damit hätten konkurrieren müssen. Dadurch, dass wir den Amoklauf in Texte verwandeln, können wir uns ganz auf die Stimmung danach konzentrieren: Wie geht es den Überlebenden, dem Dorf? 

Bei der Hauptfigur Roman bleibt es lange in der Schwebe, ob es sich um einen Rechtsanwalt handelt. Haben Sie es bewusst so angelegt?

Gewollt ist auf jeden Fall, dass man sich konzentriert. Der Film verlangt Konzentration auf das Zuhören. Er ist sehr langsam, es passiert wenig, weshalb es der Zuschauer nicht leicht hat, hineinzukommen. Roman nimmt die Position des Zuschauers ein. Wie der Zuschauer weiß auch er, dass Amokläufe schlimm sind. Aber länger hat er noch nicht hingeschaut. Jetzt muss er aber hingucken. Als Regisseur sage ich dem Publikum: „Du darfst jetzt nicht wegschauen.“ So wie ein Buchautor eines tausend Seiten Buches seinem Leser sagt: „Wenn Du es lesen willst, musst Du Dir die Zeit dafür nehmen.“ Roman ist vor allem Identifikationsfigur für den Zuschauer, die eigentliche Hauptfigur der Geschichte ist die Schülerin Laura.

Laura hat diese Situation erlebt und ist verhältnismäßig normal geblieben. Wie haben Sie sie entwickelt?

Ich habe mir etliche Dokumentationen, etwa über Winnenden und Michael Moores „Bowling for Columbine“ angeschaut. Wir haben mit in der Trauerarbeit tätigen Psychiatern gesprochen. Es ist ein Klischee zu denken, dass die Überlebenden nur weinen oder sich schwarz kleiden. Der Mensch funktioniert immer weiter. Ich bin deshalb dankbar, denn sonst wäre diese Figur sehr langweilig gewesen. Ich finde es wichtig, dass sie solche Energie hat und Roman und auch den Zuschauer mitreißt. 

Bei „Staudamm“ handelt es sich um ein Zweipersonen-Stück. Wie haben Sie die Spannung gehalten?

Ich hoffe, dies ist mir gelungen. Aber ich glaube, dass es ein Dreipersonen-Stück ist, weil der Amokläufer im Hintergrund präsent ist. Was dramaturgisch eine Rolle spielt: Zunächst sagt Laura, dass sie ihn kaum kannte, dann gibt sie zu, dass sie ihn gut kannte, um schließlich zu erklären, dass er in sie verliebt war. Darunter liegt ein kleiner Spannungsbogen. Aber ja, es kommen wenig Menschen in dem Film vor. Dies liegt auch daran, dass es in der Art Geisterstadt stattfindet, was voll beabsichtigt ist.

Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, im Allgäu zu drehen?

Diese Amokläufe passieren meistens in der Provinz, zumindest in Deutschland. In den USA oder Kanada ist es etwas anderes. Winnenden oder auch Erfurt sind Beispiele dafür, dass die Amokläufer aus gutsituierten Familien kommen. Im Allgäu, wo alle Geld haben, wo eine konservative Wertegemeinschaft besteht, wo jeder jeden kennt, ist dies sowohl ein realistisches Szenario als auch eine starkes Bild: dass jemand hier, wo man doch eigentlich alles hat, so eine Tat begeht. 

Versteht der Zuschauer nach dem Film etwas mehr davon oder steht er weiterhin ratlos demgegenüber?

Darauf habe ich keine Antwort. Dem Film geht es darum zu sagen, dass es kompliziert ist, dass der Auslöser nicht einfach Videospiele oder Heavy Metal sind. Ganz wichtig ist es, dem Tagebuch des Täters zu folgen, auch wenn dies einige kritisieren. Ich glaube, man muss ihm so nah wie möglich kommen. Ich will Amokläufer nicht in Schutz nehmen. Aber wenn wir wie Roman am Anfang urteilen: „Sie sind krank“, kommen wir nicht weiter. Selbst wenn sie psychische Störungen haben, kann man fragen: Warum wurde es nicht erkannt? Die Warnsignale kann man nur hören, wenn man ihnen zuhört. Eine wichtige Aussage im Film lautet: „Es war kein Amoklauf, es war geplant.“ Das Wort „Amoklauf“ schützt schon vor Erklärungen. Sie leben in einer Fantasiewelt, in der sie alles ausleben, was sie im Leben nicht sind. In Erfurt hat der Täter monatelang die Menschen in seiner Umgebung angelogen. Er sagte, er ginge zur Schule; dabei war er schon von der Schule geflogen. Er hat sich immer weiter in ein Lügenkonstrukt hineingesteigert, bis es zusammengebrochen ist. Wie ist er dazu gekommen, sich so zu verhalten? Das finden wir nur heraus, wenn wir ganz genau hinschauen.

Wie kann in diesem Zusammenhang Prävention aussehen?

Ich bin Filmemacher. Meine Meinung darüber ist deshalb begrenzt. Was nicht hilft, ist Militarisierung der Schule. Wer Menschen wehtun möchte, wird es weiterhin tun. Dies ist Terrorismus im Kleinen. Ich glaube, Prävention ist da anzusetzen, dass zugehört wird. Die Gesellschaft hat sich atomisiert, die Menschen interessieren sich nicht für die anderen. Da kann jemand so etwas vorbereiten. Was da hilft, ist Kommunikation und Dialog. Eine weitere Frage wäre: Warum passiert es so oft in Deutschland und nicht in Italien oder Frankreich? Ist die deutsche Gesellschaft zu wettbewerbsorientiert? Der gesellschaftliche Druck wird zurzeit stärker wegen der Wirtschaftskrise und der Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche. Aber auch die Pubertät ist eine schwierige Phase. Da brauchen die Kinder Aufmerksamkeit, Zuwendung, Vorbilder. Wichtig sind stabile Verhältnisse in der Familie, im Freundeskreis, aber auch in der Gesellschaft. Und davon sind wir leider oft weit entfernt. 

*

Filmische Qualität: Vier Sterne
Regie: Thomas Sieben
Darsteller: Friedrich Mücke, Liv Lisa Fries, Dominic Raacke, Arnd Schimkat, Lucy Wirth
Land, Jahr: Deutschland 2013
Laufzeit: 88 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 1/2014 

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.